🌸|brainstorming
Brainstorming, das
(Marketing; Werbung)
Verfahren, durch Sammeln von spontanen Einfällen
[der Mitglieder einer Gruppe] die [beste] Lösung für ein Problem zu finden
•••
„Was ist das?", fragte Chanyeol irritiert, als ein Stück Schokoladen-Mokka-Torte vor seinem Kaffee Platz fand. Meinen Kakao und das Portemonnaie auf einem Arm balancierend, antwortete ich ihm: „Ich dachte, du könntest vielleicht ein wenig Nervennahrung gebrauchen."
Seine Augen wurden wieder ganz groß, während sie zwischen dem cremigen Kuchenstück und meinem Gesicht hin- und herschauten. Sein Mund war einen Spalt breit offen, als ich nur lachte: „Nimm' es einfach an, du Idiot."
„Dankeschön.", murmelte er und senkte den Blick vielsagend, ehe seine Finger nach der weißen Keramiktasse griffen, „ich denke, das kann ich tatsächlich sehr gut gebrauchen.", grinste er verlegen.
Ich nickte: „Ich kenne das. Manchmal braucht es ein wenig Zucker, um den Körper überhaupt wachrütteln zu können. Nervig sowas." Chanyeol nickte stumm.
Vergleichsweise elegant ließ ich mich ebenfalls auf meinem Holzstuhl nieder.
Wir waren tatsächlich in das kleine, gemütliche Studentencafé von nebenan gegangen. Ich liebte die Atmosphäre, die es versprühte. Das ganze Café roch nach frisch gerösteten Kaffeebohnen, dessen Tank offensichtlich und stilvoll in Glasröhren an einer sonst leeren Wand präsentiert wurde. Bestellte man eine bestimmte Sorte wurden diese, mit leisem Klackern und Klicken über eine andere Deckenröhre direkt in die mahlende Kaffeemaschine geliefert.
Das nannte sich dann wohl neuste Technik.
An das dunkle Braun der Bohnen angepasst, bestanden die meisten Theken, Stühle und Tische aus robustem, dunklem Holz, welches zugleich heimisch und edel aussah. Eine intelligente Kombination auf jeden Fall.
Lia, die nach wie vor Interior-Design studierte, hatte mich einmal in dieses unglaublich atmosphärische Café gebracht, da sie der Meinung war, ich solle wenigstens die Geheimtipps in der Nähe meiner zukünftigen Universität kennen. Lachend hatte ich zugestimmt und nur wenige Minuten später war es mir wie von den Lippen gewischt als mich der Duft und die Szenerie unweigerlich einlullten. Ich mochte es wirklich sehr gern.
Ein weiterer ihrer unzähligen Pluspunkte an diesem Einrichtungsstil waren die Pflanzen, welche sich breit gefächert, hoheitlich und großblättrig durch den ganzen Raum erstreckten.
Es war wirklich unglaublich schön.
Ich räusperte mich, während ich meine gefrosteten Fingerkuppen an der warmen Tasse wärmte: „Sieh' es außerdem als ein Dankeschön dafür, dass du mich an meinem ersten Tag nicht wie ein Trottel stehenlassen- und mich trotz meiner unausstehlichen Art zur Universität gebracht hast. Ohne dich wäre ich wirklich aufgeschmissen gewesen."
Das war etwas gewesen, was mir schon seit einer Weile auf dem Herzen gelegen hatte.
Chanyeol war so nett und hilfsbereit- und ich war unmöglich zu ihm gewesen.
Es war höchste Zeit sich zu revanchieren.
Er grinste breit: „Dafür doch nicht, Rotkäppchen. Ich habe mich nur in dir wiedererkannt und daran gedacht, dass es wohl besser gewesen wäre, hätte mir jemand unter die Arme gegriffen. Ich denke, das war einfach Mitleid."
Ich schmunzelte. Mitleid traf es bestimmt ganz gut. Kurz überlegte ich, wie sich wohl Chanyeol an seinem ersten Tag in der Universität geschlagen hatte, verwarf den Gedanken allerdings wieder. Bestimmt war er nicht so hoffnungslos wie ich gewesen. Das musste man wahrscheinlich erst mal schaffen. Den erneuten Spitznamen dachte ich mir einfach gekonnt weg.
Nachdenklich plusterte er die Wangen auf. Sein Ebenbild spiegelte sich milchig und verzerrt an der riesigen Fensterfront des Eingangs wider: „Außerdem warst du gar nicht so unerträglich, soweit ich mich erinnere."
Amüsiert lachte ich beinahe erstickt auf: „Oh, doch. Glaub' mir. Ich bin wirklich mit dem falschen Fuß aufgestanden.", ein kurzer Schauer lief über meinen Rücken, als ich an den chaotischen Morgen zurückdachte. Verlegen kratzte ich mich am Hinterkopf: „Gut, vielleicht auch mit dem falschen Körper..."
Chanyeol lachte laut auf, als er mit der Gabel in das Tortenstück stach. Langsam und unglaublich appetitlich sank die feste Creme nieder, als das Gewicht des luftigen Biskuits sie zu erdrücken drohte. Ich persönlich musste zugeben, dass das Café, ganz im Gegensatz zu dem, was die Einrichtung versprach nicht wirklich erwähnenswert gute Getränke zu bieten hatte; es war ein simples Studentencafé, was sollte man schon erwarten, aber die Kuchen waren in der Regel wirklich grandios.
Seine Augen sprachen für sich, als sie sich bei dem ersten Bissen überrascht weiteten: „Das ist gut!", rief er fasziniert aus, „die Sorte habe ich noch nie probiert."
Ich grinste: „Das freut mich sehr. Eine Bereicherung am Morgen-"
„Wehe du sagst jetzt vertreibt Kummer und Sorgen."
Ich schwieg ergeben auf seinen Kommentar hin.
Er lachte herzlich. Ich begann ebenfalls zu grinsen. Man fühlte sich in seiner Anwesenheit wirklich sehr wohl.
Schnell und unbemerkt leckte er sich mit seiner Zunge einen kleinen Rest Sahne vom Mundwinkel, ehe er begann zu Grinsen: "Normalerweise hab' ich immer nur den Erdbeerkuchen hier gegessen. Kennst du den? Der ist auch empfehlenswert."
Ich schüttelte schmunzelnd den Mund: "Ich bin allergisch gegen Erdbeeren."
Seine Augen wurden wieder ganz groß: "Oh. Das tut mir leid. Also mein' du kannst ja nichts dafür, aber ich persönlich kann mir kaum vorstellen ohne Erdbeeren zu leben."
Ich lachte: "So schlimm, ja? Aber alles gut", ein leises Seufzen überkam meine Lippen, "Mir tut's auch leid für mich. Da wo ich aufgewachsen bin gab's ein Erdbeerfeld. Nur fünfzehn Minuten Fußweg entfernt. Aber irgendwie muss man ja auch erstmal herausfinden, dass man allergisch ist, nicht?"
Chanyeol nickte langsam: "Das stimmt wohl."
Er nahm einen weiteren Bissen Kuchen und ich nahm einen Schluck Kakao.
"Wo bist du denn aufgewachsen?", fragte Chanyeol, nachdem er heruntergeschluckt hatte, "Hier in Seoul gibt's nicht so viele Erdbeerfelder.", lachte er.
Ich grinste, während ich gedankenverloren in meiner Tasse rührte.
"Goesan-Gun. Ein kleines Dorf südlich von Seoul. Nicht erwähnenswert."
Erneutes Nicken von Chanyeol.
"Verstehe."
"Und du bist ein Seoul-Kind?", fragte ich schalkend und legte den Teelöffel wieder beiseite, nachdem ich den Schaum abgeleckt hatte.
Grübchen bohrten sich in seine Wangen.
"Durch und durch."
Der Smalltalk ging erstaunlich gut von der Hand und noch bevor der Kuchen aufgegessen- oder Tassen ausgetrunken waren, lernten wir mehr und mehr über den anderen kennen.
Chanyeol war Fan von Stan Lee und Tarantino, wodurch wir in eine Diskussion darüber gerieten, ob Once Upon A Time In Hollywood seinen vorigen Werken gerecht wurde oder nicht.
Wie er mir erzählte, hatte er schon immer Begeisterung daran gehabt, die Geschichten in seinem Kopf auf Papier zu bringen und so war er dazu gekommen, seit einem Jahr auf seinen Bachelor im Studiengang Drehbuch / Dramaturgie hinzuarbeiten.
Ich kam nicht umhin das Glitzern in seinen Augen zu sehen, wenn er darüber redete.
Ich hörte ihm gern zu.
Es war faszinierend und wirklich, wirklich schön zu sehen, wie er auf einmal in einer ganz anderen Welt eingetaucht zu sein schien.
Es wirkte beinahe magisch.
„Also dann!", zückte ich meinen Kugelschreiber und schlug mein zugegebenermaßen schon mitgekommenes Notizbuch auf. Obwohl der Einband schon teils zerfleddert war und sich die Ränder meiner Seiten bogen, ging ich immer noch meinem Ziel nach, das Buch irgendwann komplett zu füllen.
Dann könnte ich, so wie Opa es immer getan hatte, irgendwann meine Memoiren auskramen und zeigen, was mir damals so im Kopf herumspukte.
Nachdem Chanyeols Augen für einige Sekunden auf meinem Heft geklebt hatten, räusperte er sich, stellte den, mittlerweile kalt gewordenen, Kaffee wieder auf die Untertasse und nickte fokussiert, ehe er tief in seinen Rucksack griff.
„Ein Kontinuitätsfilm", begann ich, während ich meinen Stift elegant zwischen meinen Fingern drehte, „nur Schnitte innerhalb der Kamera, kein Schnittprogramm selbst und auch sonst nichts, was im Nachhinein mit Bearbeitung zutun haben könnte."
Zur Bestätigung nickte Chanyeol, während sich aus seiner großen Hand drei lose Kugelschreiber über den Tisch ergossen: „Zeit ca. eine Minute. Thema ‚mit offenen Karten spielen'", ergänzte er murmelnd.
„Solange wir das offene Kartenspiel nicht wortwörtlich nehmen sind wir fein raus.", kaute ich nachdenklich auf meiner Unterlippe herum.
Mein Gegenüber lachte laut auf: „Nein, bitte nicht! Wir gehen, wenn dann, schon in die Essenz."
„Good answer. Like The way you think.", imitierte ich die Stimme Thornton Melons in Back To School. Als ich merkte, dass Chanyeol nicht darauf anzuspringen schien, räusperte ich mich, ehe ich kurz den Kopf schüttelte, „Dann...lass uns einfach ein Mindmap machen, in dem jeder aufschreibt, was einem zu dem Thema einfällt?"
Anbietend glättete ich die Doppelseite meines Buches und legte es mitsamt meiner Federtasche in die Mitte des Holztisches. Chanyeol beobachtete mich einen Moment lang, ehe er nickte: „Ja, das ist eine gute Idee."
Enthusiastisches Klicken von unseren Kugelschreibern.
‚Ehrlichkeit', schrieb ich als erstes auf. Was war passiert, als ich wirklich ehrlich gewesen war? Zu meinen Eltern? Zu ‚sich selbst' ergänzte ich in einem separaten Stichpunkt. War ich ehrlich zu mir selbst, so hatte ich mich das erste Mal frei gefühlt. Wirklich unabhängig von Zwängen, die mir zuvor aufgedrückt worden waren. Ich schmunzelte, als ich sah, wie Chanyeol ebenfalls Befreien/Loslassen/abschließen aufschrieb. ‚Freiheit' schrieb ich ebenfalls dazu. Chanyeols Mundwinkel zuckten.
Ich hatte mich gestritten, gefühlt, als wäre ich erstickt, hätte ich so weitergemacht, wie zuvor.
Zwang
Eingrenzen
Streit
Lange Lügen offenbaren
Neuanfang
Überwindung, ergänzte Chanyeol.j
Wenige Minuten später war meine Heftseite ein Schlachtfeld aus schwarzer und blauer Kugelschreibertinte, die gekrakelte Worte formte.
Kurzerhand markierte ich überlappende Wörter und beschloss diese als mehrwertig zu betrachten, da sich unsere Ansicht zu dem Thema überschnitt.
„Freiheit, Offenbarung, Befreien, Neuanfang.", las Chanyeol langsam vor, ehe sich eine steile Falte auf seiner Stirn bildete. Wir waren beide so versunken in unsere Ideensammlung, dass die anderen Gäste womöglich dachten, wir befänden uns in höchstseriöser Situation, so sehr lehnten wir uns über unser Dokument und den kleinen Tisch.
Unzufrieden blies mein Gegenüber die Wangen auf: „Das wird echt schwer alles unter einen Hut zu bekommen, bei einer Minute."
Ich stimmte ihm summend zu.
„Es könnte sich als schwierig gestalten, ja. Aber-"
„Sag niemals nie.", formten wir beide unseren Keim des Gedankens synchron zu Ende.
James Bond wäre sicherlich stolz auf uns. Unser vielsagendes Grinsen, welches wir uns zuwarfen, sprach Bände für sich.
Die Tür klingelte als ein neuer Gast eintrat.
Die Kaffeebohnen klickten und klackten.
"Hast du schon eine Grundidee?", fragte ich hoffnungsvoll.
Chanyeol schüttelte den Kopf und rieb sich mit seinem Daumen nachdenklich am Kinn.
"Nicht so richtig. Ich hab' ein Gefühl, aber irgendwie kommt es mir so vor, als würde ich das, auf dass es ankommt, nicht sehen. Ich seh' den Wald vor lauter Bäumen nicht."
Ich nickte verständnisvoll.
"Wie wär's, wenn wir uns einen Weg durch Bäume bahnen und uns die markieren, die wichtig vorkommen?", schlug ich vor und griff so die Metapher auf, die Chanyeol erst ausgesprochen hatte.
Kurz blickte er mich verwirrt an, als müsse er verstehen, was ich meinte, dann nickte er langsam.
"Ich übergebe dir die Führung, Baekhyun:"
Ich schmunzelte über die Metapherkonstante, bevor ich einen Blick auf unser Mindmap warf.
"Ich denke Befreien und Freiheit, kann man ungefähr zusammentun, wenn man will."
Zustimmendes Nicken.
Eine blaue, sorgfältige Kugelschreiberklammer, die beide Begriffe verband.
Interessiert lehnte ich mich weiter vor und stützte meine Ellbogen auf der Tischplatte ab.
"Woran denkst du, wenn du an Freiheit denkst, Chanyeol?"
Seine Augen wurden groß. Ohne weiter zu zögern sagte er: "Vögel."
Ich prustete los: "Vögel?"
Er nickte schnell: "Naja, sie können fliegen. Sie gleiten durch die Luft mit ihren eigenen Flügeln. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das befreiend anfühlt. Ist das so absurd?"
Jetzt war ich an der Reihe schnell den Kopf zu schütteln: "Nein, absolut nicht! Sorry, dass ich lache, es ist nur...ich hab' es nicht erwartet."
"Ist schon gut.", lachte Chanyeol leise, dann räusperte er sich.
"Woran denkst du denn?"
Kirschblütenbäume, Jura und Anzüge hinter sich zu lassen.
"Sich von etwas losreißen.", sagte ich nach einer Weile wahrheitsgemäß. Mein Lächeln war schmallippig. Ich lachte leise an der Wahrheit vorbei, "Symbolisch vielleicht von Fesseln. Bewusst von", ich schluckte, "...Beziehungen."
"Beziehungen?", fragte Chanyeol erneut nach.
In seinem Blick lag etwas, was ich schwer deuten konnte.
War er überrumpelt?
Wenn er es war, dann zurecht.
Ich war selbst von meiner Ehrlichkeit überrascht gewesen.
"Beziehungen.", ich nickte mit einem kleinen Lächeln.
Chanyeol fragte nicht weiter nach.
Kurz darauf fanden wir uns in einer zweiten Runde von einer Ideenfindung wieder.
Als gäben wir unserer Idee erste Wurzeln, schrieben wir an die Grundideen weitere, kleinere, persönliche Synonyme.
Offenbarung brachte 'Offenlegen der Gefühle' und 'Überraschend', bei dem Wort Neuanfang schrieb ich erst 'Risiko' und 'Entschlossenheit' hin, bevor Chanyeol nach kurzem Zögern 'Mut' ergänzte.
"Neuanfänge können einem Türen öffnen.", überlegte ich laut.
Chanyeol nickte stumm und ergänzte auch das.
Er hatte die letzten Minuten kaum mehr vom Mindmap aufgeblickt, jedes einzelne Wort betrachtet und nachgedacht.
Ich konnte förmlich sehen, wie er versuchte ein Netz zwischen den Begriffen zu spinnen.
Bislang ohne Erfolg.
"Es liegt mir auf der Zunge.", murmelte er abwesend und stierte nur weiter auf die Seite.
Kurz befeuchtete er seine Lippen.
"Lass' dir Zeit.", erwiderte ich, "Es ist schließlich der erste Tag und theoretisch haben wir noch Zwei Wochen."
Was nicht hieß, dass es von Nachteil sein könnte, heute schon eine Grundidee aufzubauen.
Erneutes Klacken und Klicken der Kaffeebohnen.
Als hätte Chanyeol meine Gedanken gelesen, sagte er nur knapp: "Theoretisch."
Ich grinste.
Die Glastür klingelte erneut, als ein Mann in Lederjacke eintrat und sich an der Schlange anstellte, die von der Kassentheke ausging.
Es schien wohl Stoßzeit zu sein.
Verwirrt runzelte ich die Stirn, als ich bemerkte, wie Chanyeol den Blick von den Heftseiten abgewandt hatte und stattdessen den Mann mit seinem Blick verfolgte.
Kannte er den Typen?
Seine Augen wurden groß - gerade, als die Café-Tür wieder in's Schloss gefallen war.
"Ich hab's!", rief er aus, als sich ein triumphierendes Lächeln auf seine Lippen schlich.
Amüsiert hob ich eine Augenbraue an: "Woher du den Lederjacken-Typen kennst? Glückwunsch, hast ihn ja offensichtlich lang genug angestarrt."
Chanyeols Augen wurden noch größer; das Lächeln auch als er begann abwehrend mit seinen Händen zu fuchteln.
"Nein!", entschlossen stützte er seine Ellbogen auf dem Tisch ab und lehnte sich weiter vor, "Baekhyun, ich hab' die Lösung!"
Ich lachte leise auf, ehe ich mich ebenfalls vorlehnte: "Ach, ja?", ich grinste, "Na dann lass' mal hören."
Chanyeol nickte ernst, räusperte sich.
Seine Augen glänzten.
"Nicht nur ‚Türen öffnen', sondern Tüüüren ÖFFnen."
Er untermalte seine Aussage mit einem großen Kreis, den er in die Luft malte.
Ich musste mich zusammenreißen, nicht loszuprusten.
Diese Aussage passte nicht zu der Ernsthaftigkeit, die er an den Tag gelegt hatte.
Oder zumindest nicht in der Formulierung.
"...Was?", schmunzelte ich amüsiert, was Chanyeol nicht zu bemerken schien.
"Naja.", sagte er und legte mein Notizbuch, dass zuvor auf seiner Seite gelegen hatte, wieder in die Mitte zurück.
Er schien Feuer und Flamme zu sein.
Ich liebte es.
Sein Lächeln wurde plötzlich kleiner. Kurz lachte er auf, als habe er plötzlich bemerkt, dass etwas ganz lustig war, dann verwandelte sich das Lächeln in ein kleines, unsicheres Schmunzeln.
"Ich weiß wir haben gesagt, wir nehmen nichts plump und wortwörtlich, aber was wäre theoretisch, wenn", er setzte einen Kreis mit meinem Marker um die Wörter 'Türen öffnen', "wir den Film damit beginnen, wie eine Tür geöffnet wird?"
"Und dort offenbart sich dann was?", ergänzte ich. Jetzt wurde es interessant.
Das war mein liebster Teil an der Projektplanung. Wenn man merkte, wie aus einem eingepflanzten Samen von einer kleinen Idee etwas Größeres heranwuchs.
Ein Projekt.
Verflochten wie Wurzeln.
Ein Funken von Chanyeol war auf mich übergesprungen.
Ich verstand langsam, was er wollte.
Er nickte. Sein Schmunzeln, dass davor vorsichtig und unsicher an seinen Lippen gehangen hatte, wurde wieder zu einem selbstsicheren Grinsen.
Seine Augen strahlten.
"Aber nicht was sondern jemand."
"Jemand?"
"Jemand."
Ich stutzte und warf einen erneuten Blick auf das Mindmap.
"Offenlegen der Gefühle?", riet ich.
"Ganz genau."
Ich konnte in Chanyeols Mimik förmlich ablesen, wie sehr er sich freute, dass ich seinem Plan folgen konnte. Stolz.
Ich erwiderte das Grinsen.
"Fahre fort, Kollege, ich merke, du hast mehr auf dem Herzen. Ich hänge an deinen Lippen."
Chanyeol lachte über meine Formulierung, kratzte sich verlegen am rechten Ohr und nahm einen Schluck kalten Kaffee, ehe er darüber leicht das Gesicht verzog.
Er stellte die Tasse wieder zurück.
"Jedenfalls hab' ich vielleicht noch nen' Weg gefunden, wie wir zwei weitere Wörter einbringen können."
Sein Blick war fragend, als er beinahe ertappt zu mir aufblickte.
Als wüsste er nicht, ob er weitersprechen dürfte.
Ich lehnte mich interessiert weiter vor und nickte.
Kurz fuhr sich Chanyeol mit seiner Hand durch sein ungebändigtes Haar, ehe er weitersprach, "Wie wäre es also, wenn wir...:", er setzte die orangene Markerspitze zögernd bei dem Wort 'fesselnd' an und zog eine Linie zu dem Wort 'Beziehung', "versuchen festzuhalten, wie eine Person sich von den Fesseln einer Beziehung löst?"
"Liebesbeziehung?", fragte ich und hob eine Augenbraue an.
Chanyeol nickte: "Das meintest du doch vorhin oder nicht?"
Nein. Das hatte ich nicht.
Mein Lächeln wog schwerer als davor: "Ja, doch, genau das meinte ich."
Je mehr ich darüber nachdachte, passte es mindestens genau so gut.
Nun hob Chanyeol eine Augenbraue. Ich einen Mundwinkel, um ihm zu signalisieren, dass er fortfahren sollte.
Er räusperte sich und drehte den Stift in seiner Hand.
"Und um den Freiheitsaspekt noch weiter auszubauen, könnten wir vielleicht zu mir auf's Dach gehen und die Sequenz drehen. Wegen Höhe und Luft und so."
"Du hast Zugang zu deinem Dach?", fragte ich überrascht.
Chanyeol nickte: "Ist wie eine Dachterrasse. Hat 'ne schöne Aussicht.", wesentlich leiser fügte er an: "Ist auch gut, um in die Sterne zu schauen."
Ich lächelte ehrlich. Es war wieder leichter.
"Das klingt echt schön."
Ein schalkendes Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus: "Außerdem hätten wir damit auch deine Vögel eingebracht."
"Halt die Klappe.", schmunzelte Chanyeol. Es sah beinahe verlegen aus.
Kurze Stille trat ein, was im Gegensatz zu der Ideenfontäne davor wirklich ungewohnt war.
Langsam legte Chanyeol den orangenen Marker wieder in meine Federtasche zurück und ließ seinen Blick erneut über die geschriebenen Worte gleiten.
Vorsichtig legte ich meine Finger auf den Rand meines Notizbuches, in der Angst ich könne den zarten Sprössling der Idee mit einer größeren Bewegung herausreißen.
"Darf ich?", fragte ich leise.
Chanyeol nickte bedächtig.
Langsam zog ich das Buch mit der beschriebenen Seite mehr in mein Blickfeld.
Es war nun nicht mehr blau und schwarz, sondern auch orange.
Ich liebte es.
"Das ist gut...", murmelte ich fasziniert, als ich auf die Linien und Kreise schaute, die Chanyeol quer über unser Mindmap gemalt hatte. Ich nickte langsam: "Wirklich gut."
Ein Grinsen begann in seinem Gesicht von Ohr zu Ohr zu wachsen und ich konnte in seinen Augen sehen, wie stolz er auf die Idee war.
Die Idee war fantastisch.
Ich grinste, als ich auch das Wort 'Vögel' umkreiste. In Gelb statt orange.
Chanyeol lachte herzlich auf.
Seine Wangen waren ganz rot geworden.
"Das heißt, wir haben eine Subjektive, die jemand von uns filmen wird?", fragte ich und tippte mit der Spitze meines Stiftes auf 'Türen öffnen'. Chanyeol nickte bedächtig. Ich nickte ebenfalls.
"Okay, daraus ergibt sich, dass einer von uns vor der Kamera- und der andere hinter der Kamera hantieren wird.", kurz richtete ich mich auf und streckte meinen Rücken. Er knackte leise,
Chanyeol verzog das Gesicht – ich winkte ab.
"Vor der Kamera will sich von den Fesseln der Beziehung lösen und hinter der Kamera will-"
"Versuchen das zu verhindern?", ergänzte Chanyeol leise.
Dieser fragende Blick.
Zustimmend nickte ich: "Wenn wir die Offenbarung der Gefühle wirklich komplett mit der Person vor der Kamera abdecken wollen, dann wird das wahrscheinlich hauptsächlich in der Mimik zu sehen sein.
Typisch Nahe, denke ich.", nachdenklich tippte ich den Stift an meine Lippen, "Dann sollte man wahrscheinlich die Entschlossenheit und Erleichterung sehen. Rohe Emotionen, die dem Zuschauer deutlich werden."
"Und der Person aus der Subjektiven.", murmelte Chanyeol.
"Richtig..."
Er griff erneut nach dem orangenen Marker und unterstrich das Wort 'Entschlossenheit'.
Bilder begannen sich in meinem Kopf zu formen.
Schritte auf Treppen.
Das Öffnen einer schweren Eisentür.
Das Geräusch von Wind und das Bild einer Person. Mit dem Rücken der Kamera zugewandt.
Die Kleidung locker, sodass sie sich im Wind mitbewegt. Ein stilles Bild mit Bewegung im Zentrum.
Schnitt auf die Nahe, in der sich die Person umdreht.
Ein zittriges Lächeln auf den Lippen.
Ein entschlossenes Kopfschütteln.
Emotionen.
Und all das in...
"Was hältst du von Schwarz-Weiß?", fragte ich Chanyeol, der mich die ganze Zeit angesehen hatte, "Entnimmt einem die Möglichkeit, dass die Farben der Emotion was wegnehmen. Blanke Emotionen und Geräusche."
Ich hatte eine Filmkamera von meinem Opa, die noch eine Pausenfunktion während des Filmens besaß.
Ich hatte den Schwarz-Weiß-Filter seit ich sie geschenkt bekommen hatte, nicht einmal gewechselt.
Sie war eine meiner Lieblingskameras von ihm gewesen.
Chanyeol überlegte kurz: "Find' ich gut.", sagte er schließlich, "Hat auch irgendwie was melancholisches an sich."
"Win-Win-Situation.", schmunzelte ich.
"Jetzt stellt sich nur noch eine Frage", pustete ich mir eine lästige Strähne aus der Stirn, "Wer willst du sein? Vor- oder hinter der Kamera?"
Chanyeols Augen wurden groß. Er lachte auf: "Du lässt mir die Wahl."
Ich nickte: "Mhm."
Kurzerhand nahm ich meinen pinken Marker in die eine Hand und den blauen in die andere.
"Wähle weise."
Chanyeol verzog erneut das Gesicht.
"Hast du gerade wirklich versucht ein 'Matrix' und 'Indiana Jones'-Crossover in die Welt zu setzen?"
Ich grinste breit über seine Reaktion: "Wer sagt ich hab's versucht? Ich find, ich bin recht erfolgreich. Übt doppelt Druck aus oder?"
"Nein.", schüttelte Chanyeol lachend den Kopf.
"Ach komm' schon!", lachte ich ebenfalls auf und streckte ihm meine Handflächen mit Stift hin.
Erneutes Kopfschütteln: "Du spinnst Baekhyun, weißt du das?", Chanyeols Augen glitzerten, als sich seine Hand auf den blauen Marker zu bewegte, "Und ich dachte du bist kein Fan von modernen Inszenierungen."
Ich zuckte meine Schultern: "Bin ich auch nicht wirklich. Aber es gibt Ausnahmen. Und neben Little Women von Greta Gerwig ist diese Idee bestimmt eine davon!"
Chanyeol schmunzelte: "Verstehe."
Ich konnte sehen, wie er nicht verstand, was ich meinte.
Aber das war okay.
Ich wusste es selbst nicht wirklich besser.
"Was bedeutet blau jetzt?", fragte Chanyeol als er auch begann den blauen Marker in seiner Hand zu drehen.
Ich schmunzelte: "Dass du es dir aussuchen kannst. Bei rosa hätte ich entschieden."
"Verstehe.", wiederholte sich Chanyeol, obwohl ich immer noch dieselbe Verwirrung in seinen dunklen Irden sah.
Durch das Licht paarten sie sich perfekt mit dem Ebenholz des Tisches.
"Hast du irgendwelche Präferenzen, Baekhyun?"
Ich schüttelte den Kopf: "Mir ist beides absolut gleich Recht. Ich kann eine Kamera führen, aber ich kann auch vor der Kamera stehen, wenn ich soll."
Chanyeol blies die Wangen auf, warf einen Blick auf den blauen Stift, dann auf den pinken, der immer noch in meiner Hand lag.
"Magst du vor der Kamera sein?", fragte er schließlich.
Zerknirscht fügte er ein, "Ich bin ein miserabler Schauspieler.", an.
"Das glaube ich nicht.", grinste ich, ehe ich nickte, "Aber gut, dann bin ich der Vogel, der sich von den Fesseln der Beziehung losreißt."
"Das klingt wirklich schrecklich, Baekhyun."
Ich zwinkerte ihm zu und lachte.
"Also ich finde es klingt poetisch."
"Die Poesie, die du liest, will ich lieber nicht lesen."
Ich lachte laut, was sich mit dem Klicken und Klacken der Kaffeebohnen vermischte.
•••
Soo, das ist das letzte Kapitel, dass vor Deadline-Stress entstanden ist, so please bare with me xDxD
Das Brainstorm-Kapitel war für Snow, sowie für mich ein ganzer Haufen Arbeit - ein Brainstorming interessant darzustellen kann echt schwer sein xD das ist so...theoretisch und trocken ^^'
Wie als hätte man in einer Filmszene zu viel Dialog und zu wenig Bewegung im Bild.
Ich hoffe, ich hab es trotzdem irgendwie interessant gemacht und ihr hattet Spaß beim Lesen ^^
übrigens!
Montag kommt ein Extra-Upload von uns beiden - quasi ein Osterspecial ^^
Ansonsten hoffe ich, ihr habt einen fantastischen Tag und bleibt gesund! <3<3
-moon
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top