** Chapter 2 **
Adriana Low
Ich kam nicht von ab. Mehrfach erwischte ich mich dabei, wie meine Augen über Rana huschten und nach Anzeichen suchten. Sie schien aber zu sehr mit dem dekorieren und auspacken beschäftigt zu sein, dass sie meine fast schon lächerlich sehnsüchtige Blicke zu übersehen schien. Gerade so konnte ich meinen Blick noch schnell genug abwenden, bevor Rana von der Hilfsleiter kletterte und auf mich zu kam. Ich ließ die Klinge des Cutter Messer ausfahren und stellte mich dabei so ungeschickt an, sodass sich die ebenfalls sehr scharfe Rückseite des Messerblattes mir tief in den Finger schnitt.
Sofort war Rana da und drehte meine Hand soweit, damit sie die Wunde - mit einem äußerst fachmännischen Ausdruck - untersuchen konnte. Ihre Analyse schien wohl zu ergeben, dass es wohl nach dem Passus "Vorsicht ist besser als Nachsicht" ging. Ohne das ich auch nur ein Widerwort geben konnte, schliff sie mich bereits ins Badezimmer und kramte in kleinen Ersthelfer Boxen herum. Daraus entnahm sie einen Wundspray und ein Pflaster.
"Das wäre jetzt echt nicht nötig gewesen", warf ich ein, sah Rana's wunderschöne Profil. Ihre feine Nase, auf der seit neuerem eine Brille saß. Das Modell nannte sich Pilotenbrille, recht modern und hielt sich offensichtlich über Jahrzehnte. Die Geschichte der Pilotenbrille ging auf die US Air Force zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (zu jener Zeit waren längere Flüge möglich) litten Piloten der US Air Forc immer wieder an Bindehautentzündungen und Reizungen. Die US Air Force entwickelte dabei einen der Klassiker unter den Sonnenbrillen. Im Jahr 1936 kam das erste Modell raus: die Anti-Glare. Gefertigt wurde der Vorreiter der heutigen Fassung aus Plastik.
Ein Jahr später kam mit der Aviator ein neues Modell heraus. Da die ersten Aviator Modelle auf die Bedürfnisse der Piloten zugeschnitten waren, wurden sie auch in verschiedenen Farbnuancen hergestellt. Grund dafür - außer die individuellen Bedürfnisse - war, dass diese Farben besonders gut blaues Licht filtern, das am Himmel bei klarem Wetter vorherrscht.
Normal wirkte diese recht maskulin aber Rana's hohe Wangenknochen glichen dies sehr gut aus. Sie wirkte damit jünglich und fesch.
"Sei nicht so unvorsichtig.", Rana hatte herausfordernd die Brauen gehoben und reckte das Kinn hervor.
"Sei nicht albernd", entgegnete ich prompt und entzog mich ihres Griffes.
"Lass es mich wenigstens desinfizieren."
"Was? Glaubst du etwa, dass ich wie Miss Dudley aus den Harry Potter Filmen anschwelle und Zepplingleich davon fliege?"
"Wer weiß, wer weiß", war Rana's ironische Antwort. Doch sie packte nach kurzem Überlegen sämtliche Arzneimittel wieder in ihre Urverpackungen.
Ich wechselte das Thema. "Wie geht's bei dir voran? Alles okay zwischen dir und Ely?"
Eine kurze Pause. Sie drückte die Brille wieder höher über den Nasenrücken, als ob sie unsicher war, wie sie darauf antworten sollte. "Ja schon. Und bei Dir auch alles im Lot?"
"Selbstverständlich. Noch bisschen mehr Einkommen würde mich glücklicher machen aber eigentlich kann ich mich gar nicht beschweren."
"Mhm", Rana nickte mehrfach "Ich glaube mehr Einkommen würde uns allen gefallen. Aber .."
"Aber unser Staat spart sich lieber kaputt"
"Richtig", es war fast wie in alten Zeiten, nur das ewige Streiten fehlte. Rana lächelte, als sich unsere Blicken trafen. Ein vorsichtiges Lächeln, als wisse sie nicht, wie sie das Gespräch normal fortführen sollte. All die Jahre die zwischen dem Bahnhof der alten Stadt und dem Hier und Jetzt standen .. doch es fühlte sich an, als ob es erst gestern gewesen wäre. Auch wenn ich während dieser Zeit mehrfach an Rana gedacht hatte, denke ich, war dieser Abstand wichtig, um das was damals geschehen war einigermaßen zu neutralisieren.
Selbst etwas verunsichert ließ ich meinen Blick wandern und besah eines der Gemälde. Ich beugte mich leicht vor, um die Einzelheiten genauer betrachten zu können. Das Gemälde war 'Caféterrasse am Abend' von Gogh. Ich hatte Rana nicht oft im Kunstunterricht gehabt jedoch fiel mir die einzigartige Pinselführung sofort auf. Es war nicht irgendein Replikat - Rana hatte es zweifelsfrei selbst gemalt. Die Farben waren kräftiger als die Vorgabe und etwas anders angeordnet. Jedoch gefiel es mir außerordentlich gut. Rana folgte meinem Beispiel und beugte sich ebenfalls vor, als wäre sie eine Touristin bei einer Ausstellung, die dieses Gemälde zum ersten Mal sah und völlig entzückt von deren Schönheit war.
"Muss ich befürchten Zeuge einer Straftat zu werden?", scherzte sie und zwinkerte schelmisch dabei.
"Es wäre eine Straftat es hier zu lassen. Das Bild würde sich unfassbar gut an meiner Wand machen", bemerkte ich. Ich strich über den Holzrahmen entlang und begutachtete die feine, weiße Staubschicht zwischen Zeigefinger und Daumen. "Hier würde es die verdiente Aufmerksamkeit nicht erhalten. Mal ganz von dem bisherigen Materialschaden"
Rana hob beide Brauen. "Ach ja?"
"Du musst wissen, Lehrer:Innen haben immer Recht", argumentierte ich und wickelte dabei eine Locke um den Finger. Welch bescheuerte Angewohnheit, dachte ich mir - verdrehte dabei innerlich die Augen.
"Welch ein Glück, dass ich meine Laufbahn als Lehrerin eingeschlagen habe", erwiderte sie prompt und grinste frech zurück. Sie streckte mir provokant die Hand hin. "Ab morgen offiziell Lehrerin für Physik, Deutsch und Kunst."
Meine Kinnlade küsste den Boden. Verdammt - war sie etwa die neue Kollegin von der Miss Sterling geredet hatte? Ich wusste nicht so recht, ob ich mich freuen oder fürchten sollte..
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Anmerkung: Teil 2 wird seit Juni 23' neu bearbeitet. Zusammenhänge und Storyline dank nicht beendeter Überarbeitung des ersten Teiles nicht ganz ersichtlich. Werden voraussichtlich im laufendem Halbjahr wieder veröffentlicht.
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