37. Kapitel
Bloß niemanden ansehen. Einfach weiterlaufen. Da vorne muss ich hin, oder? Doch. Ja. Ich bin hier richtig.
Mit schnellen Schritten, aber ohne dass ich anfange zu renne, bahne ich mir meinen Weg durch die Leute. Erst als ich die Toilettentür hinter mir schließe und mich auf den zugeklappten Klodeckel setze, erlaube ich mir, durchzuatmen. Mir ist immer noch schlecht. Mein Blick fliegt zu dem Türschloss. Ich habe abgeschlossen, okay. Gut. „Fuck", sage ich leise und stütze mich mit meinen Ellenbogen auf meinen Knien ab. Meine Hände liegen in meinem Nacken und mein Kopf habe ich nach vorne fallen lassen. Oh fuck. Ob jemandem aufgefallen ist, was gerade passiert ist? Dass ich abgehauen bin? Hat die Presse hier auch Zugang? Verdammt, ich sehe schon die Schlagzeilen für morgen.
Prinz Harrys Lover flüchtet vor Königspaar.
Louis Tomlinson in Panik: Erster Auftritt des Freunds des Prinzen endet als Totalausfall
Dem Druck nicht gewachsen: Louis Tomlinson versagt schon bei seinem ersten öffentlichen Auftritt
Ganz große Klasse. Ich bin nicht einmal einen Stunde hier und schon versaue ich es. Ich zwinge mich langsam zu atmen. Ich will meinen Herzschlag wieder unter Kontrolle kriegen und endlich nicht mehr dieses ziehende Gefühl in meinem Magen spüren. Die ganze Zeit spielt mein Kopf die letzten Minuten vor meinem inneren Auge ab. Es läuft auf Dauerschleife, ohne dass ich es abstellen kann. Ich habe nicht einen vernünftigen Satz rausbekommen. Die Leute müssen denken, ich bin zu blöd, um richtig zu sprechen.
Es ist still im Waschraum. Ich habe nicht darauf geachtet, ob eine der Kabinen belegt ist, ich war froh, dass die Erstbeste frei war. Jetzt wünsche ich mir, ich hätte mir diese paar Sekunden genommen, um nachzusehen, ob hier noch jemand ist. Verdammt.
Es bleibt still. Es vergehen einige Minuten, aber alles, was ich höre, ist meine eigene Atmung und mein Herzschlag. Okay, ich bin wohl doch allein. Allein. Harry ist nicht hier. Er ist nicht hergekommen. Es sollte mich nicht so treffen. Er muss dort draußen sein, er hat Verpflichtungen. Und wie würde es wohl aussehen, wenn ich weglaufe und er mit hinterherkommt. Nein, er kann nicht herkommen. Wieso habe ich nicht direkt daran gedacht? Er würde sonst hier sein. Ganz sicher. Er wäre hier bei mir und... fuck. Nein, ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher, ob er hier wäre, wenn er könnte. Nicht, nachdem er mich gerade nicht unterstützt hat. Nicht, nachdem er kein einziges Wort dazu gesagt hat.
Es ist nicht zu viel verlangt, oder? Nein, ist es nicht. Gemma sieht es auch so. Sie hat erwartet, dass er mir beisteht. Ich habe es erwartet. Oder gehofft. Wie auch immer.
Ich setze mich wieder auf und öffne meine Augen. Wie gerne würde ich gerade einfach gehen. Ich möchte nach Hause, ich möchte in die WG und mit Zayn ein Fußballspiel schauen. Oder irgendeinen Film. Ich möchte mit meinen Freunden einen ruhigen Abend zu Hause machen, mit ihnen kochen (oder ihnen dabei zusehen), ein Bier mit ihnen trinken und wissen, was gerade bei ihnen so passiert ist. Nach Hause. Ich habe mich nie unwohl gewühlt, wenn Harry bei mir war. Der Palast ist etwas anderes, aber bei Harry war ich immer richtig. Dieses Gefühl ist weg. Von jetzt auf gleich ist es verschwunden und ich hasse malles daran.
Ich warte noch ein paar Minuten, bevor ich aufstehe und die Kabine wieder verlasse. Der große Spiegel über den Waschbecken zeigt mir, dass ich immer noch blass bin. Ich straffe meine Schultern und richte meine Kleidung. Sieht man es mir immer noch an? Ich mustere mich. Ich hoffe, ich sehe nur, wie schlecht es mir geht, weil ich es fühle. Das wird schon klappen. Ich setze ein leichtes, künstliches Lächeln auf und nicke dann. Okay, du kannst das. Du überstehst das. Du wusstest vorher, dass dich hier nicht alle Leute freundlich willkommen heißen. Und du dachtest, dass Harry dich nicht allein lässt.
Ich gehe wieder zurück. Gemma steht bei einigen anderen jungen Frauen und sieht mich sofort. Alles okay? Ihr Blick reicht, dass ich sie verstehe. Ich nicke knapp und lächle kurz. Sie sieht mich skeptisch an. Dann deutet sie auf die andere Seite des Wintergartens. Harry steht dort mit zwei anderen Männern und einer Frau. Renn weg. Geh nach Hause! Anstatt auf meine Gedanken zu hören, gehe ich auf ihn zu. „Hi."
Harry sieht zu mir. Ist er wirklich überrascht, dass ich wiedergekommen bin? Einen kleinen Augenblick steht genau das in seinem Gesicht. Harry fängt sich sofort wieder und legt einen Arm um meine Taille. Dann führt er unbedacht das Gespräch weiter, dem ich nicht ganz folgen kann. Ich sage nichts dazu. Es geht um irgendwelche Stiftungen und hochrangige Personen. Es hört sich für mich an wie Politik der Oberschicht. Ich kenne diese Organisationen und Stiftungen nicht, die meisten der Namen sagen mir nichts und einige andere Wörter sind mir auch nicht bekannt. Ich habe mich selten so fehl am Platz gefühlt.
„Ah, hier bist du. Sorry Harry, wir brauchen Louis mal kurz." Bevor ich reagieren kann, hat Gemma mein Handgelenk genommen und zieht mich aus Harrys Griff mich sich mit. Wir laufen quer durch den Raum und bleiben erst bei den Frauen stehen, mit denen ich sie gerade schon gesehen hab.
„Äh... okay? Wozu braucht ihr mich?"
„Gar nicht", antwortet eine von ihnen. Sie ist ein Stück größer als ich und hat pechschwarze Locken. Sie trägt einen dunkelroten Anzug, der ihr wahnsinnig gut geht, das sehe sogar ich. Zayn wäre begeistert und würde sie garantiert direkt fragen, von welchem Designer der ist. „Okay?"
„Louis, das sind Liz", sie deutet auf die Schwarzhaarige, „Maggie und Beatrice."
„Nenn mich Bee", sagt die kleinste der Gruppe sofort. Ihre roten, glatten Haare reichen ihr fast mit zur Taille. Maggie hat einen blonden Kurzhaarschnitt. Sie und Bee tragen beide lange, bunte Kleider.
„Hi, freut mich", antworte ich. „Und wieso genau bin ich hier?", möchte ich nun wissen.
„Weil es ziemlich offensichtlich war, dass du dich bei Harry nicht wohlgefühlt hast", antwortet Bee mir schulterzuckend. „Oh, das hat man so deutlich gesehen?"
„Wir haben es gesehen. Ich denke nicht, dass viele andere es mitbekommen haben", sagt Liz daraufhin. Ein Kellner geht mit einem Tablett mit gefüllten Weingläsern an uns vorbei. Sie nimmt eins herunter und reicht es mir. „Danke." Ich nehme es an und probiere einen Schluck. Die Frauen haben selbst schon jeder ein Glas in der Hand. Der Wein schmeckt ziemlich gut.
„Gut?", fragt Bee mich. Ich nicke. „Ja, sehr."
„Der Wein ist vom Gut ihrer Familie", sagt Gemma dann. Bee lächelt. „Es ist seit sieben Generationen in Familienbesitz. Ich übernehme es irgendwann. Ich gehöre eigentlich nicht zu diesen ganzen Leuten", erzählt sie. „In meiner Ausbildung hat meine Mutter darauf bestanden, dass ich alle Facetten des Jobs kennenlerne und habe einige Zeit bei den Lieferungen geholfen. Auf einer Veranstaltung habe ich dann Gemma, Liz und Maggie kennengelernt. Dann bin ich irgendwie hier reingerutscht."
„Deswegen hast du erkannt, dass ich mich nicht wohl gefühlt habe", verstehe ich. Sie zuckt mit den Schultern. „Ja, vielleicht."
Jetzt ist es Maggie, die mir Antwortet. „Früher hat niemand von uns darauf geachtet."
„Mags."
„Ist doch so, Bee. Erst als du ein paar Mal mit uns zu irgendwelchen Partys und Feiern gekommen bist, haben wir gemerkt, dass ab und zu irgendetwas nicht stimmt. Dann haben wir Bee darauf angesprochen und sie hat uns erzählt, wie seltsam es ist, plötzlich von diesen Leuten umgeben zu sein: alle reich, alle abgesichert, sehr viele in irgendeiner Form adlig."
„Mhm. Kommt mir bekannt vor."
„Seitdem erkennen wir sowas besser und da wir alle wissen, dass heute dein erster öffentlicher Auftritt mit Harry ist, hatten wir automatisch einen Blick darauf."
„Ihr habt mich beobachtet?"
Liz grinst. „Vielleicht wollten wir auch einfach wissen, wie idiotisch Harry sich anstellt."
Überrascht sehe ich sie an. So redet sie über Harry? Hier? Ich hätte nicht gedacht, dass sich irgendjemand außer Gemma das traut. Liz sieht meinen Blick sofort und lacht. „Wir kennen uns seitdem wir Kinder sind, Gemma Maggie und ich. Wir sind zusammen groß geworden, ich darf das sagen. Inoffiziell."
„Er hat sich nicht so schlecht verhalten."
Gemma sieht mich skeptisch an. „Er hat stumm daneben gestanden, als unser Vater dir ins Gesicht gesagt hast, dass du hier nicht hingehörst."
„Er hat was?"
„Wie bitte?"
"Nicht dein Ernst!"
Alle drei Frauen sehen Gemma und dann mich perplex und schockiert an. „Louis, das hat er nicht getan."
Ich zucke mit den Schultern. „Doch, schon."
„Und jetzt? Hat er dich den Leuten gerade wenigstens vorgestellt?"
„Hier weiß doch sowieso jeder, wer ich bin, oder nicht?", frage ich, aber alle vier schütteln sofort den Kopf. „Oh, nein, so läuft das nicht", sagt Bee sofort. „Du bist als sein Freund hier, als seine Begleitung. Es ist egal, ob die Leute deinen Namen kennen, oder nicht. Er hat dich vorzustellen und vor allem hat er dir auch die Leute vorzustellen, mit denen er spricht. Erwartet er etwa, dass du alle hier kennst?"
„Uhm... keine Ahnung. Die meisten hier könnte man googeln, oder?"
„Es geht um Anstand," merkt Liv an. „Nicht, darum, ob du vorher die Gästeliste hättest googeln können."
„Ich hatte die Gästeliste gar nicht."
Gemma hakt sich bei mir unter. „Harry ist gerade ein Arsch. Du solltest später definitiv mit ihm darüber reden. Und so lange bleibst du bei uns."
Ich nicke dankbar. „Das klingt gut." Und dann merke ich, dass meine Übelkeit verschwunden ist und ich nicht mehr weglaufen möchte. Hier bin ich willkommen.
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Was haltet ihr von der Situation? Und was glaubt ihr, wie es auf der Feier weitergehen wird?
Love, L
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