27. Kapitel

„Mr Tomlinson, kann ich ihnen helfen?" Elena Kerrigan sieht mich verwundert an und mustert mich. „Wissen Sie, wo ich ein Gästezimmer finde?"

„Sie haben Besuch? Das wurde gar nicht angekündigt", antwortet sie irritiert. Ich schüttle den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Ich meine für mich."

Sie zögert einen Moment. Ich presse die Lippen zusammen. Ich brauche nichts mehr zu sagen. Sie nickt und lächelt ein bisschen. „Kommen Sie mit, wir werden ein Schlafzimmer finden."

„Danke."

Ich laufe neben ihr durch die Flure. Sie sagt nichts. Ich wäre an ihrer Stelle neugierig, aber ich bin dankbar dafür, dass sie einfach akzeptiert, dass ich heute Nacht ein anderes Schlafzimmer brauche. Auch verliert sie keinen Ton darüber, dass ich abgehauen bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mitbekommen hat, dass ich weg bin. Ich würde gerne wissen, wie dramatisch es wirklich war, immerhin war niemand in der Kneipe und hat mich wieder eingesammelt, aber ich spreche das Thema nicht an. Das kann ich die Tage immer noch machen. Gleich bin ich froh, wenn ich endlich im Bett bin.

Das Gästezimmer ist ziemlich groß, aber was habe ich erwartet. Ich trete ein und sehe mich um. Es ist übertrieben dekoriert. Zayn würde es wahrscheinlich prunkvoll nennen.

„Ich bringe Ihnen gleich noch ein Ladekabel und etwas zu trinken. Brauchen Sie noch etwas anderes?", werde ich gefragt. Ich drehe mich wieder zu Elena. „Nein, danke schön." Sie nickt und verlässt den Raum. Es ist still um mich herum. Ich gehe zum Fenster und schiebe die Vorhänge ein kleines Stück zur Seite, nur so weit, dass ich aus dem Fenster schauen kann. Ich blicke direkt auf den Vorplatz des Buckingham Palace und die Statue von Königin Victoria. Die Statue ist wie immer beleuchtet. Früher habe ich all diesen Statuen und Monumenten, die überall in die Stadt zu finden sind, keine Beachtung geschenkt. Inzwischen ist das anders. Ich bin in diese Welt gestolpert. Ich sehe diese Statuen nicht mehr im Vorbeigehen an und denke mir nichts dabei. Ich frage mich eher, ob Harry wohl auch irgendwann so eine Statue kriegen wird.

Meine Gedanken kreisen. Es ist mitten in der Nacht und ich kriege kein Auge zu. Immer wieder lasse ich den Abend Revue passieren. Ein Teil von mir bereut es, heute Nacht nicht bei Harry schlafen zu können. Rational weiß ich aber, dass es besser so ist. Ich sehe auf mein Handy. 3:17Uhr leuchtet mir entgegen. Ich seufze und drehe mein Kopfkissen um, sodass die kühle Seite oben liegt.

Ich mache die ganze Nacht kein Auge zu. Ich drehe mich immer wieder auf die andere Seite, versuche zu schlafen, aber irgendwann scheint ein dünner Lichtstrahl durch die Lücke zwischen den Vorhängen hindurch. Ich setze mich auf. Nicht eine Minute konnte ich schlafen, meine Gedanken waren viel zu laut.

Es klopft an der Tür, dann wird sie geöffnet. Ein Buttler tritt herein. „Guten Morgen, Mr Tomlinson. Wo möchten Sie ihren Tee?"

„Meinen Tee?"

„Sie trinken jeden Morgen Tee, es erscheint nur logisch, Ihnen auch heute einen Tee zu bringen", antwortet er mir. „Oh, äh... klar. Dann stellen Sie es einfach auf den Nachttisch, okay?"

„Natürlich." Er richtet den Tee an und reicht mit eine Tasse. Nicht einmal die Milch mache ich hier selbst in meinen Tee. Es ist schon irgendwie seltsam. „Danke."

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr Tomlinson?", fragt er, als er wieder gegenüber des Bettes steht Ich zögere, dann nicke ich aber und sage: „Wie viele wissen über Harrys und meinen Streit Bescheid? Also im Palast meine ich."

Einen kurzen Moment glaube ich, Verwunderung in seinem Gesicht erkennen zu können. Er lässt sich einen kurzen Augenblick später aber schon nichts mehr anmerken. „Ihr Sicherheitsteam hat die Küche informiert, dass Sie heute Morgen in einem anderen Zimmer ihren Tee serviert bekommen werden." Ich seufze. „Also jeder."

„Nur die Personen, für die es relevant ist."

„In der Küche wird ständig gelästert", antworte ich ihm. „Wir wissen beide, dass es so ist." Der Buttler räuspert sich. „Nun, das kann ich leider nicht bestreiten."

„Es hat also die Runde gemacht", verstehe ich. Der Buttler nickt leicht. „Ich fürchte, ja."

„Können Sie ehrlich zu mir sein?", bitte ich ihn daraufhin. „Was wird alles erzählt?"

„Ich befürchte, dass Ihnen das nicht gefallen wird."

„Es geht nicht darum, dass es mir gefallen soll, ich will wissen, was alles im Palast über mich erzählt wird", entgegne ich und stelle die Tasse hin. Dann stehe ich aus dem Bett auf und ziehe mir ein Shirt und meine Jogginghose über. Der Buttler beobachtet mich verwundert, als ich die Gardinen zur Seite ziehe. Ja, ich schaffe es tatsächlich, so etwas selbst zu machen. Verrückt, oder?

Ich nehme das Teeservice und setze mich auf einen der Sessel der kleinen Sitzgruppe am Fenster. „Nehmen Sie sich einen Tee und setzen Sie sich. Ich will alles wissen."

„Ich soll mir einen Tee nehmen? Das steht mir nicht zu, Mr Tomlinson." Jetzt sieht er aus, als würde er glauben, dass ich endgültig den Verstand verloren habe.

„Mir steht hier auch einiges nicht zu und ich mache es trotzdem. Setzen Sie sich, bitte." Er zögert, dann setzt er sich ohne sich einen Tee zu nehmen. Fragend sehe ich ihn an. „Ich mag keinen Tee", antwortet er mir.

„Lieber Kaffee?"

„Sie müssen nicht..."

„Ach, was", unterbreche ich ihn, gehe zur Tür und sehe einen weiteren Buttler auf dem Flur stehen. „Ich hätte gerne einen Kaffee." Ich sehe fragend zu dem Buttler, der mir gerade noch gegenüber saß. „Milch? Zucker?"

„Beides. Danke."

Ich sehe wieder auf den Flur. „Mit Milch und Zucker bitte. Dankeschön." Es dauert nicht lange, und der Kaffee wird gebraucht. Ich bleibe so lange in der Tür stehen und nehme ihn auch dort entgegen. Dann schließe ich die Tür und setze mich wieder. „Das war wirklich nicht notwendig."

„Es ist nur ein Kaffee und Sie sind doch garantiert schon seit Stunden wach."

„Seit vier Uhr in der Früh, ja."

„Wie heißen Sie?"

„Alexander Reed."

„Okay, Alexander. Nenn mich Louis", beschließe ich kurzerhand. Er ist so alt wie ich, vielleicht sogar jünger. „Alex bitte. Nur meine Eltern nennen mich Alexander", antwortet er und entspannt sich ein bisschen.

„Also, was kannst du mir erzählen?", greife ich das eigentliche Thema wieder auf. Wenn hier schon Gerüchte über mich die Runde machen, dann möchte ich auch wissen, was alles gesagt wird. So wie Menschen grundsätzlich drauf sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass nicht irgendetwas dazu gedichtet wurde.

„Es wird gesagt, dass Sie... du, gestern nicht im Palast wart." Ich nicke. Soweit stimmt das. „Und dass du dich rausgeschlichen hast. Soweit bekannt ist darfst du den Palast nicht verlassen."

„Mhm, stimmt."

„Du hast dich wirklich rausgeschlichen?"

„Wie viel Chaos hat das verursacht?", möchte ich wissen. Alex zuckt mit den Schultern und trinkt einen Schluck von seinem Kaffee. „Durchaus ein bisschen. Dein Sicherheitsteam hat wohl ein Krisenmeeting einberufen und ist dann losgefahren, um dich zu finden. Seine königliche Hoheit Prinz Harry war wohl ziemlich wütend, aber das ist Hörensagen."

„Oh, das kann ich mir gut vorstellen", erwidere ich. Bestimmt hat er da mit Jimmy gesprochen.

„Naja, und dann wurde der Küche gestern Abend noch mitgeteilt, dass du deinen Tee heute in einem der Gästezimmer trinken wirst." Alex zögert, bevor er weiterspricht. „Es wird spekuliert, wieso du abgehauen bist und heute hier geschlafen hast. Die Gerüchte reichen davon, dass du nur mal raus wolltest bis hin dazu, dass du heimlich weiter für MiRoyl arbeitest und Insiderinfos weiter gibst, Drogenabhängig bist und zu deinem Dealer musstest oder eine Affaire mit jemandem außerhalb des Palastes hast und Prinz Harry betrügst. Es ist alles dabei."

„Bitte was?"

„Die Menschen sind ziemlich kreativ, was Gerüchte angeht, gerade hier im Palast."

„Ich betrüge Harry nicht! Würde ich nie tun!", antworte ich sofort und schüttle leicht den Kopf. Ich habe mich Klatsch und Tratsch gerechnet, aber das geht zu weit. „Was für eine Scheiße. Weiß Harry davon?"

„Er könnte hier jeden Fragen, wenn er wissen möchte, was sich so erzählt wird", erwidert Alex. „Ich weiß allerdings nicht, ob er es bereits getan hat."

„Gibt es noch mehr?"

„Gerüchte? Dazu nicht, nein."

„Und wozu sonst?"

Alex zuckt mit den Schultern. „Die Meinungen sind gespalten. Die meisten haben sich daran gewöhnt, dass Prinz Harry mit dir zusammen sind, aber es gibt einige hier, die nicht viel... von dir halten." Er seufzt. „Es ist wegen verschiedener Dinge und niemand würde es offiziell sagen oder zugeben, aber der Flurfunk ist ziemlich eindeutig. Du lernst gerade erste die Etikette kennen, die alle hier jahrelang lernen mussten, bevor wir auch nur einen Fuß in den Palast setzen durften. Du bist oft in der Küche bei Molly und isst dort, du läufst hier in Jogginghose herum und du..."

„Ja?"

„Du bist Amerikaner."

„Nicht dein Ernst."

„Ich denke so nicht, ehrlich, aber einige der älteren Kollegen hier haben noch einige Vorurteile. Dein Verhalten hilft nicht, dass es besser wird."

Schweigend sehe ich ihn an. Alex Augen werden ein wenig größer und er spannt sich an. „Entschuldigung, ich hätte das nicht sagen sollen."

„Doch, doch, ich wollte, dass du es mir erzählst", beruhige ich ihn sofort. Meine Teetasse ist inzwischen fast leer. Ich stelle sie auf den kleinen Tisch ab, der Zwischen uns steht. „Du hast jahrelang die Etikette gelernt?" Er nickt. „Ja, natürlich."

„Ich lerne sie erst ein paar Wochen und ich bin jetzt schon überfordert", gebe ich zu. Er schmunzelt ein bisschen. „Das ging mir auch so."

„Und wie hast du es hinbekommen?"

„Ich bin dran geblieben und hatte Hilfe."

„Mr George unterrichtet mich."

„Das ist keine Hilfe, das ist Folter", antwortet Alex unbedacht. „Das... äh..."

Ich kann nicht anders, als zu lachen. „Absolut. Ja, es ist Folter. Ich hasse es." Alex entspannt sich wieder ein bisschen. „Ich habe die Tische für eine der letzten Lektionen gedeckt. Wenn man das nicht kennt, ist das garantiert ziemlich viel auf einmal."

„Ich weiß immer noch nicht, welches Glas ich wann benutze", gebe ich zu. Alex nickt leicht. Sein Kaffee ist inzwischen auch leer. „Ich habe einen Vorschlag, du musst ihn natürlich nicht annehmen, aber vielleicht ist es für dich so leichter zu lernen als mit Mr George."

Interessiert sehe ich ihn an. „Und zwar?"

„Ich könnte Molly fragen, ob sie uns hilft. Zweimal die Woche oder so. Es gibt viele Räume hier, die nicht genutzt werden und wir könnten dir nach Feierabend beibringen, was du alles wissen musst. Wir fangen mit Tischmanieren und dem ganzen Geschirr und Besteck an. Es würde weniger streng als mit Mr George sein. Für ihn ist das alles selbstverständlich, aber wir wissen, wie schwierig es am Anfang ist, sich in diese Welt hier einzufinden."

„Das würdet ihr machen?"

„Ich müsste Molly erst noch fragen, aber ich denke, sie wäre dabei. Wir müssten nur schauen, wann wir in nächster Zeit arbeiten müssen."

„Das... danke." Damit habe ich nicht gerechnet. Alex lächelt ein bisschen und nickt. „Klar, kein Problem." Er steht auf und räumt das Geschirr auf den Servierwagen. „Ich werde hiervon am besten niemandem etwas erzählen, also außer Molly, das wird die Gerüchte sonst nur anheizen", beschließt er. „Klar, ergibt Sinn", stimme ich zu und schnappe mir mein Handy. „Gib mir deine Nummer, dann kannst du mir schicken, wann und wo wir uns treffen."

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First of all: Sorry für die Verspätung. Ich schreibe grad an meiner Masterarbeit (oder prokrastiniere sie), und hab einfach verpeilt dass es schon Dienstag ist. 

Was haltet ihr von Alex? Und der Idee, dass er mit ihm und Molly lernt?

Love, L

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