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„Sie wird mich niemals gehen lassen. Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden, aber du kennst sie", sage ich niedergeschlagen, doch Mike gibt mir einen kleinen Klaps auf die Schulter und wirft mir einen motivierenden Blick zu. „Ich rede mit ihr. Keine Sorge, auf mich hört sie immer", zwinkernd deutet er auf einen der Trainingsräume. „Du kannst so lange fleißig weiter an dir arbeiten. Es gibt so häufig Wettkämpfe, wenn du dann erstmal wieder dabei bist, dann könntest du dir wöchentlich einen aussuchen."

Ich seufze, nicke schließlich und greife nach meiner Trainingstasche. Ich kenne meine Mutter und ich weiß, dass sie selten zu überreden ist.

„Was hältst du eigentlich davon, wenn wir mal wieder gemeinsam trainieren? Du machst das seit Jahren allein", schlägt er lächelnd vor und ich nicke. Ein paar Stunden professionelles Boxtraining wären wahrscheinlich nicht verkehrt, um meine Kenntnisse aufzufrischen und mal wieder gegen eine andere Person anzutreten. „Wenn du zwischendrin Zeit hast, würde ich mich freuen, wenn ich mal wieder vom Meister lernen darf."

Mike wirft mir ein verschmitztes Grinsen zu. „Das ist wirklich nett von dir. Ich bin mittlerweile aber ein alter Hase, Annabel. Eingerostet und so. Viel Neues lernst du bei mir eher nicht mehr." Ich lache und winke ab. Mike hat in seinen besten Zeiten mehrere Medaillen gewonnen und gehörte zu einem der besten Kämpfer Londons. Auch heute ist er noch sehr trainiert und ich gebe zu, würde ich ihn nicht kennen und wissen, was für ein riesiger gutmütiger Teddybär er ist, dann hätte ich wohl etwas Angst und Respekt vor ihm. Seine Bescheidenheit zeigt jedoch, was für ein gutes Herz er hat.

Etwas enttäuscht von der Tatsache, dass meine Mutter zwar will, dass ich mich verteidigen kann aber Angst davor hat, mich gegen andere antreten zu lassen, mache ich mich auf den Weg in die Umkleide und bleibe abrupt stehen, als ich einen männlichen Rücken an einer der Bänke vor meinem Spind entdecke.

„Geht's noch? Das ist die Frauenumkleide", sage ich empört und stelle mich mit verschränkten Armen vor die Tür.

Nur ein kurzer Blick streift mich und ich sehe, wie die Person mit den Schultern zuckt. Diese grellgrünen Augen. Ich denke an die Situation am Vorabend und sofort spüre ich wieder dieses unangenehme Gefühl der Scham.

„Du bist wahrscheinlich die einzige Frau hier. Komm runter, dafür brauchst du keine Extrabehandlung", murmelt er und ich schaue ihn empört an.

„Prescout, du bist ein richtiges Arschloch", zische ich und lasse mich dann auf der Bank neben der Tür fallen, während Prescout sich scheinbar absolut nicht die Mühe macht, zu verschwinden.

Ich nehme mir die Zeit und betrachte ihn etwas genauer. Jede einzelne Rückenmuskulatur ist zu erkennen, als er sich sein schwarzes Shirt anzieht. Beeindruckt betrachte ich die trainierten Arme und die breiten Schultern. Wäre Maddie hier, hätte sie wahrscheinlich bereits angefangen zu Sabbern. Verglichen mit den Waschlappen an Jungs, die mit uns in eine Klasse gingen, ist mein Nachbar doch eine ganz andere Nummer. Wie alt er wohl ist? Vielleicht kommt er auch auf unsere Schule. Oh Gott, ein weiterer Ort, an dem ich ihn sehen muss.

„Es ist unhöflich, jemanden zu beobachten. Vor allem, wenn sich die Person umzieht", bemerkt er und ich zucke zusammen. Ich würde fast behaupten, dass ich leicht rot anlaufe.

„Es ist auch unhöflich, sich mit einem Schwanz in der Frauenumkleide zu verkriechen", gebe ich zurück und nehme ein dumpfes Lachen wahr.

„Du bist ziemlich unfreundlich", stellt er fest und ich kommentiere seine Aussage mit einem Schulterzucken. „Anfangs dachte ich auch, du wärst freundlich, bis sich herausgestellt hat, dass du ein Arschloch bist."

Überrascht dreht er sich um und blickt mich direkt an. Gott, mit diesen Augen könnte man Gletscher zum Schmelzen und die Erde zum Rückwärtsdrehen bringen.

Kurz sieht es so aus, als würde er darauf etwas antworten wollen, doch er setzt nur ein Grinsen auf und zuckt mit den Schultern. Er lacht leise, während er seinen Kopf schüttelt.

„Ich verstehe nicht, wieso du hier herkommst. Du bist ein kleines Mädchen", meint er leise und mir kommt es so vor, als hätte ich das gar nicht hören sollen.

„Du bist absolut sexistisch. Außerdem bin ich gut. Mike hat mich zu einem Wettkampf angemeldet, den ich antreten werde", posaune ich stolz und lasse dabei den Fakt, dass meine Mama es mir aktuell noch nicht erlaubt, aus. Erstaunt blickt er mich an und zieht eine Augenbraue hoch. „Du? In einem Ring? Gegen andere? Dir bricht doch der Arm bei einem einzigen Schlag", kommentiert er und ich ziehe wütend die Augenbrauen zusammen. Was für ein Idiot.

„Wie kann man so unfassbar sexistisch eingestellt sein? Wenn ich will, reiße ich dir die Eier mit einer Hand raus", sage ich wütend und er greift lachend nach seiner Sporttasche.

„Das können wir das nächste Mal ja überprüfen. Du solltest nicht so frech sein, Annabel. Da draußen gibt es Menschen, die dir für deine Aussagen die Seele aus dem Leib prügeln", meint er und läuft an mir vorbei. Ich zucke zusammen, als er meinen Namen erwähnt.

„Woher weißt du, wie ich heiße?", frage ich und er zuckt mit den Schultern.

„Du hast es mir gesagt", antwortet er noch, bevor er die Umkleide verlässt.

Mit offenem Mund starre ich ihm nach und suche in Gedanken fieberhaft den Moment, in dem ich mich ihm vorgestellt habe. Doch auch nach mehreren verstrichenen Minuten komme ich zum Ergebnis, dass das nie passiert ist.

Wütend greife ich nach meinem Trainingsshirt und denke an den Abend zuvor. Von wegen, niemand stellt mir nach! Prescout, du widerlicher Stalker.

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