10
Monate vergingen und Remus fühlte sich schrecklich. Aus zwei Gründen. Erstens hatte er die Person, in die er sich verliebt hatte, nicht mehr in seinem Leben. Zweitens wusste er, dass er der Grund für Tonks' Misere war. Ihr Haar war ohne Farbe und auch sonst wirkte sie kraftlos und motivationslos. Alles war seine Schuld. Aber es war besser so. Sonst würde er ihr komplettes Leben ruinieren. So würde sie in naher Zukunft über ihn hinweg sein. Hoffentlich.
Tatsächlich war es gar nicht so einfach. Das merkte er daran, wie er sich schwer tat, darüber hinweg zu kommen. Natürlich machte Tonks es ihm extra schwer. Indem sie einfach immer präsent war, nicht nur in seinen Gedanken, sondern auch in der Realität.
"Remus, können wir reden?"
Er starrte in ihre einzigartigen Augen und seufzte. Dann trat er beiseite und ließ sie durch die geöffnete Tür eintreten. Wieso musste sie vorbei kommen? Hätte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen können?
"Remus, ich..."
Ihre Stimme brach ab. Tonks klang schwach, ein wenig kränklich sogar, und als ihre dumpfen Augen traurig auf den Boden sahen, weil sie nicht wusste, was sie sagen wollte, brach es Remus das Herz. Entgegen all seiner Gehirnzellen, die ihm davon abrieten, trat er an sie heran und legte eine Hand an ihre Wange. Sanft zwang er sie dazu, aufzublicken.
"Es tut mir leid", flüsterte er reuevoll und zog sie näher an sich und umarmte sie. "Wirklich, es tut mir leid."
Energisch stieß sie ihn von sich und sah ihn an. "Es tut dir also leid? Ich verstehe es nicht, wirklich. Du... Du leidest doch genauso wie ich. Dir geht es auch nicht gut. Warum kannst du dann nicht einfach mit mir zusammen sein? Es würde uns beiden gut tun!"
Seufzend fuhr sich Remus mit beiden Händen übers Gesicht. Sirius' Bild war unweigerlich in seinem Kopf aufgetaucht. Das machte das ganze noch komplizierter.
"In deinen Worten liegt schon der Haken. Ich leide nicht genauso wie du. Ich denke... Ich denke, dir ergeht es schlimmer. Aus dem einfachen Grund, dass ich mein Herz schon vor Ewigkeit an jemanden verloren habe."
Tränen traten in Tonks Augen und sie trat einen Schritt zurück. "Aber du meintest... Du meintest, du seist in mich verliebt."
Wieder seufzte der Werwolf auf. "Das bin ich auch. Aber egal wie viel du mir bedeutest, du würdest immer nur die zweite Wahl sein. Und das kann ich dir nicht antun. Es wäre nicht fair von mir."
"Und wenn ich niemand anderen will? Wenn es mir egal ist, dass du mich nie so sehr lieben wirst wie eine andere, dass ich immer nur die zweite Geige spielen werde?"
Kaum merklich zuckte Remus zusammen. Eine andere. Sirius war kein Mädchen, keine Frau. Er war ein Mann. Bzw. er war ein Mann gewesen, bevor er gestorben war. Jetzt gab es nichts mehr von ihm, seine Überreste waren durch den Bogen gefallen und auf ewig verschwunden.
"Wenn du...", Remus räusperte sich. "Wenn du meine Geschichte kennen würdest, würdest du mich hassen. Du würdest angeekelt sein und du würdest nichts mehr mit mir zu tun haben wollen."
Herausfordernd sah Tonks ihn an. "Glaubst du wirklich, dass ich, wenn dein Werwolfdasein kein Problem für mich ist, von irgendwas anderem abgeschreckt werde?"
Ohne zu zögern nickte Remus. Natürlich dachte er das. Er war mit einem Jungen zusammen gewesen, hatte mit ihm geschlafen, hatte ihn geliebt und tat es immer noch.
"Wir werden es nie herausfinden, wenn du es mir nicht erzählst."
Tonks hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und ihn auffordernd angeguckt. Als er keine Anstalten machte zu reden, verdrehte sie ihre Augen. "Bitte, Remus. Ich will ein Leben mit dir. Und diese ganzen Ausreden... Wenn ich wüsste, dass du nicht das gerinste für mich empfindest, dann würde ich dich in Ruhe lassen. Aber ich seh es dir doch an. Dich lässt das hier nicht kalt und du sagst ja selbst, dass du Gefühle für mich hast. Willst du deinem eigenen Glück im Weg stehen?"
Erneut seufzte Remus auf. Das tat er viel zu oft in letzter Zeit. Dann lehnte er sich an den Tisch und begann zu erzählen.
"Das andere Mädchen, in das ich verliebt war und das ich immer lieben werde? Es ist Sirius."
Kurz wollte er auf ihre Reaktion warten, aber abgesehen davon, dass sich ihre Augen weiteten, kam nichts. Sie blieb still und wartete darauf, dass er fortfuhr. Und genau das tat er. Er begann zu erzählen, wie sie sich kennengelernt haben, wie er sich verliebt hatte. Er brichtete grob von den Schwierigkeiten, die es gegeben hatte, bevor sie zusammen gekommen waren. Und etwas ausführlicher von denen, die es während des Krieges gab. Als er zu der Stelle kam, wo Sirius gestorben war, stockte er. Darüber zu reden war nicht einfach. Tonks dachte, dass die Geschichte anscheinend vorbei war und stand auf. Sie stellte sich direkt vor ihn und öffnete ihren Mund, aber er brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Dann sprach er weiter.
"Ich konnte nichts mehr wirklich tun. Alles war irgendwie automatisch. Ich habe nichts gefühlt. Bis du in mein Leben kamst. Erst kamen die ganzen, unterdrückten Gefühle hoch. Das war grausam, aber so wie es aussieht, war es notwendig. Danach ging es mir ein wenig besser. Du hast mich zu meinen Aufgaben und Aufträgen zurück gebracht. Und je mehr Zeit ich mit dir verbracht habe, desto lebendiger habe ich mich gefühlt. Es hat nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass du Gefühle für mich hattest. Mein erster Instinkt war, dich nicht mehr zu sehen. Aber das habe ich nicht geschafft. Da musste ich mir eingestehen, dass ich mich verliebt habe, dass du mich glücklich machst. Ohne es zu wollen."
Er blickte ihr kurz in die Augen, die nicht verletzt oder wütend oder entsetzt waren, wie er es erwartet hatte, sondern verständnisvoll. Ein wenig ermutigt fuhr er fort. Er erzählte von seinen Unsicherheiten und wie er sich Sirius gegenüber fühlte. Am Ende schwieg er und blinzelte so oft, bis seine Tränen verschwanden.
Nach einiger Zeit durchbrach Tonks die Stille. "Du sagtest, ich hätte dir geholfen. Dich glücklich gemacht. Meinst du nicht, dass Sirius das für dich gewollte hätte?"
Wehmütig dachte Remus an den Moment zurück, wo sie beide zum ersten Mal nach seinem Ausbruch aus Askaban allein waren.
"Nein, um ehrlich zu sein, denke ich das nicht."
Er wusste es. Wie hatte Sirius das damals formuliert? Ich will, dass du glücklich bist, mit mir glücklich. Wahrscheinlich hatte sich das in der kurzen Zeit im Grimmauldplatz nicht geändert.
"Tut mir leid, aber dann ist ein egoistischer Idiot."
Eigentlich wollte er Sirius verteidigen. Stattdessen schmunzelte er. Es stimmte, Sirius war ein egoistischer Idiot. Aber er liebte ihn dennoch und das würde sich nicht ändern.
"Das stimmt. Aber ich liebe ihn trotzdem. Und wenn ich die Wahl hätte, zwischen dir und ihn, ich würde immer ihn wählen. Es tut mir leid."
Tonks nickte, auch wenn Remus den Schmerz in ihren Augen sehen konnte.
"Okay. Und wenn ich damit kein Problem habe?"
"Tonks..."
"Lass mich ausreden. Ich verstehe es. Du liebst ihn. Aber du meintest auch, ich mach dich glücklich. Willst du wirklich auf dein Glück verzichten?"
"Ja, nein, ich meine... Sirius, er-"
"Er ist tot, Remus. Und wir könnten es auch bald sein. Also bitte, bitte, verschwende nicht dein Leben."
Schweigend sah er sie an. Sirius' Bild, seine stechenden, grauen Augen noch in seinem Kopf. Dann nickte er. Das Leben war zu kurz. Und Tonks war fantastisch. Sie war toll. Und wenn sie ihn wirklich wollte, dann würde er dem nicht im Weg stehen wollen. Sirius hin oder her.
Ein leichtes Lächeln bildete sich auf Tonks' Lippen. Schüchtern kam sie mit ihrem Kopf näher und er kam ihr entgegen. Als er sie küsste, fühlte er die Anspannung von sich abfallen. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hatte.
Später am Abend, als die beiden gegessen hatten, lagen sie (vollständig bekleidet) auf Remus' Bett. Tonks' Kopf war auf seiner Brust und er hatte den Arm um sie gelegt.
"Du dachtest wirklich, ich würde dich dafür hassen, dass du mit einem Jungen zusammen warst?"
Remus zuckte so gut es in dieser Position ging mit den Schultern. "Jetzt sag nicht, das wäre abwegig."
Diesmal war Tonks diejenige, die seufzte. "Leider nicht. Aber komm schon, wenn mich die gesellschaftlichen Konventionen bezüglich des Alters nicht interessieren, warum sollte es dann deine Sexualität?"
Darauf wollte Remus nicht antworten. Es war schön das zu hören, auch wenn er dagegen hätte argumentieren können. Im Moment war er aber zufrieden so wie es ist.
Lange später, als er dachte, seine neue Freundin wäre eingeschlafen, durchbrach sie die Stille noch einmal.
"Wie viele wissen von dir und Sirius?"
Kurz dachte Remus nach. "Von denen, die noch am Leben sind? Eigentlich nur Dumbledore."
Snape hatte vielleicht eine Vermutung, würde sie aber nie aussprechen. Möglicherweise McGonagall und ein paar andere aufmerksame Lehrer an Hogwarts, aber die hatten auch keine offizielle Bestätigung. Und die Lonbottoms, aber da die ja immer noch nicht ihre Tassen zurück in den Schrank bekommen haben, konnte man sie auch nicht dazu zählen.
Tonks richtete sich auf und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen.
"Dankeschön. Dass du mir damit vertraut hast, bedeutet mir viel."
Leicht lächelnd drückte Remus seine Freundin näher. Für diesen Moment war Sirius aus seinem Kopf verschwunden, es zählten nur er und seine Freundin.
1551 Wörter
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