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Am nächsten Morgen stand ich nach einer durchwachten Nacht total fertig auf und ging auch gleich ins Bad, um mich fertig zu machen. Ich sah schlimm aus, aber etwas Make-Up würde helfen. Nach einer halben Stunde harter Arbeit im Bad ging ich in die Küche und holte mir die angefangene Flasche Cola aus dem Kühlschrank. Ich trank sie aus und lief wieder ins Schlafzimmer, um mich anzukleiden. Gestern Abend hatte ich mir keine Gedanken mehr gemacht, was ich heute tragen würde. Das wurde mir jetzt zum Verhängnis und ich würfelte einfach wahllos Top, Minirock, Feinstrumpfhose und Jacke zusammen. Damit hoffte ich, schick genug auszusehen. Ich band mir noch die Haare hoch, schnappte mir meine Tasche und ging schnellen Schrittes zur Tür hinaus.
8.53 Uhr zeigte die Uhr im Café an. Ich war etwas zu früh da gewesen, aber deswegen musste ich mir wohl die wenigsten Gedanken machen. Ich hatte mir schon einen Kaffee und Waffeln bestellt. Nach dieser Nacht hatte ich echt Kohldampf.
Als meine Bestellung kam, fing ich gleich an. 9:09 Uhr war er immer noch nicht da und ich wurde etwas nervös. Kam er überhaupt oder war er noch zu gekränkt? Hatte er es vielleicht vergessen? Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her und beobachtete die Leute, die ins Café kamen. Allesamt waren es junge Leute, vielleicht Studenten, die ihren Kaffee to-go mitnahmen. Manchmal waren auch ältere Kunden dabei. Wahrscheinlich Berufstätige, die sich für ihren langen Tag mit einem Kaffee wappnen wollten. Aber all das beruhigte mich nicht. Mein Bein wippte rhythmisch auf und ab, im Rhythmus der Musik, die ich vor ein paar Minuten noch gehört hatte. Erst als eine bekannte Gestalt durch die Glastür kam, entspannten sich meine angespannten Muskeln.
Doch sofort war erneut eine Ungewissheit da: Wie würde er wohl reagieren?
Ich überspielte meine innere Unruhe gekonnt und grüßte ihn freundlich strahlend: "Guten Morgen."
Er brummte etwas, das wie eine Erwiderung klang und ließ sich auf den Platz mir gegenüber fallen.
Mein Lächeln wurde angestrengt, doch ich gab mir alle Mühe, die Ruhe zu bewahren und mir nicht anmerken zu lassen, dass dieses Verhalten meine sowieso schon angespannten Nerven eindeutig überstrapazierte - angesichts dessen, was gestern Abend passiert war. Obwohl ich es als "Profi" besser wissen müsste, gab ich mir die Schuld. Es gab nun mal Dinge, die schief gingen, egal, wie viel Mühe man sich gab. Ich ließ mich doch wohl nicht persönlich in einen Fall involvieren? Wenigstens das sollte ich während meiner Ausbildung und bisherigen Erfahrungen gelernt haben. Devan zog mich jetzt noch damit auf, dass ich mich während einer frühen Ermittlung - es war kurz nach meiner Ausbildung - in einen Verdächtigen verliebt hatte. Es war ganz einfach ein Fehler gewesen, ein manipulativer Charakter, der mich fast meinen Job gekostet hätte. Ein Wunder, dass Marc mich für diese Mission ausgewählt hatte. Und es machte mich ein kleines bisschen stolz, dass er anscheinend immer noch Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten hatte.
"Also... Was meinst du?" Alexander schaute mich erwartungsvoll an.
Ertappt schreckte ich hoch und blickte mich um.
"Hörst du überhaupt zu?"
"Ähm... Klar", nuschelte ich und schüttelte im selben Moment intuitiv den Kopf. "Ich meine, ich war gerade mit meinen Gedanken woanders, um ehrlich zu sein."
Er nickte finster. Es fiel mir nicht schwer, seine Gedanken zu erraten.
Ich stöhnte und fuhr mit beiden Händen über mein Gesicht. "Ich hab' gestern Nacht nicht sehr gut geschlafen, wenn du's wissen willst. Ich dachte, 'n Kaffee hilft vielleicht, zumindest gegen die Kopfschmerzen, aber..."
Ich wurde unterbrochen, als seine Bestellung kam, ein schwarzer Kaffee. Er nahm einen vorsichtigen Schluck. "Dann nehme ich an, du willst heute nicht zu mir kommen", stellte er monoton fest.
"Doch", protestierte ich mit rauer Stimme und räusperte mich, um mit festerer Stimme fortzufahren, "doch, ich würde sehr gerne zu dir kommen." Erst hinterher fiel mir auf, wie automatisiert und mechanisch die Antwort und das darauffolgende Lächeln waren.
Aber Alexander ließ sich tatsächlich täuschen. "Das wäre toll", meinte er schnell und blickte mir offen ins Gesicht. "Vielleicht heute Abend, so 19 Uhr? Dann kannst du dich noch erholen."
Ich lächelte müde. "Wird es denn so anstrengend?"
Alexander erwiderte mein verschmitztes Grinsen. "Nur wenn du es wünschst..."
Für die Erholung blieb mir wenig Zeit, wie sich herausstellte. Nachdem Alexander und ich noch ein wenig geredet hatten und durch die Stadt spaziert waren, ging er halb elf nach Hause. Auch ich wollte eigentlich ins Hotel zurück, aber wurde von Lou angerufen, ich solle doch bitte zu ihr kommen. Professionell tat ich so, als hätte mich meine Schwester angerufen und sagte Alexander, dass ich dieser noch helfen solle. Also trennten sich unsere Wege und ich ging einen Umweg zu Lou.
Ich musste gar nicht klopfen, die Tür war nur angelehnt, und als ich sie aufstieß, sah ich Lou, wie sie gerade herzhaft in einen Cheeseburger biss. Als sie aufschaute, hatte sie Ketchup an der Nase. Ich musste lächeln.
"Du musst dir nicht so viel Mühe mit der gesunden Ernährung geben", grinste ich ihr entgegen und schmiss die Tür zu.
Sie streckte mir die Zunge raus und wischte sich den Ketchup von der die Nasenspitze. "Du bist ja nur neidisch, weil ich trotzdem so eine tolle Figur habe."
Stirnrunzelnd ging ich um den Tisch herum. "Jaja."
"Wieder gute Laune heute, was?", bemerkte Lou nebenbei und zog genervt die Augenbrauen hoch. "Bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden?"
Ich verzog das Gesicht, als hätte ich auf einen sauren Apfel gebissen, sagte aber nichts dazu.
Lou sah mich einen Moment fragend an, dann drehte sie sich zu ihren Monitoren und tippte etwas auf ihrer Tastatur ein, sodass sich mehrere Fenster mit Bildern einer mir sehr gut bekannten Wohnung öffneten.
"Anderes Thema: Kannst du mir DAS hier erklären?" Sie zog die Augenbrauen hoch, als sie einmal auf die Leertaste schlug. Die Wucht sagte mir, dass sie echt sauer war.
Stumm stierte ich auf den Bildschirm, in den in dem Moment ein anscheinend betrunkener Alexander getorkelt kam. Offensichtlich erschöpft stützte er sich mit einem Arm an der Wand ab, und obwohl er der Kamera seinen Rücken zugewandt hatte, konnte ich mir ohne Probleme sein müdes Gesicht und die glasigen Augen, die sich mit Tränen zu füllen schienen, vorstellen. In einem plötzlichen Wutanfall raffte er sich verzweifelt auf und schleuderte seine fast leere Bierflasche an die Wand.
Eine Welle von Traurigkeit übermannte mich und die Tränen, die in mir aufbrandeten, trafen mich unvorbereitet. Ertappt zwinkerte ich die Feuchtigkeit in meinen Augen weg.
Ich öffnete schon den Mund, bereit zu einer Antwort, als mich Lou unwirsch unterbrach.
"Bevor du dir die Mühe machst, mir das Ganze zu erklären, überlege lieber, wie wir es Marc erklären sollen."
Mir verschlug es die Sprache und ich schloss verdattert meinen Mund wieder. Noch nie hatte ich Lou so wütend erlebt. Normalerweise war sie immer die Freundlichkeit in Person, geduldig und nett mit jedem. Sie in so einem Zustand zu erleben, führte dazu, dass ich mich noch schuldiger fühlte, als ich es ohnehin schon tat.
Es herrschte eine Weile Stille zwischen uns, bis ich meine Stimme erhob, und zwischen den kahlen Wänden hörte sie sich rau und verloren an. "Tja, wie's aussieht, hab' ich's mal wieder vermasselt."
Ohne mich umzudrehen erhob ich mich und ging an Lou vorbei zur Tür. Als ich meine Hand auf die Klinke legte, hörte ich in meinem Rücken eine leise Stimme.
"Alles okay?"
Genervt legte ich den Kopf in den Nacken und holte tief Luft. Dann drehte ich mich um. "Nein. Aber das spielt überhaupt keine Rolle, oder?" Meine Unterlippe zitterte ein wenig und ich holte erneut Luft, damit meine Stimme nicht so klein und schwach klang. "Ich muss nur den Auftrag zu Ende bringen, und zwar möglichst erfolgreich. Also entschuldige mich jetzt bitte, wenn ich meine Fehler ausbügele."
Lou hielt mich nicht auf, als ich aus der Wohnung und auf die Straße stürmte. Als ich zu den Fenstern hochblickte, meinte ich, ihren Kopf neben den Vorhängen zu erkennen. Lou wusste genau, was los war, und ich schüttelte unwillig den Kopf. Natürlich wusste Lou es.
Im Hotel zog ich mich um und ging erstmal laufen. Sport half mir, meinen Kopf freizukriegen und die aufgestauten Emotionen rauszulassen. Mein Blick trübte sich. Wo war meine professionelle Distanz geblieben? Regel Nummer #1: Niemals persönlich in einen Fall involvieren lassen. Geschlagen seufzte ich. Die Regel hatte ich schonmal gebrochen.
Zurück im Hotel duschte ich erstmal kalt und bereitete mich für den Abend mit Alexander vor. Eigentlich hatte ich keine wirkliche Lust, den Abend mit ihm zu verbringen, aber ich wollte die Mission nicht vermasseln.
Zwischendurch drückte ich Marc zweimal weg und ignorierte seine Nachricht mit der Frage, was los sei. Ich schmierte mir ein bisschen Make-Up ins Gesicht, um meine Augenringe zu verbergen und mehr wie ein Mensch auszusehen. Ich trug dezent Lippenstift auf und schminkte meine Augenpartie etwas. Bei der Bekleidung griff ich auf die bodenständige, nicht zu auffällige Grundausstattung zurück, die mein Kleiderschrank hergab, in diesem Fall eine simple, schwarze Röhrenjeans und eine Bluse.
Um 18:45 Uhr verließ ich das Hotel und lief langsam los. Ich wollte auf keinen Fall zu spät kommen, und außerdem musste ich mich erstmal mental auf das Treffen vorbereiten.
Ich holte mehrmals tief Luft, ehe ich mich dazu durchrang, die Klingel zu betätigen. Alexander ließ sich offenbar Zeit und öffnete erst nach ein paar Minuten.
„Du bist zeitig", begrüßte er mich reglos.
Starr blickte ich ihm in die Augen, als er sich keinen Schritt zur Seite bewegte. „Ich kann auch wieder gehen, wenn dir das lieber ist."
Er legte die Stirn in Falten, murmelte so etwas wie „Neinnein" vor sich hin und trat kommentarlos zur Seite.
Ich erwiderte seinen Blick für einige Sekunden, dann lief ich an ihm vorbei in die Küche. Es duftete verlockend. Auf dem Herd erblickte ich ein Durcheinander von mehreren dampfenden Pfannen und Töpfen.
„Hast du gekocht?" Überrascht drehte ich mich zu ihm um und ertappte ihn dabei, wie er gerade sein Sweatshirt über den Kopf zog. Leicht lächelnd bewunderte ich das Spiel seiner Muskeln unter dem Hemd. Er kratzte sich kurz am Kopf, und ich sah, wie sich sein Bizeps anspannte. Bewundernd musterte ich ihn.
Seine Gesichtszüge wurden weicher. „Eine Hähnchen-Reispfanne. Ich hoffe, es schmeckt dir."
Begeistert weiteten sich meine Augen und ein Strahlen trat in diese, als ich seinen Blick auffing und hielt. „Ein All-Round-Mann also. Hast du auch Schwächen?"
Er lachte laut auf, um seine Verlegenheit zu überspielen und ging in die Küche, um die Pfanne zu holen. „Setz' dich schonmal." Dabei deutete er zum Esszimmertisch.
Ich musste ebenfalls kichern. Bingo, schon hatte ich voll sein Ego am Haken, dachte ich, während ich mich lächelnd setzte.
Aber die Freude dauerte nicht ewig. In diesem Augenblick vibrierte mein Handy und Marc schickte mir noch eine Nachricht. ‚Was ist los, Lillian? Geht es dir gut?'
Entnervt verdrehte ich die Augen und swipte hoch, sodass die Benachrichtigung verschwand.
Alexander hatte anscheinend was mitbekommen, offensichtlich hatte er echt gute Ohren. Als er an den Tisch kam und die Pfanne abstellte, blickte er mich fragend, aber wortlos an. Ich sah einen Schleier von Misstrauen über seine grauen Augen huschen.
Ich wich seinem Blick aus, unter anderem damit er nicht unbedingt mitbekam, wie ich versuchte, ein Augenrollen zu unterdrücken. ‚Wie immer im passenden Moment, Marc.' Und laut meinte ich: „Keine Sorge, das war nur eine Freundin."
Sein Blick bohrte sich in meinen, so intensiv, dass ich dachte, ich müsste den Blickkontakt gleich brechen. „Ich wünschte, ich könnte dir glauben."
Nachdenklich erwiderte ich seinen Blick, blieb aber stumm. Jetzt würde ich mit meinen Worten nur mehr kaputtmachen als reparieren. Unfreiwillig wurde ich wieder an gestern Abend erinnert. Fuck!
Als er sich umwandte, fiel eine Gabel auf die Fliesen. Bevor er reagieren konnte, beugte ich mich schon schnell nach unten und streckte meinen Arm nach der Gabel aus. Dabei blieb mein Blick an dem Fleck hängen, den die Bierflasche hinterlassen hatte. Die Traurigkeit darüber traf mich unvorbereitet. Ich hätte dieses Video nicht sehen sollen. Warum verdammt hatte Lou es mir gezeigt? Auf einmal musste ich gegen ein paar verzweifelte Tränen ankämpfen. Das Ganze erinnerte mich zu sehr an jenes Ereignis in der Vergangenheit. Damals hatte ich mich auch persönlich in einen Fall involvieren lassen, so sehr, dass ich meine Gefühle irgendwann nicht mehr unterdrücken konnte. Ich wollte auf keinen Fall meine alten Fehler wiederholen. Ich musste den anderen beweisen, dass ich inzwischen besser geworden war. Aber vor allem musste ich es mir selbst beweisen.
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