9. Moondancer
Bald darauf setzte die Verwandlung bei mir ein. Plötzlich konnte ich mich nicht mehr aufrecht halten und die Schmerzen schienen meinen Körper zu kontrollieren. Jede einzelne Bewegung schien mich umbringen zu wollen und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf dem kühlen Boden zusammen zu rollen und die Zähne zusammen zu beißen. Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Ein. Aus. Ein. Aus.
Warum hatte mich niemand vorwarnen können? Diese Schmerzen waren bestialisch. Leise Tränen rannen mir über die Wange. Meine gesamte Selbstbeherrschung brach über mir zusammen und ich gab auf, so zu tun, als wäre ich stark. "Es tut so weh...", wimmerte ich. Marion zog die Stirn in Falten und sah mich hiflos an. Sie wusste nicht, was sie tun konnte. Nach einigen Sekunden entschied sie sich schließlich für eine tröstenden Methode. „Ganz ruhig. Bald hast du es hinter dir.", meinte sie hilflos und strich mir eine verschwitzte Strähne meiner braunen Haare aus der Stirn. Jetzt, da ich eigentlich nur noch sterben wollte, schien ihre beruhigende Stimme wie Musik in meinen Ohren. Sie gab mir Kraft, während ich meine Finger in den Boden grub, um die Schmerzen weiterhin auszuhalten. Daraufhin legte sie sanft ihre Hand auf meine. „Lass das, du tust dir selbst weh.", meinte sie leise. Ich nahm mich zusammen und mein ganzer Körper spannte sich dabei an. Meine Muskeln drückten deutlich hervor und die Sehnen waren zum Zerreisen gespannt.
„Atmen nicht vergessen", erinnerte mich meine Freundin und ich holte wieder keuchend Luft. Es fiel mir alles schwerer. „Willst du was zu Trinken?", wurde ich dann von ihr gefragt. Unter Schmerzen nickte ich. Meine Kehle war wie ausgedörrt. Vorsichtig hielt meine Freundin mir eine Flasche Wasser an die Lippen, und ich trank dankbar ein paar Schlucke. „Soll ich den Arzt rufen?", fragte sie mich noch, doch ich verneinte. „Bloß nicht, das ist keine Krankheit", murmelte ich schwach. „Der Vollmond hat seinen höchsten Stand erreicht. Es geht los.", bestätigte Morendo. Stockend wiederholte ich die Information für Marion, die neben mir kauerte.
Mein Körper fing an unkontrolliert zu zucken und sich hin und her zu winden. Atme gleichmäßig, fuhr ich mich in Gedanken selbst an, obwohl es sich so anfühlte, als ob ich in Flammen stand. Mir war wahnsinnig heiß und alles schmerzte. Ich zog mein T-Shirt aus und schälte mich aus der Hose, denn ich hatte die ungute Vorahnung, dass sich das nicht mit verwandelte. Richtig, denn mir wuchs schon ein dichtes, weißes Fell. Marion beobachtete mich fasziniert, wie ich mich am Boden wand und langsam jedes Körperteil sich in ein Pferd zu verwandeln begann.
Morendo starrte mindestens genauso neugierig. Mein Haar wurde länger und färbte sich silbern. Meine Knochen dehnten sich und verlängerten sich ebenfalls. Bald hörten die Schmerzen auf und ich lag erschöpft am Boden. Meine Sicht war schärfer geworden und ich fühlte mich anders.
Ganz langsam rollte ich mich auf den Bauch. Ja, ich war wirklich zu einem Pferd mutiert. Es war absurd, doch ein schönes Gefühl. Mein Fell war weiß und mein Langhaar glänzte silbern. Marion rutschte zu mir. „Hanna?", frage sie leise. Ich wandte meinen Kopf zu ihr. Vorsichtig nickte ich und stand langsam auf. Mein Schweif fiel bis zum Boden und die Mähne ging mir bis über die Schultern. Meine Pferdegestalt war wirklich schön.
Vorsichtig berührte Marion mich, ihre Hand glitt über meinen Hals. „Das ist unglaublich.", hörte ich sie sagen. Ja. Das war es. Vorsichtig machte ich ein paar Schritte Richtung Ausgang. Ich konnte viel besser laufen als vorher. Und wie ich laufen konnte. In meinen Hufen kribbelte es. Kaum war ich außerhalb des Stalls schoss ich schon los. Meine Hufe donnerten über den Beton und ich streckte die Nase in den Wind. Das war das Gefühl der Freiheit. Ich war muskulöser geworden. Die Ausdauer, die mir nun zur Verfügung stand, gefiel mir.
Ich rannte eine Runde um die Arena, bevor ich wieder zu Marion, die an der Stalltür wartete, zurückkehrte. Wenige Meter vor ihr legte ich eine Vollbremsung ein, um sie nicht umzurennen. Meine Knie knickten ein und ich schlitterte mehr oder weniger über den glatten Boden. Das Bremsen musste ich wohl noch üben. Als ich mich wieder gefangen hatte, kam ich mit gesenktem Kopf wieder zu der blonden Frau, die auf mich wartete. „Hallo, Hanna.", sagte sie leise und fuhr mir über die Stirn. „Hallo, Marion", erwiderte ich und ich wusste, sie konnte mich immer noch verstehen. Aber meine Stimme verwirrte mich zuerst. Sie klang magisch, tief und hoch gleichzeitig.
„Thorgal?", rief ich. „Willst du mitkommen?" Der Cremello war sofort Feuer und Flamme, auch wenn er nicht wusste, wohin. „Ein Nachtausritt? Ich bin dabei!", rief er euphorisch zurück. Vorsichtig kam ich an seine Box, um ihn nicht mit meiner neuen Gestalt zu sehr zu erschrecken. Trotzdem zuckte er zusammen und machte entsetzt einen Satz nach hinten. „Ich bin es nur. Hanna.", murmelte ich. „Achso, deshalb kannst du uns also verstehen.", sagte er, nachdem er eins und eins zusammen gezählt hatte. Selbstständig öffnete er seine Box und ging zu Marion, um sich vor ihr niederzulegen. Sie rutschte auf seinen Rücken und ihr Pferd stand auf. Der Vollmond tauchte über uns leuchtete so hell, dass wir auch ohne Lampen im Dunkeln genug sehen konnten.
Langsam setzte ich mich in Bewegung. Thorgal lief hinter mir her. Marion schwieg und verließ sich ganz auf ihr Pferd. Bald waren wir wieder auf der Galoppstrecke vom Sonntag der vergangenen Woche. Mit jedem Schritt kehrte meine Kraft zurück und ich spürte sie aus der Erde direkt in mich strömen. Die Freiheit war zum Greifen nahe.
Da hielt mich nichts mehr im Schritt. Spielerisch schlug ich nach Thorgal aus und rannte über das Feld. Mein langer Schweif wehte hinter mir her und die Mähne hüllte mich bei jedem Bocksprung in eine silberne Wolke. Ich warf mich herum und sah nach Thorgal. Er stand noch da und beobachtete mich, denn Marion erlaubte ihm noch nicht, zu mir zu rennen. Doch dann rutschte sie von seinem Rücken und ließ ihn machen, was er wollte. Der Hengst stürmte auf mich zu und rammte mich sanft. Sofort ließ ich mich auf diesen spielerischen Kampf ein. Es machte mir Spaß meine Kraft zu zeigen. Vorsichtig rammte ich Thorgal zurück. Dieser ließ das nicht mit sich machen und schwang sich auf die Hinterbeine. Sofort tat ich es ihm nach und wir verkeilten uns zu einer einzigen Silhouette im Mondschein. Bis ich mich von ihm abstieß und ein Stück davongaloppierte.
Doch der Hengst folgte rasch, bis wir ein kleines Wettrennen starteten. Seite an Seite preschten wir über das Feld. Es war ein schönes Gefühl, meine Hufe über den Boden trommeln zu spüren. Den Wind, der mit meiner Mähne spielte und mein Fell kräuselte. Wir rannten unentschieden. So griff ich Thorgal im Spiel nochmal an. Doch schon nach einer kurzen Weile ließ ich von ihm ab. Natürlich nicht, ohne noch einmal nach ihm auszuschlagen. Liebevoll zwickte er mich in den Hals und ich schob ihn sanft Richtung Marion. Diese hatte auf uns gewartet und lächelte, als wir Seite an Seite zu ihr zurücktrabten. Eine Träne schimmerte auf ihrer Wange. Thorgal fuhr ihr sanft mit der Schnauze darüber und ließ sich kraulen. „Eigentlich dürften wir Menschen euch Pferden die Freiheit nicht nehmen.", flüsterte sie melancholisch und schwang sich wieder auf den Rücken ihres Pferdes.
Wir liefen in Richtung Wald. Als Pferd waren die Gerüche noch viel intensiver und mich überwältigte der Duft nach Nadeln, Laub und Kräutern. Der Wind, der durch die Blätter fuhr und sanft mit meiner Mähne spielte. Ein paar Rehe waren auf dem Weg, ließen sich von uns aber nicht stören. Der volle Mond zeichnete wunderschöne Konturen auf den Waldboden und tauchte alles in ein magisches Licht.
Dieser Ort war voller Magie, das spürte ich. Diese Magie drang in mich ein und erfüllte mich mit einem schönen Glücksgefühl. Hier, hier war ich zuhause. Zusammen mit Thorgal und Marion, die neben mir herliefen. Selbst er spürte die Magie sichtlich und genoss es. Marion lag auf seinem Hals, kraulte ihn gedankenverloren und wurde eins mit dem Pferd. Wir liefen lange umher, doch vor der Dämmerung kehrten wir zurück.
Im Stall legte ich mich auf den Boden vor Morendos Box und schloss die Augen. „Weck mich, falls ich mich zurückverwandeln sollte.", sagte ich zu Morendo und warf Marion einen Blick zu, die es sich auf ein paar Strohballen gemütlich gemacht hatte. Erschöpft schlief ich ein, wurde aber von den ersten Sonnenstrahlen und Morendo bereits wieder geweckt.
Ich war wieder ein Mensch. Nur mein Haar erinnerte noch daran, dass ich heute Nacht ein Pferd gewesen war. Noch immer leuchtete es silbern. Leise zog ich mich an, um Marion nicht zu wecken, die fest schlief.
Ich holte eine Bürste aus meinem Rucksack und kämmte mir das Stroh aus den Haaren. Dann machte ich mir einen Dutt und stopfte meine silbernen Haare unter eine Schildcap. Als es kurz vor acht war, weckte ich Marion. Sie warf mir einen überraschten Blick zu und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
„Morgen", murmelte sie und gähnte. „Guten Morgen, ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich fühle mich unglaublich.", sagte ich und streckte mich. „Kein Wunder, aber ist das wirklich passiert?", meinte sie und rappelte sich auf. Ich reichte ihr eine Bürste, damit sie sich ebenfalls kämmen konnte und nahm meine Mütze ab. Als sie meine silbernen Haare sah, lächelte sie. „Du sahst wunderschön aus. Das Pferd hat dir gestanden." Ich grinste. „Tja, aber sag es niemanden. Die würden mich für verrückt erklären. Jetzt weißt du, was mein Geheimnis ist. Am besten beachtest du es nicht weiter, dann fällt es am wenigsten auf."
„Schon klar, aber um ehrlich zu sein, fand ich deine Geschichte auch ziemlich verrückt, ich hatte dir anfangs auch nicht wirklich geglaubt. Bis du dich vor meinen Augen in ein Pferd verwandelt hast." Ärgerlich gab ich ihr einen Stoß. „Wusste ich es doch. Und das Gespräch mit Thorgal? Glaubst du daran?" Marion legte mir einen Arm um die Schultern. „Jetzt ja. Und es erfüllt mich mit Stolz, ein so tolles Pferd zu haben."
Sie verschwand in den Umkleideraum, um sich frisch zu machen. Ich öffnete währenddessen die Fenster zum Park und ließ frische Luft in den Stall herein. Es versprach, ein schöner Tag werden, denn meine Schmerzen waren wie weggeblasen und der Himmel war wolkenlos. Mir ging es prima, richtig gut sogar. Die Magie der Erde klang noch immer in mir nach. Es war ein wunderschönes Gefühl gewesen, einfach nur zu galoppieren. Bald darauf kam Marion wieder. „Du, Thorgal sah gestern ganz anders aus. Als ihr beide über das Feld gerannt seid und gekämpft habt. Aber hast du ihm eigentlich wehgetan?"
Beruhigend schüttelte ich den Kopf. „Es war kein Kampf. Es war wie ein Spiel unter Fohlen. Und ja, Pferde sind anders, wenn sie frei sein dürfen. Dann kosten sie so richtig das Gefühl aus, rennen zu dürfen. Für Menschen ist es wie...", ich suchte nach Worten. „Hm. Vielleicht, wenn du tagelang in deinem Zimmer eingesperrt gewesen bist und nach Tagen in Dunkelheit, die Sonne wiedersehen kannst und dich endlich richtig austoben kannst. Wenn du zum Beispiel krank warst und plötzlich gesund wirst. Ein unbeschreibliches Gefühl."
Betroffen nickte meine Freundin. „Ja, und wir nehmen es den Tieren weg." Ich nickte. „Hast du etwas zu essen? Zwar bekam ich Kraft aus der Erde heute Nacht, aber Hunger habe ich trotzdem wahnsinnig.", meinte ich. Marion lachte. „Du hast ja auch seit gestern Mittag nichts mehr gegessen. Komm, wir gehen in eine Bäckerei in Rust. Die dürften schon aufhaben." Sie hakte sich bei mir unter und wir liefen los.
Es war fast neun Uhr, als wir eine Bäckerei gefunden hatten. So gab es belegte Brötchen zum Frühstück, mit Kaffee. Marion trank gleich zwei Tassen, denn sie war ziemlich müde, da ich sie ja recht lange wachgehalten hatte.
Für sie war es unerklärbar, wie ich völlig fit sein konnte. Nach dem Frühstück saßen wir noch einfach ein Weilchen in der Bäckerei und beobachteten, wie Rust allmählich zum Leben erwachte. Als wir wieder gingen, rutschte eine Strähne meines Haares aus dem Dutt. Sie war braun und so nahm ich die Mütze ganz ab. „Noch silbern?", fragte ich Marion. Diese schüttelte den Kopf.
„Doch", sagte sie plötzlich. „Eine Strähne ist noch silbern, aber die fällt kaum auf." Ich nickte und fuhr mir mit der Hand durchs Haar.
---------------------
Anbei ein Bild von Marion auf Thorgal :) Ihre Haare sehen auf dem Bild ziemlich braun aus, aber normalerweise sind sie blond gefärbt.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top