7. Training
Am nächsten Morgen stand ich früh auf, packte meine Schulsachen und meine Reitsachen. Nach der Schule würde ich direkt nach Rust fahren. Im Zug konnte man schließlich auch Hausaufgaben machen. Ich schnappte mir noch zwei Äpfel und ging. Auf dem Weg zur Bushaltestelle aß ich einen Apfel. Der andere war für Morendo.
Diana stand schon da. Sie war eine Freundin aus meinem Ort, die mit mir in die Schule fuhr. Sie hob eine Augenbraue als ich kam. „Du riechst ein bisschen nach Pferd.", stellte sie fest. Hä? Ich hatte doch geduscht. „Jetzt war ich zwei Tage nur von Pferden umgeben und schon bekomme ich den Geruch nicht mehr raus.", erklärte ich und verdrehte die Augen. „Wieso, wo warst du?", wollte Diana wissen. „Bei meinem Job. Ich arbeite jetzt als Pferdetrainerin." Diana schüttelte nur grinsend den Kopf, denn sie glaubte mir nicht wirklich. Allerdings beließ sie es dabei, fragte nicht weiter nach. Es war sowieso zu früh, um schon klar denken zu können.
Doch Eliza würde ich es wahrscheinlich erzählen. Sie war meine beste Freundin und ich liebte ihre Reaktion, wenn sie rausfand, dass ich sie wieder verarschte. Zumindest würde sie es für einen Witz halten. Ich meine, wer glaubt schon, dass ich im Europapark arbeitete? Und wirklich. Als ich mich auf den Platz neben ihr fallen ließ und meine Tasche unter den Tisch warf, lächelte sie erst einmal zur Begrüßung. „Hatten wir Hausaufgaben?", fragte ich, doch sie schüttelte den Kopf. „Gott sei Dank, ich hatte nämlich keine Zeit." Eliza hob die Augenbrauen. „Wieso, wo warst du?" „Im EP.", grinste ich selbstgefällig.
Sie verdrehte demonstrativ die Augen, denn wir hatten die letzten zwei Jahre eine Jahreskarte gehabt und waren dementsprechend oft gewesen. „Alleine?", wollte sie dann wissen. „Nö, naja, alleine kann man es eigentlich nicht nennen. Ich arbeite doch jetzt dort, habe ich das noch nicht erzählt?" Eliza verdrehte wieder die Augen. „Haha, sehr lustig."
Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. „Wieso? Ernsthaft." „Hanna, ich kenne dich. Du sollst mich nicht verarschen." „Wieso sollte ich dich verarschen?" Sie zuckte die Schultern. „Weil du das regelmäßig tust?" „Nee, ich arbeite wirklich dort.", antwortete ich ruhig. „Jaha, das ist nicht mehr lustig. Ernsthaft!" „Aber ich arbeite dort wirklich!" „Tust du nicht." „Doch!" „Nein!" „Doch!" „Nein!",... das ging so weiter bis fünf Minuten später die Dritte aus unserer Clique, Selina, reinkam und sich zu uns setzte. „Um was geht es?", fragt sie und Eliza unterbrach ihr Nein und ich nutzte schnell die Gelegenheit um nochmal „Doch!", zu sagen. „Halt die Klappe!", fuhr sie mich an und ich streckte ihr die Zunge raus.
Da bekamen wir beide urplötzlich fast einen Lachkrampf. Das war das Schöne an besten Freundinnen. Sie verstanden sich immer ohne Worte. „Ihr seid wie zwei kleine Kinder!", stellte Selina trocken fest. Doch Eliza fasste sich schnell wieder. „Sie behauptet felsenfest, im Europapark zu arbeiten. Aber sie das kann niemals die Wahrheit sein!" „Aber es ist so, ich arbeite dort wirklich!", gab ich grinsend zurück. Selina hob schlichtend die Hände. „Ja, ist gut. Hanna, warum solltest du im Europapark arbeiten und als was?" Eliza wollte Einspruch erheben, aber Selina gab ihr ein Zeichen zum still sein.
Wortlos hielt ich ihr den Mitarbeiterausweis unter die Nase. „Ich arbeite als Pferdetrainerin in der spanischen Arena." Eliza sah sich die Plastikkarte, die so viel Wert war, an. „Ist der gefälscht?" „Warum sollte ich einen Ausweis fälschen?", konterte ich. „Ich trau dir alles zu", meinte sie trocken, worauf von mir ein empörtes „Danke!", kam. Wir wollten unsere Diskussion fortsetzten, doch unser Mathelehrer, Herr Tschisgale alias der Zombie, kam herein. Er sah ein wenig aus wie ein Zombie und redete auch so. Wortlos ließ ich Mathe über mich ergehen. Doch in der Pause ging unsere Diskussion weiter, sogar die Jungs mischten sich ein, worauf wir Mädchen wieder total genervt waren, was unsere Diskussion wieder in die nächste Pause verschob.
Doch auch dort lagen uns die Jungs auf den Nerven. „Was? Wer geht in den Europapark?", fragte Lars neugierig. „Ach, sei Ruhig", fuhr ich ihn übel an, worauf er überrascht zurückzuckte und zu seinen Freunden ging. „Hanna hat mich angeschrien, oh, müssen wir uns jetzt Sorgen machen?", fragte er sarkastisch und ging aus dem Klassenzimmer. Ich feuerte Blicke in seinen Rücken.
Mittlerweile hatte ich Eliza zumindest so weit, dass sie mir wenigsten ein Bisschen glaubte. So erzählte ich ihr von den zwei Tagen und die Deutschstunde ging mit ein paar Ermahnungen auch schnell vorbei. Gleich nach dem Unterricht packte ich meine Sache und ging zum Bahnhof. Im Zug erledigte ich, wie vorgehabt, meine Hausaufgaben, und ging direkt in die spanische Arena.
Dort hatten sie gerade eine Aufführung. Ich wurde von allen kurz begrüßt, doch ich ging ohne Umschweife zu Felicitas' Box. Unterwegs aß ich den Apfel, der für Morendo gedacht war, denn ich hatte schon wieder keine Zeit für Essen gehabt. Als Felicitas mich erblickte, warf sie mir einen bösen Blick zu, aber akzeptierte mich als Ranghöher. „Hallöchen Felicitas", begrüßte ich sie. „Hi", murmelte sie trocken. „Keine Lust, gell?" Ich grinste. „Nach gestern nicht mehr", brummelte sie. Ich nahm ihr Halfter vom Haken und wedelte damit. „Kommst du?" Sie verdrehte die Augen, trottete aber willig in meine Richtung. Zwei Schritte vor mir blieb sie stehen. „Wehe, du tust mir was.", sagte sie plötzlich. „Nur, wenn du deinen Rang nicht akzeptierst, dann ja."
Brav ließ sie sich aufhalftern und über den Hof zum Reitplatz führen. Dort ließ ich sie wieder frei. Sofort brachte sie einen Abstand von drei Meter zwischen uns. Das war ein angemessener Abstand, für den Unterschied zwischen den Rängen. Reiten konnte ich sie wohl nicht mehr, wenn ich meinen höheren Rang behalten wollte. Ihr Blick ruhte auf mir, als ich sie nach draußen auf den Hufschlag schickte. „Na dann, lauf mal Schritt, Große."
Sie gähnte und setzte sich in Schritt. Ihr Blick glitt immer wieder von mir ab und sie war total unaufmerksam. So ließ ich mir etwas einfallen. Sobald sie wieder an der langen Seite war, rannte ich schnell vor sie. Augenblicklich drehte sie sich herum und galoppierte ein Stück von mir weg. „Das war die falsche Reaktion, Felicitas.", ermahnte ich sie, dann ließ ich sie wieder Schritt laufen. Nach einer Weile, ihre Aufmerksamkeit ging schon wieder verloren, sprang ich wieder vor sie und diesmal dachte sie kurz nach, bevor sie reagierte. Schließlich ging sie rückwärts. „Ok, aber das nächste Mal, bitte etwas schneller." Das machte ich noch ein paar Mal mit ihr, bis sie es kapiert hatte. Daraufhin setzte ich mich auf den Zaun und ließ sie noch ein bisschen laufen, damit sie richtig bewegt war. Eine halbe Stunde zwischen Trab und Galopp genügte und ich brachte sie wieder zurück in die Box.
Danach spielte ich noch ein paar Spielchen mit Hidalgo, der heute ebenfalls nicht viel bewegt wurde und ging dann heim, nicht ohne vorher noch etwas zu essen. Diesen Tagesablauf hielt ich durch. Die Schule, das Training mit Felicitas und ein paar Spielchen mit einem Pferd.
Am Freitagmorgen fing es an. In der Schule hatte ich furchtbare Kopfschmerzen. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Es war als hämmerte jemand von innen, gegen meine Schläfen. Trotzdem ging ich zu den Pferden, nach Rust. Im Zug wechselten dann meine Kopfschmerzen zu einer unbeschreiblichen Übelkeit, ich schaffte es kaum mich aufrecht zu halten. Trotzdem quälte ich mich irgendwie zum Europapark. Vor Morendos Box ließ ich mich auf den Boden sinken, denn jetzt war mir schwindelig.
„Ich verstehe das nicht, Morendo. Erst Kopfschmerzen, dann Übelkeit und jetzt Schwindel. Nie kommt etwas zusammen und richtig krank fühle ich mich auch nicht.", jammerte ich. Morendo widmete nun seine Aufmerksamkeit mir und warf mir nur einen besorgten Blick zu. „Geh lieber nach Hause.", schlug er vor, doch ich winkte ab. Ich war nicht mal mehr in der Lage, Felicitas zu trainieren.
Marion sah das und sie wollte mich ebenfalls sofort nach Hause schicken, aber ich lehnte ab. „Lass Marion, so schlecht geht es mir nicht." Marion schüttelte sarkastisch den Kopf. „Nee, du bist ja nur nicht mehr in der Lage, aufrecht stehen zu bleiben. Also gut, was soll ich machen?" Sie hatte sich dazu entschieden, mir mit der Stute zu helfen und stand nun mit ihr in der Mitte des Platzes. „Lass sie am langen Zügel gehen, sie soll ein bisschen besser auf die Hilfen reagieren." Marion verstand, sie stellte sich rechts hinter Felicitas und führte sie an zwei Longen, die wie Zügel befestigt waren.
Ich ließ Marion das ein Weilchen machen, denn Felicitas war brav und bald hatten Beide den Dreh raus. Doch mehr konnte ich nicht sehen, denn plötzlich verschwamm die Welt vor meinen Augen und die Übelkeit wechselte zu Kopfweh. Ich schloss kurz die Augen und lehnte mich an den Zaun. „Du siehst nicht gut aus, Hanna. Sicher dass es dir gut geht?", kam es wieder besorgt von meiner blonden Kollegin. Ich nickte nur.
„Soll ich Ornella fragen, ob sie dich mitnimmt, sie wohnt ja auch in deiner Nähe.", fragte Marion besorgt. Ornella war mit Louisa befreundet, aber ich hatte sie noch nich persönlich kennengelernt. Sie war eine Sängerin in einer anderen Show, die ich auch sehr mochte. Waterloo. Deswegen wollte ich mich auch unbedingt mal mit ihr treffen. Ihre Stimme war wunderschön und schon lange träumte ich davon, die schwarzhaarige Offenburgerin kennenzulernen. „Lass gut sein, ich bleibe hier.", antwortete ich schließlich. Als Marion merkte, dass ich ein unverbesserlicher Dickkopf war, gab sie nach und sammelte Felicitas ein, die sich nach der Stunde ausgiebig im Sand des Platzes gewälzt hatte.
Vorsichtig richtete ich mich auf, indem ich mich am Zaun hochzog, und folgte Marion und unserem Sorgenkind in den Stall. Dort hielt ich mich an den Eisenstäben der Boxen fest, um nicht umzufallen, denn das traute ich mir, ehrlich gesagt, gerade zu. Vielleicht sollte ich doch nach Hause? Nein, bei den Pferden fühlte ich mich am wohlsten. Deswegen blieb ich.
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