62. Etappe 1

Samstagmorgen in der vorletzen Ferienwoche, begann ich, frühmorgens schon, Vito herzurichten. Denn heute wollten wir losreiten. Mein Pferd kaute noch ein wenig auf dem Heu herum, während ich ihm schon die Satteltaschen festmachte. Anschließend füllte ich diese. Nur das notwendigste war dabei. Frische Kleidung, Regenponchos und einen gefüllten Kulturbeutel für mich und in der anderen Tasche hatte ich einen Striegel, Bürste und Hufkratzer, ein wenig Kraftfutter und Leckerlies für Vito. Dazu trug ich einen Rucksack mit Essen und Trinken für mich und meinem vollaufgeladenen Handy, das aber ausgeschalten war. Meinen Camcorder hatte ich natürlich auch dabei. Ich wollte meinen ersten Wanderritt in einem Videotagebuch festhalten.

Mir fiel gerade auf, ich könnte ja direkt anfangen. Ich holte also die Kamera heraus und schaltete sie ein.

"Hallo, da draußen vor den Bildschirmen. Ihr seht hier einen gepackten Jovito.", fing ich direkt, auf Deutsch, an und schwenkte kurz zu meinem Falben, der neugierig in die Kamera sah. "Wir wollen jetzt auf einen großen Ausritt gehen. Am Dienstag sind wir dann in Straßburg. Wer will, kann uns zuschauen, wir werden eine kleine Vorführung haben. Bei dem Reiterfest auf dem Hof von meinem Vater. Ihr findet ihn als Trabergestüt Fernay auch im Internet. Vito wird auch dort übernachten. Aber am Dienstag sind wir auf jeden Fall beim Fest. So heißen wir übrigens auch mit Nachnamen: Fernay. Gleich geht es los und ich bin schon ziemlich aufgeregt. Ich werde ein bisschen vloggen, damit ihr auch etwas zu sehen bekommt. Na dann, bis nachher.", meinte ich und schaltete die Kamera wieder aus.

Dann holte ich die schöne Trense von Vito. Eigentlich war sie zu schön, um sie als normale Reittrense zu verwenden, doch ich wollte aber auch kein Geld für eine neue Trense ausgeben. Und Vito passte sie ja und lag ihm auch angenehm am Kopf.

Als wir wenig später fertig gesattelt auf dem Hof standen, sah ich noch einmal zurück. Marion lehnte am Stalltor und blickte mich ruhig an. In letzter Zeit wirkte sie immer abweisender. Ihre grünbraunen Augen wirkten dunkler als früher und manchmal lagen tiefe, lila Schatten unter ihren Augen. Oft tauchte sie auch stark geschminkt auf, um zu verstecken, wie fertig sie war. Der Abschied von Thorgal machte ihr eindeutig zu schaffen.

Und ich verlasse sie jetzt einfach in ihrer schwersten Zeit, fuhr es mir durch den Kopf. Schöne Freundin bist du... In mir nagte das Gewissen und so drehte ich mich nochmal um und lief zu ihr zurück.

Ohne ein Wort umarmte ich sie. Sie seufzte nur.

"Ich kann auch hier bleiben...", setzte ich an, doch meine Freundin schüttelte den Kopf. "Bloß nicht! Du bist noch so jung, genieße deine Zeit! Nachher ärgerst du dich nur um jede verschwendete Sekunde in deinem jungen Leben. Noch kannst du alles machen. Du hast so viele Möglichkeiten. Dein Pferd ist gesund, jung und voller Energie. Nutz das, Hanna.", sagte sie energisch und klang, als müsste sie sich selbst überzeugen.

Ich verstärkte meinen Griff, um sie zu trösten. Sie erwiderte.

Nach einiger Zeit schob sie mich schließlich von sich in Richtung Vito. "Jetzt steig endlich auf und ab mit dir. Sonst schaffst du deine ersten 20 Kilometer nicht.", lächelte Marion, mit Tränen in den Augen.

Lachend gab ich ihr noch die Bises, die Franzosenküsschen, auf die Wange und schwang mich auf den Rücken meines geduldigen Pferdes. Wobei er nicht wirklich geduldig war. Vito mochte es, einfach nur im Schatten zu stehen und vor sich hin zu dösen. Obwohl er mittlerweile vier war, das hatte ich vor kurzem in seinem Pass gelesen, war er absolut noch ein Teenager. Energiesparend und langschläfrig, doch wenn er wollte konnte er richtig frech und aufgedreht sein. Wie ein normaler, menschlicher Teenager eben.

Ich winkte Marion noch ein letztes Mal zu, warf noch schnell einen Kontrollblick in die Taschen und ertastete mein Handy in der Jackentasche. Alles war vollständig.

Dann richtete ich mich auf und drückte meine Waden in den Bauch meines Falben. Mein Ziel war schließlich, mein Pferd an die normalen, überwiegend stimmlosen Hilfen zu gewöhnen.

Vito gehorchte. Im Schritt ritten wir schließlich vom Hof. Wir mussten uns nach Osten halten. Unsere Route hatte ich vergangene Tage oft genug studiert.

Wir mussten immer in Richtung Schwarzwald. Nach Seelbach. 22 Kilometer. Das war nicht besonders viel, das wussten wir beide. Im Schritt würden wir vielleicht 5 Stunden brauchen. Zuerst ging es aber nach Ettenheim und von dort auf einen Feldweg durch das Gelände nach Seelbach. Dort würden wir die Nacht verbringen. Mein Plan beinhaltete auch ein Ausdauertraining für mein Pferd. Irgendwann musste er ja bis zu 15 Minuten am Stück galoppieren und das konnte er noch nicht wirklich.

Deswegen fingen wir jetzt leicht an. Morgen war die Strecke schon deutlich größer und heute war Zeit zum warmachen. Ich redete nicht viel und schweifte deshalb mit meinen Gedanken mal wieder ab.

Wenig später kreisten meine Gedanken natürlich wieder um Thorgal und Marion. Wir waren bei seiner zukünftigen Besitzerin gewesen und hatten uns die Umgebung angeschaut. Conny hatte einen ziemlich schönen Stall und alle wussten, dass es Thorgal dort gut gehen würde. Nur er selbst glaubte immer noch nicht daran. Kein Pferd denkt auch an die Zukunft!

Der blonde Hengst genoss die zusätzliche Fürsorge von Marion sehr und war zurzeit rundum zufrieden. Für ein Pferd gab es keine Zukunft, wie der Mensch sie betrachtet. Pferde leben aufmerksam im Augenblick. Nur die Vergangenheit, schwerwiegende Erfahrungen, brannte sich in ihr Gedächtnis ein. Dumm waren Pferde ja nicht, auch wenn sie ein kleines Gehirn hatten.

Genauso wie sich die schlechten Erfahrungen einbrannten, taten es auch die Guten. In den wenigen Wochen, in denen Vito jetzt bei mir war, hatte er so viele gute Erfahrungen gemacht, dass er mir wahrscheinlich für den Rest seines Lebens vertraute. Sofern ich es nicht ausnutzte.

Als ich meinen rechten Knöchel kurz im Steigbügel bewegte, ziepte es dort kurz. Das war der letzte Rest meiner Verletzung. Da ich ja auch so viel Magie in mir hatte, war die Verletzung sehr schnell geheilt. In den ersten paar Tagen trug ich noch eine Bandage, aber schon kurz darauf konnte ich voller Energie wieder mit Vito um die Wette rennen. Nur hin und wieder meldete sich mein Knöchel kurz, als Zeichen, dass es noch nicht vollständig geheilt war.

Ludo hatten wir dann schließlich erzählt, dass ich vor Übermut den steilen Aufgang vom unteren Umlauf in die Arena hinuntergestürzt war. Er hatte nur gegrinst, denn da war ich nicht die Erste. An der Sommernachtsparty vergangen Jahres, der Tag, an dem der Park bis Mitternacht offen hatte, hatte es auch eine Nachtarena gegeben. Stéph hatte vor Übermut, weil es sehr voll war und er ziemlich aufgeregt war, einen kleinen Sprung oder einen falschen Schritt gemacht, so genau wusste ich das nicht mehr. Jedenfalls war er ebenfalls dort hinunter gestürzt und war einen Monat nicht mehr in der Arena zu sehen. Er hatte damals die gesamte Show über gehumpelt und ich nahm an, dass er sich auch irgendetwas am Fuß gemacht hatte.

Doch plötzlich riss mein Pferd mich aus den Gedanken. Abrupt blieb er stehen und ich nahm schnell die Zügel wieder auf. Allmählich war die Warmreitzeit für die heutige Strecke nämlich vorbei.

Vor uns war ein Getreidefeld, das gerade von einem Mähdrescher abgeerntet wurde. Vito fand diese große, grüne Maschine gar nicht toll und tänzelte nervös auf der Stelle.

Mit leisem Pfeifen versuchte ich ihn zu beruhigen.

Pfeifen war eine Methode, die Ludo gerne anwandte, denn in der Arena gingen beruhigende Worte gerne unter und es wurde bei manchen Shows ja auch gesprochen. Es konnte das Pferd irritieren. Deswegen hatte Mario einen guten Mittelweg mit Pfeifen gefunden. Er nannte dies selbst Siffloter. Ich hatte diese Technik gerade übernommen und Vito von Anfang an daran gewöhnt.

Jetzt zahlte es sich aus und das Pferd hörte willig auf meine beruhigenden Laute. Zwar rollte er noch nervös mit den Augen, blieb aber brav stehen. Der Mähdrescher entfernte sich nämlich gerade von uns, wobei ich wusste, dass er früh oder später wieder umdrehen würde und direkt an uns vorbeifahren würde. Wir standen direkt neben dem Gerstefeld, welches er sich vorgenommen hatte. Ich entschied vorerst nicht weiterzureiten und blieb mit meinem Falben auf dem Feldwegs stehen. Dieser hatte sich inzwischen wieder beruhigt und beobachtete die grüne Maschine interessiert. Momentan war sie nämlich ziemlich weit entfernt, drehte aber gerade wieder um.

Als sie wieder langsam auf uns zu kam, verspannte sich mein Pferd erst und begann dann wieder umherzutänzeln. Es war aber eine Situation, an die er sich gewöhnen musste. Vor allem, wenn jetzt wieder die Erntezeit begann. Hätte er weiterhin Angst, musste ich auf entspannende Geländeritte, während der nächsten paar Wochen, verzichten. Und das wollte ich garantiert nicht.

Als die Maschine nur noch wenige Meter von uns entfernt war, warf Vito sich herum und wollte davon stürmen, doch mit Mühe und Not konnte ich ihn halten, sodass er schweißgebadet stehen blieb.

Vito stieg verängstigt, wobei er nicht mehr als einen halben Meter vom Boden hochkam. Wir hatten es nämlich immer noch nicht geübt und mein Pferd lernte aus seinen Fehlern.

Der Fahrer des Mähdreschers sah das und hielt rücksichtsvoll kurz an. Er öffnete das Fenster und rief: "Soll ich kurz warten, bis du vorbei bist, Mädchen?" Ich lächelte. Es gab also noch freundliche Bauern. Konzentriert ritt ich mit Vito einige Volten, um ihn ein bisschen von der Maschine abzulenken.

"Nein, aber haben Sie kurz Zeit? Er ist noch sehr jung und ich möchte ihm die Möglichkeit geben, sich den Mähdrescher anzusehen.", antwortete ich schließlich.

Der Fahrer nickte freundlich und stellte den Motor ab. "Natürlich. Wenn du nicht eine halbe Stunde brauchst..."

Lächelnd bedankte ich mich und ritt näher an den Mähdrescher dran. Mein Pferd schnaubte nervös, aber vertraute mir genug um nicht wieder einen Satz nach hinten zu machen. Schließlich stieg ich ab und führte ihn zu der grünen Maschine.

Widerwillig folgte mein Falbe mir und fing schließlich sogar an mit seiner Nase das, durch die Sonne, warme Metall zu erkunden. Der Fahrer war sehr geduldig und immer wieder bedankte ich mich.

Als Vito nach zehn Minuten schließlich entschieden hatte, dass der Mähdrescher ungefährlich war, startete der Fahrer wieder den Motor. Zuerst machte Vito einen Satz nach hinten, aber er beruhigte sich schnell wieder. Noch ein letztes Mal trabte ich um die Maschine herum, bedankte mich noch ein letztes Mal und setzte dann meinen Weg fort.

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