59. Komplimente
Es mochte vielleicht kitschig klingen, aber für mich war dieser Ausritt im Sonnenuntergang der schönste Abschluss des Tages, den ich je hatte. Marco war ausnahmsweise mal ruhig, was für ihn eher ungewöhnlich war. Er war der quirlige Typ, der gerne redete und viel lachte. Genauso wie ich. Dennoch hatte er seine ruhigen Seiten und eine lernte ich gerade kennen.
Wir hatten nicht vor zu galoppieren. Warum auch? Die Pferde hatten ja heute schon gearbeitet und wir waren auch erschöpft. Im Wald blieben wir dann doch nicht lange, da die Schatten der Bäume doch schon eine gewisse Kühle spendeten und es ein wenig kalt wurde. Da war uns der Feldweg, der ohne Bäume war, schon lieber. Links und rechts waren Äcker und die Abendsonne warf unsere Schatten noch weit in die Maisfelder hinein.
"Du kannst wunderbar reiten.", meinte Marco irgendwann und ich sah ihn erstaunt an. "Danke.", meinte ich nach einer Weile geschmeichelt, "Du aber auch.". Er machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach was."
"Was findest du an meinem Reitstil denn so toll?", fragte ich schließlich neugierig. "Deine Art und Weise. Du gibst eher weniger Hilfen und lässt das Pferd entscheiden. Nur die wichtigsten Entscheidungen übernimmst du. Und das Pferd macht das mit und wirkt dadurch richtig entspannt und lässig. Ich wüsste gar nicht, wie ich das machen sollte. Mir wurde das Reiten so beigebracht, dass ich sofort versammelt reite. Mittlerweile laufen die Pferde unter mir automatisch so. Viel Entspannung ist da eigentlich nicht mehr. Aber du kannst das ja so, dass die Pferde innerhalb von Sekunden zwischen Entspannung und Arbeit wechseln können. Und das bewundere ich bei dir.", erklärte er.
"Danke.", murmelte ich und lächelte beschämt. Das hatte noch keiner zu mir gesagt. Da ich nicht wusste, was ich sonst noch darauf sagen sollte, blieb ich ruhig. Irgendwo war das zwar auch unhöflich, denn eigentlich müsste ich jetzt ein Gegenkompliment geben. Aber ich wusste nicht, wie ich das sagen sollte. Sein Reitstil war durchaus fast perfekt. Er war eben sehr wie sein Vater. Das Pferd lief unter Kontrolle und aufmerksam. Im Gelände, so wie wir gerade ritten, war das zwar überhaupt nicht notwendig, doch er hatte bereits gesagt, dass er das automatisch machte. Es gab so Leute, bei denen das Pferd, sobald der Reiter auch nur drauf saß, sofort versammelt ging.
Dabei taten diese noch gar nichts. Aber die Ausstrahlung des Reiters von langem, erfahrenem Reiten, sprach oft für sich. Die Pferde fühlten diese Ausstrahlung und gingen aus Respekt sofort ordentlich. Genau das tat jetzt auch Pelegrino. Der Braune lief ordentlich durch das Genick und wirkte trotzdem irgendwo entspannt. Natürlich war er nicht so entspannt, wie Vito es war. Dieser lief nämlich mit weit nach vorne gestrecktem Hals und eher schlurfenden Schritten. Man sah ihm an, dass er schon keine Lust mehr hatte.
Nach einer Stunde kamen wir wieder Zuhause an. Jetzt bezeichne ich die Arena schon als Zuhause, dachte ich grinsend und rutschte von Vitos Rücken. Dann brachte ich das Pferd wieder in seine Box zurück und ging zu Marco, der gerade Pelegrino absattelte. "Alles klar?", fragte ich. "Ja, denke schon.", meinte er nur und nahm den Sattel von dem Rücken seines Pferdes. "Kann ich dir helfen?", fragte ich vorsichtig. "Eigentlich nicht.", sagte er und schüttelte den Kopf. Einerseits wollte ich noch nicht gehen, aber unnötig herumstehen wollte ich auch nicht. Mittlerweile war schon 22 Uhr und ein Bus würde eh nicht mehr fahren.
Ich nahm mein Handy aus der Tasche und rief meine Mutter an. "Wo bleibst du?", meldete sie sich sofort. "Parkschluss war erst um Neun und danach waren wir noch ausreiten. Kannst du mich abholen?", fragte ich schließlich vorsichtig und hörte ein Stöhnen auf der anderen Seite der Leitung. "Hanna, es ist um 10! Du hast doch oft genug schon in Rust übernachtet, dann kannst du das heute ja auch mal tun!", seufzte sie. Das war meine Familie, wie ich sie kannte. Die Vollmondnächte hatte ich bisher immer mit einer Übernachtung bei Marion umschrieben. "Ja, von mir aus. Aber dann beklage dich nicht mehr, dass ich so selten bei euch bin.", brummelte ich und legte auf.
"Komm doch zu uns mit ins Hotel! Wir haben noch ein Bett frei.", schlug Marco vor und ich hob die Augenbrauen. "Habe ich Französisch geredet?", fragte ich vorsichtig, denn eigentlich hätte er nicht verstehen können, was ich mit meiner Mutter geredet hatte. Denn sie war ja eigentlich Deutsch, konnte Französisch aber wunderbar. "Ja, wieso?", antwortete Marco verwirrt. "Meine Mutter ist eigentlich Deutsche. Aber da mein Vater französisch ist, kann sie ganz gut Französisch und ich kann beide Sprachen. Aber da ich jetzt in den gesamten Ferien nur Französisch geredet habe, habe ich ganz vergessen zu wechseln.", erklärte ich und Marco nickte. "Verstehe. Aber du kannst wirklich mit zu uns kommen. Wir haben noch einen Platz im Hotelzimmer frei.", bot er mir nochmal an.
"Und wenn ich ein Massenmörder bin? Du kennst mich doch gerade mal einen Tag!", grinste ich. "Egal, ich vertraue dir.", meinte er und umarmte mich. "Falls nicht, bekommst du es mit mir zu tun!", raunte er in mein Ohr und ließ mich wieder los. Lachend stieß ich ihn von mir weg. "Du bist so verrückt!".
"Natürlich bin ich das. Es ist mein zweites Ich!", rief er und begann mich schelmisch grinsend zu kitzeln. Schon nach wenigen Sekunden kamen mir die Tränen vor Lachen, also beschloss ich dem Ganzen ein Ende zu machen, wand mich aus seinem Klammergriff und stieß ihn mit einer schnellen Bewegung nach hinten. Marco erhaschte jedoch den Saum meines T-Shirts und zog mich mit in seinen Fall, sodass wir beide im Stroh von Pelegrinos Box landeten. "Huch. War das Notwehr?", fragte er lachend und ich knurrte ihn gespielt an. "Hör auf, so zu sein. Sonst sterbe ich vor Lachen.", sagte ich, gefährlich und bleckte die Zähne. Sofort wurde Marco ernst und sah mich unschuldig an. Allerdings zuckten seine Mundwinkel und ich sah, dass er diese Maske nicht lange halten konnte. Und wirklich. Nur zwei Sekunden später prustete er wieder los und nebeneinander lagen wir schließlich lachend im Stroh. Es tat so gut, einfach nur unbeschwert lachen zu dürfen. Es ließ mich alle Sorgen über Thorgal, Marion und den Zeitdruck mit dem Einreiten vergessen.
Nach einer Weile konnten wir schließlich aufhören zu lachen und ich sah, wie Marco aufstand, um den Sattel von Pelegrino endlich wegzubringen. Ich blieb dagegen noch am Boden liegen und lächelte still in mich hinein. Marco war mir jetzt schon ein richtig guter Freund geworden. Und das nach diesem einen Tag, den wir zusammen verbracht hatten.
Kurze Zeit später stand er wieder an der Boxentür und sah auf mich herab. "Komm jetzt, du sollst doch nicht die Nacht hier verbringen. Was wird meine Mutter wohl denken, wenn wir so spät kommen." Lachend stand ich auf und klopfte mir das Stroh von der Reithose. "Weiß sie überhaupt davon?", fragte ich grinsend und Marco nickte ehrlich. "Ich habe sie gerade angerufen.", erklärte er und zupfte mir das restliche Stroh aus dem Haar. "Hübsche Farbe.", meinte er irgendwann und hielt meine silberne Strähne hoch. "Ach, das ist misslungen. Eigentlich sollte es blond werden, aber die Frisöse hat sich vergriffen.", meinte ich, als perfekte Notlüge, und zuckte mit den Schultern. Marco kicherte. "Steht dir.", sagte er trotzdem und ich lächelte. "Danke."
Dann ging ich in Richtung Umkleide. Dort hatte ich, seit meiner ersten Vollmondnacht, stets frische Kleidung deponiert. Ich stopfte sie in einen Rucksack und ging damit zurück zu Marco. "Also jetzt können wir gehen.", meinte ich und wir liefen zum Ausgang. Zusammen mit seiner Mutter, Fadila und seinem großen Bruder, Lucio, wohnte er in einem Zimmer im Hotel Santa Isabel. Sie empfingen mich mit offenen Armen und meinten es sei kein Problem, wenn ich eine Nacht bei ihnen bliebe. Was ich dann auch tat.
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