33. Jovito

Am nächsten Tag kam ich erst gegen Mittag, denn ich hatte ausschlafen müssen. Als ich wie üblich zuerst in Felicitas Box wollte, um sie zu reiten, musste ich feststellen, dass sie leer war. „Wo ist Felicitas?", fragte ich verwundert. „Mario hat sie heute Morgen mitgenommen. Sie ist weg.", meinte Maxime trocken und ich merkte, wie mich das traurig stimmte, obwohl ich es natürlich schon vorher gewusst hatte. Doch erst jetzt realisierte ich es. Denn jetzt hatte ich endgültig kein Pferd mehr, um das ich mich kümmern konnte.

Die nächsten Tage dürften dafür Ludo, Marion und die ganzen restlichen Kaltenberger offiziell zurückkommen. Marion war nämlich wieder heute Morgen abgereist, um die letzten zwei, drei Shows in Kaltenberg noch mitzureiten, soweit ich es mitbekam. Also nahm ich mir Hidalgo und machte ein bisschen Bodenarbeit mit ihm. Ich wollte ihn gerade zurück in seine Box bringen, als ein Hänger vorfuhr, in dem es mächtig polterte. Verwirrt brach ich meine Arbeit ab und sah neugierig zu, wie Ludo aus dem roten Jeep ausstieg und die Klappe hinten öffnete.

Kurz darauf kam ein hübscher Falbe aus dem Hänger. Er stieg und versuchte sich nach Leibeskräften zu wehren. Unser Boss hatte alle Hände voll zu tun, das nervöse Tier ordentlich auf den Hof zu bringen. „Hanna? Kommst du mal?", rief er und ich ließ Hidalgo am Anbindeplatz stehen. „Mach die Halle auf und lass ihn hinein. Er soll sich die Umgebung anschauen können. Stell vielleicht ein erfahrenes Pferd oder so dazu.", meinte er und ich nickte.

Ohne etwas zu sagen, brachte ich das Pferd in die "Halle", schlug die Zeltplane zurück, damit Luft hinein kam, und holte Morendo. „Erklärst du ihm, wie es hier abläuft?", fragte ich und das Pferd nickte. Dann ging ich zurück zu Ludovic und half ihm die ehemalige Box von Felicitas einzurichten. „Wer ist der Neue?", fragte ich neugierig. „Das ist Jovito, ein dreijähriger Andalusierfalbe.", antwortete er. „Drei Jahre? Ist er denn überhaupt eingeritten und was macht er hier?", fragte ich weiter.

„Nein, er ist nicht eingeritten, aber anlongiert. Und was er hier macht?", Ludo machte eine dramatische Pause. Dann lächelte er mich an. „Er soll dein Pferd werden. Klar, auf dem Papier gehört er Mario, aber inoffiziell ist er dein Pferd. Dein Meister hat gestern gesehen, zu was du in der Lage bist. Und langsam fand er, als seine neue Pferdetrainerin könntest du auch ein Pferd besitzen, mit dem du auftrittst und an dem du ihn endgültig beweisen kannst, was du drauf hast.", sagte Ludo und ich starrte ihn ungläubig an.

„Was? Er soll MEIN Pferd werden?", unsicher sah ich ihn an und fuhr dann fort: "Außerdem bin ich noch gar nicht richtig seine Schülerin oder Pferdetrainerin, wie auch immer, das geht zurzeit doch gar nicht.... Aber ich darf ihn selbst zureiten?" Der braungelockte Hühne nickte. „Ich weiß, die Sache mit der Schülerin ist erst offiziell wenn du nach Frankreich kommst. Außerdem hätte ich nur eine Bitte: Er soll von allen zu reiten sein. Nicht nur von dir und er soll ein braves und zuverlässiges Trickreit- und Stuntpferd sein. Am besten ist, wenn du ihm noch ein paar kleine Kunststücke beibringst. Aber konzentriere dich hauptsächlich auf das Einreiten. Die Übungen wie Hinlegen und so kann Mario ihm über den Winter beibringen. Aber sonst kannst du in seiner Erziehung kreativ sein. Klar soweit?", bat er mich und ich nickte sprachlos.

„Wirklich? Sicher, dass ich nicht träume?", murmelte ich. „Nein. Aber glaub mir, es ist Arbeit ein Pferd einzureiten.", lachte unser Boss. Er streute das Stroh in die Box und wir beendeten unsere Arbeit. Ich ging in die Halle, wo Morendo sich leise mit dem verängstigten Pferd unterhielt.

Als Jovito mich sah, schrak er auf und rannte ein Stück weg. „Wer bist du? Warum kannst du uns verstehen? Warum?", fragte er und sah mich mit angstgeweiteten Augen an. „Morendo, wir gehen zurück in die Box.", rief ich stattdessen, ohne den Falben zu beachten, und Morendo kam. Ohne Halfter begleitete ich ihn in seine Box. Dann lief ich zurück zu Jovito. Der hatte sein Halfter von der Fahrt noch auf. „Kommst du?", fragte ich leise. „Wer bist du?", fragte er ängstlich. „Ich bin Hanna. Und du?", fragte ich neugierig, obwohl ich es schon längst wusste.

„Jovito, glaube ich.", antwortete er und lief vor mir zurück, als ich vorsichtig auf ihn zukam. „Was willst du?", fragte er weiter und starrte mich ängstlich an. Er hatte Angst vor Menschen. Irgendetwas musste ihm in seiner Vergangenheit wohl passiert sein. „Wir gehen nur in deine Box, hier kannst du nicht bleiben. Wir brauchen den Platz zum trainieren." Doch Jovito wehrte sich dagegen. „Nein! Nicht in die Enge zurück!", er taumelte zurück, stieg etwas und rollte nervös mit seinen Augen, sodass ich schon das Weiße in ihnen sehen konnte.

„Keine Angst. Es ist nicht schlimm. Sie ist groß und hell.", versuchte ich ihn zu beruhigen. Er schloss gequält die Augen und ergab sich seinem Schicksal. Soweit der Strick es zuließ lief er hinter mir her.

In seiner Box zog ich ihm dann das Halfter ab und entschied, dass er genug Stress für heute erlebt hatte. Er sollte jetzt entspannen. Also ließ ich ihn alleine. Nachdenklich lief ich zu Thorgal. „Wie ist der Neue?", fragte dieser neugierig. Durch sein Fenster an der Box hatte er das gesamte Theater auf dem Hof mitbekommen. „Hm, ich weiß nicht. Ein bisschen traumatisiert, würde ich sagen. Er hat absolut kein Vertrauen in Menschen. Dabei brauche ich genau das, wenn ich mit ihm arbeiten will.", murmelte ich und strich über sein blondes Fell.

„Auf was hast du Lust? Marion kommt bald wieder, deshalb lasse ich jetzt dich entscheiden.", wechselte ich das Thema. Thorgal nickte fröhlich. „Ich bin für ein bisschen longieren.", sagte er und ich holte die Longe, damit ich ihm seinen Wunsch gewähren konnte,

Kurz darauf lief er in der Arena um mich herum und nachdem er sich ausgetobt hatte, brachte ich ihn wieder in seine Box zurück. Nur wenig später ertönte Christophes Ruf. „Hanna! Kommst du mal bitte?", fragte er und lachte. Ich hob eine Augenbraue und kam zu ihm, an Rangos Box. „Was gibt's?" „Deine Freundin ist da. Ihr Französisch ist grottenschlecht, aber sie würde gerne mit dir reden.", meinte er und ich sah Eliza am Tor stehen. „Du kannst doch Deutsch.", grinste ich zu Chris und er grinste zurück.

„Lass sie ruhig im Glauben, ich kann es nicht. Ist ja auch fast so: Mein Deutsch ist nicht sehr gut." Ich zuckte die Schultern und begab mich zu der Rothaarigen. Diese hatte etwas in der Hand. Eine weiße Kappe, auf der sämtliche Unterschriften der Darsteller vom Globe waren. Eliza überreichte sie mir. „Weil du gestern so gut warst." Lächelnd bedankte ich mich und erzählte ihr von Jovito.

„Nicht dein Ernst. Du hast ein Pferd?", fragte sie mich hinterher und ich nickte lachend. „Aber noch will ich nicht, dass so viel Trubel um ihn geschieht, deswegen zeige ich ihn dir ein anderes Mal.", erklärte ich und wir freuten uns gemeinsam. Anschließend ging sie und ich folgte ihr mit etwas Abstand. Ich wollte nämlich auch ins Globe, hatte aber keine Lust, mit ihr zu reden. Dafür war ich zu aufgeregt. An meinem Ziel angekommen, wurde meine ungebändige Freude über das Pferd allerdings etwas getrübt. Denn dort saß Ornella auf der Bank außerhalb, hatte den Kopf in die Hände gestützt und blickte mich traurig an.

„Ich schaffe es nicht.", war das Erste was sie zu mir sagte. Ich setzte mich neben sie. „Was ist denn das Problem?", fragte ich leise. „Chantal. Sie verbraucht meine ganzen Nerven. Ich kann nicht mal mehr ins Globe. Ich habe Angst, dass ich anfange zu schreien und so. Hier draußen geht es, auch wenn immer mal wieder Fans kommen. Klar, ich hätte Zeit für meine Fans, aber nicht wenn ich so am Ende bin.", murmelte sie.

„Komm mit. Wir gehen zur Arena. Dort hast du deine Ruhe. Vielleicht gehen wir einfach kurz ins Gelände mit den Pferden, oder ein Stück spazieren. Dann bekommst du deinen Kopf frei und wir können nochmal in Ruhe darüber nachdenken.", schlug ich vor und stand auf. Ornella seufzte und stand ebenfalls auf. Ohne ein Wort zu sagen, gingen wir in die Arena. Dort setzten wir uns zuerst in den Schatten, weil gerade eine Aufführung war. „Du kommst also nicht mir ihr klar?", fragte ich und fasste damit das Thema nochmal auf.

Kläglich nickte sie. „Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Sie raubt mir den letzten Nerv.", sagte sie traurig. Tröstend nahm ich sie in den Arm. Eine Weile blieben wir so. „Du warst gestern wirklich gut.", sagte sie plötzlich und ich lehnte mich wieder an die Wand. „Wirklich?", fragte ich zweifelnd. Ornella nickte. „Jap. Du und das helle Pferd, ihr saht wirklich gut zusammen aus." Ich lächelte dankbar.

„Mario hat mir für meine Leistung auch schon ein Pferd geschenkt. Ich darf es selbst zureiten." Ornella hob eine Augenbraue. „Ehrlich? Ist ja cool." „Weiß ich.", grinste ich und stand auf. Dann reichte ich ihr eine Hand und half ihr hoch. „Komm, wir gehen ein bisschen spazieren." Und Ornella und ich liefen die ganz kleine Reitrunde, auch über den Weg, den ich als an Vollmond entlanglief. Sie war wie gewöhnlich ziemlich still und so dachte ich laut nach. „Sie lässt sich nichts sagen. Hmm... Kommt mir irgendwie bekannt vor.", meinte ich nachdenklich und dachte an Felicitas.

„Ich hatte mal ein Pferd, das war ähnlich. Und ich habe es „besiegt", wenn man das so nennen kann. Und ich habe einen ziemlichen Dickkopf.", erklärte ich weiter. Die Schwarzhaarige neben mir nickte stumm. „Kommt doch mal vorbei. Für euch habe ich immer Zeit.", meinte ich. „Ja, ein Versuch ist es wert. Du hast Recht.", stimmte sie zu, "Wann soll ich kommen?", fragte sie direkt. „Wann du willst, aber wenn möglich nicht während einer Show. Und sag mir vorher Bescheid. Hast du meine Handynummer?", fragte ich.

„Nein, noch nicht. Aber gut dann ruf ich dich an.", meinte sie und wir tauschten Nummern. Anschließend kehrten wir zur Arena zurück und Ornella ging zu ihrem Auftritt. Ich kehrte zu Jovito zurück. Der Hengst warf den Kopf hoch und sah mich ängstlich an. Doch ich lehnte mich an die Wand gegenüber seiner Boxentür. „Willst du nicht ein bisschen raus?", fragte ich so sanft wie möglich.

Der Falbe versuchte vor meiner Stimme auszuweichen. Immer wieder schüttelte er den Kopf und rollte mit den Augen. In seinem Blick lag pure Panik. „Das kann nicht sein! Menschen können uns nicht verstehen! Was wollt ihr von mir?", rief er. „Soll ich gehen?", fragte ich leise, ohne auf seine Schreie zu achten. „Bitte! Ich kann das nicht!", murmelte er und so ging ich wieder. Da heute Abend noch Imperio lief, hing ich ein bisschen im Park rum. Ornella und Gabriella würden dort singen und das wollte ich nicht verpassen. Ich kam erst spät Heim.

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Zur Info: Mario bzw. Ludo würde niemals, und das würde ich an seiner Stelle auch nicht, jemanden ein Pferd zum Einreiten geben, der gerade mal ein halbes Jahr dabei ist und noch nicht mal richtig zu seiner Gruppe gehört. Aber es ist ja eine Fiktion. Da muss nicht alles originalgetreu sein... ;)

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