Zwanzigstes Türchen
Wenn nicht sogar länger. Und auch wenn ich Tim hasste, war ich doch dankbar, dass er mich hier rein gebracht hatte. Denn es hatte mir auch unglaublich geholfen. „ Shit. Ich wusste nicht.", fing Tim sofort an sich zu entschuldigen. Er hatte mich durch die Hölle geschickt und das war ihm durchaus bewusst. Ich wollte ihm keine Vorwürfe machen, weil es mir geholfen hatte, aber ich hätte schon gerne erstmal mitentschieden, was mit mir passiert. Und nicht, dass Tim einfach so für mich entschied. Das mochte ich nämlich gar nicht. Ein Psychologe hätte es mit mehr Zeit auch getan und ich wäre nicht einfach so aus meinem Umfeld raus gerissen worden. „ Du hättest mich auch einfach zu nem Psychologen schleifen können. Ich hätte mir in deiner Gegenwart nie was getan." Andernfalls hätte ich angefangen an meinem eigenen Verstand zu Zweifel. Denn wenn ich eins nicht wollte, dann Tim zu schaden. Und das hätte ich, wenn ich mir was getan hätte. Dessen war ich mir zu hundert Prozent sicher. „ Mensch Stegi. Ich war verzweifelt. Du hast gedroht dich mit einem Messer umzubringen. Was hätte ich den sonst tun sollen? Dastehen und warten, dass du dir das Messer in den Bauch rammst? Sind wir ehrlich, ich hatte keine andere Wahl. Trotzdem tut es mir leid." Tim versuchte um Verständnis für seine Situation zu werben. Natürlich konnte ich verstehen, warum er so gehandelt hatte. Aber ich hätte an seiner Stelle erst mit mir gesprochen, bevor ich über den Kopf einer Person hinweg über ihr Leben bestimme. „ Und da musstest du gleich in der Psychiatrie anrufen? Es hätte auch gereicht das erstmal mit mir zu besprechen und das ganze einvernehmlich zu gestalten. Ich wäre zu nem Psychologen gegangen, wenn du mich gebeten hättest.", erklärte ich seufzend. Vielleicht hätte es länger gedauert, aber das war mir egal. Ich hätte mich zumindest nicht so schlecht gefühlt, wie am Anfang und ich hätte daheim bleiben können. Hätte mich da auch um alles kümmern können und hätte nicht alles stehen lassen müssen. „ Nein ich hab nen Notarzt gerufen. In der Situation war es das einzige, was mir einfiel. Der hat mir die Nummer vom Psychiater gegeben. Glaubst du mir hat es Spaß gemacht dich mit nem Messer in der Hand zu sehen, bereit dir das Leben zu nehmen." Wahrscheinlich nicht. Und es war gut, dass Tim nicht einfach so über mich hinweg entschieden hatte. Mir machte es das leichter Tim nicht ganz so sehr zu hassen für die Aktion. Jetzt wollte ich ihn aber erstmal hier bei mir haben. „ Du hättest mich einfach nur nicht alleine lassen dürfen. Ich brauchte dich." Mehr als alles andere in dem Moment. Ich hatte auf Tims Unterstützung in der Situation gehofft. Ein paar aufmunternde Worte, eine Versicherung, dass er blieb. Ohne all das war ich einfach ein unsicheres Wrack gewesen. Ich hätte Tim wirklich gebraucht die ersten Tage. „ Brauchte?", fragte Tim ein wenig verwundert und ich meinte leichte Angst aus seiner Stimme rauszuhören. Hatte er etwa Angst mich zu verlieren? So wirklich konnte ich mir das nicht vorstellen. Tim wusste, dass er für mich immer ein wichtiger Teil meines Lebens war und blieb. Aber vielleicht sollte ich ihm das noch mal deutlich machen. „ Mittlerweile ist da nicht mehr viel übrig. Du bist ein Arsch und ich hasse dich ein bisschen für die Aktion. Ich mag dich allerdings trotzdem noch und ich brauch dich auch. Als guten Freund und nicht mehr." War wohl ein bisschen zu harsch ausgedrückt, denn ich wollte aus Tims Mund keinesfalls die Worte:„ Stegi! Ich wollte dir bloß helfen.", hören. Wusste ich und ich war ihm deswegen auch nicht böse. Deshalb versuchte ich schnell das Thema auf etwas anderes zu lenken. Ein paar erfreuliche Nachrichten und eine Bitte an Tim mir ein wenig unter die Arme zu greifen. In den letzten Monaten mussten Unmengen liegen geblieben sein. Lediglich meine Post hatte man mir ein, zwei mal im Monat geholt und mich an technische Geräte gelassen, für Überweisungen und sowas. „ Ich weiß. Ich werd heute entlassen. Kann ich dich darum bitten mich abzuholen? Ich will dich mal wieder sehen. Und ich will auch nicht alleine sein." Letzteres klang schon wieder viel zu sehr nach Gefühlen, aber so meinte ich es nicht. Denn auch wenn ich mich recht wohl gefühlt hatte, kannte ich hier doch niemanden wirklich gut. Ich wollte eigentlich nur ein paar vertraute Leute um mich haben. Tim wäre mir da gerade am liebsten. „ Natürlich Stegi. Gib mir zwei Stunden, dann bin ich da. Soll ich dir noch was mitbringen? Ich glaub ja nicht, dass du da wirklich alles bekommen hast." Naja weitestgehend hatten sie hier schon gut für mich gesorgt. Wünsche hatte man hier gut und gerne äußern können. Sei es mal ne Tafel Schokolade oder eine Packung Gummibärchen. Gerade am Anfang hatte man mir viel durchgehen lassen. Ich hatte eigentlich so gut wie jeden Tag Schokolade oder so auf dem Nachttisch liegen. Sicher hatte ich da auch ein bisschen zugenommen, aber das war mir herzlich egal. „ Danke Tim. Ich brauch erstmal wirklich nichts. Bis später." „ Bis später Stegi." Nur Sekunden später hörte ich das tuten. Also war das auch geklärt. Ich kam hier wenigstens weg, ohne mit der Bahn zu fahren. Ich hatte jemanden, der erstmal bei mir war, wenn ich mein altes Leben wieder zusammensetzen wollte. Das war gut. Damit musste ich nur noch packen und dann ging es wieder ab nach Hause. Ob ich mich jetzt freuen sollte, wusste ich allerdings nicht.
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