Rückzug

Okay. Ich hätte Stegi einfach nicht gehen lassen dürfen. Jetzt hockte er alleine daheim, ohne mit jemandem reden zu können. Den ich bezweifelte stark, dass Stegi das groß wem erzählt hatte. Klar hatte er Freunde, aber keine so eng geknüpfte. I mean mit Heiko verstand er sich ganz gut, Veni offensichtlich auch zu Tobi hatte er meines Wissens kaum noch Kontakt und Tim konnte er es nicht sagen. Und das war so sein engster Bekannter Freundeskreis. Zumindest von dem, was ich auf YouTube wusste. Nach dem Stream würde ich Stegi noch ein bisschen zum quatschten bringen, jetzt aber wolle ich zwei drei Stunden unkompliziert streamen. Wieder einmal merkte ich, wie einfach es doch für Stegi war, seine Gefühle zu überspielen. Man merkte ihm rein gar nichts an. Um Stegi trotzdem bei Laune zu halten, ließ ich ihn unbewusst alle Spilmodi aussuchen und meckerte kein einziges Mal rum. Sei es durch Worte wie, worauf hast du den Lust oder auf was hast du Bock. Brachte ich mal einen Vorschlag und Stegi war nicht ganz zufrieden ging ich drauf ein und ließ ihn einen Vorschlag machen. Ein bisschen war ich der Meinung, dass wir beide vergessen konnten, wie scheiße es im Moment war.

Etwas kürzere als drei Stunden später machte ich die Abmoderation. Viele waren ein bisschen arg überrascht, dass ich nur so kurz streamte, doch das sollte mir egal sein. Ich hatte noch zwei Problemstellen. Nachdem ich den Stream aus hatte, wollte Stegi sich verabschieden, doch ich hielt ihn auf. „ So schnell kommst du mir nicht davon. Sag was ist los?" „ An dir geht auch echt nichts vorbei, oder?", seufzte Stegi betrübt. Schwer, wenn man sich so lang kannte. Ich wollte einfach nur wissen, ob Stegi bald den nächsten Zusammenbruch hatte, oder ob er im Moment klar kam. Mehr musste ich im Moment nicht wissen. „ Tim wollte spontan morgen vorbeikommen. Es gibt irgendwas wichtiges, was er mir sagen will. Ich denk, ich weiß es schon. Die beiden sind füreinander geschaffen. Mich würde nicht mal wundern, wenn er ihr nen Antrag gemacht hätte. Aber darum geht's nicht. Wie sieht's bei dir und Fabo aus?" Wie wohl. Nicht gerade gut nach der Aktion. So schnell würden wir nicht mehr beste Freunde werden. Wenn wir das je wieder wurden. Von mir aus gerne, wenn Fabo nicht so doof machte. Ich setzte mich etwas gerader hin und rutschte etwas näher zum Mikro. „ Fabo kotzt mich im Moment an. Ich hab so kein Bock auf mein eigenes Projekt. Dabei müsste ich kein Wort mit ihm reden. Mir tut es wegen Veni leid." Apropos Veni, war der überhaupt schon wach? Ich sollte wohl mal besser nach ihm schauen gehen. Eigentlich wollte ich ihn abfangen, bevor er das erste mal ans Handy ging und Fabos Tweet sah. Den das würde ihn zerstören. Klar würde er den Tweet irgendwann sehen, aber nicht jetzt. Nicht heute, nachdem er die Nacht mental am Ende gewesen war. Ich wollte ihm nicht zu viel zumuten. Immerhin war das noch ein Streit zwischen mir und Fabo, der Veni warum auch immer als Sündenbock benutzte. Beim besten Willen, ich konnte mir nicht ausmalen, warum Fabo das tat. Was ich wusste war, dass er zwei Leute kränkte und sich damit keine großen Freunde machte. Ich wollte keinen Medienkrieg zwischen uns auslösen. Mein Ziel war es auch nicht Fabo schlecht dar stehen zu lassen. Das war mein Standpunkt. Fertig. Fabo hatte das ganze hier angefangen. Sollte er den Tweet runternehmen, würde ich meine ebenfalls löschen, soviel war klar. Als ich ein knacken hörte, drehte ich mich in meinem Stuhl um und nahm einen Kopfhörer ab. Lauschte. Doch da war nichts. Also setzte ich meinen Kopfhörer wieder auf. Stille. Auch aus dem Ts. Kurz warf ich einen Blick auf die Teilnehmerliste und musste feststellen, dass Stegi still war. Im Ts war er trotzdem noch. „ Stegi?", fragte ich leise in mein Mikro. Ein lautes poltern ließ mich stark zusammenzucken. Wieder wanderte mein Blick umher, doch hier war nichts. Schließlich hörte ich jedoch ein schmerzhaftes Stöhnen, welches aus meinen Kopfhörern drang. „ Sorry bin eingepennt, was hast du gesagt?", fragte der blonde zerknautscht und rieb sich über eine wohl schmerzende Stelle. War er etwa vom Stuhl gefallen? „ Sag mal hast du heute Nacht überhaupt geschlafen?" Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Stegi in den wenigen Minuten alleine wirklich eingeschlafen war. „ Ehrlich nein. Keine Sekunde. Ich... ich kann nicht mehr." Oh Gott. „ Stegi warum bist du nicht hier geblieben? Weder Veni noch ich hätten was dagegen gehabt, wenn du geblieben wärst." Wieso hatte ich ihn gehen lassen? Ich hätte darauf bestehen müssen, das er hier blieb. Dann könnte ich ihn jetzt in den Arm nehmen. Könnte ihn beruhigen und. „ Du hättest es nicht besser gemacht.", murmelte Stegi betrübt. „ Kannst du mich bitte ersetzen? Ich brauch ne Pause. Nicht nur ein paar Stunden. Ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate. Eventuell auch ein Jahr oder länger. Mir ist alles zu viel." Mir fielen bald die Augen raus, als ich das hörte. Mein Mund durfte längst offen stehen. Stegi wollte aufhören, sich zurückziehen. Besser machte es die Situation nicht. Das konnte ich doch nicht zulassen. Nein, das durfte ich nicht. „ Komm bitte tu dir das selbst nicht an. Du wirst mit deinen Gedanken alleine sein.", versuchte ich Stegi umzustimmen sich nicht ganz zurück zu ziehen. Ich war aufgebracht, immer noch ungläubig, dass Stegi vor meinen Augen so leiden musste. Am schlimmsten war aber, dass ich nichts dagegen tun konnte. „ Ist okay. Ein Psychotherapeut wird mir wohl mehr helfen, als ich selbst." Ich blieb stumm. Dagegen war nichts einzuwenden. Meinen Mund schloss ich jetzt endlich mal wieder, immer noch nicht ganz realisierend, was das nun bedeutete. Eins wusste ich aber. „ Wenn du willst, bei mir bist du immer willkommen kleiner.", versuchte ich ihm Mut zu machen. Ihm einen Ort zu geben, wo er seine Ruhe hatte und ein paar gute Freunde ihn ablenken konnten. „ Danke." „ Also war's das jetzt erstmal?", wollte ich traurig wissen. Verdammt ich würde Stegi vermissen. Mittlerweile war er ein so guter Freund. Ich konnte und wollte ihn nicht missen und gehen lassen. Ihn sich selbst überlassen. „ Leider ja. Alles gute für dich und Veni. Ich hoffe, dass ihr glücklich werdet. Und meld dich vielleicht mal, dann komm ich aus meinem Loch und antworte dir." „ Mach's gut Stegi. Nimm dir deine Zeit und bleib stark." Damit war Stegi verschwunden.

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