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Nachdem alle Pferde versorgt waren, scharte Franz Schwerenhof alle Lehrgangsreiter um sich. «Ich habe von jedem von euch einen sehr positiven Eindruck und hoffe in Zukunft weiterhin von euch und euren Pferden zu hören», begann er. «Nach dem unglücklichen Zwischenfall gestern Nachmittag sind noch fünf von euch zur Auswahl für die Europameisterschaft in Fontainebleau. Ich bin überzeugt ihr alle würdet Top-Ergebnisse abliefern, das steht ausser Frage. Leider darf ich aber nur vier Reiter mitnehmen.» Er blickte uns allen nacheinander in die Augen. Lia wandte den Blick ab, während ich den Blick erwiderte. «Ich werde mich noch mit einigen Funktionären des SVPS besprechen. Am Abend wird die endgültige Shortlist bekanntgegeben.»

Bohemian Rhapsody trottete die Auffahrt zum Gut entlang, als sich von hinten ein Auto näherte. Ich drehte mich im Sattel um, konnte aber gegen die untergehende Sonne nicht viel erkennen. Ich hielt mich am Rand und der Wagen fuhr neben uns auf. Im grosse Geländewagen sassen Angélique eine fülligere Frau ende vierzig. Obwohl ich das dunkelhäutige Mädchen erst gestern noch gesehen hatte, sah sie um Jahre gealtert aus. Sie hatte Augenringe, ihre schwarzen Locken hingen ihr ins Gesicht und ihre sonst so strahlenden Augen wirkten matt. Der Verlust von Trendy Leva hatte sie stark mitgenommen. Sie winkte mir kurz zu, wirkte aber abwesend. Ich winkte zurück, aber das Auto hatte mich und Soda schon überholt. Als wir um die letzte Biegung der Allee kam, staunte ich nicht schlecht, als auf dem Parkplatz des Gutes ein Auto der Kantonspolizei Schwyz sah.

Als ich Bohemian Rhapsody zu den Putzplätzen führte, warf ich unauffällig einen Blick in Franz Büro, in der Hoffnung meine Neugier zu stillen. Im Vorbeigehen sah ich dass Franz mit dem Rücken zu mir sass, auf der anderen Seite des Tisches sassen Angélique, die Frau die ich mit ihr im Auto gesehe hatte, legte einen Arm um ihre schmalen Schultern. Daneben sassen zwei Männer in dunkelblauen Uniformen, die Polizisten, nahm ich an. Ich hatte das starke Gefühl das all dies mit der Vergiftung von Trendy Leva zu tun hatte. Ich hielt Bohemian Rhapsody auf dem Putzplatz an und begann die Schnallen der Trense zu lösen.

Als Bohemian Rhapsody in seiner Box Heu frass, holte ich Michelangelo, damit Carmen etwas gegen sein, für die Jahreszeit viel zu dickes, Fell tun konnte. Die Pflegerin hatte sich in der Zwischenzeit zu mir gesellt und wir hatten beschlossen, dass Michelangelo eine Schur nur nützen würde. Der kleine Schecke schien sich sichtlich zu freuen, als er ein weiteres Mal aus der Box durfte. Es versetzte meinem Herz eine kleinen Stich. Er war bisher die Mehrheit des Tages draussen gewesen, seit seiner Kolik war er kein einziges Mal frei ausserhalb der Box gewesen. Und trotzdem ertrug er all das mit einer unendlichen Geduld.

Während wir den Wallach gründlich putzten, diskutierten Carmen und ich über die Schur. «Ich bin für eine Teilschur», meinte ich über den Hals des Wallachs hinweg, als ich die Mähne auskämmte. Carmen, welche einen hartnäckigen Mistfleck bearbeitete sah abrupt auf. «Warum? Wenn ich schon dran bin, dann kann auch das ganze Fell ab.» «Aber er wird eh nicht gearbeitet, zumindest nicht richtig. Ausserdem hast du dann weniger Arbeit», warf ich ein und warf den Mähnenkamm in die Putzkiste. «Ob ich irgend ein verrücktes Muster mache oder alles abschere macht eh keinen Unterschied.» Carmen kam um Micky herum und warf ihre Bürste ebenfalls in die Kiste.

Als ihr Blick über die wilde Mähne glitt, seufzte sie. «Die Mähne ist auch so ein Thema. Es sieht schrecklich aus, wenn du einem Warmblut eine lange Mähne wachsen lässt.» Gespielt empört begann ich mich zu beschweren: «Also wag es ja nicht…» Weiter kam ich nicht, denn jemand räusperte sich hinter mir. Vor Schreck wäre ich beinahe an die Decke gesprungen. Carmen gab ihr bestes einen Lachkrampf zu unterdrücken, während ich den Polizisten anstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. «Sind Sie Olivia Dreher?», fragte der junger Mann, welcher mindestens zwei Meter war in einem scharfen Tonfall. Ich nickte, unfähig zu sprechen. «Könnten wir ihnen kurz einige Fragen stellen?» Endlich fand ich meine Stimme wieder. «Ja, hier oder…?», fragte ich nach einem kurzen Räuspern. «Gibt es hier einen Ort, an welchem wir ungestört mit Ihnen sprechen können?» Ich nickte. «Die Sattelkammer. Um diese Uhrzeit ist dort eh niemand.» Der Polizist nickte und folgte mir in die geräumige Kammer.

Ich schloss die Tür auf und öffnete sie. Der angenehme Geruch nach gepflegtem Leder kam mir entgegen. Das Licht ging an, sobald ich den Raum betrat. Der Polizist folgte mir in den Raum und zog die Tür zu. Wir setzten uns gegenüber an den Tisch, welcher in der Mitte des Raumes stand. Der Polizist stellte ein kleines Gerät auf diesen. Er drückte einen Knopf und sagte dann: «Ich werde Sie zu den gestrigen Ereignissen befragen. Das Gespräch wird aufgezeichnet. Antworten Sie nur mit der absoluten Wahrheit und verschweigen Sie keine Details. Ein Pferd starb. Gut», er seufzte und strich sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht, «Name, Alter in vollendeten Lebensjahren und Wohnort bitte.» Ich antwortete wahrheitsgemäss. Der Polizist nickte. «Woher kennen Sie Angélique Chevalley?» Ich ging sorgfältig in meinem Kopf alles durch was mit Angélique zu tun hatte. «Wir waren manchmal auf den selben Turnieren. Sie ist in der Reitsportszene kein unbekanntes Gesicht. Gesehen hatte ich sie schon öfters, zum ersten Mal gesprochen vor einer Woche bei einem Springturnier in Lausanne. Wir haben zusammen den ersten Platz belegt. Richtig was miteinander zu tun hatten wir erst seit gestern.» Der Polizist verzog keine Miene und nickte abermals. Konnte der auch etwas anderes?

«Beschreiben sie die Ereignisse von gestern Mittag genauer.  Wir haben auf den Videoaufnahmen gesehen, dass sie vor dem Zusammenbruch der Stute im Stall waren.» Ich holte Luft. «Angélique und ich waren ausreiten. Um Trendy Leva für den Nachmittag zu schonen, hat sie eines der Pferde geritten, die mir zur Verfügung stehen. Nach dem wir zurückgekommen sind,» Der Polizist unterbrach mich. «Wann war das ungefähr zeitlich?» Ich überlegte. «Wir haben nicht auf die Uhr geschaut, aber es wird etwa Viertel vor eins gewesen sein, als wir zurückkamen. Dann haben wir noch die Pferde versorgt und werden ungefähr am eins im Stall gewesen sein.» Wieder nickte der Polizist nur. «Fahren Sie fort.» «Angélique wollte dann nach ihrer Stute sehen. Als wir in den Stall kamen, bemerkten wir dass die letzte Boxentür, also die zur Box in der Trendy Leva stand, offen war. Lia Merlin Maier ist dann dort rausgekommen und hat Angélique blöd angemacht.» «Was sagte sie?» Ich strengte meine Erinnerungen an, aber ich konnte mich nicht mehr an den genauen Wortlaut des Gespräches erinnern. «An ihre ganz genauen Worte kann ich mich nicht erinnern, aber sie meinte Angélique hätte die Box nicht richtig geschlossen und Trendy Leva ist beinahe abgehauen. Sie meinte Angélique sei es sich halt nicht gewohnt in so einem edlen Stall zu sein und jemand wie sie soll gar nicht in der Nähe von Lias Pferd sein.»

Der Polizist stellte noch duzende weitere Fragen. Von wo ich Lia kannte? Ob ich wusste wie Lia und Angélique zu einander standen und so weiter. Am Ende war ich erschöpft und hungrig. «Ich danke Ihnen, Olivia. Ihre Auskünfte waren sehr hilfreich.» Mit einem Händedruck verabschiedete er sich und ich ging erstmal zum Sattelschrank von Michelangelo. Zwischen Sattel und einer Kiste mit Lederputzzeugs holte ich eine Flasche Rivella aus dem Sixpack, welches ich mir irgendwann mal geleistet hatte. Ich drehte den Verschluss auf, ein leises Zischen ertönte. Ich trank gierig vom angenehm sprudelnden Getränk und spürte wie mir der Zucker neue Kraft gab. Es war unglaublich wie viel dieses Wochenende geschehen ist. Ich nahm einen letzten Schluck und versorgte die halbvolle Flasche wieder.

Dicht an Carmen gedrängt, um ja nichts zu verpassen was auf dem kleinen Bildschirm ihres Smartphones vor sich ging, sassen wir auf einem Mäuerchen. In wenigen Sekunden würde der Livestream des Schweizer Verbandes für Pferdesport beginnen, in welchem die finalen Kandidaten für die Europameisterschaft bekannt gegeben wurden. Michelangelo graste friedlich an der Longe und schnaubte hin und wieder zufrieden. Wir hatten uns geeinigt ihn morgen zu scheren. Dann begann endlich der Livestream. Ich erkannte den Aufenthaltsraum des Mitarbeiterhauses hier auf dem Gut. Man hatte sich grosse Mühe gegeben, das ganze so professionell wie möglich aussehen zu lassen, was gelungen war. Franz Schwerenhof sass an einem langen Tisch, zusammen mit Equipenchef Christian Sottas, Diego Gygax, dem Mannschaftstierarzt sowie dem Verantwortlichen vom SVPS für die Disziplin Springen, der einen so komplizierte, französischen Namen hatte, dass ich nicht wüsste wie man den aussprach.

Sekunden später schlugen die Kirchenglocken im benachbarten Küssnacht und Greppen halb sieben. Franz Schwerenhof räusperte sich. «Sehr geehrte Damen und Herren, Freunde des Pferdesports», begann er, «Es freut mich, heute hier zu sitzen und gemeinsam mit meinen Kollegen», er wies auf die Männer neben sich, «die Schweizer Equipe der Junioren für die diesjährigen Europameisterschaften in Fontainebleau bekannt zu geben. Für diejenigen unter Ihnen, denen ich unbekannt bin möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Franz Schwerenhof, Besitzer des Pferdesportzentrums Waldstättengut in Küssnacht. Seit 2016 darf ich als Trainer die Junioren im Springreiten betreuen, eine Arbeit die mich sehr glücklich macht.» Der Equipenchef über nahm das Wort. «Mein Name ist Christian Sottas, Equipenchef der Junioren und auch der Jungen Reiter, und diesen Amtes möchte ich nun walten. Ich spreche für alle meine Kollegen, wenn ich davon spreche, dass wir dieses Jahr wieder einmal sehr talentierte und engagierte Junioren haben. Es freut mich zu sehen, wie sich der Springsport auch in den jüngeren Generationen an einer grossen Beliebtheit erfreut und unser Land grosse Hoffnungen in seinen Nachwuchs setzen kann. Ich möchte jetzt aber das ganze nicht noch künstlich in die Länge ziehen.» Er rückte ein Blatt vor sich zurecht.

Angespannt sass ich neben Carmen. Die junge Frau biss sich nervös auf der Unterlippe herum, vermutlich war sie genauso aufgeregt wie ich. «Unsere Equipe dieses Jahr besteht aus: Kevin Bürer und Sterrehofs Champ of Glass», Sottas machte eine kurze Kunstpause, «der letzjährigen Europameisterin Aline Schwerenhof und Red Africa OLD.» Er holte tief Luft. «Die Wahl der beiden weiteren Kandidaten ist uns sehr schwer gefallen. Alles Newcomer, aber nichtsdestotrotz wäre jedes Pferd-Reiterpaar eine Bereicherung der Equipe gewesen. Leider können wir jedoch nur 4 Paare mitnehmen und so fiel unsere Wahl auf Mariella Cassis und Ikarus sowie Olivia Dreher und Chanel du Versailles.» Mir stockte der Atem. Hatte er gerade wirklich…? Ich sah auf, direkt in Carmens rehbraune Augen. Es dauerte einige Sekunden bis wir begriffen. Dann fielen wir uns jubelnd um den Hals.

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