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In gesittetem Schritttempo ritten wir über den Hügelkamm zurück bis zum Waldstättengut. Zu meiner Überraschung waren wir über eine Stunde weg gewesen. Als ich einen müden, aber glücklichen Bohemian Rhapsody auf den Putzplatz führte, erwartete mich schon Carmen. Ihren Gesichtsausdruck konnte ich auf diese Entfernung nicht richtig deuten, aber es musste irgendwas in Richtung genervt sein, denn sie führte eine fix fertig gesattelte Madame Chasseral über den Innenhof. «Wo warst du?», fragte sie besorgt und etwas wütend zugleich. Mit meiner Schätzung war ich also nicht so falsch gewesen. «Ausreiten. Mit Florence und Lukas», erklärte ich ihr verwirrt. Sie hatte doch meine Nachricht bekommen, oder? «Ich hab dir doch geschrieben», hängte ich etwas verwundert an. Mindestens genauso verwirrt erwiderte die Brünette: «Ganz sicher nicht.» Ich zückte mein Handy. Zwei verpasste Anrufe von meiner Mutter, welche ich gekonnt ignorierte. «Schau», ich wollte ihr gerade mein Smartphone unter die Nase halten, als ich bemerkte wer mein letzter Chat war. Nicht Carmen, sondern Carmina Rossi, Lous Schwester. Ich hatte in der Eile nicht aufs Profilbild geachtet. «Sorry, mein Fehler», nuschelte ich und steckte mein Handy weg. «Wie auch immer, du hast jetzt ein fix fertig aufgewärmtes Pferd. Ich werde mich mal um das Riesenbaby kümmern», meinte Carmen versöhnlich. Riesenbaby war unser Spitzname für Soda, da er so verschmust und herzig war.

Ich überreichte ihr die Zügel des schäumenden Wallachs und erhielt im Gegenzug die spritzige Fuchsstute. Ich beschloss, angesichts der aufkommenden Hitze, den Dressurplatz am See aufzusuchen. Vom Vierwaldstättersee her wehte eine angenehm erfrischende Brise. Von allen Pferden, die ich jetzt sozusagen zur Verfügung gestellt bekommen habe, war Madame Chasseral mein Favorit. Die Stute reagierte auf die feinste Hilfe und war trotz ihrem spritzigen Temperament nie hektisch oder nervös, wie Chanel es oft war. Ausserdem war sie nicht ganz so gross wie Bohemian Rhapsody, ich würde sie sogar auf nicht einmal 1.60 schätzen. Ich ritt eine lockere Trainingseinheit mit ihr und etwa eine halbe Stunde später ritten wir am langen Zügel im Schritt über den Platz. Die Stute kaute zufrieden und ich konnte wieder meinen Gedanken nachhängen. Madame Chasseral war für einen Stallnamen viel zu sperrig, das hübsche Stütchen würde einen Spitznamen brauchen. Vielleicht Madame oder Chasseral, aber mein aktueller Favorit war Chass. Kurz und knackig. Ich würde Carmen fragen wie sie das fand. Ausserdem überlegte ich was ich heute noch machen möchte. Gegen Abend würden wir Micky aus der Klinik nachhause holen. Beziehungsweise in sein neues Zuhause bringen. Ich freute mich gewaltig meinen Lieblingsschecken bald wieder in meiner Nähe zu wissen. Er war nur eine Woche weg gewesen, dennoch vermisste ich ihn sehr.

Chanel würde ich nach dem Mittag bisschen Freispringen lassen. Carmen meinte wenn sie nicht einmal pro Woche springen durfte wurde die Stute sauer. Das und ihr unglaubliches Talent waren der Grund warum sie mit 19 noch nicht ihren Ruhestand genoss. Für sie wäre es einfach kein geniessen. Sie würde Springen, bis zu ihrem Tod, wenn es sein musste. Franz hatte mir verraten, dass er nach den Europameisterschaften Mitte Juli noch versuchen möchte sie decken zu lassen. Den Hengst hatte er mir noch nicht verraten wollen, es sei aber ein Kracher, meinte er. Ich war mir zwar nicht sicher ob es eine gute Idee wäre eine Stute so spät im Jahr noch zu decken, aber er hatte neben dem Sportstall noch die Zucht, also musste er das selbst wissen. Ich stieg von der Fuchsstute ab und führte sie noch einige Runden über den Sandplatz, bevor wir zum Putzplatz gingen. Carmen fütterte höchstwahrscheinlich die Pferde, also sattelte ich alleine ab und wusch den getrockneten Schweiss aus dem kupferrotem Fell. Für das Mittagessen spazierte ich am See entlang Richtung Küssnacht bis ich an eine kleine Eisdiele kam, die neben dem Eis auch die besten Crepes verkaufte, die ich je gegessen hatte. Zwei dick mit Nutella bestrichene Crepes später spazierte ich wieder zurück und traf ein weiteres Mal auf meine Pflegerin.

+Gemeinsam machten wir die Schimmelstute bereit und führten sie zur grossen Springhalle. Ich war mir nicht bewusst wie angenehm eine Halle mit Klimaanlage sein konnte, bis ich aus der Hitze in die angenehm temperierte Halle trat. Ich wollte mir nicht ausmalen wie viel die Halle mit den grossen Fenstern und den vielen Holzbauelementen gekostet haben musste. Das Freispringen wurde von den Bereitern organisiert und ich entdeckte in der Gruppe auch Florence und Lukas, aber mit anderen Pferden. Ich winkte ihnen kurz zu, blieb aber auf Abstand. Chanel mochte andere Pferde nicht wirklich und ihre Ohren waren dicht an den weissen Hals gepresst. Nach dem Warmführen machte Florence mit einem dunkeln Apfelschimmel, der mir verdächtig nach Westminster aussah, dem Wallach vom Probereiten. Er hatte eine ordentliche Springmanier, auch wenn er sich gerne übersprang. Lukas Fuchswallach reagierte ganz anders. Er sprang keinen Zentimeter höher als er musste und touchierte einige Male die Stangen, welche aber alle liegen blieben.

Nach einer stämmigen Ponystute war Chanel dran. Sie tänzelte herum und als ich sie losliess rannte sie mit so einem mörderischen Tempo in die Sprungreihe hinein, dass ich befürchtete sie würde direkt in die gestreiften Stangen reinrennen. Aber sie bohrte die Hinterhufe in den Sand und segelte in perfekter Bascule über den Sprung. Etwas musste man ihr lassen: ihr Alter merkte man ihr in keinster Weise an. In der Distanz auf das In-Out legte sie nochmals zu und segelte nur so über die Sprünge. Als sie über den abschliessenden Oxer aus der Springreihe geflogen kam, galoppierte sie weiter und legte ein paar freudige Bocksprünge hin, liess sich jedoch ganz brav wieder einfangen, damit der nächste Bereiter sein Pferd in die Reihe schicken konnte. Florence stellte alle Sprünge etwas höher, sodass der letzte Oxer vielleicht 1.30m hoch war. Anscheinend war Chanel erst jetzt der Meinung dass es wirklich wert ist, alles zu geben. Sie galoppierte noch schneller hinein und erwischte den Absprung ziemlich spät, was sie jedoch durch ausgezeichnete Vorderbeinarbeit ausglich und die Stangen nicht einmal streifte. Spätestens jetzt wusste ich was Franz gemeint hatte, als er mir sagte dass ich mit Chanel an den Europameisterschaften die besten Chancen hatte. Solange ich sie nicht behinderte, würde sie jeden kleinen Fehler von mir ausbügeln. Flink war sie auch und an Springvermögen und Manier fehlte es ihr sicher auch nicht.

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