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Wie jeden Morgen weckte der nervtötende Piepton von Lous Wecker uns. Lou versuchte ihn auszustellen, jedoch machte sie eine ungeschickte Bewegung und stiess den Wecker vom Bettpfosten des Stockbettes. Er landete auf dem Holzfussboden und verstummte. Lou sprang von ihrem Bett herunter und begann die einzelnen Teile zu untersuchen. Ich setzte mich auf und beugte mich neugierig vor. Lous Wecker war zwar alt und hatte schon einige Schrammen, aber bis jetzt hatten wir es nicht geschafft ihn zu zerstören. «Oh mein Gott, der Wecker funktioniert nicht mehr», Lou sah sich staunend die Einzelteile an. Ein kleiner Zylinder lag hinter ihr. Grinsend setzte ich mich auf die Bettkante und griff danach. Es war eine Batterie. «Lou, ich glaube er tut noch, wenn du die Batterie wieder reinlegst.» Lou drehte sich um und griff nach der Batterie. Sie drückte sie auf der Rückseite hinein und verschloss das Fach mit dem Plastikdeckel, welcher einige Risse hatte. Auf jeden Fall begann der Wecker wieder zu piepsen. Lou drückte energisch auf den OFF-Knopf und stellte den Wecker wieder auf den Bettpfosten.
Ich stand auf und begann die Bettdecke zu falten. Wir mussten unsere Betten jeden Morgen machen, sonst gibt es Ärger mit der Reusser. Ich schüttelte noch mein Kissen auf, dann zog ich mich um. Lou hatte inzwischen die Vorhänge beiseite gezogen und ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass es ein kalter, regnerischer Tag war. Graue Wolken hingen am Himmel und versperrten die Sicht auf das atemberaubende Bergpanorama mit den Dreitausendern, ihren Schneebedeckten Gipfeln und mächtigen Gletschern. Ich entschied mich für einen Hoodie und eine Jeans. Ich sah in den Spiegel. Meine blonden Locken waren völlig zerzaust und mussten dringend gekämmt werden. Ich nahm meinen Kulturbeutel zur Hand und suchte nach der Haarbürste. Vorsichtig begann ich meine Haare zu bürsten und dennoch verzog ich das Gesicht als ich mir einige Haare auszupft. Nach einer Weile machte sich der Erfolg bemerkbar.Meine Locken standen nicht mehr wirr ab, sondern fielen offen über meine Schultern. Ich band sie zusammen.
Ich ging schon mal vor zum Eingangsbereich des Wohngebäudes. Dort hingen an einer langen Hakenreihe die Jacken der Schülerschaft. Ich wollte eigentlich meine dünne Softshelljacke anziehen, doch ich bemerkte, dass sie voll weisser und brauner Pferdehaare war, Hinterlassenschaften meines Westfalenwallachs Michelangelo. Also musste ich wohl oder übel meinen Regenmantel anziehen. Ich mochte ihn nicht besonders, aber für die Daunenjacke war es doch ein bisschen zu warm. In Regalen unter den Jacken durften die Schüler ihre Schuhe verstauen. Ich griff nach meinen Sneakers und stützte den Fuss auf das mittlere Regalbrett um die Schnürsenkel besser binden zu können.
Als Lou sich ebenfalls fertig gemacht hatte gingen wir über den Kiesplatz zu einem einstöckigen Gebäude mit Panoramascheiben und Solarzellen auf dem Dach. Durch die deckenhohen Glasscheiben konnte man Zweier-, Vierer- und Sechsertische erkennen. Die Schiebetür im Eingangsbereich öffnete sich und wir traten ein. Lou und ich sahen uns nach freien Plätzen um. Jetzt, um halb acht, frühstückten die meisten Internatsschüler. Ganz hinten am Fenster war noch ein Zweiertisch frei. Wir reservierten den Platz indem wir unsere Jacken über die Stühle hängten und gingen dann zu Buffet.
Es gab Cornflakes, Jogurt, Brötchen mit Konfitüre und Honig und Früchte. Ich nahm mir ein Tablett und einen Teller. Ich ass wenig zum Frühstück und entschied mich deswegen für drei Aprikosen und einen Pfirsich. Dazu trank ich eine Ovomaltine. Lou war diesbezüglich ziemlich ähnlich. Sie nahm sich eine Brioche und dazu einen Latte Macchiato. Wir setzten uns an unseren Tisch und begannen zu essen. Ich biss in den Pfirsich. Er war sehr süss und saftig. Ich musste noch einen Bissen nehmen, bevor ich geschluckt hatte. In kürzester Zeit lagen nur noch die Steine der Früchte auf meinem Teller. Lou sah mich erstaunt an. Sie hatte erst wenige Bissen von ihrer Brioche genommen. Ich trank einen weiteren Schluck Ovomaltine. Das warme Getränk wärmte wohlig von innen.
Als wir unser Frühstück beendeten, hatten wir noch eine Viertelstunde bis die Schule begann. Ich ging ins Internatsgebäude zurück, putzte meine Zähne und holte meine Schultasche. Lou und ich gingen in das mehrstöckige Gebäude mit Flachdach. Die Schrift auf der Glastür verriet, dass es das Schulgebäude war. Im Korridor drängten schon einige Schüler. Die jüngsten, die Erstklässler waren dreizehn. Einige von ihnen versuchten Dominik aus meiner Klasse, der 5b, seine Hefte zu stehlen. Ich verstand nicht was ihnen das bringen sollte, doch anscheinend hatte ein rothaariger Junge es geschafft, denn er rannte, gefolgt von seinen Klassenkameraden, mit einem Heft in der Hand den Gang hinunter. Dominik nahm fluchend die Verfolgung auf.
Lou bog in einen anderen Korridor ein. An der Wand waren je zwei Reihen mit Spinden. Ich hate meinen Spind direkt am Anfang der oberen Reihe. Ich schloss auf und begann meine Mathematikhefter in meine Schultasche zu stopfen, als mich jemand unterbrach. « Hi Liv», Fiona, meine andere beste Freundin, eine Blondine mit grauen Augen umarmte mich. «Hi Fiona, bereit für das Grauen bei Herr Joos?» Fiona lachte nur. «Hast du das Schulnetz noch nicht gelesen?» Das Schulnetz war das Schulinterne Benachrichtigungssystem. Es war eine App auf welcher alle Ausfälle und Stundenverschiebungen angezeigt wurden.Ich schüttelte den Kopf. Fiona kramte ihr Smartphone aus der Schultasche und hielt mir den Bildschirm unter die Nase. Zuoberst stand: Joos, Andreas; Ausfall 1.6 – 5.6.; Klassen 3d, 3e, 4c, 5a, 5b. Ich sah Fiona nachdenklich an. «Warum bist du denn hier?» «Wir könnten doch zu dritt in ein Café gehen. Am Bahnhofplatz hat ein neues aufgemacht.» Lou hatte sich zu uns gesellt und die letzten Sätze mitgehört. «Ich bin dabei.» Ich drehte mich um, schmiss meine Schultasche in den Spind schloss ab.
Wir verliessen das Schulgelände und bogen in die verkehrsfreie Altstadt ab. Im Schatten der Häuser schlenderten wir zum Bahnhofplatz. Der Bahnhofplatz war auf einer Seite von dem Bahnhofgebäude begrenzt. Auf zwei Seiten bildeten die Altstadt den Abschluss, auf der vierten kam die Hauptstrasse, ein Bürgersteig und dann der Fluss. Wegen des schlechten Wetters hatte er eine gräuliche Farbe. Sonst war er durch das Gletscherwasser milchig blau. Das neue Café hatte im Erdgeschoss eines alten Fachwerkhauses eröffnet. Auf der Gartenterasse standen einige Tischchen und Stühle. Das Schild auf dem Platz verriet uns den Namen des Lokals: Da Italia. Die Besitzerin war eine ältere, etwas molligere Italienerin. Wir setzten uns drinnen an einen Tisch und bestellten. Ich und Fiona nahmen einen Espresso, während Lou nur ein Mineralwasser bestellte. Wir tranken und tratschten ein bisschen. Lou war wie immer, ich und Fiona waren jedoch ziemlich aufgeregt und konnten kaum stillsitzen. Morgen war das CSIO in St. Gallen. Mit etwas Glück könnten wir die Schweiz an der Junioreneuropameisterschaft in Fontainebleau vertreten.
Um neun gingen wir zurück in die Schule. Die nächste Stunde, Sport, begann in einer Viertelstunde und Frau Rohn war sehr streng was Pünktlichkeit betraf. Nachdem wir unsere Sportkleidung am Spind geholt hatten, liefen wir zwischen Mensa und Schulgebäude durch und kamen zu den Sportanlagen der Schule. Links waren zwei Basketballplätze, rechts eine dreifache Turnhalle mit Schwimmbad und dahinter mehrere Fussballplätze. Um die Fussballplätze herum war eine Laufbahn angelegt worden.
Wir betraten die Turnhalle. Geradeaus kam man zu den Umkleidekabinen für das Schwimmbad, links, die Treppe hinauf zu den Umkleiden für die Turnhallen, welche rechts von uns lagen. Frau Rohn fing uns ab. Sie war eine etwas ältere Frau mit schwarzen Haaren. «Wir spielen heute Volleyball in der Halle drei, könntet ihr das bitte den anderen auch sagen?» Wir nickten und stiegen die Treppe hinauf. Auf halber Höhe war eine Vitrine mit einer Reihe von Pokalen, welche die Sportclubs der Schule schon gewonnen hatte. Der Auffälligste war ein grosser Goldener Pokal mit weissem Sockel. Auf einer Plakette am Sockel stand, dass dieser Pokal die Auszeichnung für den ersten Platz an den Schweizer Mittelschulmeisterschaften für Fussball war. Lou war Teil des Teams gewesen welches gewann.
In der Umkleidekabine trafen wir Lena, Jolanda und Emma, Schüler aus meiner Klasse. Wir richteten ihnen aus, dass die Doppelstunde Sport in der Halle drei stattfand und begannen uns umzuziehen. Während wir uns umzogen kamen noch Alessia und Noemi mit Jessica und Julia hinein. Jessica und Julia waren Zwillinge. Beide hatten langes braunes Haar und braune Augen. Julia war jedoch ein bisschen grösser als Jessica und so konnte man sie auseinanderhalten.
Sport verlief ziemlich gut und so kamen wir nach der Doppelstunde verschwitzt scherzend aus der Halle. Wir zogen uns um und holten beim Spind unsere Bücher für Deutsch. Als wir das Zimmer von Herr Spescha betraten und unsere Bücher auf unseren Tischen in der mittleren Reihe fallen liessen, kamen auch die Jungs. Als erste kamen Leon und Dominik in das Schulzimmer, dicht gefolgt von Luca und Orlando, dem Austauschschüler aus den USA und einer meiner besten Freunde. Mit etwas Abstand folgten Fabian, Maurus und Julian. Als letzte kamen Simon und Noah.
Pünktlich auf den Gong eilte Herr Spescha, ein dunkelhaariger Mann Ende dreissig in das Schulzimmer. Er legte einen Stoss Hefte auf seinem Pult ab und forderte uns auf die Hausaufgaben hervorzuholen. Ich schlug mein Heft auf und legte es gut sichtbar auf den Tisch. Herr Spescha sammelte die Hefte ein und begann zu korrigieren. An der Wandtafel standen die Arbeitsaufträge. Ich schlug mein Buch auf und begann mich mit den Kuriositäten der deutschen Sprache zu beschäftigen. Gegen Ende der Stunde unterbrach Herr Spescha die Stillarbeit. «Liebe Schüler, ich bin positiv überrascht von euren Aufsätzen. Es gab kaum ungenügende. Jedoch ist einer besonders hervorgestochen. Olivia, lesen Sie bitte ihren Aufsatz vor», er streckte mir mein Heft hin. Ich schluckte, schlug die Seite mit dem Aufsatz auf und begann mit leicht zitternder Stimme vorzulesen.
«Du fragst dich was meine Leidenschaft ist, du denkst es muss mehr sein als nur ein Pferd. Das ist es auch. Es ist ein Partner fürs Leben, ein Lehrer der dich lehrt ein guter Mensch zu sein. Pferde lehren dich mehr als jede Schule es tun könnte. Sie formen deinen Charakter und bringen dir bei du selbst zu sein. Pferde sind mein Leben und wir Reiter leben für den Moment, Augenblicke die das grösste Glück der Erde bedeuten. Einer dieser Augenblicke ist der Moment, wenn das Pferd über dem Sprung für einen kurzen Augenblick alle Beine angewinkelt hat. In diesem Moment fliegt man für einen Wimpernschlag. Kurz danach ist man wieder am Boden. Ein anderer Moment ist die Ehrenrunde nach dem Turnier. Wenn die Musik zu spielen beginnt und die Pferde galoppieren, dann geht einem das Herz auf. Hast du jemals spielende Pferde auf der Weide beobachtet. Pferde die steigen und bocken, ohne sich gegen einen Menschen zu wehren? Die Augen eines Pferdes sind ein Spiegel zu deiner Seele, doch wenn sie schwarz und leer werden, hast du ihn zerbrochen. Leider gibt es Menschen, die aus Geiz die Spiegel zerbrechen, damit sie nicht ihre Grausamkeit sehen müssen.Und von diesen Menschen gibt es zu viele. Wir Reiter Leben für den Moment. Für den Moment in dem es sich anfühlt als würde man fliegen.»
Ich hob den Kopf. Im Schulzimmer war vollkommene Stille eingekehrt. Alle starrten mich an. Dann begann Fiona neben mir langsam zu applaudieren. Andere Schüler fielen ein und zum Schluss klatschte das ganze Zimmer. Herr Spescha nickte anerkennend. «6+, Olivia.» Ich konnte es nicht glauben. Ich war keine schlechte Schülerin, aber es hagelte bei mir auch nicht Sechsen. Herr Spescha teilte auch noch die anderen Arbeiten aus, dann schickte er uns in den Mittag.
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