Das Eindringen
Mit einem lauten Gähnen startete ich in den Tag, um mich für die Schule fertig zu machen. Zwar würde ich heute keinen Schultest schreiben - zumindest keinen angekündigten - dennoch hatte ich eine sehr unruhige Nacht gehabt. Schließlich würde ich mich heute in die Tiefgarage schleichen, was für mich ziemlich ernste Folgen haben könnte, wenn ich erwischt werden sollte. Aber dieses Risiko war mir immer noch lieber, als nichts zu tun. Das war ich dem Vulpix einfach schuldig; auch wenn die Hoffnung nur noch klein war, es lebend zu finden. Doch diesen Gedanken versuchte ich zu verdrängen. Ich hoffte wirklich, dass es noch nicht zu spät war.
Ein weiterer Schultag ging zu Ende, was eigentlich für die meisten ein angenehmes Gefühl war, doch an dem heutigen Tag war es bei mir anders und ich wurde nervöser. Ich wollte mich schon auf den Heimweg machen, um meinen schweren Rucksack zu entladen, da tauchte Simon hinter mir auf und fragte mich: "Und hast du heute Zeit?" Ehrlich schüttelte ich den Kopf und meinte, dass wir uns ja morgen treffen könnten. Normalerweise wäre das Thema eigentlich erledigt gewesen, aber ausgerechnet heute fragte er nach: "Was hast du heute denn noch vor?" Ich wusste nicht wirklich, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte, aber eine Ausrede wollte ich mir jetzt auch nicht überlegen. Außerdem war er ja mein Freund. Daher sagte ich: "Ich schau bei dieser Firma nochmal vorbei." Simon sah überrascht zu mir: "Nicht dein Ernst, oder?" Dann fing er leicht zu lachen an und meinte: "Es ist schon lustig, dass du in letzter Zeit nur ans Vulpix denkst. Vor allem weil du Pokémon eigentlich blöd findest." Damit hatte er recht. Ich konnte es selbst kaum glauben, dass meine Gedanken wirklich ständig um dieses Pokémon kreisten. Vor zwei Wochen hätte ich denjenigen ausgelacht, der mir gesagt hätte, dass ich mir mal Sorgen um ein Pokémon machen würde. Aber das Vulpix war nun mal in großer Gefahr. Daher sagte ich Simon: "Ich muss das Vulpix vor dem Tod retten." Simon nickte und sah dann ernst zu mir: "Du bist dir wirklich sicher, dass das Vulpix in Gefahr ist, oder?" Ich nickte. Dann sagte Simon etwas, womit ich nie im Leben gerechnet hätte: "Wenn das so ist, werde ich dich begleiten." Überrascht schaute ich ihn an: "Wirklich? Immerhin müssen wir zehn Kilometer radeln." Doch Simon blieb dabei und freute sich: "Ist doch super. Ne Radtour haben wir schon ewig nimmer gemacht."
Nachdem wir beide noch schnell nach Hause gefahren waren, um unsere Rucksäcke abzulegen, konnte es auch schon losgehen und wir trafen uns für die Radtour. Ich bemerkte seinen Gürtel, an dem sein Pokéball befestigt war. Verwundert fragte ich: "Du willst dein Pokémon mitnehmen?" Er antwortete: "Na klar! Man weiß ja nie, in was für Situationen man gerät." Da hatte er gar nicht so unrecht. Wir könnten in der Tat in Schwierigkeiten geraten. Dann radelten wir los.
Am frühen Nachmittag kamen wir vor dem Firmengelände an und stellten unsere Räder vor dem Zaun ab. Simon sah skeptisch auf den abgesperrten Bereich und bemerkte ein Schild mit der Aufschrift: "Videokamera überwacht. Unbefugtes Betreten verboten". Schockiert sprach er: "Sag mir nicht, wir müssen da hinein." Doch weil das der Wahrheit entsprach, nickte ich. Simon bekam ernsthafte Bedenken und erinnerte mich ans Risiko: "Wenn die uns schnappen, können wir eine Anzeige bekommen! Außerdem wissen wir doch gar nicht, wo wir suchen müssen." Ich versuchte ihn zu beruhigen und erzählte ihm dann, was wir zu tun hatten: "Als erstes müssen wir ungesehen die Schranke passieren. Das sollte eigentlich kein Problem sein, da kein Wächter an der Schranke steht, sollte man nicht die Lautsprecher- Anlage benutzen, wie es gestern die Polizei gemacht hatte. Dann müssen wir in die Tiefgarage gehen und darauf hoffen, dass ein Fahrzeug rein- oder rausfährt, damit sie sich öffnet. Und dann müssen wir nur die Tiefgarage durchsuchen und Fotos von den Pokémon schießen, die wir dann als Beweis zur Polizei bringen." Simon schien dabei ein ungutes Gefühl zu haben und fragte sicherheitshalber: "Und die Pokémon sind wirklich in der Tiefgarage?" Ich antwortete: "Mit großer Sicherheit." Über die Tatsache, dass ich es nur vermutete, lachte er sarkastisch: "Das wird so was von schiefgehen." Ich erinnerte ihn daran, dass er nicht mit mir mitgehen musste, doch Simon wollte mich auf keinen Fall alleine gehen lassen: "Ich lasse doch meinen besten Freund das nicht alleine machen." Dankbar schlug ich ihm auf die Schulter und meinte: "Dann lass uns hineingehen!"
Wir vergewisserten uns, dass im Bereich der Schranke keiner da war, der uns sehen konnte, und als die Luft dann rein war, schlichen wir los. Als Fußgänger war es ein Leichtes, die Schranke zu passieren und so eilten wir dann schnell weiter zur Tiefgarage. Zum Glück war auf dem Gelände gerade nichts los und so mussten wir uns zunächst nicht verstecken. Dennoch war meine Anspannung riesig, weil uns ja in jedem Moment jemand über den Weg laufen könnte. Wir erreichten die Tiefgarage, die wie erwartet geschlossen war. Es gab keine andere Möglichkeit hineinzugehen, als darauf zu warten, bis ein Fahrzeug kam, weswegen wir uns hinter einem Busch versteckten, der vor der Mauer der Fabrik stand. So waren wir einigermaßen vor Blicke anderer geschützt und waren gleichzeitig in der Nähe, wenn die Tiefgarage sich öffnete. Diese Pause nutzten wir, um uns etwas zu beruhigen. Lächelnd sagte ich: "Läuft doch bis jetzt." Mein Freund versuchte sich auch bisschen zu entspannen und locker zu werden, dachte jedoch schon an unseren nächsten Schritt: "Glaubst du eigentlich nicht, dass die Menschen im LKW uns in der Garage dann bemerken werden?" Darum machte ich mir keine Sorgen; schließlich war die Garage ziemlich groß und wir konnten uns hinter Säulen und anderen LKW gut verstecken. Mit Hoffnung in der Stimme sagte ich: "Vielleicht würden wir sogar beobachten können, wie sie Pokémon entladen."
Es war bereits fast eine Stunde vergangen und so langsam kamen Zweifel in uns auf, dass wir wohl heute nicht mehr nach unten kommen würden. Simon setzte ein Ultimatum: "Also länger als zehn weitere Minuten warte ich nicht mehr." Ich konnte es ihm nicht verübeln. Auch meine Geduld war langsam erloschen, doch weil es um das Wohl meines Vulpix ging, konnte ich nur schwer weggehen. Vielleicht würde ja dann fünf Minuten, nachdem wir weggegangen waren, doch noch ein LKW kommen. Nein, ich würde bis zum Abend bleiben. Alles andere konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Die zehn Minuten waren schon fast vorüber, da hörten wir plötzlich ein lautes Motorengeräusch. Wir sahen kurz über den Busch und bemerkten einen LKW, der in Richtung Tiefgarage fuhr. Auf einen Schlag war das Adrenalin wieder in mir und ich sagte zu Simon: "Es geht los." Auch er wurde nun etwas nervös. Schließlich mussten wir jetzt hochkonzentriert sein und durften uns keinen Fehler erlauben, da wir sonst entdeckt werden könnten. Der LKW war schon dabei in die Garage hinunter zu fahren, weshalb wir sofort aufsprangen und selbst dahin liefen. Mit schnellen Schritten eilten wir zum Eingang und fanden uns dann in der Dunkelheit wieder.
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