༄⋆2


Während sie darauf wartete, dass sich die Tür öffnete, betrachtete Pansy ihre Umgebung. Der gepflegte Vorgarten war nicht sehr groß, jedoch wuchsen überall Pflanzen. 
Lavendel, Rosmarin und Rosen waren die Ersten, die sie erkannte. Sie rümpfte leicht die Nase. Die Blumen erinnerten sie erstaunlich akkurat an Grangers Persona. 

Das Haus, an dessen Tür sie geklingelt hatte, war in einem hellen Blau gestrichen, mit weißen Fensterläden. Die Außenseiten war verziert mit weißen Blumenkästen. Über der Tür hing ein hölzernes Schild, auf dem Hotel Weitblick stand. Der Zaun zum Nachbargarten war zur Hälfte abgerissen und neben dem Durchgang zwischen den beiden Gärten standen Farbeimer. 


Während der letzten zwanzig Minuten hatte es immer wieder an ihrer Eingangstür geklingelt. Hermine war damit beschäftigt gewesen, ihre zukünftigen Angestellten in den Aufenthaltsraum zu führen. Sie hatte Kekse, Tee und Kaffee bereitgestellt und wartete nun, bis alle angekommen waren. Hoffentlich fühlten sie sich jetzt schon bei ihr wohl. Ihr aktuelles Team kam sehr gut miteinander klar. Hermine fand es durchaus schade, dass sie keine Nicht-Magier*innen in ihren Betrieb integrieren durfte. Die Geheimhaltung musste gewahrt werden, und der Aufwand, den sie betreiben müsste um nicht-magische Angestellte und Gäste zu betreuen lohnte sich aktuell noch nicht. In Zukunft würde es vielleicht möglich sein, in einem örtlich getrennten Hotel andere Wege zu gehen. 

Studiert hatte sie, nach ihrem Schulabschluss auf Hogwarts, tatsächlich an einer Universität. Die Qualifikationen, die es dazu brauchte, wurden ihr vom Ministerium zur Verfügung gestellt. In ihrem Studienfach, BWL und Literaturwissenschaften, hatte sie sich trotz fehlender Lernerfahrungen ausreichend zurecht gefunden. Die Herausforderung, die ein nicht-magisches Studium darstellte, war genau richtig gewesen. Mit dem zusätzlich erlangten Abschluss hatte sie nun in beiden Welten genug Kredit, um alles zu erreichen, was ihr vorschwebte. Hermine hatte das Hotel nicht geplant - nun konnte sie sich erst einmal nichts anderes vorstellen, als hier ihren Bestrebungen nachzugehen. 

Lange hatte sie Angst gehabt, nicht genug zum Wiederaufbau der magischen Gesellschaft beizutragen. Ihre Vorbildfunktion war oft belastend und wog schwer. Die Erwartungen, die sie an sich selbst stellte, wurden nur durch andere verstärkt. Zu der Realisation, dass in der nicht-magischen Welt und in der magischen Welt gänzlich andere Ideale galten, hatten sowohl Harry als auch sie erst einmal kommen müssen.

Danach war es Hermine umso leichter gefallen, einfach das zu verfolgen, wofür sie sich interessierte. Es gab eine wichtige Sache, die ihnen in Hogwarts nicht vermittelt worden war; dass Magie nicht die ganze Welt einnahm, oft ihre Vorstellungen begrenzte. Nun wusste Hermine, dass es mehr gab als diese Zukunft, die ihr so oft vorgegeben worden war. Das Hotel war ein Anfang ihrer Selbstverwirklichung, und ein anspruchsvolle und zugleich erfüllende neue Lebensrealität. 

Gegenüber von Hermine saß ein junger Mann mit braunen Haaren und einem giltzerndem Ohrring im rechten Ohr. Er hatte sich bequem in die rote Cord-Couch sinken lassen und vermittelte einen selbstbewussten und erwartungsvollen Eindruck. Neben ihm saß ein Frau mit den gleichen Locken wie sie selbst, die kerzengrade und konzentriert den Raum musterte. Ihr Blick ruhte auf einem Mädchen, dass Hermine auf sechzehn schätzte. 

Bis jetzt unterhielt sich noch niemand, doch sie hoffte, dass sich das in den nächsten Tagen ändern würde. Schließlich sollten ihre neuen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen untereinander optimal klarkommen. Eine Bewerberin fehlte noch, über die sie absolut überrascht gewesen war, als sie ihre eingereichten Dokumente zugestellt bekommen hatte.

Hermine war nicht ansatzweise  so aufgeregt wegen all diesen Bewerbern und Bewerberinnen, die bereits da waren, wie gegenüber Pansy Parkinson, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte und die sich überraschenderweise auch beworben hatte. Sie war noch nicht mal da, doch Hermine machte sich jetzt schon Gedanken, ob ihr das Hotel gefallen würde.

Pansy hatte von außen gehört, wie die Klingel durch das Haus schallte, leicht gedämpft und auf eine Art und Weise einladend, die in ihrem Magen für ein komisches Gefühl sorgte. Sie wischte ihre Hände an ihrem Rock ab und versuchte ihre Mimik offener aussehen zu lassen. Die Tür öffnete sich und Hermine Granger höchstpersönlich stand im hölzernen Türrahmen und schaute sie nicht überrascht, aber erwartungsvoll an. 

"Guten Morgen." 

Mit einem Nicken und einem zurückhaltenden Lächeln trat Pansy weiter in ihre Richtung, streckte ihre Hand aus und schaute ihr direkt ins Gesicht. Sie waren auf Augenhöhe, weil sie bereits auf der Türschwelle stand. Gut. Pansy hatte sich durchaus viele Gedanken gemacht, wie sie Granger am Besten begrüßen sollte. 

Keine Nachnamen, das erinnerte zu sehr an Draco und Potter, die ihre Feindschaft ständig zum Ausdruck gebracht hatten, indem sie sich so unpersönlich wie möglich zurechtgewiesen hatten. Keine Vornamen, dafür musste Granger ihr erst vergeben. Alles, was nach dem ersten Eindruck kam, würde sich sortieren, davon hatte sie sich selbst überzeugt. Darüber hatte sie nicht weiter nachdenken wollen. Die Karte, auf die Pansy primär setzen würde, war ihre Erfahrung mit den Muggels, ihre Einsicht und der Fakt das Granger gerne mal zweite Chancen vergab. Wer vor dem Zaubergamot für mehrere Ex-Todesser Einspruch einlegen konnte, oder für Menschen wie Blaise, dem Hermine mit fünf Sätzen effektiv eine Strafe von drei Monaten aufgebrummt hatte - sicher würde sie auch Pansy verstehen wollen.

Granger schüttelte ihre Hand und trat zur Seite um sie hereinzulassen. Sie folgte ihr durch einen langen Gang mit tiefer Decke. Er war nicht sonderlich stark beleuchtet, aber die Farbkombination zwischen der Dekoration, dem orange-roten Flickenteppich und der hell-lila Wandfarbe schuf trotzdem eine einladende Atmosphäre. Ein weiterer hölzerner Türrahmen, und sie standen in einem lichtdurchfluteten Raum.

„Nun gut", begann Hermine. Sie ließ ihren Blick durch den Raum wandern: „Es freut mich Sie heute hier alle begrüßen zu können."

"Ich habe mir Ihre Unterlagen angesehen. North, Parkinson, Sie beide werden einige Tage bleiben. Ich muss die Zeit finden, zu entscheiden, wer von Ihnen in unserer Küche arbeiten darf. Meine bisherige Köchin heißt Erna. Gemeinsam mit ihr, werde ich Sie beide evaluieren. Denken Sie daran: Wir sind ein Hotel, keine Sterneküche. Die Gäste essen nacheinander und erwarten Qualität. Bei Fragen, wenden Sie sich an mich." Sie lächelte dem Mann mit dem Ohrring, Tom North, und ihr kurz zu und wandte sich dann an Robert, der bereits hinter ihr im Türrahmen lehnte. 

"Das hier ist Robert", sie zeigte auf ihn und er winkte, "Er gehört bereits länger zum Team und zeigt Ihnen beiden alles, was sie wissen müssen. Ich sehe Sie vielleicht später nochmal, vielleicht auch erst morgen. Hören Sie auf Erna und Robert. Er zeigt Ihnen mein Büro, falls etwas ist, melden Sie sich. Viel Spaß!"

Die beiden Kanidat*innen standen auf und verließen gemeinsam mit Robert den Raum. 

Wie erhofft war die Köchin herzlich und störte sich nicht an Neulingen. Das konnte auch anders aussehen, das wusste Pansy zu Genüge. 

"Sie geben mir Bescheid wenn Sie sich bei etwas unsicher sind. Wir haben nie den größten Zeitstress in dieser Küche, aber die Gäste erwarten dieselbe hohe Qualität von Ihnen, für die sie mich regelmäßig loben. Ich werde Ihnen einen kleinen Küchenrundgang geben und dann beginnen wir bald mit der Präparation für das Abendessen. Ich verlange noch keine großen Spiränzchen, kochen Sie erstmal nach meinen Rezepten. Wir machen Rehpastete, Kartoffelbrei  und Gemüse. Außerdem gibt es Gnocchi in Gorgonzolasauce mit Blumenkohl. Ich zeige Ihnen direkt als erstes den Salat des Hauses. Kommen Sie hier rüber."

Die Umstände waren absolut machbar. Natürlich würde sie nicht direkt ihre eigenen Rezepte umsetzen dürfen, nun begann erstmal die Zeit des Lernen der typischen Gerichte. Pansy dachte bei sich, dass sie mit ihren eigenen Kreationen später überzeugen würde. Nicht nur die Gäste, nein, hoffentlich auch Hermine und Erna.

Nach dem Abendessen, kurz nach Schichtende um 22 Uhr, führte Robert sie zu ihren Zimmern hinauf. Beide Räume lagen etwas abseits, in einem Gang, in dem wohl alle Angestellten wohnten. Pansy fragte sich, ob Granger sich selbst auch als Angestellte zählte. 

Ihr Koffer war vor ihr hinaufgebracht worden und stand nun neben ihrem Bett. Der Anblick vermittelte ihr ein Gefühl von Vertrautheit zwischen all dem Unbekannten. Pansy ließ sich auf das Bett fallen und sah sich um. Es gab einen Schreibtisch und ein Bett, einen Kleiderschrank und eine Tür, die in ein enges Bad führte, in dem gerade so genug Platz für eine Dusche und eine Toilette war. 

Als Pansy ihren Koffer öffnete, blickte sie auf ein buntes Durcheinander. Nacheinander nahm sie die Sachen aus dem Koffer und zauberte sie groß, um sie dann im Raum zu platzieren. Eine Lichterkette, ein Handtuch, winzige Bücher, die sich nach dem Zaubern in große Wälzer verwandelten. Sobald sie alles platziert hatte, sah es viel direkt freundlicher aus. 

Das Zimmer war schön, nach ihrem Geschmack eingerichtet. In die Dachschräge über ihrem Bett war ein Fenster eingebaut, dass ihr einen direkten Blick auf den Strand ermöglichte. Die Wellen schlugen in einer Beständigkeit auf den Sand, die sie in der Dunkelheit zwar nicht sehen, aber hören konnte. Würde sie nicht so geschafft nach der Einführung in die Küche sein, hätte es sich mehr nach Urlaub als nach Arbeit angefühlt. Kurz bevor sie einschlief malte sie sich aus, wie eine Routine hier aussehen könnte. Die frische Luft, die Stunden in der Küche, zwischen dem heißen Herd und dem Kühlraum. Der Kräutergarten, den Erna ihnen nur kurz gezeigt hatte. Hermine, die zum Abendessen kam und sich mit einem Teller Gnocchi wieder in ihr Büro verzogen hatte.

Alle diese Eindrücke waren es wert, dass sie es versuchen würde, die Stelle zu bekommen. Pansy war keine sonderlich optimistische Person. Aber sie wusste, wozu sie fähig war.

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