31.

"Kevin?", fragte ich erstaunt und sprang auf die Beine. Kommt das hier noch jemandem bekannt vor?, fragte ich mich selbst. Ja, bekam ich prompt die Antwort meiner inneren Stimme. Noch während ein kleiner Teil in meinem Kopf sich fragte, wo diese Stimme eigentlich so lange war, schob mein Verstand diese Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf das Wesentliche.

"Können wir kurz reden?", fragte er ein wenig schüchtern und kratzte sich am Hinterkopf.

"Ich... ähhh...", stotterte ich vor mich hin. "Ich... ich weiß nicht..."

Ich warf meinen Freunden einen hilflosen und wütenden Blick zu. Wieso war er hier? Meine Freunde wussten doch, was passiert war und dass ich noch nicht bereit war mit ihm zu reden. Vor allem glaubte ich nicht, dass er mit mir reden wollte. Aber jetzt stand er hier. Und fragte mich, ob ich mit ihm reden könnte.

Marc nickte mir leicht zu, woraufhin ich eine Entscheidung traf. Marc wäre nicht hier, wenn er sich nicht sicher wäre, dass Kevin und ich das heute klären konnten. Was auch immer das 'das' war. Denn meine Krankheit konnte man nicht mehr klären.

Ich lief auf Kevin zu, nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit nach draußen. Im Garten angekommen, setzte ich mich ins Gras und atmete die frische Luft ein. Mit geschlossenen Augen genoss ich das Gefühl, das mich durchströmte, welches durch die angenehme Atmosphäre entstand. Es gab mir zumindest für ein paar Minuten, die wir schwiegen, das Gefühl der Geborgenheit. Ich machte mir keine Sorgen sondern war frei von meinen Gedanken, was ich nur bei Kevin erleben konnte, doch nachdem die Illusion, dass alles in Ordnung war, verschwand, drückte dieses Schweigen nur unangenehm auf meine vorhin noch sorgenfreie Stimmung. Also hoben sich meine Augenlider und ich blickte zu Kevin, der neben mir saß und genau im selben Moment zu mir sah.

Einen Augenblick später fielen wir uns gegenseitig um den Hals, mein Kopf war an seine Brust gepresst, während seine Hände mir übers Haar strichen. Da es im Sitzen schwer war, diese Umarmung aufrecht zu erhalten, wortwörtlich, lagen wir eine Sekunde später im Gras.

"Es tut mir leid!", hauchte Kevin und drückte mich, wenn es überhaupt möglich war, noch fester an sich. "Es tut mir so unendlich leid!"

In jedem Roman hätte das Mädchen, in diesem Fall ich, diese Entschuldigung einfach so hingenommen und alles wäre Friede, Freude, Eierkuchen, doch das hier war mein Leben und kein kitschiger Liebesroman. Und deshalb stellte ich eine Frage, die mir schon seit Ewigkeiten auf der Zunge lag.

"Wieso?"

Obwohl ich glaubte, die Antwort zu wissen. Immerhin möchte niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, mit einem krebskranken Mädchen befreundet sein. Die Tatsache, dass ich damit meine Freunde als unvollständigen Tessenschrank bezeichnet hatte, ignorierte ich gekonnt. Aber Kevin war auch einer davon, er war jemand, der verrückt genug war, um mit mir befreundet zu sein, egal ob Krebs oder nicht.

"Ich wollte nicht. Wirklich, ich hatte nicht vor, dich in dieser Situation im Stich zu lassen. Aber auch mir ging es nicht gut. Vielleicht erinnerst du dich, ich war an einem Tag nicht in der Schule. Meine Eltern ließen mich nicht gehen, da ich morgens von einem Augenblick zum anderen völlig komisch war. Ich wusste schon lange, dass etwas nicht stimmte, aber während des Frühstücks, eher gesagt beim Geschirr wegräumen, ist es mir mit einem Schlag aufgefallen. Ich habe den Teller fallen gelassen und stand völlig geschockt vor meinen Eltern, die mich ebenfalls geschockt anstarrten. Sie haben mich dann zu hause behalten und mit mir gesprochen, um herauszufinden, was mit mir los war. Schließlich habe ich es ihnen erzählt und sie waren total... ich weiß nicht... unglücklich. Mein Vater war der Meinung, es wäre nur eine vorübergehende Phase. Deswegen haben sie mich nicht raus gelassen, niemand durfte mich besuchen und auch mein Handy hatten sie mir weg genommen. Aber als ich auch nach Wochen zu dem stand, was mir klar geworden ist, hatten meine Eltern beschlossen, dass es nicht so weiter gehen konnte. Mein Handy bekam ich nicht wieder, aber ich durfte in die Schule. Doch als ich dich da nicht sehen konnte und mir klar wurde, dass du nicht mehr kommen würdest, war ich am Boden zerstört. Ich hätte dich besuchen können, aber ich war einfach feige. Ich wusste nicht, wie du reagieren wirst, ob du mir überhaupt zuhören würdest oder mich sehen wolltest. Und ob du mich so akzeptieren würdest, wie ich bin.
Es tut mir wirklich leid. Denn als ich dich in der Gasse gesehen habe, mit deiner Freundin, wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte."

Ich ließ seine Worte ein bisschen auf mich einsacken, bis ich erneut eine Frage stellte.

"Was ist dir denn klar geworden?"

Ich merkte, wie sein Herzschlag sich verschnellerte.

"Versprich mir, mich nicht zu hassen!", bat er mich nervös.

"Das könnte ich nie!", antwortete ich, woraufhin sich sein Herzschlag wieder etwas langsamer wurde.

"Ich... nun ja... ich...", stotterte er vor sich hin. Schließlich platzte er raus:

"Ich bin schwul!"

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