12.

Alex trat einen Schritt auf mich zu, doch bevor noch etwas passieren konnte, kam Dr. Hope und bat mich, ihm zu folgen. Etwas, was ich einerseits gern andererseits ungern tat. Ich hatte Alex vermisst, auch wenn es nur ein paar Stunden waren, aber erst jetzt, als ich ihn sah, wurde es mir bewusst. Aber selbst wenn Alex vor mir stehen würde, ich hätte keine Ahnung, was ich sagen sollte und so wie ich mich kannte, würde ich nur stottern oder mich auf andere Weise blamieren. Also folgte ich Dr. Hope in gewissen Maßen froh und setze mich ins Untersuchungszimmer.

Die ganze Zeit über verglich ich Alex mit Kevin. Mir fiel auf, dass sie gewisse Ähnlichkeiten vorwiesen, doch auch gleichzeitig total verschieden waren. Beide besaßen außergewöhnliche Augen, sie sahen gut aus (was rede ich da, gut war noch untertrieben),  ähnlicher Klamottenstil und sie hielten viel von Freundschaft. Bei Alex musste ich auf die letzten Stunden vertrauen, bei Kevin wiederum hatte ich damit jahrelange Erfahrung. Er war der beste Freund, den man haben kann. Leider bezog sich das auf die Vergangenheit, Alex würde mir nicht so leicht die Freundschaft kündigen, das hoffte ich jedenfalls. Aber ich würde ihn nicht als einen so schlechten Freund einschätzen, als dass er das einfach machen würde. Aber das hast bei Kevin auch nicht vermutet, meinte meine innere Stimme, während Dr. Hope meine Hand schüttelte, nachdem er mich wieder ins Wartezimmer gebracht hatte. Von der ganzen Stunde bei Dr. Hope hatte ich nur ein paar Fetzen mitgenommen, es war schon irgendwie lustig, wie die Zeit verflog, wenn man in Gedanken versunken war.

Am Ende drückte er mir noch eine Tüte in die Hand und meinte, dass ich ja jetzt wüsste, was ich machen sollte. Unglücklicherweise hatte ich keine Ahnung, da ich nicht wirklich aufgepasst hatte. Ich warf einen Blick in die Tüte und bemerkte einen Haufen Medikamente,ein paar unbekannte andere wiederum musste ich schon eine Weile nehmen. Die Frage war nun, sollte ich a) versuchen, es alleine herauszufinden oder b) ihn bitten, es mir nochmal zu erklären. Ich bin für Option a). Ist ja nicht so, als ob man mit Medikamenten etwas falsch machen könnte, wenn man schon ein paar Monate daran gewöhnt ist. Ich war mir nicht sicher, ob ich meiner inneren Stimme bei ihrer Meinung trauen sollte. Sie hatte zwar meistens recht, was aber nicht bedeutete, dass das immer der Fall war. Bist du dir sicher?, fragte ich sie zögernd, während mir Dr. Hope erneut die Hand reichte und sich danach umdrehte, um sich zu einem neuen Patienten zu begeben. Du bist so ein Idiot! Das war SARKASMUS! Nimm Option b) auch wenn er dich dann für ein bisschen verpeilt hält, einen Psychiater hast du ja eh schon. Meine innere Stimme verfluchend nahm ich meine Beine in die Hand und folgte Dr. Hope. Schlitternd kam ich neben ihm zu stehen. "Dr. Hope, ich habe noch...", ich verstummte, als ich bemerkte, dass er mitten in ein Gespräch vertieft gewesen war. Und zwar nicht mit irgendjemandem, sondern mit Alex' Mutter. Woher ich das wusste? Ihre Augen hatte sie definitiv ihrem Sohn vererbt, sie waren unverwechselbar. "Tut mir leid!", murmelte ich und trat ein paar Schritte zurück. Trotzdem spürte ich die Hitze in meinen Wangen und ich wusste ganz genau, dass sowohl Alex' Mutter als auch Dr. Hope das bemerkten. Der Arzt entschuldigte sich kurz und lief dann diese paar Schritte, die uns trennten, auf mich zu. "Was ist denn, Ana?", fragte er freundlich, so als hätte ich ihn nicht gerade bei einem wichtigen Gespräch gestört. "Ich, ehm..., ich... wollte fragen..., na ja, ob Sie vielleicht..." Das konnte doch jetzt nicht wahr sein. Meine erste Begegnung mit Alex' Mutter hätte ich mir anders vorgestellt, nicht das ich das je getan hatte, aber ich hätte niemals vermutet dass sie so ablaufen würde. Erst unterbrach ich sie bei einem wichtigen Gespräch, wahrscheinlich über den Zustand ihrer Tochter, als nächstes ließ ihr Arzt sie für mich stehen und dann brachte ich kein anständiges Wort über die Lippen, weil es mir peinlich war, dass ich von der ganzen Stunde nichts mitbekommen hatte. Auch das sollte Alex' Mum nicht erfahren, wir möchten den Eindruck ja nicht noch verschlimmern. So schnell und leise wie möglich nuschelte ich: "Ich wollte fragen, ob sie mir nochmal erklären könnten, was sich da in dieser Tüte befindet?" Peinlich berührt sah ich auf den Boden, mir war nicht einmal bewusst, ob der Arzt mich verstanden hatte oder nicht. "Du hast nichts von der letzten Stunde im Gehirn aufgenommen, oder?", vermutete er. Zaghaft schüttelte ich den Kopf und hob ihn ein wenig. Wahrscheinlich hielt er mich für verrückter als ich eh schon war. Super hinbekommen!, maulte meine innere Stimme. Ich beschloss sie zu ignorieren, auch wenn sie recht hatte. Ich war halt dumm. Immerhin war ich blond, wenigstens eine kleine Ausrede.

Doch entgegen meiner Erwartungen fing er an zu schmunzeln. Verwirrt sah ich ihn an. Endlich verwirrst du nicht jemanden, sondern umgekehrt. Sollte auch mal vorkommen. Ich spürte förmlich, wie meine innere Stimme in meinem Kopf einen Freudentanz machte. Sollte sie doch, hauptsache ich bakam ihretwegen keine Kopfschmerzen. "Du warst heute schon die ganze Zeit ein wenig abgelenkt. Als ich dich gefragt habe, ob du pinke fluffige Einhörner siehst, hast mit 'Ja' geantwortet." Er lachte kurz und fuhr dann fort. "Im Moment habe ich keine Zeit, aber in ein paar Stunden kann ich dir unsere ganze gemeinsame Zeit aufschreiben, damit du weißt, was du verpasst hast. Komm irgendwann im laufe des Abends vorbei und melde dich an der Rezeption, sie oder er wird dir dann das Blatt Papier überreichen." Er wartete kurz, bis er ein Nicken von mir erhielt und wandte sich dann wieder Alex' Mum zu. Sie war wohl ziemlich rücksichtsvoll, denn als ich die beiden beobachtete, fiel mir auf, dass sich der Abstand zwischen uns vergrößert hatte. Ich fand sie auf Anhieb sympathisch, sie achtete meine Privatsphäre, obwohl ich am Anfang ziemlich unhöflich war. Auch wenn sie mich nicht beachtete, nickte ich ihr dankend zu und machte mich auf den Weg nach draußen. Bei der Tür angekommen zögerte ich jedoch. Ich war neugierig. Auch wenn es keine gute Idee war, ich machte mir Sorgen um sie und da ich mich gerade sowieso an meinem Lieblingsort befand (nein, keine Ironie, überhaupt keine), konnte ich ebenso vorbei sehen.

Schnell und unauffällig suchte ich das richtige Zimmer. Streicht das unauffällig. Ich war zweimal mit ein und demselben Krankenbruder zusammengestoßen. Und ja, das Wort existierte, jedenfalls jetzt, da ich es mir ausgedacht hatte. Aber immerhin blieben diesmal der Krankenbruder UND ich stehen. Das achte Weltwunder. Nein, das neunte, das achte hatten wir schon.

Ich klopfte an der Tür und hoffte, dass niemand antworten würde. Ich wollte nur kurz sehen, ob sich ihr Zustand verbessert hatte, auch wenn die Chancen ziemlich gering standen, dass sich von gestern auf heute etwas veränderte, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ich liebe dich, Hoffnung. Bitte verlass Lillys Familie nicht! Drama pur. Am besten noch eine Szene, wie ich auf den Boden fallen lasse und meine Handflächen aneinander lege. Ein verzweifelter Gesichtsausdruck dürfte dann auch nicht fehlen. Du hast einen Knall! Ich war mir sicher, wenn meine innere Stimme einen eigenen Kopf hätte, würde sie ihn schütteln und meinen, ich sei ein hoffnungsloser Fall. Recht hatte sie ja.
Beinahe lautlos betrat ich den Raum und ließ meinen Blick kurz umherschweifen. Keiner da. Ich war, ganz gegen meinen Erwartungen, enttäuscht darüber, dass Alex nicht da war, um seine Schwester zu besuchen.

Hier hatte sich nichts verändert, bis auf ein Strauß Blumen, der auf dem Nachttisch stand und fast einen kleinen Bilderrahmen verdeckte. Aber ich konnte noch einen Arm auf den Foto sehen, nur wusste ich nicht, wem er gehörte. Ich schoss die Tür hinter mir und achtete darauf, keinen Stuhl umzuwerfen, damit mein Aufenthalt auch unbemerkt blieb.

An ihrem Bett angekommen wusste ich nicht, was ich tun sollte. In den meisten Filmen und Büchern sprachen die Besuch immer mit den Patienten, aber worüber sollte ich reden? Ich hatte keine Erfahrungen mit Lilly gemacht, also fiel das schon mal weg. Über mich reden wollte ich nicht. 1. Kam mir das egoistisch vor, wenn ich über meine eigene Probleme sprach. 2. Selbst wenn Komapatienten hören konnten, würde sie meine Probleme nicht interessieren. Also setzte ich mich nur auf einen Stuhl neben ihrem Bett und schwieg. Es tat gut, nicht alleine zu sein und trotzdem nicht das Bedürfnis nach reden zu haben. Mein Blick schweifte über ihr Namensschildchen an ihrem Bettende. Lily. Komisch, dachte ich und betrachtete ihr Gesicht eingehend. Für mich sah sie immer aus wie eine Lilly und nicht eine Lily. Ich wusste nicht einmal, warum mir dieser Unterschied so wichtig war. Ich wusste auch nicht, was mich dazu bewogen hat, an Lilly zu denken, obwohl doch das Aussehen nichts mit dem Namen zu tun hat. In seltsame Gedanken versunken starrte ich das arme Mädchen an. Wenn sie aufwacht, falls sie es denn tut, wird sie dann überhaupt wissen, was passiert ist? Von dem Unfall? Wie lange sie im Koma lag? Das letztere eher nicht, im Schlaf hat mam sowieso kein Zeitgefühl.

Ihre hellbraunen Haare betonten ihre noch braungebrannte Haut. Es war zwar erst Frühling, aber wenn man viel Zeit in der Sonne verbrachte, bekam man auch auf Dauer eine etwas dunklere Hautfarbe. Ich wünschte, bei mir würde es auch funktionieren, aber egal wie lange ich in der Sonne stand, meine Haut veränderte sich nicht. Oder doch, das tat sie, aber nur, indem ich einen Sonnenbrand bekam. Da konnte ich noch so viel Sonnencreme benutzen, wie ich wollte, es gab Sachen, die veränderten sich nie.

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