IV

»Welches Jahr haben wir?«

Jetzt hat er den Verstand verloren. »2016, um genau zu sein: Heute ist der 21. Oktober 2016.«

Erstaunt starrt er mich an. Dann fährt er sich mit beiden Händen übers Gesicht und stößt ein langgezogenes Stöhnen aus, als hätte er große Schmerzen. Fluchend geht er ein paar Schritte von mir weg und dreht sich wieder um.

»Großer Gott! Der Idiot hat sich im Datum geirrt! Es sollte nur eine Woche später sein. Er muss das falsche Jahr eingegeben haben!«

Es klingt nicht so, als ob die Worte für mich bestimmt wären.

»Was redest du da für einen Blödsinn? Wer hat was eingegeben?«

Marvin dreht sich um und scheint wieder zu bemerken, dass ich neben ihm stehe. »Chris und ich ... wir ...«

Wut kocht in mir hoch. »Der Professor? War doch klar, dass der Vollidiot was damit zu tun hat!«

Christopher, genannt ›Der Professor‹, ist eigentlich gar nicht habilitiert. Den Spitznamen trägt er nur, weil er sich für unglaublich intelligent hält und ständig schlaue Sprüche klopft. Soweit ich weiß, hat er in Physik promoviert und dann die Uni verlassen. Irgendwann war er einmal Marvins Dozent und wurde später ein guter Freund. Aber ich konnte diesen selbstgefälligen Besserwisser nie ausstehen und habe mich immer gefragt, warum Marvin sich mit so einem Typen abgibt. Die Antipathie beruht übrigens auf Gegenseitigkeit.

»Nein, du verstehst das falsch«, versucht Marvin zu beschwichtigen. »Ja, wir waren zusammen unterwegs, aber ... verdammt, das kann ich dir jetzt hier nicht erklären! Das würdest du nicht verstehen.«

Damit gießt er nur noch mehr Öl ins Feuer. »Was soll das denn heißen? Glaubst du, ich bin zu blöd dafür?«

»Was? Nein! Jenna, bitte! So habe ich das nicht gemeint.«

Dass er meinen vollen Namen nennt, lässt mich aufhorchen. Es muss ihm wichtig sein, sonst würde er so etwas nicht tun.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und hebe auffordernd die Augenbrauen. Eine stumme Geste, die er genau versteht.

Er seufzt und scheint nach den richtigen Worten zu suchen. »Es ist nur... Minou, wenn ich dir erzähle, was mir passiert ist, wirst du mich für einen Lügner und Verrückten halten. Du wirst es mir nie glauben, weil es absolut ... Gott, wenn ich darüber nachdenke, kann ich es selbst kaum glauben. Das klingt wie ein Hollywood-Blockbuster. Aber nicht nach dem wirklichen Leben! Aber genau so ist es mir passiert!« Er greift nach meinen Handgelenken und schaut mir tief in die Augen. »Minou, das ist alles so wunderbar! Ich kann es kaum erwarten, dir alles zu zeigen. Wir haben so lange daran gearbeitet. Und es funktioniert! Es funktioniert wirklich! Du wirst Augen machen!«

Die Begeisterung überkommt ihn wie ein kleines Kind, das im Sandkasten einen Schatz gefunden hat. Er steht vor mir und strahlt. Es fehlt nur noch, dass er auf und ab hüpft wie ein Flummi.

»Minou, ich wollte dich nie verlassen. Ich liebe dich, immer noch! Aber ich hatte keine Wahl. Und dass ich jetzt so ein Geheimnis daraus mache, ist absolut notwendig. Es ist wirklich wichtig, dass dich und mich niemand sieht. Deswegen die Geheimnistuerei. Bitte vertrau mir.«

Ich muss schlucken. Das ist keine Antwort auf meine Frage. Schlimmer noch. Es wirft noch mehr Fragen auf, als es beantwortet. Aber diesmal werde ich mich nicht einlullen lassen. Diesmal kann er die Wogen nicht mit seinen hübschen Wimpern und den säuselnden Worten, mit denen er meinen Spitznamen ausspricht, glätten.

»Du hast mich einfach sitzen lassen!«, bricht es aus mir heraus und meine kleine Schwester wäre sicher stolz auf mich. »Du wolltest mich an dem Abend abholen. Wir waren verabredet. Aber du bist einfach nicht gekommen. Ich hatte solche Angst um dich und habe mir wer weiß was für Szenarien ausgemalt, als du nicht aufgetaucht bist und nicht mehr erreichbar warst. Ich dachte, du wärst tot!«

Er verzieht das Gesicht, als hätte er große Schmerzen. »Es tut mir so leid! Ich wollte das nicht, aber ich hatte keine andere Wahl, glaub mir! Es musste alles ganz schnell gehen. Und ich wollte viel früher wieder bei dir sein, aber ... das ist leider schief gegangen.«

»Weil Chris einen Fehler gemacht hat?«

»Ja! Verdammt, ich hätte dir viel früher etwas erzählen wollen, dann hättest du es verstanden. Aber es ging einfach nicht. Ich durfte nichts sagen.«

Ich lache bitter. »Oh mein Gott, deine Fantasie geht mit dir durch! Was bist du denn? Ein Geheimagent?«

»Nein, aber ... ach Minou, ich will dir alles erklären, aber nicht hier! Und nicht jetzt!« Er sieht mich mit einer Mischung aus Verzweiflung und Dringlichkeit an. Seine Augen betteln förmlich um Verständnis.

»Was willst du hier? Warum bist du zurückgekommen, wenn du mir keine vernünftige Antwort geben kannst?«

»Komm mit!« Seine Worte klingen fast wie ein Befehl, als er meine Hand ergreift und mich ansieht, als hinge sein Leben davon ab.

»Was?« Verwirrt starre ich ihn an. »Wo willst du mit mir hin?«

»Das wirst du schon sehen! Deshalb bin ich hier! Ich will dich mitnehmen. Minou, ich liebe dich, das ist die Wahrheit. Aber ich kann hier nicht bleiben. Mir läuft die Zeit davon, ich muss bald wieder weg. Aber du kannst mitkommen, dann sind wir wieder zusammen.«

»Mit dir kommen? Was soll das heißen? Wohin denn?«

»Weg«, sagte er nur. »Jetzt sofort. Das ist die einzige Möglichkeit.«

Etwas überwältigt schüttle ich den Kopf. »Das geht nicht ... ich kann nicht. Ich muss morgen nach Hause. Meine Schwester hat Geburtstag und ich habe ihr versprochen, dass ich komme.«

»Das wird nicht möglich sein, wenn du mit mir kommst.«

Die Worte sickern langsam in mein Gehirn. Er will, dass ich alles stehen und liegen lasse, um mit ihm zu verschwinden? Weg von hier, ohne zu wissen wohin? Das kann er nicht ernst meinen.

Ich schüttle heftig den Kopf. »Nein, Marvin. Du bist völlig verrückt! Du tauchst einfach so auf und erwartest, dass ich alles hinter mir lasse? Das ist doch absurd!«

Er schaut mich flehend an. »Minou, bitte versteh doch ...«

»Verstehen was?«, schreie ich ihn jetzt an. »Dass du mich wieder verarschen willst? Mich irgendwohin locken und dann fallen lassen wie ein altes Spielzeug? Ich bin doch nicht bescheuert!«

Seine Augen weiten sich, als hätte ich ihn geschlagen. »Das würde ich nie tun.«

»Ach ja?« Ich spüre, wie Tränen der Wut in meinen Augen brennen. »Aber genau das hast du getan! Du hast mich sitzen lassen und dich nicht einmal gemeldet! Und jetzt kommst du mit deinen geheimnisvollen Geschichten und erwartest, dass ich dir blind vertraue?«

Wieder greift er nach meiner Hand, doch ich ziehe sie zurück. »Fass mich nicht an!«

Sein Gesicht verzerrt sich vor Schmerz. »Ich hatte keine Wahl.«

»Das ist mir egal«, zische ich. »Du hast alles zerstört! Ich habe dich geliebt, ich war glücklich, und ich dachte, dir ginge es auch so. Aber stattdessen bist du verschwunden und hast dich nie wieder gemeldet! Wo warst du? Hattest du genug von mir und nicht die Eier in der Hose, dich von mir zu trennen? Hast du dir eine andere gesucht, mit der du dich vergnügst?«

»Was? Nein! Nein! Natürlich nicht! Ich ...« Ein leises Surren unterbricht ihn und er wirft einen schnellen Blick auf eine futuristisch anmutende Uhr. Ein Modell, das ich so noch nie gesehen habe. Sie wäre mir gar nicht aufgefallen. Tatsächlich sieht es so aus, als wäre das Display direkt auf seine Haut geklebt.

Was er da sieht, scheint ihn irgendwie zu erschrecken. Marvin blickt hektisch über seine Schulter, als hätte er Angst, dass jeden Moment jemand auftauchen könnte. Seine Augen sind weit aufgerissen und ich sehe die Panik in ihnen.

»Jenna, bitte! Ich flehe dich an, komm mit mir. Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.« Seine Stimme ist jetzt fast ein Flüstern.

Ich trete einen Schritt zurück. Mein Herz klopft wie wild. »Nein, Marvin. Es tut mir leid. Ich kann dir nicht vertrauen. Nicht mehr.«

Wie erstarrt bleibt er stehen und schaut mich an. Sein Gesicht verwandelt sich in einen Ausdruck tiefster Verzweiflung und Schmerz. Er begreift in diesem Moment, dass er verloren hat - dass er mich verloren hat.

»Minou«, flüstert er, seine Stimme bricht fast. »Ich liebe dich. Mehr als alles andere.«

Bevor ich reagieren kann, schließt er die Lücke zwischen uns und drückt mir einen letzten, verzweifelten Kuss auf die Lippen. Es ist ein Kuss voller Leidenschaft und Trauer, ein Abschiedskuss.

Dann dreht er sich um und verschwindet im Schatten der Bäume.

Ich stehe starr und verwirrt da, die Lippen noch warm von seinem Kuss. Mein Herz schmerzt und Tränen brennen in meinen Augen.

Eine leise Stimme in meinem Kopf fragt mich, ob das nicht ein großer Fehler war. Ob ich ihm nicht doch noch eine Chance hätte geben sollen.

Plötzlich flammt hinter den Bäumen ein helles Licht auf, als hätte jemand Scheinwerfer eingeschaltet. Gleichzeitig ertönt ein merkwürdiges Geräusch. Ein tiefes, sonores Summen. Startet da jemand ein Auto? Seltsamerweise klingt es eher wie ein Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film.

Erschrocken spüre ich, wie der Boden leicht vibriert. Mein Herzschlag beschleunigt sich, und ich halte den Atem an. Dann plötzlich ein pulsierendes, elektrisches Knistern. Die Blätter zittern und rascheln, obwohl es absolut windstill ist. Ein leises Zischen ertönt, gefolgt von einem lauten Rauschen. Ich spüre, wie ein Luftzug durch die Baumkronen fegt und mein Haar durcheinanderwirbelt. Das Licht wird schwächer und das seltsame metallische Brummen verliert sich langsam in der Ferne. Eine unheimliche Stille breitet sich aus, als ob die Natur selbst den Atem angehalten hätte.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top