III

Unser Lieblingsplatz befindet sich mitten im Stadtpark. Versteckt zwischen Bäumen, etwas abseits des Weges, liegt eine kleine Wiese mit einer einsamen Statue einer lokalen Künstlerin und einer Bank.

Früher waren wir oft an diesem idyllischen Ort. Wir haben uns in unserer Lieblingseisdiele ein Eis gekauft, sind durch den Park spaziert und haben uns dann auf der Bank ausgeruht. Hier hat er mich zum ersten Mal geküsst.

Seit Marvin verschwunden ist, war ich nicht mehr hier, obwohl es immer noch ein schöner, friedlicher Ort ist. Aber es hängen einfach zu viele Emotionen und Erinnerungen daran.

Als ich den Platz erreiche, ist er verlassen. Auf dem nächsten Weg in der Nähe geht gerade ein älteres Pärchen spazieren, und eine Radfahrerin fährt mit ihrem alten Stadtfahrrad an ihnen vorbei. Auf einer Wiese in der Nähe spielt eine Gruppe junger Leute Fußball. Ich kann sie nicht sehen, aber ich kann sie hören.

Von Marvin keine Spur.

Die Enttäuschung ist groß. Und gleichzeitig wundert es mich nicht. Das ist so typisch für ihn. Er ruft und alle müssen springen. Seine verrückten, furchtbar spontanen Ideen haben mich immer in den Wahnsinn getrieben. Wenn er eine Idee hatte, musste sie sofort umgesetzt werden. Einmal sind wir mit dem Auto ans Meer gefahren: 800 Kilometer. Morgens bei Sonnenaufgang hin und abends wieder zurück. Ohne Gepäck, ohne Übernachtungsmöglichkeit. Das war total verrückt, aber auch eine schöne Erinnerung. Ein anderes Mal hatte er die Idee, spontan sein Zimmer zu streichen. Sonntagnachmittag. Wir haben alle Freunde abgeklappert, um Farbe und Material zu besorgen.

Ich setze mich auf die Bank und warte. Mit jeder Minute werde ich ungeduldiger.

»Psst, hier.«

Eine Stimme lässt mich plötzlich zusammenzucken, als ich gerade aufstehen und wieder gehen will. Suchend blicke ich mich um und entdecke hinter einem Busch jemanden, der mir zuwinkt. Sofort erkenne ich die Person und mein Atem stockt.

Marvin.

Er ist es wirklich. Die große Liebe meines Lebens. Der Mann, den ich über alles geliebt habe, mit dem ich eine Familie gründen wollte. Bei dem ich vom ersten Moment an gespürt habe, dass er der Eine ist. Obwohl wir erst wenige Monate zusammen waren, wusste ich es einfach. Jede Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit durchflutet mich wie ein warmer Sommerregen und ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen Freude und Schmerz. Wie oft habe ich mir gewünscht, ihn wiederzusehen, ihn in die Arme zu schließen und nie wieder loszulassen? Und nun steht er hier, nur wenige Schritte entfernt, und ich kann kaum glauben, dass es wirklich passiert.

Ich gehe auf ihn zu. Zuerst langsam, dann immer schneller. Er zieht mich sofort in seine Arme und ich schmiege mich automatisch an ihn. Ein warmes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus, als ich seinen vertrauten Geruch einatme. Den Duft, den ich so vermisst habe.

»Ich habe dich so sehr vermisst«, flüstert er.

Ich spüre seine Arme um mich und für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen. All die Monate der Ungewissheit, des Kummers, der Fragen - sie lösen sich in diesem Moment auf, ich hebe leicht den Kopf und endlich treffen sich unsere Lippen. Sein Kuss ist sanft und doch voller Leidenschaft, als wolle er all die verpassten Gelegenheiten nachholen.

Erst als uns die Luft ausgeht, lösen wir uns wieder voneinander. Ich betrachte ihn im schwindenden Licht des Tages. Er hat sich verändert. Da sind Falten auf seiner Stirn und unter seinen Augen, die ich vorher nie bemerkt habe. Und um seinen Mund liegt ein harter Zug. Wenn mir die länger werdenden Schatten keinen Streich spielen, sieht er älter aus. Älter, als er nach einem Jahr aussehen sollte.

»Was ist passiert?«, frage ich ihn. »Wo warst du?«

Statt zu antworten, legt er eine Hand an meine Wange und streicht mit dem Daumen über meine Haut.

»Du bist so schön, weißt du das?«

Ich runzle die Stirn und versuche, seine Hand mit einer Kopfdrehung wegzuschieben. Ich will jetzt Antworten, keine weiteren Liebesbekundungen. »Marvin, was soll das alles? Warum diese Heimlichtuerei? Warst du das in der Stadt? Warum hast du mich nicht direkt angesprochen?«

»Shhht«, macht er und legt einen Finger an meine Lippen.

Eine Geste, die alles andere als beruhigend wirkt, eher das Gegenteil. Verwirrung und Misstrauen machen sich in mir breit.

»Glaub mir, das war leider absolut notwendig und ich bin froh, dass du mitgespielt hast und jetzt hier bist. Es ist sehr wichtig, dass mich niemand sieht.«

»Hör auf mit den Ausflüchten und sprich endlich Klartext! Ich will die Wahrheit wissen«, fordere ich energisch. »Und zwar sofort! Wo warst du? Und warum tauchst du jetzt plötzlich wie aus dem Nichts wieder auf? Nachdem du ein Jahr lang wie vom Erdboden verschluckt warst!«

Er runzelt die Stirn und tritt blinzelnd einen Schritt zurück. »Ein Jahr? Moment mal, warum ein Jahr?«

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