Kapitel 1
Adrian
Als Adrians Handy klingelte, brauchte er eine ganze Weile, um zu registrieren, dass die grässlichen Töne ihm galten. Er setzte sich auf, sah sich verwundert um, versuchte, sich zu erinnern, wo er war, warum er war, wo er war, wer da neben ihm lag.
Hoffentlich war das nicht Monika, seine Frau, da am Handy!
Aber sie wusste ja, dass es bei einem Jungsabend oft spät und feuchtfröhlich wurde. Außerdem hatte er ihr eine Nachricht geschickt, dass er bei Johannes schlafen würde.
Dass es eine Johanna war, dass er nicht nur bei ihr geschlafen hatte, sondern mit ihr, hatte er lieber für sich behalten.
Doch zu seiner Erleichterung sah er das Foto seines Dads auf dem Display. Sein Vater hatte vollstes Verständnis für seine gelegentlichen Abenteuer, die ihn in das Bett einer anderen Frau als seiner eigenen brachten. Der alte Herr, auch wenn er sich diese Anrede stets verbat, hatte es in seinen jungen Jahren ebenfalls ordentlich krachen lassen.
War wie Adrian der Meinung, dass ein junger Mann nicht für monogame Beziehungen geschaffen war.
Er hatte erst mit Ende 30 geheiratet, hatte nicht verstanden, warum es sein jüngerer Sohn ihm nicht gleichgetan hatte. Er wusste allerdings nicht, dass eine vorgetäuschte Schwangerschaft Monikas den Junior Nummer zwei zu dieser Ehe aus Ehrgefühl getrieben hatte.
Der Firmenchef mochte seine Schwiegertochter nicht sonderlich. Sie hatte keinen Schulabschluss, war eine dieser affektierten, aufgetakelten Gören, die den ganzen Tag vor dem Fernseher oder dem Computer saßen.
Arbeiten kam für sie nicht mehr in Frage, schließlich war sie die Frau von Adrian Gedack!
„Hallo Sohnemann! Tut mir leid, wenn ich dich stören muss, bei was auch immer!" Sein dröhnendes Lachen marterte Adrians Gehirn.
„Was steht an?" brummte Adrian.
„Thomas hat sich krank gemeldet. Heute Nachmittag holt eine Frau ihr E-Auto ab, und außer dir kennt sich niemand mit diesen Dingern aus. Schau also bitte, dass du bis um zwei hier bist!" erklärte sein Vater.
Adrian verdrehte die Augen. Eine Frau! Ein E-Auto! Das konnte dauern! Sicher eine ultragrüne Veganerin in Jute gekleidet!
Seufzend versprach er, pünktlich zu sein.
Die Mieze neben ihm war natürlich wach geworden, schmiegte sich an ihn. Ein kurzer Blick auf seine teure Armbanduhr zeigte ihm, dass noch genügend Zeit für eine weitere Runde Sex war.
Nach einer erfrischenden Dusche schlüpfte er in seine Klamotten.
„Man sieht sich!" rief er der Kleinen zu, von der er nicht einmal den Vornamen behalten hatte.
„Gibst du mir deine Nummer?" fragte das Mädchen, doch da fiel die Wohnungstüre schon ins Schloss.
Im elterlichen Betrieb zog er sich schnell um, tauschte die Freizeitsachen gegen eine flotte Kombination.
Dann nahm er an Thomas' Schreibtisch Platz, stellte sich mental auf das Mäuschen ein, das gleich auftauchen würde.
Alina
Alina fuhr beschwingt die 30 Kilometer zum Autohaus. Sie freute sich auf ihr neues Auto, freute sich über die Scheidung, die gestern ausgesprochen worden war, freute sich über ihr Leben, freute sich auf die Zukunft.
Endlich hatte sie den Fehler ausgemerzt, den sie vor Jahren gemacht hatte. Sie hatte gedacht, sie könnte aus einer Ratte einen Prinzen machen, wenn sie sie nur oft genug küsste. Doch das Tierchen hatte an ihren Nerven genagt, hatte sie beinahe zerstört, bis sie die Reißleine gezogen hatte.
Es war keine einvernehmliche Scheidung gewesen, die Ratte wollte ihre Haupteinnahmequelle partout nicht aufgeben.
Sie loszuwerden, hatte Alina einen Batzen Geld gekostet, wenn auch nicht so viel, wie sie befürchtet hatte. Der Rat ihres Anwaltes, freiwillig eine ziemlich hohe Summe anzubieten, war im wahrsten Sinn des Wortes goldrichtig gewesen. So hatte niemand nach weiteren Konten geforscht, und die Ratte hatte auch nie wirklich eine Ahnung gehabt, wie viel Geld sie während der drei Ehejahre verdient hatte.
Der Verkäufer des neuen Wagens war nett gewesen, hatte sich nicht als Macho aufgespielt. Heute war endlich die Übergabe, und sie konnte ihren CO2-Fußabdruck den Gegebenheiten der Zeit anpassen.
Sie tanzte ins Autohaus, ging zu Thomas' Arbeitsplatz und erstarrte.
Puh! schoss es ihr durch den Kopf. Hatte Hollywood einen seiner Superstars hierher in die Kleinstadt gebeamt?
Sie lächelte über sich selbst. Aber der Typ, der da saß, war eindeutig eine 1 mit Stern!
Noch immer lächelnd trat sie an den Tisch. „Hallo! Ich bin Alina Arnheim! Ist Thomas noch nicht da?"
Der Kerl tippte sehr beschäftigt an seinem Laptop herum, würdigte sie keines Blickes.
Punktabzug! dachte sie. Arrogant! Selbstgefällig! Unhöflich! Aber heiß!
Jetzt hob er doch tatsächlich eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Einen Moment bitte!" kommandierte er.
Noch mehr Minuspunkte!
Alina begann zu kochen.
Frech!
Ungehobelt!
Und wahrscheinlich ein Arschloch!
Aber wirklich heiß!
Adrian
Adrian musste das Spiel noch zu Ende bringen. Er war auf dem Weg zu einem neuen Rekord. Das konnte er seinen Kumpeln beim nächsten Zockerabend unter die Nase reiben.
Doch dann löste er kurz den Blick vom Bildschirm, und seine Augen blieben an einer wunderschönen Frau hängen.
Sein Held stürzte ab, verlor alle verbliebenen drei Leben innerhalb von Sekunden, und es interessierte Adrian nicht im geringsten.
Er sprang hoch, hielt ihr seine Hand hin, die sie geflissentlich übersah.
Okay! Er hatte es nicht anders verdient! dachte er. Aber wer konnte denn ahnen, dass die Lady ein solcher Augenschmaus sein würde.
„Nehmen Sie bitte Platz!" bat er relativ unterwürfig. „Thomas ist krank. Ich bin Adrian und vertrete ihn."
„Und Sie verstehen etwas von E-Autos?" fragte sie ihn tatsächlich ziemlich herablassend.
Für dich wird's schon reichen, Madame! dachte er.
„Ja, deshalb vertrete ich den Kollegen!" Seine Stimme war nur etwas arrogant.
„Gut! Dann schauen wir uns das Baby mal an!" erwiderte sie und stand auf. „Den Papierkram habe ich ja schon mit Ihrem Kollegen erledigt!" Sie legte die Autoschlüssel ihres bisherigen Wagens, den sie in Zahlung gab, auf den Tisch vor ihn.
Oh ja! dachte er.
Das Baby da vor mir schaue ich mir gerne an! Auch etwas näher!
Endlos lange Beine, wohlgeformte Hüften, die die knappen Jeans ausfüllten.
Mehr als wohlgeformte Brüste, die das ebenso knappe Shirt ebenso ausfüllten.
Ein süßes Gesicht mit einer kleinen Nase, die sich frech etwas nach oben reckte, volle Lippen und große hellblaue Augen. Seltsam bei diesen dunklen Haaren, die fast bis zu ihrer Taille reichten.
Sie bemerkte seinen interessierten Blick mit Sicherheit, wich seinen Augen aber nicht aus, lächelte sogar ein wenig.
Aha!
Die Schöne will flirten!
Na gut!
Da war er ja in seinem Element!
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