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Taehyung

Als ich meine Augen benebelt öffne, werde ich direkt von einem hellen weiß erschlagen. Zum zweiten Mal in wenigen Wochen wache ich im Krankenhaus auf. Habe ich gestern zu viel getrunken? Oder wurde mir was ins Getränk gemischt? Bestimmt hat Jungkook mir auch einfach nur wieder im Vollsuff eine rübergehauen.

Es braucht tatsächlich einen kurzen Moment ehe ich den jungen Mann neben mir bemerke. Er sitzt auf einem unbequemen Hocker, liegt mit dem Oberkörper auf meinem Krankenhausbett und scheint tief und fest zu schlafen. Seine dunklen Strähnen hängen ihm wirr ins Gesicht und seinen plumpen Lippen entflieht ein leises Schnarchen.

Seokjin sieht gerade fast schon lächerlich menschlich aus.

„Du Trottel", murmele ich tonlos, als mir unser Gespräch von gestern einfällt. Gott, ich war seit Jahren nicht mehr so aufgewühlt wie da. Es kam einfach alles hoch und ich muss mir verbieten da jetzt dran zu denken, sonst löst sich der fiese Knoten in mir wieder und ich schaffe es nicht, mit den Erinnerungen fertig zu werden.

Meine Hand bewegt sich von selber, als ich mit meinen Fingern seine dunklen Haare aus dem Gesicht streiche. Ihm entweicht ein kindlich-zufriedenes Schmatzen und er schläft einfach weiter.
„Wehe du sabberst gleich noch", drohe ich leise und schmunzele über mich selber.

Obwohl er mich gestern so aufgewühlt hat, bin ich ihm nicht böse. Ich kann ihm gar nicht böse sein, wenn er hier so fertig an meinem Bett liegt und scheinbar auf mich aufgepasst hat.
Meine Fingerspitzen finden sanft den Weg zu seinen weichen Lippen und schnell nehme ich meine Hand von seinem Mund, bevor ich noch auf blöde Ideen komme.

Stattdessen drücke ich auf den kleinen Notknopf an meinem Bett und warte, bis eine Krankenschwester hereinkommt. Es braucht auch nicht lange, da wird die Tür schwungvoll aufgestoßen und es prasseln sofort Wörter auf mich nieder.
„Herr Kim! Schön zu sehen, dass es Ihnen besser geht. Nach Ihrem kleinen Schwächeanfall gestern wollten wir Sie vorsorglich die Nacht über hier behalten. Aber Sie haben ja einen ganz süßen Freund, der Sie in seinen Arm hergetragen hat, wie ein Prinz  und dann an Ihrem Bett gewartet hat - ach, die Jugend muss so schön sein!"

Zu viele Information und zu viel Energie auf einmal - aber immerhin scheint Jungkook mich nicht K.O. Gehauen zu haben.
Durch die energische Stimme der Krankenschwester wird auch Jin wach und schlaftrunken hebt er verwirrt seinen Kopf. Dabei sieht die Seite seiner Wange, auf der er geschlafen hat, total niedlich zerknautscht aus und ein paar Haare stehen ihm ab.

Kann der Tod überhaupt müde sein? Ja vermutlich, oder? Wenn er in seiner menschlichen Hülle steckt? Und warum sieht er selbst so verpennt noch gut aus? Ich erinnere dann eher an eine überfahrene Ratte.

Während mich die Krankenschwester einmal durchcheckt, noch einmal beteuert was für ein niedliches Paar Jin und ich doch seinen und dann um einen Arzt zu suchen förmlich rausrennt, so motiviert ist sie, beobachtet mich Seokjin nur still. Und dabei sieht er so unglaublich schuldbewusst aus, dass ich mich fast schlecht fühle hier zu liegen.

„Sorry, dass ich nicht klargestellt habe, das wir nicht zusammen sind. Aber ich hatte heute Nacht andere Dinge im Kopf", entschuldigt er sich schließlich und ich lächele nur zaghaft.
„Ist schon gut, gibt Schlimmeres."
An seinen Mundwinkeln zupft ein träges Lächeln.

Ich muss ihm ja nicht sagen, dass ich eine Beziehung mit ihm ehrlich gesagt total aufregend finde und alleine der Gedanke daran mir verliebtes Herzklopfen beschert.

„Aber noch mehr tut mir leid, dass ich dich gestern zu etwas gedrängt habe."
Er seufzt leise und greift dann nach Meiner Hand. Seine fühlt sich eiskalt an, aber die Berührung jagt mir trotzdem wärmende Schauer über meine Haut.
„Es war nicht richtig von mir, dein Nein nicht zu akzeptieren und dich solange zu nerven, bist du es mir sagst. Ich hätte wissen sollen, dass dahinter ein so sensibles Thema steckt. Und dann hattest du dich schon reingesteigert und es war irgendwie zu spät zum umkehren. Das du dann auch noch umkippst, war echt nicht meine Absicht."

Mit großen Augen sieht er mich an und erinnert mich dabei an einen treuen Hund, der trotz ausdrücklichen »Aus« des Besitzers etwas gefressen hat und jetzt stumm um Vergebung bettelt. Und seinen wir mal ehrlich - niemand kann Hunden lange böse sein, wenn sie dich mit ihren dunklen, liebevollen Seelensteinen hypnotisieren.

„Ist schon gut", murmele ich nur. Das ich ohnmächtig geworden bin, ist mir schon etwas peinlich und verlegen drücke ich meine freie Hand an meine Wange, um diese abzukühlen. Gott, ich bin doch kein kleines Mädchen, was bei einer Sturmböe weggeweht werden kann. Und erst recht nicht muss ich durch die Gegend getragen werden (wobei Seokjin das darf, weil er heiß ist).

„Es war vielleicht gar nicht mal so schlecht, das Thema mit jemandem anderes als meinem Psychologen zu bereden. Nur versprich mir bitte, dass du mich nicht wieder nach Details fragst."
Ich schließe kurz die Augen und atme einmal tief ein.
„Das kann ich nicht. Und ich will es nie wieder sehen müssen."

Seokjin nickt stumm und streicht mit seinem Daumen über meinen Handrücken. „Ich verspreche es."
Und das Mitleid, dass er dabei in den Augen hat, widert mich an.
Ich bin nicht zu bemitleiden - meine Mutter ist es. Ich bin es nicht, dem all die grausame Folter wiederfanden ist und ich habe die Chance, stark genug zu sein, dass alles durchzustehen. Sie hat diese Chance nicht mehr.

Als kurz darauf der Arzt kommt dauert es nicht mehr lange, bis ich endlich entlassen werde. Ich kann es kaum erwarten aus dem Krankenhaus zu kommen und zuhause erstmal etwas zu essen und eine Dusche zu nehmen, ich will gar nicht wissen wie ich nach einer Party und Ohnmacht aussehe.

Jin begleitet mich die ganze Zeit und irgendwann fangen wir an, uns über Nichtigkeiten zu unterhalten, wie die Lieblingsfarbe oder der Lieblingsfilm.
„Wie, du hast noch nicht Titanic gesehen?"
Ich schüttele den Kopf und der Brünette schnaubt empört. „Unfassbar."

„Ich stehe Eigentlich auf jede Art von Film, aber der wurde mir schon zu sehr gespoilert - man kennt ihn, ohne ihn gesehen zu haben", gebe ich zu und Seokjin ist immer noch entrüstet. „Aber das ist ein Klassiker!"

Ich sage ihm nicht, dass ich von »Call me by your Name« bis »Jurassic Park« eigentlich alles gucke, aber mich alleine schon die Hysterie in Titanic abfuckt.

Kurz bevor wir bei mir zuhause sind, bleibt Jin jedoch unvermittelt stehen.
„Was ist?", frage ich und drehe mich um. „Bist du echt so angefressen wegen eines Filmes?"
Belustigt Hebe ich eine Augenbraue, aber er schüttelt den Kopf und beißt sich unwohl auf die Unterlippe.

„Nein, das ist es nicht. Sei mir nicht böse, dass ich das Thema noch einmal ansprechen muss..."
Mir war sowas von klar auf was das hinausläuft und seufzend ergebe ich mich. Gleichzeitig drücke ich meinen Rücken durch und spanne meinen Bauch an, als könnte mich das irgendwie vorbereiten oder schützen.

„Taehyung, deine Mutter hatte kein Lebenslicht mehr, als ihr Körper Starb - denkst du, ihre Seele hat sie durch die Folter verlassen, damit sie sie ertragen konnte?"

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