❉ 15 ❉
Taehyung
Hibbelig sitze ich auf meinem Stuhl und schlinge hastig mein Abendessen runter. Mein Vater beäugt mich schon misstrauisch: „Willst du noch irgendwo hin?"
Ich schüttele den Kopf und zwinge mich, langsamer zu essen, es ist schließlich erst acht. Und bis Seokjin kommt, muss ich ja noch Zeit totschlagen.
„Ne, aber ich wollte heute Abend mal meine Serie weitergucken, dass habe ich schon länger nicht mehr."
„Du bist echt süchtig danach. Im Kino warst du aber schon länger nicht mehr, oder?"
Mein Vater weiß natürlich, wie sehr ich fiktive Geschichten liebe. Egal ob es Bücher, Serien oder Filme sind.
„Schon seit mindestens drei Wochen nicht mehr", bestätige ich. Andere gehen vielleicht alle halbe Jahr ins Kino, aber ich lebe da quasi.
Als wir beiden fertig sind, räume ich noch mit ab und mache kurz die Küche sauber, damit mein Vater sich ein bisschen ausruhen kann. Er arbeitet den ganzen Tag über, auch samstags und manchmal sonntags, Weswegen ich versuche ihm wenigstens im Haushalt zur Hand zu gehen. Auch meine Studiengebühren zahle ich durch meinen Nebenjob selbst, um ihm möglichst wenig Last zu sein. Immerhin leben wir mehr als gut und ich bin wirklich dankbar, dass wir unser eigenes Haus haben.
Tatsächlich schmeiße ich mich danach auf mein Bett und greife Nach meinem Laptop, aber nicht um Netflix zu schauen. Stattdessen klicke ich auf eines meiner vielen, noch unbeendeten Essays und fange an etwas daran zu arbeiten. Natürlich sind meine Gedanken alles andere als fokussiert, aber wenn Seokjin kommt, soll er nicht denken, ich hätte wie eine verzweifelte Jungfrau auf ihn gewartet.
Ich bin nämlich keine Jungfrau mehr, aber verzweifelt bin ich schon.
Verzweifelt wegen Seokjin, dem Trottel. In der einen Sekunde will ich am liebsten über ihn herfallen - Gott, er küsst so dermaßen gut - und in der nächsten will ich ihm am liebsten mit meinen Flipflops ins Gesicht klatschen.
„Na?"
Vor Schreck schmeiße ich meinen Laptop fast von meinem Schoß, als Jin wie aus dem nichts plötzlich vor mir auf meinem Bett auftaucht. Ganz entspannt sitzt er da im Schneidersitz, während ich versuchen muss mein Herz zu beruhigen, dass sowohl wegen des Schrecks, aber auch wegen des Typen vor mir bedenklich schnell davon galoppiert.
„Sag mal, gehts noch? Willst du das ich hier verrecke, oder was?", fauche ich und setze mich etwas aufrechter hin. Mein Gegenüber aber setzt nur eine nachdenkliche Miene auf und beißt sich dann auf die Unterlippe: „Vielleicht ja schon?"
„Du schuldest mir ein paar Antworten."
Ich gehe gar nicht weiter auf seinen idiotischen Spruch ein und packe stattdessen meinen Laptop auf den Boden. Nicht dass das arme Gerät wieder in Lebensgefahr gerät. Reicht ja schon, wenn ich nur bei dem Anblick von Jin einen Herzinfarkt bekomme.
„Leider tue ich das."
Kurz ist es still - und es ist keine angenehme Stille - aber ich sehe es nicht ein, es ihm leichter zu machen. Skeptisch verschränke ich die Arme vor der Brust und blicke Jin einfach nur abwartend an. Sicherlich werde ich jetzt nicht noch nett zu ihm sein, vorher will ich endlich wissen, was hier abgeht. So langsam denke ich nämlich, ich bin verrückt.
„Okay, fangen wir mit den weniger schlimmen Dingen an", murmelt er dann, nachdem er sich ein paar mal geräuspert hat.
„Wie du vielleicht gemerkt hast, kann nicht jeder mich sehen. Eigentlich nur, wenn ich es überhaupt gestatte, was nur wirklich selten passiert. Meistens wandele ich in meiner zwischenmenschlichen Form, hier auf der Erde kann ich nicht meine überirdische Gestalt annehmen. Das heißt, ich sehe zwar aus wie ein normaler Mann, aber bin für Menschen eigentlich nicht sichtbar.
Ab und an bin ich in aber auch meiner menschlichen Form unterwegs, wie zum Beispiel, als ich die Klamotten einkaufen war - seien wir ehrlich, shoppen macht einfach Spaß."
„Scherz hier nicht rum", murre ich aber nur und das leichte Lächeln was sich auf seinen Lippen gebildet hat, verschwindet wieder.
„Naja, wie auch immer. Meine Überirdische Gestalt geht dich nichts an, aber aus irgendeinem Grund scheinst du meine zwischenmenschlichen Form sehen und auch berühren zu können. Frage mich nicht wieso, das sollte eigentlich nur anderen... wie mir möglich sein."
„Anderen wie dir?", frage ich und lege meinen Kopf schräg, während ich meine abweisende Haltung etwas aufgebe. Mist, jetzt sieht meine Neugierde mal wieder über meine Wut.
Aber kann man es mir verübeln? Der Mann vor mir erklärt mir gerade etwas von Unsichtbarkeit und überirdischen Formen - und verflucht, ich glaube ihm das alles auch noch. Warum auch nicht? Ich habe es schließlich selber erlebt.
„Ja, anderen wir mir. Wenn du dir ein Unternehmen mit sehr, sehr vielen Mitarbeitern vorstellst, dann bin ich sozusagen der Boss. Ich leite das Geschäft, aber arbeite auch ab und an selber. Das jetzt ausgerechnet ich an jemanden wie dich gerate, ist natürlich nicht so prickelnd und lässt meine Position vor den anderen weniger stark dastehen. Der Chef, der als einziger von einem normalen Menschen gesehen werden kann? Ja danke auch, ich wirke natürlich richtig vertrauensvoll. Und jetzt mucken diese Spasten natürlich auf."
Er schnaubt und fügt noch etwas leiser und deutlich angepisster hinzu: „Dabei leite ich diesen Saftladen schon seit tausenden von Jahren!"
Ich lasse die Informationen erst einmal sacken und lecke mir dabei nervös über die Lippen.
Das Seokjin nicht menschlich sein kann, war mir irgendwie schon länger klar, aber das jetzt noch einmal bestätigt zu bekommen... es wirkt einfach zu verdammt unreal.
Und dann scheint er auch noch irgendwo mächtig zu sein und das jagt mir doch vielleicht ein kleines bisschen Angst ein. Zumindest großen Respekt habe ich vor diesem Mann vor mir.
„Und woraus besteht euer Geschäft? Ich nehme mal an, dass ihr keine Waschmaschinen verkauft."
Er schnaubt belustigt und schüttelt einmal den Kopf, ehe er wieder ernst wird.
„Nein, das leider nicht. Mein Geschäft ist der Tod."
„Der Tod?", frage ich dümmlich nach und habe sofort das Bild von einem Auftragskiller im Kopf.
„Du bringst Leute um?"
„Ja und nein. Ich töte niemanden, zumindest nicht mit Absicht. Ich nehme lediglich die Seelen mit, deren Zeit beendet ist. Nenn mich Gevatter Tod oder ein Sensenmann - ich bin das Letzte, was ein jeder Mensch in seinem Leben sieht."
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