23
Kapitel 23
Keine fünf Minuten später tauchte Ruslan unten bei ihnen auf.
„Ruslan... um Gottes willen, du lebst", brachte Dahlia außer Atem hervor. Der Kampf steckte ihr noch immer in den Knochen.
Ohne ein Wort zog Ruslan sie sofort in eine Umarmung. Kurz darauf schlossen sich auch Ares und Violet an.
Ein paar Meter weiter hielt Hades sich den Bauch. Wahrscheinlich eine gebrochene Rippe. Oder schlimmer.
Atila beobachtete ihn kurz, dann glitt sein Blick zu der kleinen Gruppe, die Ruslan erleichtert umarmte.
Hades sagte nichts.
Doch irgendetwas in seinem Blick war seltsam ruhig geworden.
„Ich bin so froh, dass du da bist", sagte Violet leise.
„Ich bin direkt zurück ins Geschäft gegangen... aber niemand war mehr dort", antwortete Ruslan.
Dahlia nickte nur erschöpft.
„Lasst uns zurückgehen."
Bevor sie loslaufen konnten, hob Ruslan seine Sniper leicht an.
„Geht schon vor. Ich hole noch meine Sachen vom Dach."
Mit diesen Worten verschwand er wieder in der Dunkelheit.
———
Vor der Kellertür blieben sie stehen.
Ares klopfte sofort dagegen.
„Macht auf. Wir sind's."
Die Tür wurde augenblicklich geöffnet.
„Oh mein Gott... ihr habt es geschafft!"
Kai rannte direkt auf Hades zu und umarmte ihn.
„Vorsichtig, Kleiner", sagte Hades ruhig, spannte dabei aber sofort seinen Bauch an vor Schmerz.
Dahlia bemerkte es sofort.
Natürlich war er verletzt.
Er hatte sich zwischen sie und diese Kreatur geworfen.
„Ich halte immer mein Versprechen", sagte Dahlia leise.
Er sah sie kurz an.
Nur für einen Moment.
Alle redeten gleichzeitig durcheinander. Erleichterung breitete sich im Keller aus.
Ihre Kleidung war zerrissen, überall klebte Blut und Dreck an ihnen.
Dann klopfte es erneut an der Tür.
Kai runzelte verwirrt die Stirn.
„Wer soll das sein? Alle sind doch hier."
„Ein Freund von mir", sagte Dahlia sofort.
Sie öffnete die Tür und Ruslan trat hinein.
Kaum hatte er seine Sachen abgelegt, hörte man plötzlich eine bekannte Stimme.
„Ruslan?!"
Kaelian sprang sofort auf und zog ihn in eine Umarmung.
„Kaelian? Was machst du hier? Ich habe dich gesucht."
„Wien ist wirklich klein", murmelte Dahlia kopfschüttelnd.
Kaelian grinste leicht.
„Das ist der Freund, von dem ich dir erzählt habe."
Ruslan blickte überrascht zwischen allen hin und her.
„Dann seid ihr also die Gruppe, mit der Kaelian unterwegs ist."
Er zeigte auf Dahlia, Ares, Violet, Liliana und Dorothy.
„Jetzt ergibt alles Sinn", sagte Kaelian lachend.
Dorothy trat sofort näher.
„Ihr seid alle verletzt."
„Ich hole die Verbandsachen", sagte Liliana besorgt und verschwand direkt.
———
Es war bereits früher Morgen geworden.
Die Sonne ging langsam auf, also beschlossen sie, einen neuen Unterschlupf zu suchen.
Zu viele waren verletzt, um weit laufen zu können.
Diejenigen, die kaum verletzt waren, schleppten Taschen und Vorräte durch die verlassenen Straßen.
Am Ende entschieden sie sich für das Bürogebäude direkt nebenan.
Der Millennium Tower.
„So weit oben wie möglich", hatte Hades gesagt.
Also landeten sie schließlich im neunten Stock.
Die Fenster wurden diesmal noch sorgfältiger abgedunkelt als zuvor.
Kein einziger Sonnenstrahl durfte nach draußen dringen.
Überall hörte man Schritte, raschelnde Taschen und leise Stimmen.
Alle waren beschäftigt.
Nur Dahlia verschwand irgendwann still im Badezimmer.
Sie stellte sich vor den Spiegel und begann langsam das getrocknete Blut aus ihrem Gesicht zu wischen.
Die Tür öffnete sich hinter ihr.
„Hades", sagte sie überrascht.
„Brauch ein Handtuch."
Seine Stimme war monoton wie immer.
Dahlia nickte nur leicht.
„Danke... übrigens."
Durch den Spiegel beobachtete sie ihn.
Und plötzlich kam alles zurück.
Die Kreatur.
Das Blut.
Die Schreie.
Ihre Hände begannen leicht zu zittern.
Hades bemerkte es sofort.
Langsam trat er hinter sie.
Zu nah.
Sein Körper presste sich leicht gegen ihren Rücken, während er sein Kinn auf ihren Kopf legte.
Dahlia hielt unbewusst den Atem an.
„Der Gedanke, dass du weg bist... hat mir nicht gefallen."
Seine Stimme war tief. Rau.
Er blickte ihr direkt durch den Spiegel in die Augen.
Dahlia versuchte zu grinsen.
„Du hast deine Meinung aber schnell geändert."
Sarkasmus.
Ihr letzter Schutzmechanismus.
Hades grinste kaum merklich.
„Beruhig dich."
Seine Stimme wurde plötzlich ruhiger.
„Du bist in Sicherheit, solange ich da bin."
Und mit diesen Worten verließ er das Badezimmer.
Dahlia starrte ihm nach.
Das Schlimmste daran?
Sie beruhigte sich tatsächlich.
———
Später duschte sie schnell, bevor es dunkel werden würde und die anderen ebenfalls ins Bad mussten.
Sie säuberte die Wunde an ihrer Augenbraue und stoppte das Blut so gut wie möglich.
Die Kratzspuren auf ihrem Rücken brannten noch immer.
Aber sie ignorierte es.
Als sie aus dem Badezimmer kam, stürmten sofort mehrere Jugendliche hinein und begannen sich darüber zu streiten, wer als Nächstes duschen durfte.
Zum ersten Mal seit Tagen hörte man wieder normales Chaos.
Dahlia ging direkt zu Ares.
„Wir hatten doch alles abgesperrt", sagte sie leise. „Wie sind diese Dinger überhaupt reingekommen?"
Ihr Blick war ernst.
Ares schüttelte langsam den Kopf.
„Keine Ahnung. Aber ab jetzt gehen wir nur noch raus, wenn es hell ist. Bis dahin bleibt jeder drinnen."
Dahlia nickte.
Sie wusste genau, was passieren würde, wenn sie noch einmal so einen Angriff erlebten.
Die Hälfte ihrer Kämpfer war verletzt.
Während sie mit Ares sprach, wanderte ihr Blick immer wieder zu Hades.
Er redete gerade mit Atila.
Doch immer wieder sah er zu ihr rüber.
Und jedes einzelne Mal trafen sich ihre Blicke.
Dahlias Herz setzte kurz aus.
Sofort sah sie weg.
Was stimmt plötzlich nicht mit mir?
„Okay... was läuft zwischen euch?"
Ares zog eine Augenbraue hoch.
„Gar nichts", antwortete Dahlia viel zu schnell.
Sie drehte sich weg, damit niemand bemerkte, wie rot sie geworden war.
Aber die Begegnung im Badezimmer ließ sie nicht los.
Und der Fakt, dass Hades sie gerettet hatte... noch viel weniger.
———
Später in der Nacht schlief schließlich fast jeder ein.
Nur Dahlia war noch wach.
Überall lagen Menschen auf Decken verteilt am Boden.
Und direkt neben ihr lag Hades.
Seine Augen waren geschlossen, also dachte sie, er würde schlafen.
Langsam hob sie ihre Hand.
Ihre Fingerspitzen strichen vorsichtig über seine Wimpern... dann weiter hinunter zu seinen Lippen.
„Was wird das?"
Seine raue Stimme ließ Dahlia sofort zusammenzucken.
„Tut mir leid", murmelte sie peinlich berührt.
Sofort wollte sie sich wegdrehen.
Doch Hades hielt sie auf.
„Ich habe nicht gesagt, dass du aufhören sollst."
Dahlia blinzelte überrascht.
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Dann murmelte sie leise:
„Ich hasse dich jetzt ein bisschen weniger."
„Wie schön zu hören."
Selbst in der Dunkelheit konnte sie sein Grinsen erkennen.
„Danke fürs Retten", sagte Dahlia ehrlich. „Ich dachte wirklich, ich wäre tot."
Hades' Blick wurde plötzlich ernst.
„Du wirst leben, solange ich da bin."
Dahlia wusste nicht, warum dieser Satz ihr Herz so schnell schlagen ließ.
Vielleicht weil er ihn vollkommen ernst meinte.
Hades hatte längst aufgehört, sich selbst anzulügen.
Das zwischen ihnen war kein Hass mehr.
Schon lange nicht mehr.
Dahlia legte sich auf den Rücken und starrte an die dunkle Decke.
„Denkst du, wir kommen hier jemals raus?"
Ihre Stimme war plötzlich leise geworden.
„Es fühlt sich an, als hätte das alles kein Ende."
Hades rückte näher an sie heran.
So nah, dass ihre Arme sich leicht berührten.
Dann legte er seine Hand auf ihre.
„Es tut mir leid."
Dahlia drehte sofort den Kopf zu ihm.
„Für was?"
Hades blickte weiter an die Decke.
„Ich war ein Arschloch."
Die Ehrlichkeit in seiner Stimme überraschte sie.
Dann drehte er langsam den Kopf zu ihr.
„Wer hätte gedacht, dass es kein Hass ist... sondern etwas anderes."
Dahlia schluckte leicht.
„Wie verwechselt man bitte Hass mit sowas?"
Aber tief in ihrem Inneren wusste sie genau, was er meinte.
Sie hatte ihn am Anfang ebenfalls nicht ausstehen können.
Und trotzdem hatte sie ihn ständig angesehen.
Zu oft.
Zu lange.
Sie beide waren in einer Welt voller Angst gelandet.
Menschen sagten Dinge, die sie nicht meinten.
Taten Dinge, die sie später bereuten.
Doch Hades...
Er hatte sie zuerst töten wollen.
Und jetzt wollte er sie beschützen, als wäre sie das Wichtigste auf dieser Welt.
„Dahlia."
„Hm?"
„Ich mag dich."
Er sagte es ruhig. Fast gelassen.
Aber seine Stimme blieb rau.
Echt.
Dahlia musste leicht grinsen.
„Ich weiß."
Hades zog eine Augenbraue hoch.
„Sonst hättest du mich nicht gerettet."
Zum ersten Mal lachte Hades wirklich.
Nicht dieses kalte Grinsen.
Ehrlich.
Dahlia sah ihn überrascht an.
„Du solltest öfter lachen."
„Bei dir ist das nicht schwer."
„Bin ich etwa ein Witz für dich?"
Hades begann wieder zu lachen.
„Genau das meine ich."
Kurz darauf lachten beide leise miteinander, während um sie herum alle schliefen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Welt für Hades... ruhig an.
Fast normal.
Fast friedlich.
Als hätte er endlich etwas gefunden, für das es sich lohnte zu kämpfen.
Doch tief in seinem Inneren warteten seine Dämonen noch immer.
Und sie würden ihn nicht einfach gehen lassen.
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