Überraschung
"Und was sagst du?", fragt mich meine Mutter am Tag danach. Anna Oswald mit einem Lächeln am Frühstückstisch, ein Kaffe in der einen Hand, eine Pfanne mit Ei in der anderen. Sie kocht nie, sie ist nie da in der Früh. Was habe ich nur für ein Glück, dass ich im Pyjama geblieben bin und nicht in meinem Jules-Outfit frühstücken gegangen bin.
"Nick ist toll, Mum.", sage ich und meine es auch so. Hätte er keinen Sohn wäre er perfekt.
"Und wie findest du Seth? Geht er nicht in deine Schule?"
Soll ich ihr sagen, dass Seth nicht meine Lieblingsperson ist?
Lieber nicht, sie ist gerade so glücklich. Außerdem würde sie es sicher nicht verstehen, weil er sich vor ihr so verstellt hat.
"Ja, der ist ganz nett."
Sie löffelt ein bisschen Ei auf meinen Teller und schüttet ein bisschen Kaffee in meine Tasse.
LECKER KAFFEE!
"Gut, denn die beiden werden wir jetzt wohl öfter sehen."
Sowas sagt sie nie, sie bindet sich nie. Wenn ihr ein Mann zu nahe kommt findet sie immer etwas was ihr nicht gefällt und meldet sich nicht mehr bei ihm oder hört auf zurück zu schreiben.
Dieser Nick muss echt etwas besonderes sein, vielleicht hat er ja doch einen gewissen Badboy-vibe, den er Seth weitervererbt hat.
Ich nehme genüsslich einen Schluck von dem warmen Getränk und wünsche mir, dass ich nur Nick öfter sehe und Seth vielleicht so zwei mal im Jahr beim Geburtstagsessen.
"Wir haben uns überlegt, dass wenn Katharina kommt wir alle gemeinsam zu der Hütte von Nick fahren könnten, bei der wir letzten Wochenende waren."
Moment.
Wir alle?
Katharina?
Nick?
Meine Mutter?
"Du meinst mit Seth?"
Oh nein, Oh nein, Oh nein.
"Ja natürlich mit Seth!"
Ich begebe mich in einen Schockzustand.
"Julia alles in Ordnung?"
Ich versuche zu lächeln, aber die Vorstellung von Katharina rechts von mir im Auto und Seth links lässt mich erschüttert.
"Ich weiß es ist noch ein bisschen früh, aber wir fahren ja erst wenn Katherina kommt, da ist noch einmischen zeit dazwischen. Du wirst dich sicher an den Gedanken gewöhnen!"
Endlich schaffe ich es zu lächeln.
"Kein Problem Mutter, das wird sicher toll!"
Und das meine Damen und Herren ist jahrelange Übung.
Ich nehme noch einen Schluck Kaffee und sehe, dass er schon leer ist.
Ein paar Wochen Vorbereitung werden doch reichen oder? Es ist ein Wochenende als Julia mit meiner Stiefschwester-Tussi Katharina und dem Tussihasser Seth.
Wie schlimm kann das nur sein?
-
4 Tests in der Schule, 3 Julia-Shoppingtrips, 2 Sonnenhüte und ca 3892 Gespräche mit Betty später fühle ich mich noch immer nicht bereit. Katharina ist gestern gekommen und heute fahren wir.
Chad hat mich in der Schule ignoriert. Was ist schlimmer als Smalltalk? Eine kalte Schulter.
Doch irgendwie werde ich auch nicht mehr so nervös wenn ich an ihn denke. Mein Herzklopfen hält sich in Grenzen wenn jemand seinen Namen sagt.
"Wir brauchen eine Ablenkung für dich, Jules!", sagt Bettina immer. "Und auch eine für Marie, damit ich ihr meinen Bruder ersparen kann."
Betty sagt das zwar und es klingt ernst, doch irgendwie sind die beiden süß und sie weiß es. Joe passt super zu Marie und behandelt sie auch gut.
"Was ich brauche ist eine Beruhigungstablette und gute Kopfhörer für dieses Wochenende!"
"So schlimm wird das nicht. Außerdem kannst du mich immer anrufen!"
"Kommst du dann auch und hilft mir mit der Leiche von Seth?"
Sie verdreht nur ihre Augen. Just in diesem Moment sehe ich wie Joe und Marie aus der Schule kommen. Hinter ihnen Chad, Seth und die anderen. Zum Glück gehen sich gleich auf den Parkplatz und ignorieren Joe, der auf uns zukommt.
"Na endlich, ich habe schon gedacht ihr seid nach dem Training eingeschlafen!", ruft Betty ihrem Bruder zu.
"Wir musste noch 100 Liegestützen machen! Hi Jules, wie geht es dir?"
Seit der Sache mit Chad ist Joe ein bisschen komisch zu mir. Vielleicht das schlechte Gewissen?
"Es geht.", sage ich ehrlich.
Jetzt wo ich sehe wie viel Zeit Seth mit Joe und seinen Freunden verbringt, habe ich noch mehr Angst, dass er mein Cover zerstören könnte.
"Wenigstens ist Freitag und wir haben ein tolles Wochenende vor uns!"
Wie unrecht er nur hat.
Marie hakt sich bei ihm ein. Betty schaut ein bisschen genervt, aber man sieht auch ein kleines Lächeln.
"Können wir endlich gehen?", sagt meine beste Freundin.
Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht.
"Fährst du mit uns, Jules?", fragt Joe.
"Nein ich hab heute das Auto von meiner Mutter!", lüge ich. Ich muss mich ja noch umziehen und die Sachen habe ich alle in meinem Tussi-Auto.
"Ahso, na dann bis Montag!"
Wenn ich es überlebe.
Betty umarmt mich noch einmal und flüstert mir "du meldest dich, ja?" ins Ohr.
Ich nicke nur und sie sind weg. Schon darf ich die Stille eines Schulhofes am Freitag Nachmittag genießen.
Mein Auto ist gleich um die Ecke geparkt. Ich ziehe mich schnell darin um und schminke mich.
Mein Pullover wird durch eine Bluse ausgetauscht und meine Jean durch Rock mit Strumpfhose.
Und meine geliebten Sneakers durch High-heels.
Na das wird ein Spaß.
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