Oswald, Julia Oswald
Wiedermal sehe ich fremd aus, als ob ich mich immer unwohler in Julias Haut fühle. Ich richte mein Kostüm zurecht und binde meine Haare zusammen. Geschminkt habe ich mich halt so gut es im Klo vom Kaffee gegenüber gegangen ist.
Als Jules bin ich rein gegangen, als Julia wieder raus. Zwei verschiedene Personen.
Das Gespräch mit Seth hat mich ein bisschen durcheinander gebracht, jetzt weiß ich noch weniger was ich denken soll. Wahrscheinlich weiß er es selber nicht. Wahrscheinlich denkt er gar nicht darüber nach.
Aber wieso ist er mir dann gefolgt?
Damit er sich lustig machen kann?
Egal, ich versuche jetzt diesen Job zu bekommen um meine Mutter stolz zu machen. Im Internet hab ich die Firma gegoogelt. Es ist zum Glück keine Immobilienfirma, aber es hat mit Interieur design zu tun. Ich wäre dann für die Werbung zuständig (natürlich nicht alleine, sondern mit Menschen, die sich auskennen), vor allem für die Social media accounts.
Ironisch, da ich kein Instagram habe, aber mein Job dann wahrscheinlich aus 24 Stunden Instagram in der Woche bestehen würde.
Es ist schon ein bisschen verrückt wie sich Zeiten ändern und wie man dadurch auch ändern muss wo und wie man Werbung macht.
"Oswald, Julia Oswald.", sage ich der Sekretärin, die mich dann in ein Zimmer führt. Dort sitzt eine Frau, die aussieht wie meine Mutter.
Sie sitzt da wie meine Mutter, ist angezogen wie sie und hat sogar den gleichen Gang.
"Julia, oder? Ich bin Mary.", stellt sie sich vor.
Ok, wie duzen uns ja schon mal.
Ich setze mich hin und beantworte ein paar Fragen. Als sie mich fragt wie gut ich mit Instagram zurecht komme, lüge ich wie gedrückt. Manchmal rutscht mir ein kleiner Scherz raus, doch sie lacht nur und fragt weiter. Ich weiß ja nicht mal wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch benimmt.
"Hast du schon einmal Fotoshootings gemacht?"
Mary zeigt mir Bilder von Möbeln und Menschen, die gerade einen Sessel bewundern, auf einem Bett herumhüpfen oder lächelnd ein Regal einräumen.
"Noch nicht professionell.", sage ich ehrlich.
"Naja, heutzutage muss das ja nicht mehr so professionell ausschauen, nur authentisch!"
Mary lächelt die ganze Zeit, was sie von meiner Mutter unterscheidet.
Sie zeigt mir noch ein paar Möbel auf ihrem iPad und sagt mir, ich soll die aussuchen, die mir am besten gefallen. Und dann ist es schon vorbei. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg nach Hause.
Irgendwie hat mir das Büro gefallen und auch die Bilder, die sie mir gezeigt hat, habe ich ganz cool gefunden. Das war alles eher im Vintage-Stil, als in Glamour-Stil.
Was ich damit sagen würde: dieser Job würde auch Jules, also mir, gefallen.
Nur die Outfits, über die kann man noch reden.
Hoodies für alle?
-
Am nächsten Tag fange ich schon an alle 5 Minuten auf mein Handy zu schauen, um zu sehen ob sich Mary meldet. Sie hat gesagt es dauert höchstens eine Woche, weil sie noch ein paar Mädchen und Jungs kennenlernt, die den Job auch gerne hätten.
Nach der Mathe-Stunde setze ich mich mit Betty und Anna in das Kaffee neben unserer Schule.
Wir diskutieren über irgendeine Party am Freitag, die nach dem Match stattfindet. Seth wird dort sein und Chad. Also habe ich mal gesagt, dass ich noch nicht weiß, ob ich Zeit habe.
Betty erzählt von einem Jungen, den sie heute trifft. Er heißt Alex und studiert schon.
Unsere Begeisterung war groß.
Irgendwann sehe ich schon den Boden von meinem Kaffee-Becher, der Stuhl von Anna ist leer und Betty stöbert schon in ihrer Brieftasche herum.
"Seth ist dir gestern nachgegangen, oder?", fragt mich meine beste Freundin.
"Ja, er hat gemeint, dass er jetzt weiß wieso ich ihm nie aufgefallen bin."
"Der ist schon ein Idiot.", meint sie nur und gibt dem Kellner ein Zeichen.
"Ich weiß."
Ich fahre sie nach Hause und mache mich auch auf den Weg. Im Gedanken liege ich schon im Bett und schaue etwas auf Netflix.
Mit Friends bin ich schon fertig. Ja, ich habe geweint.
Schon von weitem sehe ich das Auto von Nick. Leise mache ich die Tür auf. Wenn Seth da ist, gehe ich wieder.
"Ich weiß wirklich nicht, was ich noch machen soll Anna. Die Schule ruft mittlerweile fast täglich an. Außerdem hat ihn heute die Polizei aufgehalten. Und vor einer Woche ist er vollkommen betrunken nach Hause gekommen. Er musste seinen Rausch ausschlafen und ist deswegen erst später zur Hütte gekommen."
Nick klingt besorgt. Meine Mutter muss gerade sehr überfordert sein.
"Das ist doch nur eine Phase, er muss halt seine Grenzen ausprobieren."
"Ich will aber nicht, dass seine Zukunft darunter leidet."
Ich mache die Tür leise zu und schleiche mich nach oben.
"Hast du denn mit ihm schon darüber geredet?"
"Immer wieder ein bisschen, doch er nimmt das immer so locker."
Also Nick verdient wirklich eine Orden, so süß wie er gerade redet. Er kann einem aber auch ein bisschen Leid tun. Man vergisst immer, dass jeder Badboy Eltern hat, die mit ihm zurecht kommen müssen.
"Na dann zeigt du ihm halt, dass du es ernst meinst."
"Wie hast du das nur bei Julia so gut hinbekommen?"
"Ich hatte wohl auch ein bisschen Glück."
Irgendwie muss ich lächeln. Meine Mutter sagt nicht oft positive Dinge über mich. Wirklich, es ist eine Seltenheit.
Ob sie das auch denken würde, wenn sie Jules kennen würde? Das sarkastische, unscheinbare Mädchen im Hoodie, der eigentlich egal ist welche Marke ihre Tasche hat?
Ich mache meine Tür zu und lege mich in mein Bett.
Irgendwann nehme ich mein Handy in die Hand und tue es.
Ich mache einen Instagram-account.
Falls ich diesen Job bekomme, muss ich vorbereitet sein.
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