Klischee-Schubladen

Ok, es gibt kein Zurück mehr. Wenn ich jetzt flüchte, wirkt das suspekt.

Reiche Tussi, pf.

"Also in dem Anzug auf dieser Party würde ich eher die Klappe halten."

Er lächelt verschmitzt. Ein schönes...ehm durchschnittliches Lächeln.

"Ich hätte mir denken können, dass ich dich hier sehe."

Erst jetzt sehe ich, was er hier draußen eigentlich tut.

"Mit einer Zigarette im Mund an die Wand gelehnt, wirklich?"

Er nimmt aus Trotz einen Zug. Klischees sind wirklich etwas tolle, vor allem wenn sie sich immer wieder beweisen.

"Und du bist hier draußen, um heimlich deinen Alkohol zu trinken?"

Und hallo Wutfalte. Er steckt mich wohl auch in eine Klischee-Schublade.

"Stalkst du mich, oder wieso bist du hier?"

Er verdreht die Augen, was man in der Dunkelheit gerade so noch erkennen kann.

"Ja ich bin vom FBI und wir ermitteln gegen reiche Tussis."

Jetzt bin ich dran mit Augen verdrehen, was ist mit dem nur falsch?

"Sehr nettes Gespräch, jedoch muss ich leider wieder zu dieser tollen Party."

Mit diesen Worten drehe ich mich um. Doch genau in diesem Moment kommt meine Mutter auf mich zu.

"Julia, da bist du ja! Was tust du hier draußen? Ist das Alkohol?"

Ich höre wie Seth sich räuspert und wahrscheinlich ein Lachen unterdrückt, als er meine Mutter erblickt. In ihrem rosa Kostüm mit komischen Federn an der Hüfte sieht sich echt ein bisschen komisch aus. Wie ein einziges Klischee.

"Wer ist das?"

Seth hat natürlich nicht einmal darüber nachgedacht, die Zigarette loszuwerden, oder seine Krawatte zu richten. Meine Mutter ist jetzt nicht der größte-Fan vom Badboy-typ.

"Niemand, ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen."

Sie sieht Seth noch einmal von oben bis unten an, verzieht ihr Gesicht und wedelt mit der Hand, um zu signalisieren, dass sie der Rauch stört. Schon nimmt sie meine Hand und zieht mich in das gigantische Haus in Richtung Menschenmenge. Irgendwann ist der ganze Moment verschwunden und es ist alles nur noch ein Lautes Geräusch, ein unechtes Lächeln und ein sich immer wiederholendes 'Wirklich, Josh?'

-

Am Montag steht mir ein großer Englisch-Vokabeltest bevor, den ich gemeinsam mit Marie habe. Deswegen gehe ich den Abend davor zu ihr. Außer Betty, war eigentlich noch nie jemand bei mir. Natürlich, denn zu Hause bin ich ja Julia. Das ginge nur, wenn meine Mutter nicht jeden Moment nach Hause kommen könnte.

"Also wo waren wir, Seite 55?"

Marie fragt mich ein paar Worte ab und danach wechseln wir uns ab. Irgendwann haben wir keine Lust mehr und entscheiden einen Film zu schauen. Welchen? Ja hauptsache Lily Collins kommt darin vor.

"Freust du dich schon auf die Party?", fragt sie mich während dem Vorspann.

"Ich bin schon total aufgeregt.", antworte ich wahrheitsgemäß. "Du?"

"Auch, alle Jungs der Schule werden dort sein." Marie ist wirklich extrem naiv und fängt schnell etwas mit einem Jungen an. Klischee-Schublade Nummer 4.

"Und wen hast du da so im Visier?"

"Das darfst du jetzt nicht Betty sagen, aber ich finde Joe in letzter Zeit ganz süß."

"Was wirklich? Das ist ja toll!" Im Gegensatz zu den anderen in dem Freundeskreis war Joe schon immer der netteste. Vielleicht weil wir die Freundinnen seiner Schwester sind, kann sein, aber trotzdem freue ich mich dass Marie einmal auf einen nicht-Badboy steht.

"Findest du? Ich habe Angst, dass Betty das anders sieht."

"Lass mich mit Betty reden."

"Danke, Jules.", sagt sie lächelnd.

Irgendwann mitten im Film, als gerade ein Tief anfängt, muss ich es einfach tun, ich muss sie fragen. Irgendwie kann ich nicht anders.

"Marie?"

"Mh?"

"Was weißt du über Seth Rogan?"

Sie drückt auf 'Pause' und schaut mich verwirrt an.

"Wieso, stehst du auf ihn? Was ist mit Chad?"

"Nein, wirklich, gar nicht."

"Phu, denn Seth bedeutet wirklich nichts Gutes. Weißt du noch als er etwas mit mir hatte und danach mit Lisa? Und er redet so komisch, von Smalltalk hat er glaube ich noch nie etwas gehört."

"Marie, wieso hattest du dann etwas mit ihm?" frage ich mit einem scherzhaften Unterton.

"Na, er ist heiß." Jetzt kichern wir beide.

"Wieso interessiert er dich?"

Was antworte ich jetzt darauf? Dass er mich nach Hause gefahren hat? Das er vorgestern auf einer Party war?

"Ich habe ihn nur zusammen mit Chad gesehen."

Toll Gehirn, lügen funktioniert auch. Darin bin ich ja geübt.

"Wie gehts dem so?" Sie weiß genau, wie gerne ich über Chad rede. Einmal haben mich Betty und Marie bei einer Intervention sogar gebeten, weniger über ihn zu reden, weil das nicht gesund ist.

"Der ist natürlich unbeschreiblich gut im Smalltalk.", sage ich halb enttäuscht, halb scherzhaft.

"Vielleicht passiert ja bei seiner Party etwas."

Ja, vielleicht. Mit Chad ist das so eine Sache, die kann niemand von uns dreien so richtig deuten. Obwohl ich immer in Panik versinke, wenn er mit mir redet und ich dadurch nicht ganz ich selbst (also Jules) bin, ist das Gespräch trotzdem immer ganz locker und er scheint eigentlich immer ganz erfreut Teil davon zu sein. Doch wirklich interessant wird es nicht. Es ist immer das gleiche:

Wie gehts dir?

Was tust du so?

Was hast du heute so gemacht?

Wie läuft es in der Schule?

Vielleicht kann er auch gar nicht flirten, aber wieso hat er dann oft etwas mit anderen Mädels? Und so komme ich immer zur gleichen Antwort: ER STEHT EINFACH NICHT AUF MICH.

Doch jedes mal, wenn ich dies akzeptiere, steht er wieder vor mir. Mit seinem Lächeln, mit seinem Blick. Und dann habe ich alles wieder vergessen.

Das schlimmste ist: er steht auf Julias. Er steht auf die hübschen, aufgetakelten Mädels im kurzen Kleidchen. Und ihr kennt meine Regeln. Das bin ich nicht wirklich. Das ist das Mädchen, das sich meine Mutter gebaut hat. Ich will mich nicht auch noch für einen Jungen verstellen.

"Ja, vielleicht."

Also habe ich jetzt bei dieser Party die Challenge auszusehen wie Jules, sodass mich Seth nicht erkennt. Aber auch so auszusehen, dass Chad mich endlich etwas tiefgründigeres fragt.

Das wird ein Spaß.

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