katastrophal

Die Woche vergeht wie im Flug und ich gehe Seth erfolgreich aus dem Weg. Hauptsächlich, weil wir anscheinend keinen Unterricht zusammen haben und er auch sonst so ziemlich niemanden meiner Freunde wirklich kennt.

Außer Chad und Joe.

Das ist mir noch nie aufgefallen.

Sie sind jetzt nicht die besten Freunde, aber mehrmals sitzen sie zusammen am Tisch und reden über irgendwelche Themen, bei denen ich sowieso nicht mitreden könnte.

Sport, Parties, Videospiele, Serien, Sport, Mädels, Sport, Videospiele.

Mit Chad habe ich genau ein Gespräch, und das war ca. so:

"Hi Chad."

"Oh, hi Jules. Wie gehts?"

"Gut, dir?"

"Auch. Ich muss los, Joe wartet."

Sehr tiefgründig, ich weiß. Leider sehe ich auch Chad sehr selten, meistens nur bei Betty zu Hause.

Am Donnerstag zu Mittag zwingt mich meine Mutter wieder zu einem Essen mit ihrem Chef und seinem Ekelpaket von Sohn. Der Gedanke an ihn macht mich schon jetzt wütend. Die Schmalzlocken, das Poloshirt, seine Zahnspange, die er schon hat, seit er 5 Jahre alt ist.

Im ernst, dieser Zahnarzt hat das Geld gerochen und diesem Jungen jede mögliche Art von Zahnspange angedreht, die es auf diesem Planeten gibt.

Nach der Schule ziehe ich mich nach dem Sport um und hoffe, dass alle schon nach Hause gegangen ist und mich niemand als Julia sieht. Ich gebe zu, es ist ein bisschen übertrieben und wenn man mich nur einmal so sieht, ist es ja auch gar nicht schlimm. Aber irgendwann würden die Leute fragen anfangen und dann würde man mich auch als Julia kennen. Und das bin ich hier einfach nicht.

Als Jules gefällt es mir und ich sehe es als Auszeit. Wahre Freunde, keine Menschen, die man beeindrucken muss. Keine Mutter, die einen kontrolliert. Niemand sieht mich als reiche Tussi.

Ich schleiche mich aus der Schule, mit meinem grauen, kurzen Rock mit silbernen Steinen, den mir meine Mutter gekauft hat. Ich will gar nicht wissen, wie viel es gekostet hat. Wahrscheinlich mehr als alle meine Pullover zusammen. Dazu eine weiße Bluse, schwarze Pumps und einen langen dunkelroten Mantel, der das ganze ein bisschen unauffälliger macht. In mein Haar habe ich einfach einen silbernen Haarreif gesteckt und es mit Haarspray ein bisschen bearbeitet. Und schon sehe ich nicht mehr aus, wie das Mädchen, das hier eigentlich zur Schule geht.

Das Restaurant ist am anderen Ende der Stadt, deswegen bin ich heute mit meinem Auto her gefahren. Jedoch habe ich es ein paar Straßen weiter geparkt. In dieser Schule kennt sich jeder und ich wollte echt keine Aufmerksamkeit und blöde Fragen verursachen.

Dort angekommen sehe ich ein bekanntes Auto, das etwa 20 km/h zu schnell fährt. Sofort setze ich mich in meins und klappe den Spiegel herunter, in der Hoffnung, dass er mich nicht erkennt. Und wirklich, er fährt einfach vorbei.

Auch Chad habe ich einmal als Julia getroffen und mich gerade noch gerettet, in dem ich einfach in ein Geschäft geflüchtet bin. Wie gesagt, ich will Jungs als Jules kennenlernen. Ich will nicht, dass sie sich in Julia verlieben, mich wirklich kennenlernen und stehen lassen. Ich will mich nicht noch mehr verstellen, als ich sowieso schon muss.

Nach einer zwanzigminütigen Fahrt komme ich im Restaurant an.

Einatmen, Ausatmen.

"Hallo, Julia!" Meine Mutter winkt mir zu. Ihr Chef, John Adams, sitzt ihr gegenüber. Jedes mal, wenn wir miteinander essen gehen, hoffe ich, dass dies keine große Verkündung ist - "Wir sind zusammen", "Wir wollen heiraten!", "Ich bin von John schwanger".

Aber nein, diesmal ist das (zum Glück) nicht der Grund. Meine Mutter ist noch immer single und beichtet keine Affäre mit ihrem Boss.

Es ist aber mindestens genau so schlimm.

Nach meinem Salat mit Hühnerbrust (meine Mutter zwingt mich, mich gesund zu ernähren), während John Junior (Schmalzlockentyp) von seinem neusten Projekt in seiner Computer-AG erzählt, entscheidet sich meine Mutter damit rauszurücken.

"John," sie sieht John Junior an "willst du nicht Julia zu der Einweihungs-Veranstaltung am Wochenende begleiten?"

Oh nein.

Bitte nicht.

Sie will uns verkuppeln.

"Das würde ich sehr gerne tun, Miss Oswald.", schleimt der kleine Streber.

Wurde ich gefragt? Nein. Natürlich nicht.

Den Sohn vom Boss mit der eigenen Tochter verkuppeln ist natürlich eine tolle Alternative zur Affäre mit dem Boss.

Nur das dieser Sohn so gut wie gar nicht mein Typ ist, er gegen alle meine Regeln verstoßt und sein Charakter mich so gar nicht anspricht.

Na das wird ein tolles Wochenende.

-

"Betty, mir wird erst jetzt klar wie blöd das alles ist, katastrophal! Ich kann nie wieder auf eine Party gehen, nie wieder sorglos durch die Schule gehen!"

"Ach, der hat dich eh nicht erkannt Jules."

"Aber auf Parties werd ich ein bisschen geschminkter sein, dort erkennt er mich sicher!"

"Dann schminkst du dich halt nicht."

Als ich mit das Restaurant verlassen habe, natürlich ohne meiner Mutter eines Blickes zu würdigen, und ich so in meinem Auto saß, fiel es mir plötzlich ein.

Die Begegnung mit Seth Rogan könnte mein Cover zerstören. Wieso habe ich gelogen? Ich hätte einfach sagen können, dass ich in seine Schule gehe und normalerweise nicht so aufgetakelt herumlaufe und mit Geld um mich schmeiße. Aber jetzt? Wird er mich erkennen und mich fragen wieso ich gelogen habe.

Und es ist Seth Rogan, ich bezweifle nicht, dass er das dann jedem erzählt.

"Ich muss mich einfach von ihm fern halten, bis er Julia vergessen hat."

"Und wie willst du das anstellen?", fragt Betty besorgt.

"Keine Partys für Jules oder Julia?"

Betty versteht, wieso ich mit zwei Identitäten herumlaufe. Sie versteht, dass ich nicht anders behandelt werden möchte und ich mein Leben als Jules mag.

"Aber nächstes Wochenende gibts eine Party bei Chad. Jules, du freust dich schon Wochen darauf."

Na toll, die Chad-Party. Dort wollte ich zur Abwechslung mal keinen Pullover tragen.

Ok, vielleicht erkennt er mich auch so nicht. Ich werde einfach keine hohen Schuhe tragen, kein Kleid.

"Na gut, dann bemühe ich mich einfach noch immer hundert Prozent Jules zu bleiben. Er hat mich in dem Auto bestimmt nicht ganz genau angesehen. Wahrscheinlich hat er eh nur auf meine Beine gestarrt."

Ich lege das Handy auf mein Bett und stelle es auf Lautsprecher. Währenddessen öffne ich Netflix auf meinem Laptop und suche nach 'New Girl'.

"Thats the spirit!", sagt Betty lachend. "Und Jules, auch wenn er dich erkennt, dann bist du halt einfach Julia für ihn."

"Ich glaube nicht dass das so einfach ist. Was tue ich dann auf einer Party hier, oder in der Schule? Was ist wenn er jedem von unserer Begegnung erzählt und dass ich gelogen habe."

Zoey Deschanel fängt schon an zu plappern als Betty noch eine Weisheit von sich lässt.

"Dann haltest du ihn halt davon ab. Und Jules: du weißt noch gar nicht, ob das alles überhaupt passieren wird."

"Du hast recht, vielleicht kann ich ihm ja aus dem Weg gehen."

Und schon rege ich mich ab mit ein paar folgen 'New Girl' und einer Tafel Schokolade.

Alles nicht so schlimm, alles wird gut.

Oder?

-

Spät am Abend klopft meine Mutter an meine Tür.

"Nicht vergessen Julia, am Samstag ist die Veranstaltung."

Sie geht in meinen begehbaren Kleiderschrank und sucht nach etwas. Irgendwann macht sie ein 'Ah'-Geräusch und verlässt ihn wieder mit einem dunkelgrünen Kleid mit Spitze.

"Das ist perfekt, das musst du anziehen!"

Sie hängt es auf meine Garderoben-Tür und geht zu Tür.

"Julia, ich hoffe wirklich du machst einen guten Eindruck bei Josh Junior! Das könnte sehr wichtig für mich sein."

Schon ist sie wieder draußen.

Und lässt mich mit einer gewissen Traurigkeit zurück.

Jules würde sie wohl nie akzeptieren.

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