Siebenundvierzig
Ich liege auf der Liege beim Arzt und warte, bis Dr. Moore wieder kommt.
"Du musst dir keine Sorgen machen. Auch wenn du schwanger bist, dass ist kein Weltuntergang, Joy", versucht Twyla mich wieder zu beruhigen, als ich anfange hysterisch zu atmen.
"Ich werde eine schlechte Mutter, das weiß ich. Ich hatte selber nur sieben Jahre lang eine Mutter und wüsste nicht, wie man ein Kind aufzieht, geschweige denn erzieht!", schreie ich sie an und sie nimmt es, so herzensgut wie sie ist, nicht persönlich. Twyla ist eine echte Freundin.
"Ok...", Dr. Moore kommt mit dem Gel gewaffnet auf mich zu und setzt sich an den Stuhl neben der Liege. Ich habe schon vorhin meinen Bauch entblößt, doch das Gel war alle und so musste Dr. Moore eine neue Tube holen.
Sie spritzt etwas von der kalten Flüssigkeit auf meinen unteren Bauchbereich und verteilt es mit dem Ultraschalkopf. Auf dem Bildschirm erkenne ich nichts, außer weiß schwarze Bilder, die sich bewegen.
"Hier ist die Gebärmutter", sie zeigt auf etwas ovalförmiges.
"Und?", kommt es von Twyla, die anscheinend sehr aufgeregt zu sein scheint.
Dr. Moore schaut auf den Bildschirm, kneift die Augen leicht zusammen und drückt den Ultraschallkopf noch ein wenig mehr in mein Bauch hinein.
"Die Gebärmutterschleimhaut scheint ein wenig aufgebaut zu sein, aber ganz sicher kann ich es nicht sagen, da es nun wirklich noch sehr früh ist", sie dreht sich zu mir "Wann sagten Sie, hatten Sie Sex ohne Verhütung?"
Ich atme tief durch und sage leise "Vor acht Tagen." Sie nickt, legt das Ultraschallgerät wieder weg und wischt mir das Gel mit einem Tuch weg.
"Ja, dann können wir nur mit dem Bluttest ganz sicher sein. Wir rufen Sie morgen um 12pm an und informieren Sie über das Ergebnis. Geben sie bitte Dalia ihre Telefonnummer, damit keinerlei Missverständnisse auftauchen können", meint sie und steht auf.
Ich ziehe mein Shirt wieder nach unten und erhebe mich von der Liege. "Also muss ich nicht herkommen?"
Sie winkt ab "Das wäre unnötig. Wir rufen Sie an und teilen es Ihnen mit. Sobald wir Gewissheit haben, können wir weitere Schritte unternehmen. Gedenken Sie ihre mögliche Schwangerschaft in meiner Praxis weiterzuführen?"
Was? Ich hab noch nicht mal eine Ahnung, ob ich den nun schwanger bin oder nicht und sie fragt mich ob ich weiter in ihre Praxis kommen werden, falls ich es bin?
"I-Ich weiß es nicht", sage ich verunsichert und darauf bedacht nicht auszurasten oder in einen Heulkrampf zu verfallen.
"Schon gut, das ist noch nicht der Rede wert", sie tippt etwas auf ihren Computer ein und beschriftet die Blutprobe mit J. Collister.
Unbehaglich stehe ich neben Twyla, die mich immer wieder ermutigend anlächelt, bis Dr. Moore die Blutprobe in ein Gefäß tut und auf uns zukommt. Sie schüttelt unsere Hände und verabschiedet sich mit den Worten "Wir hören uns morgen", an mich gerichtet und "Schöne Grüße an Ihre Mutter", an Twyla gerichtet.
Was haben die eigentlich alle mit Twyla's Mutter? Sie scheint hier bekannt und beliebt zu sein.
Twyla hackt sich bei mir unter und marschiert mit mir im Schlepptau auf den Parkplatz zu.
"Hast du Hunger?", fragt sie, als wir einsteigen und uns anschnallen.
"Nein, ich will einfach in mein Bett und mich in Selbstmitleid suhlen", antworte ich erschöpft und lehne meinen Kopf am kühlen Fensterglas. Vielleicht sollte ich das Kind, falls ich wirklich schwanger sein sollte, zur Adoption frei geben? Nein, das kann ich nicht machen, vor allem nicht wegen Dylan. Als er mir vor nicht mal zwei Stunden erzählt hat, dass er und Avery Waisen sind, hat es mir das Herz zerbrochen. Wie kann man einen süßen kleinen Dylan mit diesen wunderschönen silbernen Augen und den weichen braunen Haaren, in die man seine Hände so gut vergraben kann, zur Adoption frei geben? Vielleicht haben seine Eltern ihn nicht zur Adoption freigegeben, sondern sie sind gestorben und konnten sich nicht mehr um den kleinen Dylan und den kleinen Avery kümmern? Wie alt ist Avery eigentlich? Ich hab Dylan nie gefragt, wer von den beiden älter ist.
Ich werde das Ergebnis bis morgen abwarten und dann sage ich es Dylan. Schließlich wäre es auch sein Kind, sollte ich tatsächlich schwanger sein.
Was mache ich eigentlich, wenn ich schwanger bin? Dann muss ich natürlich das Trinken aufhören, was umso besser wäre. Und finanzieren, kann ich es alleine nicht, so müsste ich meinen lieben Vater fragen, der mich nur noch mehr verstoßen würde und mich wahrscheinlich auch enterben würde, falls er das noch nicht getan haben sollte.
Würde Dylan ein guter Vater für das Kind sein? Würde ich eine gute Mutter sein?
So viele Fragen und keine einzige Antwort...
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