Einundfünfzig
Es ist eine weitere Woche vergangen und ich habe mich immer noch nicht getraut es ihm zu sagen. Langsam befürchte ich, es ihm gar nicht mehr sagen zu wollen aus Angst, dass seine Reaktion anders verläuft als erhofft.
Jetzt sind schon fast zwei Wochen vergangen, als ich es erfahren habe und mein Verstand spricht immer wieder auf mich ein, es ihm sobald wie möglich zu sagen. Aber ich bringe es nicht übers Herz und bin ihm deshalb in der vergangenen Woche komplett aus dem Weg gegangen.
Ein paar Tage habe ich bei Twyla geschlafen und ihre große Familie kennen lernen dürfen. Jetzt weiß ich auch warum die Ärztin und die Empfangsdame damals in der Praxis so oft Mrs. Sterling Grüße ausgerichtet, denn sie hat mit ihren 45 Jahren Drillinge bekommen, was sehr selten bis gar nicht vorkommt. Auch ihr kleiner Bruder, Dean, ist ein Schatz. Er ist mit seinen acht Jahren, schon sehr schlau und will, wie seine große Schwester, ein guter Menschenkenner werden. Mr. Sterling habe ich leider nicht kennenlernen können, da er auf Geschäftsreise war.
In fünf Tagen ist der Todestag meiner Mutter und ich habe überlegt, für ein paar Tage nach Denver zu flüchten und wenn ich zurückkomme, werde ich Dylan über alles aufklären.
So stehe ich nun vor meinem kleinen Reisekoffer und packe mir ein paar Klamotten ein. Und wenn ich klein sage, meine ich eigentlich mittelgroß. Mein schwarz-roter Reisekoffer ist mittelgroß und ich kann ohne zu stopfen mein Zeug reinpack-
Mein Gedankengang wird von der Türklingel unterbrochen. Ich schnaube kurz auf und überlege, so zu tun, als ob ich nicht da wäre, doch Dylan's nächste Worte machen mir einen Strich durch die Rechnung.
"Joy, ich weiß, dass du da bist. Mach die Tür auf oder ich breche sie ein!" Ich nehme seine Drohung sehr wohl ernst, denn er scheint echt wütend zu sein.
Mit schweren Schritten gehe ich auf die Tür zu und schließe sie auf, bevor ich sie öffne und Dylan, wie üblich an mir vorbei läuft.
"Was ist los mit dir?", schnauzt er mich gleich an.
"Was ist los mit dir?", gebe ich genauso zurück.
"Das ist nicht witzig Joy, ich habe mir Sorgen um dich gemacht!" Er hat sich Sorgen um uns gemacht? Ein kleines Lächeln findet meine Lippen und ich widerstehe dem Drang meine Hand auf mein Bauch zu legen.
"Erst öffnest du mir nicht deine Tür, dann antwortest du nicht mal auf dein Smartphone und dann verschwindest du für eine geschlagene Woche!" Er wedelt wild mit den Armen herum.
"Ich mein wofür hast du ein Scheiß Smartphone, wenn du es nicht benutzt?"
"Jetzt hör aber auf mich hier anzuzicken!", schreie ich zurück.
"Anzicken?", fragt er ungläubig "Wo warst du denn die Woche über?", fragt er aggressiv und ballt die Hände zusammen.
"Was kümmert es dich, wo ich gewesen bin?", gebe ich genauso aggressiv zurück. Er kommt einen Schritt auf mich zu.
"Das hast du jetzt nicht gesagt", gibt er ruhig und gelassen von sich, während er mich mustert.
"Joy, es kümmert mich sogar sehr viel, wo du warst und was du getrieben hast", meint er wieder gelassen und macht noch einen Schritt auf mich zu.
Seine silbernen Augen fixieren meine grünen und scheinen nicht mehr von ihnen ablassen zu wollen.
"Vielleicht habe ich es auch irgendwo getrieben", sage ich zickig. Und Leute, ich habe keine Ahnung warum ich das gerade gesagt habe.
"Wie bitte?", knurrt er wütend.
"Du hast mich schon gehört!", schnauze ich und gehe in mein Schlafzimmer. Er kommt mir hinterher und hält mich am Arm fest.
"Was hast du gerade gesagt?" Seine Stimme wirkt gelassen und würde ich ihn nicht besser kennen, würde ich sogar sagen, dass er gelassen ist. Doch ich kenne ihn besser und weiß ganz genau, dass es in ihm brodelt, wie in einem Vulkan, der auszubrechen droht.
"Ich habe keine Lust mit dir zu reden, Dylan!", schnaube ich und will meinen Arm von ihm losmachen, doch er lockert seinen Griff kein bisschen. Nein, er drückt sogar ein wenig fester zu und wirbelt mich an seine Brust.
"Wo.Warst.Du.Die.Letzte.Woche?" Er betont jedes einzelne Wort und unterstreicht seine Wut mit einem bösen Funkeln in den Augen.
"Beruhig dich, ich hab's mit niemanden getrieben", gebe ich wieder ruhig von mir und starre ihm in die Augen "Ich war bei Twyla und ihrer Familie."
Seine Wut scheint zu verrauchen, doch sein Griff ist immer noch fest.
"Lass mich, Dylan", sage ich genervt und ziehe meinen Arm nach hinten. Er zieht ihn aber wieder nach vorne und drückt wütend seine Lippen auf meine. Der Kuss hat nichts liebevolles oder zärtliches. Nein, er ist einfach nur aggressiv und hart.
Ich stoße ihn von mir weg und blicke in seine vor Verlangen funkelnden Augen, nur um eine Sekunde später meine Lippen wieder mit seinen zu vereinen. Dieses mal bin ich diejenige, die ihn wütend küsst.
Wieder stoße ich ihn von mir weg "Ich werde für eine Woche nach Denver fliegen", stoße ich beinahe atemlos hervor.
"Was? Bist du völlig durchgeschnappt?", fragt er entgeistert. Ich drehe mich zu meinem Koffer und schließe ihn.
"Mein Flug geht in zwei Stunden und ich habe auch schon Reece Bescheid gegeben", informiere ich ihn.
"Achso. Ja, natürlich. Reece weiß Bescheid... Ja dann, wünsche ich dir noch einen schönen Flug!", schreit er wieder aufgebracht.
Ich drehe mich zu ihm und öffne meinen Mund, doch er kommt mir zuvor.
"Du verhältst dich schon seit über einer Woche so komisch", er fährt sich verzweifelt durch die Haare. "Ach, weißt du was?", er dreht sich um und verlässt mein Schlafzimmer "Meld dich bei mir, wenn du kein PMS mehr hast!", sagt er wütend und knallt die Apartmenttür lautstark hinter sich zu.
"OH MEIN GOTT!! DU BIST SO EIN VERDAMMTER ARSCH, DYLAN", schreie ich ihm hinterher, obwohl er schon aus der Tür ist.
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