Dreiundsiebzig

Nach geschlagenen zwölf Minuten, in denen ich im Flur auf und ab gegangen bin, kommt Dylan mit trauriger Miene und einem aufgesetzten Lächeln aus Avery's Krankenzimmer.

Sofort halte ich mitten in meiner Bewegung inne und starre Dylan an.

"Was hat er gesagt?", frage ich beinahe hektisch. Er schaut mich unschlüssig an und geht an mir vorbei.

"Komm, ich fahr dich nach Hause", teilt er mir im Vorbeigehen mit. Ich laufe ihm hinterher und halte ihn am Weitergehen auf.

"Dylan, rede mit mir. Was hat er gesagt? Wird er die Chemo jetzt doch machen, da er vom Baby weiß?" Er dreht sich stirnrunzelnd um "Was?" Nun sind wir beide verwirrt.

"Nein, darum ging es nicht in unserem Gespräch und jetzt komm, ich fahr dich Heim." Wieder geht er los. "Verdammt, Dylan! Ich werde nirgendwo hingehen, ich bleibe bei ihm und jetzt sag mir verflucht nochmal, was er gesagt hat", schreie ich den Flur entlang und er bleibt sofort stehen. Mit schnellen Schritten kommt er die zehn Meter, die zwischen uns liegen, auf mich zu und bleibt direkt vor mir stehen.

"Du willst wissen, was er gesagt hat?", fragt er wütend. Ich starre ihn mit großen Augen an, denn so wütend habe ich ihn noch nie gesehen, keinen von beiden. Nach ein paar mal schnellen Blinzeln, kommen mir wieder die Tränen. Keine Ahnung, warum ich jetzt weine. Vielleicht ist es wegen der wütenden Art, mit der er gerade den Satz ausgesprochen hat, vielleicht aber auch die Hormone, die mich überfluten.

"E-Es tut mir leid", flüstert er und zieht mich in eine warme Umarmung. Ich kuschle mich an seine Brust und wünsche mir, dass es Avery wäre, dass Avery vollkommen gesund wäre und wir glücklich unser Kind großziehen können.

"Ich hätte dich nicht anschreien dürfen", haucht er gegen meine Haare. Ich löse mich wieder von ihm und wische die Tränen weg. Dylan führt mich ins Wartezimmer, wo wir uns, wie vorhin, auf die Stühle setzen.

"Was hat er gesagt, Dylan?", frage ruhig, aber mit fester Stimme. Er weicht meinem intensiven Blick aus und starrt die Wand an.

"Ist die Wand so interessant?" Meine nicht ernst genannte Frage ignoriert er und schaut mir in die Augen, während er auf meine erste Frage antwortet.

"Das erfährst du noch früh genug", meint er und steht auf. Dylan fährt sich verzweifelt durch die Haare, wobei ich ihm verwirrt zuschaue.

"Also wird er keine Chemo machen?" Er schüttelt kaum merklich den Kopf. Traurig lasse ich meinen gegen die Wand hinter mir fallen und schaue die Decke des Wartezimmers an. Wieso sind Krankenhäuser so trist? Ich habe mich das schon damals, als meine Mom im Krankenhaus lag, gefragt. Ich meine die Menschen, die hier sind, sind sowieso schon traurig. Warum müssen Krankenhäuser alles noch trauriger machen, indem sie farblos sind?

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Nach einer qualvoll langen und unruhigen Nacht, teils im Wartezimmer, teils im Krankenzimmer, wacht Avery auf. Letzte Nacht hat er so stark Husten müssen, dass Literweise Blut aus seinen Lungen gesprudelt ist. Sein behandelnder Arzt hat ihn an eine Maschine geschlossen, die für ihn atmet, da die Atemmaske letztendlich nicht viel gebracht hat.

"Na?" Dylan setzt sich in seinem Sessel, auf der anderen Seite des Krankenhausbettes, aufrecht hin. Ich hebe den Kopf vom Bett und setze mich ebenfalls in meinem Sessel aufrecht hin.

"Avery...", hauche ich mit einem aufgesetzten Lächeln und versuche die Tränen zurückzuhalten. Dylan hilft ihm die Maske auszuziehen und ich halte ihm ein Glas Wasser an den Mund. Gierig trinkt er daraus und lächelt mich, nachdem er fertig ist, sanft an.

"Ich werde nie davon satt, meinen Namen aus deinem Mund zu hören", krächzt er mit rauchiger Stimme und fängt daraufhin an zu husten. Schnell fülle ich wieder das Glas mit Wasser und halte es ihm an den Mund, dankend trinkt er einen Schluck.

"Ich habe von unserer Tochter geträumt". kommt es plötzlich von Avery.

Verwirrt frage ich grinsend "Woher willst du wissen, dass es ein Mädchen wird?" Er sieht mich lächelnd an "Es wird ein wunderschönes, kluges Mädchen, wie ihre Mutter, das weiß ich."

Sanft nehme ich sein Gesicht in meine Hände und drücke einen leichten Kuss auf seine Stirn. "Ich liebe dich, Avery."

Jetzt ist es er, der mein Gesicht in die Hände nimmt und mich somit wieder zurück zu ihm runter zieht. "Ich liebe dich und unsere Tochter." Bei seinen Worten lache ich auf und er und Dylan stimmen herzhaft mit ein.

"In meinem Traum hatte sie deine braunen Haare und meine silbernen Augen. Und sie hieß Audrey", sagt er und schließt zum Ende hin lächelnd seine Augen.

"Audrey hmm? Der Name ist wunderschön", meint Dylan nun, wobei ich ihm nickend zustimme.

"Und wenn es ein Junge wird?", frage ich an Avery gewandt. Er macht eine wegwerfende Handbewegung.

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Mädchen wird. Und wenn es doch ein Junge wird, dann könnt ihr den Namen aussuchen." Er sieht zuerst mich und dann seinen Bruder an.

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