eins

andre
Als ich meine Augen aufschlug, wurden meine Sinne überfordert. Meine Augen nahmen zu viel von Jans blondem Haarschopf war. Meine Ohren nahmen zu viel von Jans leisem Schnarchen wahr. Meine Nase nahm zu viel von Jans wundervollem Geruch wahr. Aber vor allem nahm meine Haut eindeutig viel zu viel von Jans Oberkörper wahr. "Jan? Pst! Bist du schon wach?", flüsterte ich. Da ich keine Antwort erhielt, ging ich vom Gegenteil aus. Vorsichtig löste ich mich von meinem Mitbewohner und stieg aus dem Bett. Jans Bett. Jans Zimmer. Jan. Während ich über den Flur schlich und versuchte niemanden zu wecken, dachte ich über den gestrigen Tag nach. Ich hatte ihm meine Liebe gestanden. Und er hatte mir gesagt, dass er sie nicht erwidert. Was sollte ich jetzt damit anfangen? Ich könnte mich heulend auf mein Bett werfen und mein Zimmer nicht mehr verlassen... Oder ich könnte Brötchen holen. Ich schlüpfte in meine Schuhe, zog mir eine Jacke über und verließ die Wohnung.

jan
Ich drehte mich zur Seite und tastete mit geschlossenen Augen das Bett ab. Als ich nichts fand, öffnete ich die Augen. Ich war alleine. "Andre?", fragte ich trotzdem. Natürlich bekam ich keine Antwort. Vielleicht war er auf der Toilette? Müde schlug ich meine Decke weg und schwang meine Beine aus dem Bett. So lautlos wie möglich suchte ich die gesamte Wohnung nach Andre ab. Doch weder er noch eine Art Nachricht oder ähnliches waren auffindbar. Also nahm ich kurzerhand das Festnetztelefon und wählte seine Nummer. "Cengiz?", ertönte seine Stimme aus dem Hörer. Erleichtert atmete ich aus. "Nein, ich bin's. Wo bist du?" Ich setzte mich auf die Couch. "Morgen, Dsche. Ich bin gerade auf dem Weg vom Bäcker nach Hause. Gut geschlafen?" Andre klang nervös, vermutlich wegen dem, was er mir gestern offenbart hatte. "Ja, und selbst?" Er räusperte sich. "Doch doch, kann nicht klagen. Du, mein Akku ist gleich leer, ich muss Schluss machen. Wir sehen uns." "Ja. Bis gleich. Andre?" "Ja?" Sollte ich es wirklich aussprechen? Das könnte er falsch verstehen. Moment mal. Warum interessierte mich überhaupt, wie er das verstand? "Jan? Mein Akku ist echt mega-leer, was ist denn?" "Pass gut auf dich auf." Eine lange Pause folgte. "Mach ich. Deck schon mal den Tisch, ja?" Ein zartes Lächeln legte sich auf meine Lippen. "Mach ich." Danach legte ich auf.

andre
Als ich an einem Blumenladen vorbeiging, kam mir eine Idee. Eine ganz übelst extrem dumme Idee. Ich betrat den Laden. "Guten Ta-oh. Mein. Gott." Das Mädchen, ich schätzte sie auf ungefähr 16 Jahre alt, an der Kasse sah mich mit aufgerissenen Augen an. Ich grinste, als ich ihren Hoodie sah. "Du bist ein Fan, nehm ich an?" Sie nickte sprachlos. Ich lächelte, ging auf sie zu, nahm mir einen Kulli aus dem alten Marmeladenglas neben der Kasse und zog fragend eine Augenbraue hoch. "Wo soll ich unterschreiben?" Sie griff willkürlich nach irgendetwas weißem und legte schließlich ein Stück Blumeneinwickelpapier vor mir auf den Tisch. Ich setzte meine Unterschrift darauf und sagte dann: "Ich hätte gerne einen Strauß rote Rosen mit 'n bissl Grünzeug drum." Sie nickte perplex und verschwand im hinteren Teil des Ladens. Währenddessen zog ich mein Handy aus meiner Hosentasche und tippte auf das WhatsApp-Symbol. "Jo Taddl, alles senkrecht?" Ich musste nicht lange auf eine Antwort warten. "Passt schon und selbst? Was macht die Liebe?" Konnte er etwa Gedanken lesen? "Was die macht? -Vorbei gehen und winken :D und bei dir?" Während er schrieb, kam die junge Verkäuferin zurück. In ihrer Hand hielt sie einen riesigen Blumenstrauß. "I-ist d..der gut?", stammelte sie. Ich lächelte. "Du brauchst nicht nervös sein, ich bin auch nur ein Mensch. Und ja, der ist perfekt, danke. Was macht das dann?" Sie drückte ihn mir in die Hand. "Gar nichts. Das Autogramm reicht dicke. Und schöne Grüße an Regina." Ich zuckte zusammen. "D-der..ist nicht für Regina", stellte ich klar und nahm die Blumen entgegen. "Ehm..nicht? Na dann..sorry..und..ehm..Grüße an die Glückliche, an die er geht." Sie wurde rot. Plötzlich war meine Kehle furchtbar trocken. "Ich werd's ausrichten." Das letzte was ich hörte waren das klingeling der Tür und ein "Schönen Tag noch!", danach umhüllte mich wieder der Lärm der Stadt. Mit schnellen Schritten machte ich mich auf den Weg nach Hause. Als ich angekommen war, schloss ich mit zitternden Fingern die Tür auf. Ob ihm die Blumen gefallen würden? "Andre?" Ich warf die Tür zu und kickte meine Schuhe in den Flur. "Jo, ich bin's!", rief ich, während ich meine Jacke auszog. Als ich in die Küche kam, kramte Jan gerade im Kühlschrank herum. Ich räusperte mich, die Rosen hinter meinem Rücken haltend, woraufhin er sich erschrocken umdrehte. Als er mich erblickte, entspannte er sich und lächelte. "Hey. Guten Morgen." Ich legte die Brötchen auf den bereits gedeckten Tisch. "Morgen, wo ist Cengiz?" "Bei Vik, vielleicht pennt der auch heut' da." Innerlich hüpfte ich freudig auf und ab, bei dem Gedanken daran, mit Jan alleine zu sein. "Was ist eigentlich hinter deinem Rücken?", fragte Jan mich plötzlich. Auf einmal kam mir die ganze Idee wahnsinnig blöd vor. "Ehm...Ich..ach, egal." Ich drehte mich zum Mülleimer, öffnete ihn und wollte gerade die Blumen hineinfallen lassen, als Jan rief: "He! Was machst du denn?! Für wen sind die?" Ich hielt in der Bewegung inne und dachte an die Worte der Verkäuferin mit dem ApeCrimeHoodie. "Regina. Die Rosen waren für Regina." Jan zog leicht grinsend die Stirn kraus. "Ach, bin ich etwa schon abgehakt?" Vor Schreck verschluckte ich mich an meiner eigenen Spucke und fing an zu husten. Jan schloss den Kühlschrank, kam auf mich zu und klopfte mir auf den Rücken. Als ich mich wieder beruhigt hatte, hielt ich ihm die Rosen unter die Nase und sagte kleinlaut: "Die sind natürlich für dich. Warum zur Hölle sollte ich Regina rote Rosen schenken? Ich...ich lieb' doch nur dich." Leicht mitleidig sah Jan mich an. "Ach Andre. Ich würde das so gerne auch sagen, aber ich will dir nichts vormachen und Liebe erzwingen, das geht sowieso nicht." Ich nickte; er hatte ja Recht. Auch wenn es wehtat, hatte er Recht. "Lass uns frühstücken", sagte Jan, nahm die Rosen entgegen, legte sie auf den Tisch und setzte sich hin. Ich setzte mich neben ihn und wir fingen an zu essen. Ich erzählte ihm von der Blumenverkäuferin, woraufhin mir Taddl wieder einfiel. Kauend zog ich mein Handy aus der Hosentasche und tippte meinen Pincode ein. Sofort öffnete sich unser Chat. "Naja ich sag mal so: das romantischste Erlebnis in letzter Zeit war als Ardy mich mit herzförmigen Pralinen abgeworfen hat haha Einfach nur forever alone" Ich lachte laut los und hielt mir schnell die Hand vor den Mund, um nicht alles voll zu spucken. "Was is' so witzig?" Ich hielt Jan mein Handy hin. Er las den Chat und grinste. Dann jedoch sah er mich ernst an. "Willst du, dass das in irgendeiner Weise an die Öffentlichkeit gerät? Also, dass du mich...liebst?" Wollte ich das? "Nein." "Also niemandem erzählen?" "Ich kanns dir ja schlecht verbieten, aber es wär' nett, wenn das unter uns bleibt." Er nickte, schob mir mein Handy rüber und biss von seinem Brötchen ab. "Ähnlich. Nur dass ich nicht mit Schokolade attackiert werde. :D", schrieb ich. Die Türklingel durchbrach die kurze Stille zwischen Jan und mir. Ich stand auf, joggte zur Tür und öffnete sie. "Hi, Andre." Sahra umarmte mich. "Morgen. Dein Schatz ist bei Vik, aber du kannst mit Jan und mir frühstücken, wenn du willst." Sie lächelte. "Ich hab schon gegessen, aber ich setz' mich gerne ein bisschen zu euch, wenn's okay ist." Mit einem 'Logo' ging ich zurück in die Küche, wo Jan gerade die Spülmaschine einräumte. "Wer war d-oh, hey, Sahra." Die beiden umarmten sich und Cengiz' Freundin half mit, das Geschirr einzuräumen. Ich wischte den Tisch ab und verließ die Küche. Mit einem 'Ich geh duschen!' nahm ich mir frische Klamotten aus meinem Zimmer und betrat das Badezimmer.

jan
"Und?" Ich sah auf. "Und was?" Sahra verdrehte die Augen. "Wie läuft es so?" Ich machte eine fragende Geste. "Wie läuft was?" Die Freundin meines Freundes legte den letzten schmutzigen Gegenstand in den Geschirrspüler und verschränkte dann ihre Arme. "Menschenskinder, Jan! Wie beschränkt bist du denn bitte? Ob sich schon was zwischen dir und Yessica entwickelt hat, will ich wissen!", erklärte sie mir. Erschrocken zischte ich "Psst!", schloss die Spülmaschine, setzte mich an den Tisch und deutete ihr, es mir gleichzutun, was sie daraufhin tat. "Also, Folgendes", begann ich leise. Sie rückte näher, um mich zu verstehen. "Yessie und ich haben uns jetzt schon zwei mal getroffen, einmal im Kino und einmal waren wir sogar essen." Sahra nickte lächelnd. "Und hast du Andre und Cengiz inzwischen davon erzählt?" Ich murmelte kleinlaut: "Nein." Auf einmal hörte ich wieder Andre's Worte: "Ich kanns dir ja schlecht verbieten, aber es wär' nett, wenn das unter uns bleibt." Er konnte es mir nicht verbieten. Sollte ich es Sahra erzählen? "Jan? Alles gut?" Ich zögerte. "Okay, was ich dir jetzt sage, darf niemand erfahren. Nicht einmal Cengiz." Perplex nickte sie. "Andre, er..hat mir..naja, wie soll ich das jetzt sagen...also, er hat mir sozusagen seine Liebe gestanden." Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. "Jetzt im Ernst?" Stumm nickte ich. "Und wo wir gerade beim Geheimnisse-Erzählen sind: wir haben in einem Bett geschlafen." Sahra ließ sich in ihrem Stuhl zurück fallen. "Ich habe ihm aber klar gemacht, dass ich nicht an ihm interessiert bin." Emotionslos und langsam nickte sie. "Und zum Thema Yessica: sie ist zwar unfassbar nett und hübsch, aber ich glaube, sie ist mehr so der Freundschaftstyp." Sie wiederholte ihre vorangegangene Bewegung. Warum sagte sie denn nichts? Sie sagt nichts, weil sie sich ekelt, weil sie dich hasst. Und das zu Recht. "Sahra?" "Was empfindest du für Andre?" Perplex hielt ich inne. Gerade wollte ich 'Freundschaft' antworten, als mein Blick auf den Blumenstrauß fiel. Allein die Tatsache, dass ich zögerte, zeigte doch eigentlich, dass es sich nicht nur um Freundschaft handeln konnte. "Also..stell dir vor du wärst jugendlich, hättest zum Beispiel einen Nachbar und der hätte eine Tochter in deinem Alter. Und ihr würdet euch total gut anfreunden, könntet euch alles erzählen und Streit würde auch nie lange halten. Aber irgendwann würde dein Nachbar, ihr Vater, anfangen zu trinken und seine Familie zu schlagen. Du müsstest mehr denn je für deine Freundin da sein. Sie würde beinahe jeden Tag und jede Nacht bei dir verbringen. Und jetzt stell dir vor, Jahre später wohnt ihr zusammen und seid immer noch so gut befreundet wie Jahre zuvor. Was würdest du für sie empfinden? Natürlich liebe ich Andre irgendwie, aber halt auf einer anderen Ebene, verstehst du?" Erneut nickte Sahra. "Ich dich auch", ertönte in diesem Moment eine Stimme. Mein Kopf fuhr zur Seite in Richtung Tür. Andre stand dort, mit einem Handtuch um die Hüfte gebunden und einem schwarzen Shirt, das nass an seinem Oberkörper klebte. Sahra sah nicht zur Tür, sie lächelte bloß. Danach stand sie auf, umarmte Andre, nickte mir zu und verließ dann die Küche und so wie es sich anhörte, auch die Wohnung. Schüchtern sah ich auf den Strauß Rosen. "Jan? Kannst du mir einen etwas...schrägen Gefallen tun?" Solange ich ihn nicht küssen musste..obwohl..Oh Gott. Warum zur Hölle dachte ich über sowas nach? Warum beschäftigte ich mich überhaupt so viel mit diesem Thema? Und warum stellte ich mir so viele Fragen, auf die ich eh keine Antwort erhalten werde? "J-ja.." Andre suchte meinen Blick. "Kannst du mir ein einziges mal sagen, dass du mich liebst, mir ist egal auf welcher Ebene, und mir dabei in die Augen gucken?" Konnte ich das? Ich nickte - aus Reflex, ohne Begründung. Danach stand ich auf. Aus Reflex. Ich stellte mich vor Andre, aus Reflex. Ich sah in seine grünlichen Augen, aus Reflex. "Ich..ich l...oh man. Ich kann es einfach nicht." Mein Blick glitt auf den Boden. "Jan?", flüsterte Andre, wobei ich seinen Atem in meinen Haaren spürte. "Hm?" "Du musst nichts sagen, was du nicht sagen willst. Sag einfach nur die Wahrheit." Ich schluckte. Das klang so einfach, wenn man wusste, was die Wahrheit war. Vielleicht sollte ich einfach drauflosreden, wie vorhin bei Sahra? Aber hatte mich nicht genau dieses Drauflosgerede in die Situation gebracht? Aber hatte es nicht auch irgendwie geholfen? Immerhin hatte Sahra es danach verstanden. Würde Andre es auch verstehen, wenn ich einfach plappern würde? "Ich empfinde Gefühle für dich, die jene der normalen Freundschaft übersteigen." "Du sollst mir in die Augen gucken." Ich durchbohrte mit meinem Blick seine ungewöhnlich geweiteten Pupillen und sagte mit schwacher Stimme: "Ich hab dich lieb." Er nickte. Machten das heute irgendwie alle? "Hast du schon mal 'nen Typen geküsst? Nur ganz kurz?" Meine Lippen zitterten. Warum zum Henker zitterten meine verdammten Lippen?! "Nein." "Willst du es mal machen?" Ich dachte nach. Nicht lange, aber zu lange für jemanden, der hundertprozentig hetero ist. "Ich weiß nicht." Eine Strähne fiel mir in die Stirn. Nach kurzem Zögern fügte ich hinzu: "Vielleicht." "Das heißt?" Meine Hand berührte seine. Zufällig, nur etwa eine Sekunde lang. Und schon war es um meinen Verstand geschehen. "Denifiere..ähm..defi..nefdi...ähm..w-...was hei..heißt..also was meinst du m-mit kurz? A-also k-k....also kurz küssen..?" Er tat es einfach. Es war nicht so wie in Filmen immer, wo sie sich ganz langsam nähern, sich in die Augen gucken und sich schließlich mit Klaviermusik und Sonnenuntergang im Hintergrund küssen..nein. Er drückte seine Lippen auf meine und zog sie dann wieder zurück. Das war's. "Und? Wie war's?" Ich brummte: "Nicht so doll", woraufhin wir beide anfingen zu lachen. Mit jedem Atemzug in diesem sich bildenden Lachanfall fiel ein wenig von der beklemmenden Jandre-Stimmung ab, die seit Andres Geständnis zwischen uns geherrscht hatte. Und plötzlich waren wir wieder Jan und Andre, zwei beste Freunde. Wir wussten nun mehr: ich wusste, dass er mich liebte und er, dass ich zwar mehr als Freundschaft, aber weniger als Liebe empfand. "Andre? Was sind wir jetzt?" "Freunde?" "Also kein Jandre?" "Vorerst nicht, oder?" Ich hob eine Augenbraue: "Vorerst?" Er grinste. "Man kann nie wissen, was noch kommt, oder?" Ein flüchtiges Lächeln huschte über mein zweifelndes Gesicht. "Also erstmal Freunde und vielleicht irgendwann mehr?" "Ja.", antwortete Andre. Ich nickte. "Ich freu mich schon auf irgendwann", grinste ich und verließ glücklich die Küche.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top