VI.I - Waffen

Wenn man nicht wusste, dass sich in dem alten Gebäude ein geheimer Waffenladen befand, konnte man ihn auch nicht auf Anhieb erkennen. Die meisten Leute ging es nichts an, was hinter diesen Mauern geschah, denn es war nicht für ihre Augen bestimmt.
Harry, der füllige Besitzer des Geschäfts, stand hinter einem langen Tresen aus dunklem Holz und las in der heutigen Zeitung. Als Ivory und Damien eintraten, hafteten seine Augen weiter an dem Artikel, der unglaublich spannend zu sein schien. Damien trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Glasplatte des Tresens und wartete bis Harry fertig war. Schließlich faltete er gemächlich die Zeitung zusammen und legte sie beiseite.
"Ich habe eine neue Waffe in meinem Sortiment, die euch bestimmt gefallen wird." Keine Begrüßung. Ohne auf eine Antwort der beiden zu warten, verschwand Harry in einem angrenzenden Lager, um das besagte Stück zu suchen. Kurz darauf kam er mit einer kleinen Holzkiste wieder, die eher ein ungewöhnliches Aufbewahrungsobjekt für eine Waffe war. Behutsam öffnete er die Schatulle, als wäre dort der Schatz des Jahrhunderts versteckt. Damiens Gesichtsausdruck zeigte Erstaunen, als er die glänzend schwarze Waffe sah.
"Was für ein Juwel!", flüsterte Damien und nahm die Pistole vorsichtig heraus. So viel zum Thema Schatz, dachte Ivory. "Liegt perfekt in der Hand und hat ein unglaubliches Gewicht." Ehrfürchtig wog er die Waffe.
Harry nickte zustimmend. "Jaja, ganz feine Ware. Die hat mir ein neuer Lieferant aus Italien mitgebracht und ich habe gleich ein duzend davon bestellt. Was ist mit dir Ivory? Das wäre doch eine bessere Alternative, als das alte Ding, das du hast."
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich bleibe bei meiner Beretta."
Harry lachte amüsiert und fuhr sich mit der Hand über die wenigen Haare, die er noch besaß. "Das Mädchen ist 'ne Wucht, nicht wahr?" Er zwinkerte Damien zu, doch der hatte gar kein Gehör mehr für die Worte des alten Mannes. Ganz in Gedanken versunken zielte er mit der Waffe irgendwo in die Ferne.
"Kann ich sie ausprobieren?", fragte er schließlich mit einem Glitzern in den Augen.
"Aber sicher. Du weißt ja, wo der Übungsraum ist. Ich zeige Ivory solange noch ein paar Sachen, die ich neu im Lager habe."
Damien verschwand eilig zum Übungsraum, während Harry Ivory am Arm nahm und durch die vielen Regale bis in die hinterste Ecke des Raumes führte. Hier schien kaum noch Licht und als Harry seine Stimme senkte, kam Ivory die Sache komisch vor. Was konnte denn so toll sein, dass er sich so geheimnistuerisch benahm?
"Das ist auch eine der Waren, die der Mann aus Italien mitgebracht hat." Er holte noch eine Schachtel hervor und öffnete sie. Darin lagen zig verschiedene Patronen aus Glas, die alle eine andersfarbige Flüssigkeit enthielten.
"Wozu sind die gut?", fragte sie leise, um die dramatische Stimmung nicht zu zerstören.
"Du bist wirklich nicht auf dem neusten Stand, meine Liebe", seufzte er. "Die Patronen, die du und dein Freund benutzt sind schon ziemlich veraltet. Natürlich erfüllen sie ihren Zweck, aber diese hier...", er holte eine Patrone mit einer dunkelblauen, fast schwarzen Flüssigkeit heraus, "...lähmt nur für eine begrenzte Zeit die Muskeln und der Beschossene kann sich nicht mehr bewegen. Und diese hier...", er entnahm eine Patrone gefüllt mit einer silbernen Substanz, "...besteht aus flüssigem Silber, das die Monster von innen heraus verbrennen lässt." Harry bewegte dramatisch seine Arme, um den Prozess des Verbrennens zu verdeutlichen. Er zeigte ihr noch weitere Exemplare mit verschiedenen Wirkungen, eine unmenschlicher als die andere.
"Dieser Mann aus Italien, woher hat er all diese Sachen?", fragte sie schließlich.
"Er hat gesagt, dass er sie selbst produziert, aber ob das stimmt..." Harry sah sie skeptisch an.
"Hat er gesagt, wie er heißt?", hakte Ivory weiter nach.
"Nein, er hat mir nur eine Telefonnummer für weitere Bestellungen gegeben, sonst nichts. Ein mysteriöser Kerl war das." Henry zuckte mit den Schultern und setzte einen harmlosen Gesichtsausdruck auf. Ivory wusste, dass sie ihn durch ihre Fragerei neugierig machte, deshalb beließ sie es fürs Erste dabei. Aber sie war fest entschlossen, mehr über diesen Händler herauszufinden.
Sie nannte Harry, wie viele und welche Patronen sie für sich und Damien benötigte. Der kleine Mann strahlte übers ganze Gesicht, während er zur Kasse lief und ihre Waren vorbereitete.
"Hast du sonst noch ein paar neue Spielzeuge für uns?"
Er überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. "Noch nicht. Der junge Mann kommt noch mal, hat er gesagt, und bringt noch mehr Erfindungen. Aber wann genau, weiß ich nicht. Vielleicht nächste Woche, vielleicht auch erst nächsten Monat." Ivory nickte. Wenn er kam, musste sie ihn unbedingt kennen lernen. Es gab sowieso nicht viele Jäger und Ivory kannte auch kaum welche, aber jemand wie er musste schon lange im Geschäft sein und vor allem etwas davon verstehen. Vielleicht erfuhr sie dann Dinge, die ihr bei der Rettung ihres Bruders helfen würden.
Damien kam aus dem Trainingsraum, um seinen Hals hing noch der lärmdämpfende Kopfhörer. Seine Augen strahlten, als wäre er high.
"Ich nehme sie", war das Einzige, das über seine Lippen kam.
"Ach tatsächlich?", fragte Ivory skeptisch. Sie wusste aus Erfahrung, dass Harry für solche Pistolen eine Menge verlangte. Preise, die Damien auf keinen Fall bezahlen konnte. Doch er nickte nur mit einem breiten Grinsen im Gesicht. "Du musst sie unbedingt testen, Ivory. Das sind Welten, verglichen zu deiner Beretta. Wie viel kostet sie?" Er richtete seine Frage an Harry, dessen Grinsen heute wohl gar nicht mehr verschwinden würde.
"1500 Dollar."
Eine Sekunde lang war es still. Damiens Grinsen war wie weggewischt. Dann sprudelte es aus ihm heraus. "1500 Dollar? Das ist doch krank Harry! Wir sind deine besten Kunden und das Ding hier kostet so viel? Das ist doch lächerlich!"
"Junge, du kennst das Geschäft. Und diese Waffe ist nicht nur handgefertigt, sondern auch das Neuste, das es gibt." Harry hatte ja recht. Es war zwar nicht besonders nett von ihm, so viel Geld zu verlangen, doch Ivory wusste, wie schwierig es war, an solche Waffen zu kommen. Denn die Spezialpatronen konnten nur mit eigens angefertigten Pistolen genutzt werden. Und seltene, noch dazu handgefertigte Modelle, waren eben teuer.
Harry nahm dem verdutzten Damien die Pistole ab und bettete sie in der Schachtel, als würde er ein Kind ins Bett bringen. Eingeschnappt verließ Damien den Laden.
"Oh Mann, ich glaube, du hast sein Ego verletzt." Ivory seufzte. "Wie viel schulde ich dir?"
"780 Dollar. Hast einen Coup vor, was?" Er zwinkerte ihr zu. Eigentlich mochte sie Harry, aber jedes Mal wenn sie hier war, hatte sie das Gefühl, dass der Mann viel zu hohe Preise von ihr verlangte. Außerdem war er ihrer Meinung nach viel zu neugierig.
Sie reichte ihm das Geld in bar, dann nahm sie die zwei vollen Papiertüten vom Tresen. Bevor sie ging, hatte sie allerdings noch ein Anliegen. "Harry, kannst du mir einen kleinen Gefallen tun? Wenn dieser Typ aus Italien wieder kommt, kannst du mir dann bitte sofort Bescheid geben?"
Er rieb sich das Kinn. "In Ordnung. Du hast Glück, dass ich dich mag, Kleines."
Bevor er es sich anders überlegen konnte, verabschiedete sie sich dankend. Als sie die Treppe hinauf ins Freie stieg, hörte sie laute Bässe aus Damien's Wagen dröhnen.

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Hallo liebe Reader,

Danke fürs Lesen!!! ♥️
Leider musste ich das Kapitel teilen, da es sonst ein bisschen zu viel Inhalt auf einmal gewesen wäre...

Das nächste Kapitel folgt am Sonntag!

Ich wünsche euch eine schöne restliche Woche. 😊

LiviaDV

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