t h r e e
Der Tod ist allgegenwärtig. Als Jugendlicher denkt man jedoch nicht daran - schließlich haben wir noch Zeit.
Erschrocken sehe ich sie an und das Blut gefriert mir in den Adern.
„Was sagst du da?", frage ich entgeistert und ich kann förmlich spüren, wie meine Haut kreidebleich wird.
„Sie wurde drei Tage nach ihrer Vermisstenmeldung im South Platte River gefunden", sagt sie leise und legt den Kopf schief. „Hast du nicht davon gehört?"
Betrübt schüttele ich den Kopf. Wie denn auch, wenn wir erst seit einer Woche hier wohnen.
„Das ist ja schrecklich", murmele ich und sie nickt langsam, während sie die Bilder am Spind mustert.
„Es war schrecklich. Adeline war so ein tolles Mädchen. Ich hoffe, sie kriegen den Schuldigen", sagt sie.
Ich nicke und mustere die Bilder des jungen Mädchens. Selfies, Gruppenfotos oder Polaroids, die an schöne Momente erinnern, hängen neben den Post-Its.
Sterben ist nicht schlimm. Jeder stirbt einmal, das ist der natürliche Lauf des Lebens. Aber der Eingriff in den Tod ist schrecklich. Niemand hat das Recht, das Leben eines anderen zu beenden.
„Haben sie denn noch keinen Schuldigen?", frage ich leise und sie schüttelt den Kopf.
„Einer, er steht momentan unter Verdacht. Aber sie sind sich nicht sicher. Jeder von uns wurde befragt, der ganze Jahrgang. Man vermutet, dass es jemand aus der Schule gewesen ist. Kannst du dir das vorstellen?", sie blickt schnell um sich. „Ein Mörder, direkt unter uns."
Ich zucke zusammen und mir wird übel. Der Tag hat schon schlecht begonnen und nun werde ich mit so einer Nachricht konfrontiert. Wie kann das sein, dass ich auf einer Schule gelandet bin, die Mörder aufnimmt?
„Irgendwann wird der Schuldige hoffentlich seine gerechte Strafe bekommen. Wie dem auch sei, Adelines Eltern haben ihren Spind nicht geräumt. Die Polizei hatte ihn mal durchsucht, aber nichts Nützliches gefunden. Da er nun dir gehört, wirst du die Sachen wohl selbst entsorgen müssen. Es sind nur ein paar Schulsachen, nichts wichtiges", murmelt sie und ich nicke langsam.
Ich fühle mich schlecht bei dem Gedanken daran, das Hab und Gut einer Fremden wegzuwerfen. Doch sie wird nie wieder kommen, um ihre Sachen selbst abzuholen.
„Sie war sehr hübsch", sage ich und betrachte das blonde Mädchen. Maya nickt langsam.
„Ja, das war sie. Auch innerlich. Adeline ist unersetzbar."
Sie greift nach ihrem Rucksack, welchen sie auf dem Boden abgestellt hat, und dreht dem Spind dann den Rücken zu.
„Ich muss dann mal los. Man sieht sich morgen, Raven", sagt sie lächelnd und winkt mir zu, bevor sie sich auf den Weg Richtung Ausgang macht. Nachdenklich blicke ich ihr hinterher.
Noch habe ich die Chance, die Schule erneut zu wechseln. Denver ist groß, hier gibt es viele Schulen. Ob alle so sind wie die Middleton?
Die Schlägerei direkt am Morgen war für mich schon zu viel, und dann auch noch diese Nachricht über das blonde Mädchen, dessen Spind ich nun zugeteilt bekommen habe - es ist schrecklich.
Ich mustere die Spindtür ein letztes Mal, bevor ich beschließe, ihn erst morgen ordentlich aufzuräumen und mich dann ebenfalls auf den Heimweg mache.
Ich besuche die Middleton High School, weil sie am nächsten zu unserem neuen Haus liegt. Ein fünfminütiger Fußweg trennt mein neues Zuhause von der Schule.
Nachdenklich überquere ich den Pausenhof und blicke zum Parkplatz der Schule, wo ich eine Gestalt in grauer Kapuze an einem silbernen, alten Wagen lehnen sehe. Nach längerem Hinsehen fällt mir auf, dass er der Junge von heute morgen ist. Der Junge, dem ich geholfen habe und der nicht einmal ein Danke dafür rausbekommen hat.
Eine Gänsehaut macht sich auf meinem Körper breit, als ich seinen bösen Blick bemerke.
Kurzerhand entschließe ich mich dazu, zu ihm zu gehen und ihn nach seinem Wohlergehen zu fragen.
Je näher ich ihm komme, desto finsterer wird sein Blick. Sein Gesicht ist stark angeschwollen, die Nase gerötet und die Kratzer in seinem Gesicht blutverkrustet.
„Hey. Ich wollte fragen, wie es dir geht", sage ich und er lacht leise auf. Er schiebt seine Kapuze vom Kopf und lehnt sich ein wenig nach vorne. Ich verstehe nicht, wieso er überhaupt bei dem Wetter einen Kapuzenpullover trägt.
„Spar es dir", zischt er nur und ich sehe ihn verwirrt an.
„Du bist ziemlich unfreundlich. Du könntest dich dafür bedanken, dass ich dir geholfen habe", gebe ich verärgert zurück. Wie kann man so ein Verhalten an den Tag legen?
„Mich bedanken? Nein, du hast es nur schlimmer gemacht", meint er leise und ich mustere ihn. Er hat eine unheimliche Aura.
„Ich wollte dir doch nur helfen", erkläre ich mich und er winkt ab.
„Du bist neu hier, oder?", fragt er schließlich und zieht an der Zigarette, die er in der linken Hand hält.
Ich nicke langsam und mustere den Stummel in seiner Hand. Ich hasse Raucher.
„Merk dir eins, Süße: Misch dich nicht in die Angelegenheiten anderer ein", sagt er schließlich leise und gefährlich, bevor er den Stummel auf den Boden wirft, die Glut austritt und sich ruckartig umdreht, um die Türe seines Wagens zu öffnen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, steigt er ein, startet den Motor und fährt mich fast an, als ich nicht sofort die Anstalten mache, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich erwache aus meiner Starre und zeige dem Idioten einen Vogel, während er an mir vorbeifährt.
Ja, so etwas in der Art habe ich heute bereits zum Hören bekommen.
Ich seufze genervt und krame in meiner Tasche nach meinen Kopfhörern. Während ich laufe, versuche ich das Gerät mit meinem Handy zu verbinden und schalte die Musik schließlich auf höchste Lautstärke.
Wo, verdammt noch mal, bin ich hier gelandet?
Ich laufe den geraden Weg entlang, der direkt zu meinem Haus führt und die Gedanken rasen in meinem Kopf.
Das Bild des verprügelten Jungen und des blonden, verstorbenen Mädchens gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bekomme das Gefühl, dass diese High School von viel Leid geplagt ist - doch welche Schule ist das nicht?
Seufzend öffne ich die Haustüre zu unserem neuen Haus. An den Anblick des weißen Toskana-Gebäudes werde ich mich zunächst gewöhnen müssen. Bislang haben wir immer in klassischen, süßen, amerikanischen Häusern gelebt - dieses Haus ist definitiv ein Upgrade.
„Hallo mein Schatz", ich höre meine Mutter in der Küche hantieren. Ich begrüße sie und ziehe mir die Schuhe aus, bevor ich die Küche betrete und ihr einen Kuss auf die Wange gebe.
„Du gibst dir heute ja besonders viel Mühe", stelle ich fest, als ich den Braten im Ofen entdecke. Sie nickt schnell und schenkt mir ein Lächeln.
„Wir bekommen Besuch. Ich habe die Nachbarn eingeladen, wirklich äußerst nette Leute. Ein Begrüßungsessen, du weißt schon", meint sie. Ich nicke und stöhne innerlich genervt auf. Man könnte es beinahe als Ritual meiner Mutter bezeichnen, dass sie bei jedem Umzug die unmittelbaren Nachbarn einlädt.
„Ich gehe in mein Zimmer", sage ich und sie nickt.
„Achso, bevor ich es vergesse: Wie war denn dein erster Schultag?", fragt sie und ich zucke kurz zusammen.
Absolut scheiße, Mom.
„Es war", ich stocke kurz. „Interessant."
Sie lacht leise und blickt dann zufrieden auf ihren Salat, den sie liebevoll absolut winzig schneidet und hübsch für jeden einzelnen Gast anrichtet.
Ich eile aus der Küche und nehme zwei Stufen beim Treppensteigen. Völlig außer Atem reiße ich meine Zimmertüre auf und schmeiße meine Schultasche in die Ecke, während ich mich mit meinem Handy in der Hand auf mein Bett werfe.
Eilig tippe ich in meine Suchleiste Mord in Denver ein und muss daraufhin feststellen, dass Denver aufgrund seiner Größe doch einige Mordfälle mehr auflistet, die noch dazu ziemlich aktuell sind. Daraufhin fällt mir wieder ein, dass Maya von diesem Sommer gesprochen hat, weshalb ich den Filter auf Juli und August umstelle.
Der Artikel fällt mir sofort ins Auge und weist mehrere hunderttausende Aufrufe auf. Wie konnte mir das entgehen?
Wie gebannt starre ich auf die Überschrift, die über dem Bild von einer blonden Schönheit prangt: Vermisstenfall endet in Mordfall.
Ich scrolle weiter und überfliege zügig den Text. Mein Magen zieht sich zusammen, als ich lese, dass dieses junge Mädchen auf bestialische Art und Weise ums Leben gekommen ist - und das durch Fremdeinwirkung. Die Tatsache, dass die Polizei zeitnah einen Verdächtigen in Untersuchungshaft nehmen konnte, beruhigt mich jedoch, denn so kann ich mir sicher sein, dass ich nicht tagtäglich einem Mörder über den Weg laufe.
Ich schüttele fest den Kopf, um diese Gedanken aus meinem Kopf zu kriegen. Es scheint wie ein schlechter Traum.
Wie komme ich hier nur wieder raus?
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