31

Seit fast einer Stunde lag ich in meinem Bett und starrte an die Decke. Das Haus der Aarens war leer, so als wären sie in meiner Abwesenheit umgezogen, um den Winter hinter sich zu lassen und auf einer tropischen Insel einen Neubeginn zu wagen - was natürlich nicht stimmte.

Als Umria mit mir hinter einer Hecke im Garten gelandet war, klopfte mein Herz noch lauter als bei jedem Teleportationszauber zuvor und mir war schlecht vor Aufregung. Ich bereute, eine so große Portion Haferbrei gegessen zu haben, und versuchte das flaue Gefühl zu verdrängen. Immerhin wurde mein Körper von der Kälte abgelenkt. Die Luft war feucht und ein paar Schneeflocken tänzelten vom Himmel herab, der aussah als bestünde er aus Watte. Derweil konnte man die matschige Wiese bestens erkennen, aber in ein paar Stunden würde sie schon unter der weißen Farbe begraben sein.

„Ich werde es dich wissen lassen, sobald der Zauber fertig ist", versprach die Frau und sah mich mit einem Blick an, der mir immer noch Angst einjagte. Ich nickte lediglich, bedankte mich und ehe ich mich versah, verschwand sie mit dem kleinen Licht in ihrer Hand.

Als wäre ich nie weggewesen, fischte ich den Schlüssel aus meinem Rucksack und steckte ihn ins Schloss, doch gleichzeitig kam ich mir wie eine Einbrecherin vor. Das Gefühl verstärkte sich, als mir bewusstwurde, dass niemand zuhause war. Ich blickte auf den Wandkalender neben der Garderobe und zählte die Nächte, in denen ich in Merulas Zimmer geschlafen hatte.

Heute musste Mittwoch sein. Also war Cristal in der Schule und Jay und Leya in ihrer gemeinsamen Praxis. Etwas von der Anspannung fiel von mir ab. Ich atmete durch, als ich die Tür hinter mir schloss. Der feine Geruch von Putzmittel und etwas Herbem – irgendein Gewürz, vielleicht Rosmarin – war mir damals, als mein Vater mich herbrachte, aufgefallen. Nun kam er mir wieder fremd vor, so als hätte ich das Haus zum ersten Mal betreten und stieg mir bewusster zu Kopf als er es die letzten Wochen getan hatte, in denen ich hier gewohnt hatte.

In meinem Zimmer ließ ich meinen Rucksack fallen, war zu demotiviert, um ihn auszuräumen, setzte mich an die Bettkante und lehnte mich zurück, bis ich geradeaus nach oben an die leere Zimmerdecke blickte. Die Übelkeit war verschwunden, aber dafür keimten neue Emotionen in mir auf, die ich nicht so recht zuordnen konnte. Ich begriff nicht, was die letzten drei Tage passiert war. Enem war fremd, faszinierend, aber nicht in jedem Aspekt besonders einladend. Es kam mir vor wie eine raue Welt, der ich als Instinktjägerin auf gewisse Art ausgeliefert war. Doch jetzt einfach hierher zurückzukommen und morgen wieder in die Schule zu fahren, so als sei nie etwas gewesen, kam mir so unmöglich vor als würde jemand barfuß durch Flammen waten, ohne sich zu verbrennen.

Wie konnte mich eine so kurze Zeitspanne so sehr durcheinanderbringen?

Wahrscheinlich verging doch eine ganze Stunde, in der ich nur hier lag, grübelte und die Stille genoss. Dann grummelte mein Magen. Auch wenn ich mich nicht allzu hungrig fühlte, war das wohl das Zeichen, in die Gänge zu kommen. Ich wusste nicht, wie lange Cristal heute in der Schule war, doch ich beschloss, ihr eine Nachricht zu schicken, damit sie keinen Herzinfarkt bekam, wenn sie mich hier fand. Außerdem musste ich dringend mit ihr reden, um zu erfahren, wie es Connor ging. Vielleicht hätte ich ihn direkt anrufen sollen, doch die Angst hatte alle Gedanken daran verdrängt. Ich wollte nicht riskieren, bei seinem Anrufbeantworter zu landen und meinen Kopf mit schrecklichen Bildern zu füllen. Falls er den Anruf annehmen sollte, hätte ich außerdem keine Ahnung, was ich ihm erzählen sollte.

Ich griff nach meinem Handy, dessen Display nicht reagierte, und befürchtete, dass es irgendwo auf meiner Reise zwischen zwei Welten kaputt gegangen war. Doch erleichtert stellte ich fest, dass wohl nur der Akku leer war und es sich aufladen ließ. Dann musste die Nachricht wohl etwas warten.

Seufzend stand ich auf, ging in die Küche, begutachtete den Inhalt des Kühlschranks und beschloss, etwas für die Familie zu kochen, die mich unter ihre Fittiche genommen hatte. Wie sie wohl reagieren würden, wenn ich heute wieder vor ihnen stand?

Die erste, die etwa um halb drei nach Hause kam, war Cristal. Ich hörte, wie sich die Tür öffnete und im nächsten Augenblick wieder schloss. Dann war es still. Sie war in ihrer Bewegung erstarrt, doch ich spürte ihre Energie, die wie eine kühlende Salbe versprach das Brennen in meinem Kopf zu lindern. Ich atmete tief ein, langsam wieder aus und schnürte meine Selbstbeherrschung etwas enger, wie ein Korsett.

„Xenia?", rief sie in das Haus hinein. Vielleicht hätte Merula allein anhand ihrer Ausstrahlung sagen können, was sie empfand oder was sie dachte. Ich konnte es nicht.

„Ich bin in der Küche", antwortete ich und wagte es nicht, Cristal im Flur gegenüberzutreten.

Es raschelte und ich stellte mir vor, wie sie sich aus ihrer Winterjacke befreite und die Schuhe auszog. Dann hörte ich ihre Schritte. Ich hatte das Gefühl, es würde ewig dauern, bis sie bei mir ankam. Als würde das Rad der Zeit irgendwo streifen und sich nur noch langsam schleifend drehen. Als die Blondine im Türrahmen stehen blieb, begannen meine Schläfen zu pochen. Hitze breitete sich in meinem Körper aus, meine Kehle wurde trocken und ich hatte Durst. Ich konnte mich nicht darauf konzentrieren, was Cristal wohl dachte, was ihr Blick zu bedeuten hatte oder was ich jetzt am besten zu ihr sagen sollte. All meine Aufmerksamkeit lag darauf, sie nicht zu Boden zu stoßen. Ich ballte die Hände zu Fäusten, Nägel, die ich schon lange nicht geschnitten hatte, gruben sich in meine Handflächen, aber ich spürte keinen Schmerz. An ihre Präsenz musste ich mich wohl erst wieder gewöhnen.

„Ich habe deine Schuhe im Vorzimmer gesehen." Deshalb hatte sie sofort bemerkt, dass ich zurück war. „Warst du wirklich in Enem?"

Ich schaffte es, zu nicken.

„Es existiert also", murmelte sie. Kurz schwiegen wir beide.

„Wie geht es Connor?", brachte ich hervor, um meine Gedanken von Cristal wegzulenken.

Sie zog die Augenbrauen zusammen, als wäre sie überrascht, dass ich jetzt damit anfing. „Okay, denke ich. Er... er ist immer noch seltsam drauf und war nicht in der Schule. Angeblich hat er eine Erkältung."

Ein Druck, den ich vorhin gar nicht bewusst wahrgenommen hatte, löste sich von meiner Brust. Connor war also am Leben. Vielleicht waren all meine Befürchtungen umsonst gewesen. Das war gut. Sehr gut sogar.

„Ich hab jemanden gefunden, der die Infektion behandeln kann." Um den heißen Brei herumzureden, würde uns nicht weiterbringen. Vor allem jetzt, wo ich meine Selbstbeherrschung behalten musste, war jedes unwesentliche Wort eines zu viel.

„Wirklich?" Noch mehr Unglaube legte sich in Cristals Stimme. Kurz fühlte es sich gut an, mehr Informationen zu haben als sie und die mächtigere zu sein, aber ich konnte den Moment nicht lange auskosten. Am besten, ich blieb sachlich. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich nicht tatsächlich hier war. Nichts fühlte sich real an. Ich stand hinter einer Nebelwand und spürte nichts mehr.

„Ja. Eine Vollkommene wird mir alles Notwendige bringen, sobald das Mittel fertig ist."

„Okay." Es wunderte mich, dass die Blondine kein einziges, schnippisches Wort an mich richtete, aber es war sicher besser so. Wahrscheinlich kam ihr das alles noch viel merkwürdiger vor als mir selbst. Immerhin hatte sie Enem nie betreten, hatte den Vollkommenen nie in die Augen gesehen und nicht gespürt, wie ihr Körper ihr wegen eines Zaubers nicht mehr gehorchte.

Mir fiel derweil nichts ein, was ich noch sagen könnte, also setzte ich einen Fuß vor den anderen. Cristal trat zur Seite und blickte mir perplex hinterher, damit ich die Küche verlassen und in mein Zimmer gehen konnte.

„Ich hab Linsencurry gekocht. Greif ruhig zu, falls du Hunger hast", sagte ich noch, schloss dann jedoch meine Tür, ohne auf eine Antwort zu warten.

Ein paar Stunden später kamen Leya und Jay gemeinsam von der Arbeit. Ich lauschte, hörte, dass sie ebenfalls meinen Mantel und die Schuhe bemerken mussten, weil Leya ihren Mann darauf hinwies. Cristal, die gerade in den Flur trat, bestätigte ihre Vermutung. „Sie ist wieder da."

Kurz geschah nichts. Doch das untere Geschoß des Hauses war so hellhörig, dass ich mitbekam, wie Jay und Leya sich wieder in Bewegung setzten, weil der Fußboden unter ihrem Gewicht knarzte. Sie bemühten sich, leise zu sein, als wäre ich ein Reh, das sofort im Dickicht des Waldes verschwinden würde, wenn sie eine falsche Bewegung machten. Zaghaft klopfte jemand an meine Tür.

Ich stellte fest, dass ich mich in diesem Zimmer mittlerweile wirklich zuhause fühlte.

„Ja?", bat ich die zwei Psychiater herein.

Leya kam zuerst auf mich zu, etwas zu schnell, dann bremste sie sich. Für einen kurzen Moment hob sie die Arme, wie um mich in eine Umarmung zu ziehen, doch ließ sie dann wieder sinken. In ihrem Gesicht spiegelte sich ein Meer an Gefühlen wider. Ihre Augenbrauen waren besorgt zusammengezogen, die Augen leuchteten mich freudig an und ihre Mundwinkel zeigten bemüht nach oben. Jay hingegen musterte mich zurückhaltend, fast als hätte er Angst vor mir.

„Wo warst du die letzten Tage, Xenia? Geht es dir gut?", brach es aus Leya heraus.

„Wir haben uns Sorgen gemacht", fügte Jay hinzu.

„Mir geht's gut." Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf, wurde aber so nervös, dass ich nicht wusste, wo ich hinsehen sollte und meine Handflächen schwitzig wurden. Trotzdem versuchte ich, so gelassen wie möglich zu klingen und die beiden nicht anzulügen. „Tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe. Mein Handy hatte keinen Akku mehr und ich habe mein Kabel hier vergessen. Ich musste ziemlich spontan etwas erledigen."

Leya warf ihrem Mann einen kurzen Blick zu, dann ergriff sie das Wort. „Hauptsache dir ist nichts zugestoßen. Aber bitte mach so etwas nicht noch mal. Wir verstehen wahrscheinlich nicht alles, was in deiner Welt passiert..." Sie zögerte, suchte nach den richtigen Worten und biss sich dabei kurz auf die Lippe. „So genau will ich jedes Detail auch gar nicht wissen. Es wäre aber beruhigend gewesen, zu wissen, wann du wiederkommst. Cristal konnte uns nur sagen, dass du plötzlich von dem Kletterausflug wegmusstest."

„Ich habe Keith angerufen, aber auch ihn nicht erreicht", sagte Jay und kratzte sich planlos am Hinterkopf.

Ich nickte und spürte, wie das schlechte Gewissen in mir überhandnahm. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Die Vorstellung, dass mein Vater erfuhr, dass ich auf einmal verschwunden war, ließ mich schlucken. Er wäre sicher nicht begeistert darüber, dass ich mich mit einer Vollkommenen angefreundet hatte und schon gar nicht darüber, dass ich in einem Handel angeboten hatte, für einen Zauber etwas von meinem Blut herzugeben. Aber ich wollte mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, was Umrias Pläne waren. Ich schob die bösen Gedanken beiseite und konzentrierte mich auf das Wesentliche.

Jay und Leya hatten sich Sorgen um mich gemacht, was mir leidtat. Trotzdem erkannte ich in ihrem Blick, dass ihnen meine Aktion nicht ganz geheuer war.

„Es tut mir wirklich leid. Nächstes Mal sage ich Bescheid", versprach ich ihnen, woraufhin Jay zumindest zufrieden nickte.

Als beiden nicht mehr einfiel, was sie noch sagen sollten, und auch von mir nichts mehr kam, bedankten sie sich noch, dass ich heute gekocht hatte, und gaben mir dann wieder etwas Freiraum. Die ganze Situation war mir so unangenehm, dass ich sie am liebsten sofort vergessen hätte. Ich wollte mir nicht vorstellen, welche Szenarien sich in den letzten Tagen in den Köpfen der beiden Psychiater abgespielt hatten.

War ich verschwunden, weil ich es nicht mehr ausgehalten hatte, meinen Instinkt zu unterdrücken? Auch wenn ich wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach, zog sich mein Magen zusammen, als mir klar wurde, dass Jay und Leya in mir wahrscheinlich nun das Monster sahen, das ich war.

Egal, wie gut wir uns davor verstanden hatten, egal wie sehr sie meinem Vater vertrauten, egal wie sehr ich mich bemüht hatte, niemandem in diesem Haus zur Last zu fallen – mit meinem Verschwinden hatte ich Misstrauen gesät und ich befürchtete, dass es bald alles andere überwuchern würde.

Am nächsten Tag stand ich wieder früh auf, fuhr wieder zur Schule, saß wieder neben Greta und versuchte, nicht zu viel über übernatürliche Wesen nachzudenken, sondern dem Unterricht zu folgen. Was gar nicht so einfach war, während mein Geschichtslehrer mit monotoner Stimme versuchte, uns die aktuelle politische Lage zu erklären. Das Schneegestöber draußen war um einiges spannender und ich fragte mich, ob es in Enem jemals schneite und ob es für jedes Wetter einen Zauber gab.

Wie lange es wohl dauerte, bis Umria mich aufsuchen würde?

Nachdem der Schultag endlich vorüber war, hatte ich noch keine allzu große Lust, zurück zu den Aarens zu fahren. Seit meiner Rückkehr war die Stimmung seltsam und ich wagte es kaum, mein Zimmer zu verlassen, weil ich mich davor fürchtete, dass Leya mir wieder mit diesem gezwungenen Lächeln begegnete. Appetit hatte ich seither auch keinen gehabt und nur schnell eine kleine Portion des restlichen Currys gegessen, damit ich nach dem Abendessen so bald wie möglich vom Esstisch aufstehen konnte, während die Aarens noch eine Weile sitzenblieben. Niemand hielt mich zurück.

„Ich werde noch einmal fragen, ob sie etwas braucht. Oder ob sie darüber reden will, was passiert ist", hörte ich Leya ein paar Stunden später in der Küche zu Jay sagen. Als sie diesmal an meine Tür klopfte, reagierte ich nicht, sondern versteckte mich in meinem Bett und tat so, als würde ich bereits schlafen, falls sie einen Blick hereinwagen sollte. Sie tat es nicht. Normalerweise wäre ich ihr dankbar gewesen, dass sie meine Privatsphäre so sehr respektierte, aber an diesem Abend versetzte es mir einen Stich.

Um ein ähnliches Erlebnis aufzuschieben, beschloss ich, zumindest einen Teil des Heimwegs zu Fuß zu laufen. Obwohl die Luft von einer klirrenden Kälte erfüllt war, genoss ich es, mich zu bewegen. Ich war nie der größte Fan von Sport gewesen, aber Spaziergänge waren genau das richtige, um einen freien Kopf zu bekommen. Ich verabschiedete mich von Greta, vergrub meine Hände in den Manteltaschen, versteckte mein Kinn hinter dem dicken Wollschal und ging zielstrebig los.

Zwanzig Minuten später hielt ich vor einer roten Ampel und wippte ungeduldig vor und zurück, bis ich die Anspannungen in mir endlich wieder in eine Aktivität umleiten konnte. Mein Blick glitt über die breite Straße, eine Reihe Autos, die genauso warten mussten wie ich, hin zu einem kleinen Café, das mit Lichterketten geschmückt war. Als hätte jemand vergessen, die Weihnachtsbeleuchtung zu entfernen. Doch es wirkte gemütlich, eher überschaubar und erinnerte mich mit seinen schwarzen Fensterrahmen an Larians Restaurant. Ich starrte die Kellnerin an, die soeben herbeisauste, um ein junges Pärchen zu bedienen, und malte mir aus, dort zu arbeiten. Als die zwei bestellt hatten, steckte sie den Block in ihre mintgrüne Schürze und war auch schon wieder verschwunden. Dann stand der junge Mann auf und drehte sich zur Seite. Er sagte irgendetwas, das die Frau vor ihm zum Lachen brachte.

Als ich die zwei nun endlich erkannte, setze mein Herz aus.

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Wer das wohl ist?

- knownastheunknown -

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