22

Erst als ich auf einem der Holzstühle saß und eine Schüssel mit dampfender Karottensuppe vor mir stand, merkte ich, wie schwer sich meine Beine anfühlten. Nach dem langen Marsch mit Cristal im Nationalpark war ich mit Mico und Merula durch Enem bis zum Haus von Larian gewandert, der hier ein Restaurant führte. Unser Tisch befand sich in der Mitte des Raumes, ich war von Gruppen von Vollkommenen umgeben und bildete mir ein, mehrere Augenpaare auf meiner Haut zu spüren. Aber zu meiner Erleichterung sprach mich niemand an.

Bloß nichts Falsches tun. Bloß nichts Falsches sagen. Auf gar keinen Fall wollte ich irgendjemanden verärgern, also aß ich so ruhig wie möglich die Suppe, die Merula mir gebracht hatte. Die Karotten waren cremig püriert und darunter versteckt schwamm eine großzügige Portion Reis mit Linsen. Es schmeckte leicht süßlich, hatte aber auch eine erfrischende Schärfe, die mich an Ingwer erinnerte.

„Da ist Larian", erklärte Mico mit vollem Mund. Er hatte sich irgendein süßes Gebäckstück von einem Tresen neben dem Fenster geschnappt und zeigte nun auf einen kräftigen Kerl mit Bart. 

Wir saßen in einem sehr offenen Raum, der auch den Blick in die Küche frei gab, wo Larian gerade irgendwelche Zutaten schnippelte. Neben ihm brutzelte etwas in einer Pfanne auf einem Gasherd, doch bereits aus der Ferne erkannte ich, dass darunter eine dunkelviolette Flamme brannte.

„Das Feuer ist ja violett. Was ist das für ein Herd?", fragte ich leise.

Merula zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, was genau er verwendet, aber Larian mischt immer wieder verschiedene Kräuter ins Feuer, damit die Flamme länger brennt oder, um eine bestimmte Temperatur zu erreichen. Das sind Elementarzauber, mit denen er gern herumspielt."

Ich nickte nur. Das war also ein Zauber? Ich hatte mir das ganze spektakulärer vorgestellt und weniger wie ein Experiment aus dem Chemieunterricht. Etwas ernüchtert, aber auch neugierig starrte ich in die Küche.

„Wenn du möchtest, können wir dir nachher noch mehr davon zeigen. Aber kommen wir mal zum spannenden Teil: Willst du uns vielleicht jetzt erklären, warum du in unser Enem gekommen bist?" Merula stützte sich mit den Ellbogen an der Tischplatte ab, verschränkte die Hände ineinander und legte ihr Kinn darauf ab.

Ein Funken zuckte durch meinen Körper und augenblicklich begann ich wieder zu schwitzen. Die Vollkommenen am Nachbartisch sprachen gerade über Paris und darüber, dass jemand vergessen hatte, einen Portalzauber vorzubereiten und dann länger dort feststeckte als geplant. Wenn ich sie so gut hören konnte, konnten sie bestimmt auch jedes meiner Worte verstehen. Meine Handflächen waren feucht, ich ließ den Löffel los und erwiderte Merulas Blick.

Also gut. Ruhig bleiben. Ich atmete tief ein, in der Hoffnung, dass mir etwas mehr Sauerstoff dabei helfen würde.

„Ich brauche Medizin für jemanden."

Sie sah mich an, ohne etwas zu erwidern, als würde sie auf eine längere Erklärung warten.

„Wer ist denn krank?", fragte Mico und ließ seine Hand mit dem Brötchen sinken, an dem er gerade noch geknabbert hatte.

„Ein Freund."

Ich hatte keine Ahnung, wie sie reagieren würden, sollten sie erfahren, dass Connor ein Mensch war. Mein Herzklopfen hallte in meinem gesamten Körper wider, als ich auf die Reaktion der anderen wartete. Vollkommene schienen mit Instinktjägern auszukommen. Aber schon allein die Legende von Enem als Gefängnis, die Mico erzählt hatte, gab mir ein ungutes Gefühl, was die Beziehung zwischen ihnen und Menschen anging.

„Ich kenne mich mit Heilzaubern noch nicht besonders gut aus", begann Merula. Ihre Stimme wurde leiser und ich bildete mir ein, dass sie skeptisch klang. „Aber vielleicht können unsere Eltern dir weiterhelfen."

Stolz baute sich Mico wieder ein, im Gegensatz zu seiner Schwester allerdings mit voller Lautstärke. „Sie haben mir das mal so erklärt: Um jemanden gesund zu machen, braucht man eine Mischung aus Elementar- und Runenzaubern. Weil sich elementare nur auf unlebendige Dinge beziehen und Runen nur für kurze Zeit wirken. Deswegen ist das extra schwierig."

„Hm, das klingt kompliziert." Der Kleine lächelte zufrieden und begann wieder zu essen, doch Merula sah mich immer noch abwartend an. Um irgendetwas zu tun, nahm ich den Löffel in die Hand und aß nun den Rest der Suppe. Auch wenn die warme Flüssigkeit tröstlich war, hinterließ die Gesamtsituation einen fahlen Geschmack in meinem Mund. Ich räusperte mich und versuchte, das Thema zu wechseln. „Wie kann ich hier eigentlich bezahlen?"

„Mit Geld", erwiderte Merula plump. Vielleicht lag auch wieder Belustigung in ihrer Stimme, aber ich konnte sie schwer lesen. „Meistens lässt sich Larian auch auf Tauschhandel ein, wenn du was Gutes von draußen dabeihast. Zum Beispiel Gewürze, die er brauchen kann."

„Oh. Praktisch." War Enem mehr mit unserer Welt verwoben als ich angenommen hatte? Es sah ganz danach aus. „Und wie oft seid ihr außerhalb von Enem?"

„So ganz regelmäßig ist das nicht bei uns allen. Normalerweise gehe ich jede zweite Woche und bleibe ein paar Tage."

„Ich glaube, ich bin noch nie einem Vollkommenen begegnet. Ich dachte nicht, dass ihr Enem so oft verlasst."

„Vielleicht hast du uns einfach nicht bemerkt. Wir können sehr unauffällig sein, wenn wir wollen."

„Bist du schon mal Auto gefahren?", wollte Mico nun aus dem Nichts wissen.

„Nein", murmelte ich und wusste im ersten Moment nicht, ob ich darauf eingehen oder mich davon nicht ablenken lassen sollte. Ich fühlte mich immer noch angespannt und allmählich erschöpft davon, so vorsichtig zu antworten, als würde ich auf einem Seil balancieren und beim ersten falschen Wort zu Boden stürzen. „Ich habe keinen Führerschein. In der Stadt, in der ich wohne, gibt es viele Busse und Straßenbahnen. Da war es bisher nicht notwendig, dass ich selbst fahre."

Und mein Vater war dagegen, dass ich mit einem Fahrlehrer auf so engem Raum zusammen war und mich dem Straßenverkehr aussetzte, während ich mich darauf konzentrieren sollte, nicht wegen eines Menschen die Beherrschung zu verlieren.

„Ach, schade. Ich will mal ein ganz schnelles haben. Vielleicht so eines." Mico zog aus seiner Hosentasche ein Spielzeugauto hervor. Es war ein knallviolettes Cabrio.

Ich konnte nicht anders, als zu schmunzeln. „Cool."

„Können wir nach Hause gehen?", wandte er sich jetzt an Merula. „Dann kann ich Nia die anderen Autos zeigen."

„Ja, wir gehen gleich." Sie sah sich im Raum um und winkte jemandem zu. Eine große Frau stand von dem Tisch neben dem Durchgang zur Küche auf und kam auf uns zu.

„Was braucht ihr?", fragte sie mit markanter, tiefer Stimme und sah auf uns drei herab. Da war es wieder, das Ameisengefühl.

„Wie viel willst du für die Suppe und das Banbrot?"

„Womit wollt ihr denn zahlen?"

„Mit Euro?", stammelte ich schüchtern, als die große Frau mich ansah. Sie nickte nach dieser Fragerunde und überlegte kurz.

„Du bist zum ersten Mal hier, oder?"

„Ja." Nervosität braute sich in mir zusammen, doch ich wusste nicht genau, wovor ich mich fürchtete.

„Okay. Zahl einfach so viel wie du möchtest."

„Ich kann ruhig den vollen Preis bezahlen, das ist kein Problem", versicherte ich, nahm meinen Rucksack auf den Schoß und begann darin zu kramen. Meine Wangen fühlten sich schon wieder warm an.

„Es gibt keinen."

„Mit Geld von draußen sind wir sehr flexibel", fügte Merula hinzu. „Je nachdem, was wir kaufen wollen, können wir durch Portale in Länder reisen, wo ein bisschen von deinem Geld sofort viel mehr wert ist. Und theoretisch können wir durch Elementarzauber aus zehn auch zwanzig Euro machen. Ist aber nicht so einfach, das wirklich schön hinzubekommen."

So leicht war das also?

Ich zog die Augenbrauen hoch, dann fand ich endlich mein Portmonee, überlegte kurz und gab der Frau zehn Euro, um nicht geizig zu wirken. Durch den Reis und die Linsen hatte mich die Suppe auch gut satt gemacht. Merula kramte inzwischen unterschiedliche Münzen aus ihrer Hosentasche hervor, um Micos Essen zu zahlen.

„Danke", sagte die Frau mit einem Nicken und entfernte sich schon wieder zu ihrem Tisch. „Macht's gut."

„Rhinn ist nicht gerade die gesprächigste", raunte Merula mir leise zu. „Aber sie ist sensibler als sie aussieht."

„Sie hat was Einschüchterndes", murmelte ich zurück.

„Daran wirst du dich gewöhnen müssen."

Mico war bereits von seinem Sessel heruntergehopst und verlagerte sein Gewicht ungeduldig von den Zehenspitzen auf die Fersen. „Gehen wir dann?"

„Ja." Nun stand auch Merula auf. „Wenn du willst, bringen wir dich zu uns nach Hause. Du kannst auch ein Zimmer in der Gaststätte bekommen, aber ich hätte kein Problem damit, wenn du bei uns bleibst, solange du hier bist."

„Ja, bitte! Das wird sicher lustig." Micos Augen leuchteten.

Vielleicht war das die beste Gelegenheit. Die Hilfe der zwei anzunehmen, schien auf jeden Fall eine bessere Option zu sein, als allein durch Enem zu schleichen und auf gut Glück nach einem Gegengift zu suchen. Ich wusste noch nicht, was ich ihnen wirklich erzählen würde, aber irgendetwas würde mir schon einfallen. Je länger ich sie ansah, desto mehr glaubte ich daran, dass ich ihnen vertrauen konnte.

„Warum seid ihr so nett zu mir?", fragte ich trotzdem. „Wollt ihr wirklich eine Fremde in euer Haus lassen?"

„Warum nicht?" Merula verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich auf ihrem Sitz zurück. „Wir haben keine Angst vor Instinktjägern. Mico und ich finden es spannend, mit jemandem wie dir zu reden. Vielleicht können wir ja irgendwas daraus lernen."

„Und was solltet ihr von mir lernen können?"

„Ich will so viel lernen, wie ich kann. Du weißt bestimmt mehr über Menschen als wir – und über Instinktjäger sowieso. Irgendwann möchte ich meine eigenen Zauber entwickeln, da kann es nicht schaden, auch mehr über die Welt da draußen zu erfahren."

Sie sah so entschlossen aus, dass ich eine leichte Gänsehaut bekam. Sie wollte etwas Neues schaffen. Sie brannte für etwas. Einen solchen Traum hatte ich nicht.

„Du nutzt mich also aus", stellte ich fest und als ich die Worte aussprach, beruhigten sie komischerweise. Umgekehrt war es immerhin genauso. Ich brauchte Merula, wenn ich Connor helfen wollte.

„Genau." Sie grinste und mir fiel auf, wie schön symmetrisch ihre Zähne aussahen. Ob sie die auch mit Zaubern behandelt hatte?

„Okay. Ich denke, das nehme ich in Kauf."

----------

Ich denke, das hier ist bisher das kürzeste Kapitel, aber besser so, als ich ziehe es künstlich in die Länge ^^

Ein bisschen ärgere ich mich über meine Update-Verspätung, aber deshalb werde ich mich jetzt auch nicht unterkriegen lassen. Diese Woche klappts hoffentlich wieder besser - heute war definitiv ein guter Start.

Ich hoffe, für euch auch <3

- knownastheunknown -

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top