06

Oliver, der wenige Sekunden später vor uns stehen blieb, machte mich zugegebenermaßen neugierig. Er war nicht besonders groß, aber mit seinen dunklen Haaren und den hellen Augen schon irgendwie attraktiv, wenn man von dem einen, kleinen Pickel an der Schläfe absah. Und wen kümmerten solche Details tatsächlich? Die schwarzen Tunnel an seinen Ohren und das Lippenpiercing waren zwar nicht mein Fall, aber soweit ich wusste, fanden das viele Mädchen durchaus anziehend. Cristal hatte wahrscheinlich einen anderen Grund als sein Aussehen, um ihm aus dem Weg zu gehen und ich wüsste zu gerne, welchen. Das Drama anderer Leute war immer wieder hilfreich, um mich von meinem eigenen abzulenken.

„Hey, Christopher. Wen hast du denn dabei?"

Ein wenig perplex drehte der Möchtegern-Alkoholiker seinen Kopf in meine Richtung. Anscheinend hatte er schon ganz vergessen, dass ich da war und es dauerte einen Moment, bis er sich zu einer Antwort aufraffte. „Das ist Xenia, die Cousine von Cris. Also habe ich sie nicht dabei, sie ist quasi ein Ehrengast."

„Cool. Ich bin Oliver." Er steckte mir die Hand entgegen und ich nahm sie zögerlich, beinahe schon zu vorsichtig, als könnte sie mich beißen.

„Xenia."

„Ich hab dich schon vorgestellt, du Nuss", warf Christopher ein.

Ich murmelte ein leises „Oops" und musste selbst fast lachen. Er sorgte durch diese Beleidigung dafür, dass ich mich zu leicht fühlte, um mich von der Peinlichkeit runterziehen zu lassen. Man beschimpfte nicht jeden dahergelaufenen Menschen als Nuss. Dazu gehörte schon zumindest ein kleiner Funken Sympathie und die Vorstellung, dass Cristals Freunde anfangen könnten, mich zu leiden, war ein Triumph.

Oliver schnaubte amüsiert. Seine Hand lag immer noch weich und warm in meiner wie eine Wolldecke, die mich am Frieren hindern wollte. Erst als ich in meinen Gedanken auf diesen übertriebenen Vergleich stieß, begriff ich, dass wir wohl aufhören sollten, uns zu berühren. Normales Händeschütteln dauerte nicht so lange. Ich hatte den Großteil meines Zeitgefühls allerdings verloren und betete, dass es den zwei Jungs genauso ging. Bevor die Situation noch unangenehmer werden konnte, zog ich meine Hand zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ist dir kalt? Du fühlst dich wahnsinnig kalt an."

„Heb dir deine Flirtversuche für Cristal auf", platzte es ganz ungeniert aus Christopher heraus. „Xenia auch noch zu verschrecken, indem du ihr anbietest, sie zu wärmen, ist echt nicht nötig."

Auf Olivers Stirn bildete sich eine kleine Falte, als er irritiert zu Christopher hochstarrte. „Wo steckt Cristal denn? Ich muss noch mit ihr reden. Weißt du, ich dachte, vielleicht will sie nachher noch was unternehmen."

„Sie hat Durchfall und besetzt die Damentoilette", plauderte Christopher drauf los und ich presste die Lippen aufeinander, um mir das Lachen zu verkneifen. „Echt ekelhaft. Am besten du lässt sie heute in Ruhe und fragst sie an einem günstigeren Tag."

Olivers Augen weiteten sich. „Oh. Hm. Ja, dann hast du wahrscheinlich recht. Ich werde trotzdem mal nachsehen, ob ich sie finde und ihr irgendwie helfen kann." Er wandte sich bereits ab und nickte uns noch zu. „Danke jedenfalls. War nett, dich kennenzulernen, Xenia."

„Wie will er ihr denn in so einer Situation helfen?", murmelte ich, nachdem wir uns verabschiedet hatten und er in dem Meer aus Schülern, Lehrern und Eltern untergetaucht war.

„Das ist eine sehr, sehr gute Frage." Christopher schmunzelte. „Ich hoffe, er läuft ihr nachher noch über den Weg und spricht sie darauf an. Das würde ich zu gerne sehen."

„Hast du gar keine Angst davor, dass Cristal dich umbringt?" Es war so einfach und natürlich, mit Christopher zu reden, dass ich fast die Menschenmenge rund um uns herum vergaß. Die zahlreichen Stimmen brummten immer noch wie ein aggressiver Bienenschwarm und die Luft war stickig bei so vielen Menschen auf engem Raum, aber es war erträglich.

„Ach was. Sie soll mal versuchen, auf meine Augenhöhe zu kommen." Cristal war bestimmt über ein Meter siebzig groß, sie überragte mich um knappe zehn Zentimeter, aber für Christopher mussten alle Leute Winzlinge sein. Er zog geschickt sein Handy aus dem Hosensäckel. „Cris hat mir gerade geschrieben. Sie und Connor sind im Hof. Wie sieht's aus? Ich hol' mir noch Nachschub und dann schnappen wir frische Luft?"

Ich nickte, insgeheim froh darüber, dass mich dieser riesige Junge unter seine Fittiche nahm, und folgte ihm zum Buffet. Ohne jegliche Scham ließ er sein Weinglas anfüllen und schnappte sich einem Korb voll mit Salzstangen, bevor er den Turnsaal hinter sich ließ.

„Wie alt bist du eigentlich?", fragte ich gerade heraus, während ich versuchte, ihm hinterherzukommen. Dank seiner langen Beine war es gar nicht so einfach, mit ihm mitzuhalten.

„Zwanzig." Auffordernd hielt er mir im Gehen das Gebäck unter die Nase und ich griff zögernd nach einer Salzstange. „Ein wenig Proviant für die weite Reise", erklärte er grinsend, bevor er um die Ecke bog. Dann traten wir auch schon durch eine Glastür in den Innenhof, hinaus in die frische Nachtluft und die weite Reise war vorbei. Flüchtig sah ich meine Spiegelung im Glas und brachte meine zerzausten Haare so gut es ging in Ordnung. „Keine Angst, Xenia. Du siehst nicht schlimmer aus als sonst."

„Na dann." Ich lachte und verkniff mir meine weiteren Fragen, ob er überhaupt noch zur Schule ging oder was er sonst so tat. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, Cristals düsterem Blick zu trotzen und so gelassen wie Christopher auf Connor und sie zuzugehen. Die Kälte machte sich augenblicklich wieder bemerkbar, aber ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich am liebsten wieder umgedreht und in dem warmen Schulgebäude Zuflucht gesucht hätte.

„Oliver sucht nach dir!" verkündete Christopher, noch bevor wir stehen geblieben waren und erntete genervte Blicke von Cristal.

„Solche Aktionen kannst du dir in Zukunft sparen. Ehrlich, Christopher."

„Warum? Er ist doch nett." Schelmisch grinsend blickte er auf die Blondine herab und die beiden starteten eine Diskussion darüber, ob Oliver nichts weiter als ein perverser Stalker war oder ob Cristal ihm eine Chance geben sollte.

Auf einmal tauchte eine Hand vor meinem Gesicht auf und wedelte langsam auf und ab. „Hey. Ich hab' dich gemeint. Wie geht's dir?", fragte Connor. Scheinbar hatte ich mich nicht angesprochen gefühlt und seine vorherigen Worte überhört.

„Oh, tut mir leid. Mir geht's gut, danke", murmelte ich verlegen und wandte mich ihm zu. Der Wind hatte sich gelegt, aber es war immer noch eine kalte Nacht. Ich beneidete Connor um die schwarze Haube auf seinem Kopf. Trotzdem wunderte es mich, dass er ohne Jacke nicht zitterte. Er hatte sogar die Ärmel seines Kapuzenpullovers hochgekrempelt, sodass ich seinen Gips sehen konnte – und die Peniszeichnung darauf, die mittlerweile irgendjemand in eine hässliche Blume verwandelt hatte. „Sind die beiden immer so?"

„Meistens schon. Du wirst dich daran gewöhnt müssen." Er lächelte und warf seinen besten Freunden einen amüsierten Blick zu. Aber weder Cristal noch Christopher nahmen in diesem Moment Notiz von ihm, also drehte er sich wieder zu mir. Heute schien er um einiges gesprächiger zu sein als bei unserer ersten Begegnung. „Christopher hat erzählt, du hast gestern die beste Lasagne gekocht, die er je gegessen hat. Darf ich nächstes Mal auch vorbeikommen? Dann können wir ein Cousin-Cousinen-Date veranstalten."

„Ein Date?", platzte es verwundert aus mir heraus und kaum hatte ich es gesagt, war es mir peinlich. Meine Machen-statt-Nachdenken-Strategie war wohl doch nicht immer die beste.

Connor lachte verlegen in sich hinein und zupfte sich die schwarze Mütze zurecht. „Ähm, also nein. Die zwei würde ich nie zu einem Doppeldate mitnehmen. So ernst hab' ich das nicht gemeint."

„Oh. Ja, klar." Ich spürte die Röte in meinen Wangen und versuchte schnell das Thema zu wechseln. „Aber dass Christopher dein Cousin ist, war ernst gemeint?"

„Sieht man das nicht?"

„Wenn ich ehrlich bin... Nein." Connor hatte ein breiteres Gesicht als Christopher, wodurch das Kinn weniger kantig wirkte, eine kleinere Nase und war allgemein nicht so groß wie sein Cousin. Durch seinen Kapuzenpullover und die Mütze, die er heute trug, wurde der Kontrast zu Christopher in seinem weißen Hemd noch verstärkt. „Am ehesten ähneln sich eure Stimmen."

Verblüfft zog Connor die Augenbrauen hoch und nickte dann.

Noch bevor sich Stille zwischen uns ausbreiten konnte, ergriff ich wieder das Wort: „Und die Lasagne hab' eigentlich nicht ich gemacht. Ich habe Leya nur geholfen. Um das klarzustellen."

„Die gestern hat aber besser geschmeckt als sonst", mischte sich Christopher ein.

„Wie oft hast du denn Leyas Lasagne gegessen?", fragte ich schmunzelnd nach, weil ich nicht wusste, was ich sonst erwidern sollte. Die Schmeichelei war mir ein bisschen unangenehm, auch wenn ich recht selbstsicher war, was meine Koch- und Backkünste anging.

Christopher zuckte mit den Schultern und führte das Rotweinglas erneut an seine Lippen. „Oft genug."

„Willst du, dass ich deinen Arsch in Zukunft aus der Tür raustrete, wenn es Abendessen gibt?", beschwerte sich Cristal nun.

„Das hab' ich nie gesagt."

Die zwei zankten sich noch eine Weile weiter, was ich zugegebenen Maßen genoss. Cristal war um einiges leichter zu ertragen, wenn ihre Freunde anwesend waren und komischerweise fühlte ich mich in diesem Moment, hier draußen in dem eiskalten, windigen Innenhof als würde ich dazugehören.

„Du bist auch gerade im Abschlussjahr, oder?", wollte Connor nun von mir wissen.

Ich nickte. Wir hatten bereits Januar und das Schuljahr für die Absolventen dauerte nicht einmal mehr drei Monate, dann starteten die Vorbereitungen für die Abschlussprüfungen. Prinzipiell waren meine Noten nicht schlecht und ich erledigte all meine Aufgaben gewissenhaft, weil ich sonst nicht allzu viel zu tun hatte. Trotzdem machte mich der Gedanke an das bevorstehende Ende nervös.

„Und was hast du danach vor?"

„Frag mich was Einfacheres." Ich lächelte Connor zu. Ähnliche Gespräche hatte ich schon mit den Klassenkollegen an meiner Schule geführt und ich genoss es, wieder einmal so tun zu können, als wäre das die größte Sorge in meinem Leben.

„Irgendwas interessiert dich bestimmt", hakte er nach. „Abgesehen vom Lasagnekochen."

„Eigentlich habe ich als Kind immer gesagt, ich will einmal Köchin oder Bäckerin werden. Als ich in der Grundschule war, habe ich wahnsinnig gerne in der Küche herumgespielt. Auch wenn's nur ein Toastbrot mit Spiegelei oder eine Suppe für meinen Stoffhasen war. Da irgendetwas zusammenzubrauen hat mir immer Spaß gemacht."

„Wie eine Hexe", warf Connor ein. „Das passt irgendwie zu dir." Seine grauen Augen leuchteten mich an und ein kleines Lächeln schmiegte sich an seine Lippen. Konnte man das Wort Hexe auch als Kompliment verwenden? „Warum hast du die Ausbildung dann nicht gemacht?"

„Ich hab' darüber nachgedacht. Aber mein Vater meinte, wenn ich den Abschluss an einer höherbildenden Schule mache, habe ich mehr Allgemeinbildung und im Endeffekt mehr Auswahlmöglichkeiten." Kaum hatte ich es ausgesprochen, bereute ich den Satz ein wenig. Das Thema war zwar recht ungefährlich, aber wenn Connor nun nach meinem Vater fragte oder wissen wollte, warum genau ich jetzt bei Cristal wohnte, müsste ich mir eine glaubwürdige Lüge einfallen lassen. Welchen Grund Cristal ihm wohl genannt hatte?

Zu meinem Glück ging er nicht darauf ein. „Und jetzt? Denkst du immer noch darüber nach?"

Ich zuckte mit den Schultern. „Manchmal." In Gedanken suchte ich nach einem Konter, um das Thema von mir wegzulenken, aber mir fiel nichts allzu Kreatives ein. „Und was hast du so geplant?"

„Connor fängt bei uns in der Kletterhalle an", funkte Christopher bestimmend dazwischen und legte einen Arm um seinen Cousin.

„Eigentlich", mühsam entwand sich Connor seinem Griff und drückte ihn zur Seite, „will ich fürs Medizinstudium an die Uni nach Blythe. Aber Christopher hat immer noch nicht ganz verkraftet, dass ich dann wegziehe."

„Blödsinn. Du kannst dein Glück nur noch nicht wahrhaben. Wenn du ganz lieb zu mir bist, frage ich vielleicht sogar im Fitnessstudio nach, ob sie dich dort auch noch in unser Team aufnehmen würden."

„Du arbeitest in einem Fitnessstudio?", fragte ich ehrlich überrascht. Christopher war zwar kindisch, aber nett und strahlte eine muntere Energie aus. Auf mich wirkte er nicht wie ein hirnloser Muskelprotz, der sich nur von Proteinshakes ernährte und pausenlos damit prahlte, wie viel er stemmen konnte. Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, ob ich überhaupt solche Leute kannte oder ob das nur die vorurteilsbehafteten Bilder in meinem Kopf waren, spürte ich Cristals finsteren Blick auf mir und sah aus den Augenwinkeln, wie sie die Arme vor der Brust verschränkte. Trotzdem hielt sie den Mund. Sollte ich mich darüber freuen oder mich bereits für das Gewitter wappnen, das sich in ihrem Inneren zusammenbraute?

„Unter der Woche im Fitnessstudio und an Wochenenden manchmal in der Kletterhalle. Wenn du Lust hast, kannst du gerne mal mit Cris und mir bouldern gehen. Ich kann euch die Tageskarte auch billiger geben."

Die Vorstellung, dass Cristal mich womöglich von einer der Wände runterschubsen könnte, war mir nicht allzu sympathisch. „Puh, ich weiß nicht. Das hab' ich noch nie probiert."

„Na dann wird's Zeit."

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Here we go again! :)

Die Gang hat irgendwie eine recht eigensinnige Dynamik und ich genieße es, dass sich diese Szenen fast wie von selbst geschrieben haben.
Aber die altbekannte Frage "Und was machst du nach der Schule/Uni/..." liegt mir flau im Magen xD ich bin ziemlich sicher in einem Jahr mit meinem Studium fertig und langsam nervös, weil ich noch keine Ahnung habe, wo es mich danach hinführt.

Wie ist das bei euch? Wo wollt ihr (generell, nicht nur auf Arbeit bezogen) heute in einem Jahr gerne stehen?

- knownastheunknown -

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