• 14 •

"Wer zum Henker war das?"
Ich wische mir soeben das Blut von Lippen und Schläfe, da betritt Luan das Bad. Im Spiegel heftet sich sein Blick auf mich. 
"Niemand." Vorsichtig tupfe ich erneut mein Gesicht ab, da schnappt er sich das Tuch und hält es außer Reichweite. "Luan!"
"Hör auf zu lügen, Lia. War das der Magier?"

"Nein, das Training lief gut." Zumindest besser als alles, was darauf folgte. Sicherlich werde ich Luan nicht vorbeten, dass es ein Mörder auf ihn abgesehen hat. Ich muss das Schlamassel schon selbst beseitigen, in das ich uns getrieben habe. "Ein angetrunkener Durchreisender, mehr nicht."
Luans Augen erwidern aufmerksam meinen Blick als könne er meine Lüge geradezu durchschauen. Vor Jahren habe ich ihn schon mit meinem Schweigen in Sicherheit gewogen, dann wird mir das auch heute gelingen.
"Wenn du das sagst", brummt er und gibt mir das Tuch zurück. "Warum heilst du es nicht?"
"Es geht nicht." 

Das liegt nicht länger daran, dass mich meine Furcht lähmt und jegliche Magie unter sich erstickt. Ash ist fort und hat einen Haufen Sorgen hinterlassen, aber die Todesangst ist vorüber. Zur Probe habe ich das Feuer im Kamin mithilfe meiner Magie entfacht, doch sobald ich meine eigene Haut abtaste, ist da nichts. Keinerlei Glühen in meinen Adern. Offensichtlich wirkt die Heilung nur an Anderen, nicht an mir selbst.
Ich schrubbe den letzten Tropfen Blut von meinen Sommersprossen und reibe die blonden Haare trocken, bis sie wieder in ihren zarten Wellen auf meinen Rücken fallen. Fast wie heute Morgen, nur ein paar Schrammen mehr im Gesicht. 

Luan weist auf mein Zimmer. "Soll ich dir vorlesen?"
Früher hatte mir unser Vater immer vorgelesen, wenn mich Albträume geplagt hatten. Seit er tot ist, hat Luan seinen Platz eingenommen - zumindest dort, wo es ihm möglich ist. Auch wenn ich Luan nicht darum bitte, merkt er mir an, wie sehr ich seine sanfte Stimme heute brauche. Meist hat er kein Kapitel ganz beendet, bis ich eingeschlafen bin. 

Doch diese Nacht ist wie keine der zahlreichen Nächte zuvor. Die schwere Last einer Drohung schwebt über uns und erlaubt es mir selbst nach mehreren Kapiteln nicht, in den Schlaf abzudriften. Luan liest weiter, bis der Docht der Kerze fast niedergebrannt ist. Ich stelle mich schlafend. Erst als er das Buch auf dem Nachttisch abgelegt und sich mit einem Hab dich lieb, Lia. verabschiedet hat, wage ich es, die Augen zu öffnen. Unruhig wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Aus der Ferne verkündet mir die Hafenglocke immer wieder die Uhrzeit. Als es fünf Uhr schlägt, kann ich meine Füße nicht länger stillhalten. Ich schreibe Luan eine Nachricht, schnappe mir den Umhang, wickle einen Schal um den Hals und schleiche durch die Gassen Merals, bis die Häuser den Klippen der Küste weichen. Am Horizont zeigt sich ein blauer Schimmer, doch die Dämmerung bricht erst herein, als ich bereits an der Haustüre klopfe.

Es dauert ein Weilchen bis dumpfe Schritte erklingen und Licht aufflackert. Dem Gähnen nach habe ich Lennox aus dem Schlaf gerissen.
"Ich hoffe, du hast einen guten Grund, Feuerhexe."
Mit verschränkten Armen lehnt er sich gegen den Türrahmen als wäge er erst nach meiner Antwort ab, ob ich das Haus mitten in der Nacht betreten darf. 

"Die Handschuhe sind ein Anfängerfehler. Du solltest es wohl besser wissen", wiederhole ich Ashs Worte und beobachte, wie das schiefe Grinsen auf Lennox' Gesicht erstirbt. Erstaunlich, wie diese wenigen Worte ausreichen, um ihm klarzumachen, wem ich heute Nacht begegnet bin. Offensichtlich teilen sie viele gemeinsame Erinnerungen.
"Er hat uns gefunden", stellt Lennox fest. Es klingt weniger nach einer Anschuldigung, sondern nach einem Es war nur eine Frage der Zeit. Wachsam schweift sein Blick über die schneebedeckte Klippe, dann weist er mit einem Kopfnicken hinein. "Warte kurz. Ich hole R-"
"Was ist denn los?"

Ren taucht hinter Lennox auf und runzelt überrascht die Stirn, als er mich und die Schrammen auf meinem Gesicht zu sehen bekommt. Er macht einen Satz nach vorne, möchte die Verletzung wohl genauer untersuchen, doch Lennox fängt seinen Arm noch in der Luft ab.
"Fass sie an und du unterschreibst dein eigenes Todesurteil", warnt er Ren. Wenn nun wieder diese rätselhaften Aussagen anfangen, drehe ich durch. Jetzt, da Luans Leben in Ashs Hand liegt, habe ich verdient, wenigstens mit Ehrlichkeit konfrontiert zu werden. Selbst wenn es für die Magier mir gegenüber unangenehm werden könnte.
"Ich bin nicht giftig", zische ich und rudere sofort wieder zurück. Nur weil ich unter Anspannung stehe, sollte ich mich nicht im Ton vergreifen. 

"Ash ist hier?"
"Anscheinend", murmelt Lennox.
"War er das?" Ren tippt sich gegen seine Schläfe und presst die Lippen zu einem Strich zusammen.
"Nein." Auch wenn die beiden nicht mehr viel Gutes in ihrem ehemaligen Freund sehen, gebührt Ash die Anerkennung, dass er mir kein Haar krümmte - noch nicht. "Er hat mich vor einem anderen Magier gerettet."

Verblüfft zieht Lennox eine Augenbraue in die Höhe, derweil Ren schnaubt.
"Und dann hat er gedroht, sich meinen Bruder zu holen, wenn ich dich nicht an ihn ausliefere. Bis heute Abend." Erschöpft lasse ich mich auf den Stuhl gegenüber von Lennox sinken und erhasche einen Blick auf mein eigenes Spiegelbild im Fenster. Die Augenringe zeugen schon jetzt von meiner schlaflosen Nacht. Das wird Ash und seinem Spielchen mit mir sicherlich gefallen. Dass er uns alle mit der Frist unter Druck setzt, ist mir bewusst, daher suche ich nach einem Ausweg. "Ich kann ihm nicht mit leeren Händen kommen. Es muss irgendetwas geben, das er vorläufig als Kompromiss akzeptiert, bis wir eine bessere Lösung parat haben. Jeder hat eine Schwachstelle."

Ren fährt sich geschlagen durch die hellbraunen Haare. "Kompromiss gibt es in seinem Wortschatz nicht, Talia. Diesen Tag kann nur einer überleben: dein Bruder oder ich."
Dass ich mir in diesen Wänden keine Gnade für Luan erhoffen kann, ist mir klar. Ich blende das Stechen in meinen Schläfen aus, massiere sie vorsichtig mit dem Finger. 
"Aber er war einer von euch. Er muss den Dienst für den König doch auch verabscheut haben?", hake ich nach, stoße jedoch nur auf ein Kopfschütteln.
"Du kennst ihn nicht. Er ist nicht mehr, wer er früher war." Ren neigt den Kopf in Lennox' Richtung, welcher mit den Fingern auf den Tisch trommelt. "Wir sollten Torin zu Rate ziehen."

"Du hast recht. Ich kenne ihn nicht, aber ihr. Er kann sich doch nicht komplett gewandelt haben", probiere ich es nochmals, da Ren nicht bereit zu sein scheint, mich in die gemeinsame Vergangenheit einzuweihen. "Es muss etwas geben, aber ohne jegliches Wissen tappe ich im Dunkeln. Was ist vor zwei Jahren passiert? Was hat ihn verändert?"
"Das ist eine Sache zwischen uns beiden", weist Ren mich ab.
"Er bedroht ihren Bruder", wirft Lennox ein. "Ob du willst oder nicht, Ash hat sie in die Sache gezogen."

Dass sich Lennox auf meine Seite stellt, gefällt Ren dem bitterbösen Blick nach definitiv nicht. 
"Natürlich", presst er hervor und ballt die Hände zu Fäusten. "Er entscheidet immer über Andere. Erst über Kaya, jetzt über sie."
"Wälze die Schuld nicht nur auf ihn ab", grummelt Lennox und beugt sich näher zu ihm. "Jeder von uns hat Fehler gemacht."
"Genau deswegen möchte ich sie da raushalten."
"Diese Entscheidung liegt nicht bei dir, Ren. Sie ist schon mittendrin." Ich will die beiden gerade daran erinnern, dass ich auch noch am Tisch sitze, bevor sie in ihr eigenes Gespräch abdriften können, da wendet sich Lennox mir zu. "Eines macht aber keinen Sinn: was will Ash von dir?"

"Nichts", murmele ich. "Ich bin nur ein Spiel für ihn."
"Wohl kaum. Er hat keine Probleme damit, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Irgendetwas hält ihn davon ab, dir hierher zu folgen und sich selbst Ren zu holen." Neugierig legt Lennox den Kopf schief. "Hat er noch etwas gesagt?"
Nach den mörderischen Zügen vergangene Nacht zweifle ich nicht an diesen Worten. Ash scheint ein Mann zu sein, der lieber selbst tätig wird, um seinen Sieg für sich genießen zu können. Unser Gespräch fiel kurz aus, wenn auch meinem Empfinden nach viel zu lange. Ich wollte bloß weg von ihm, seiner Drohung und dem Spitznamen.
"Er nannte mich mia calma."

Rens Augen schießen zu mir. "Das hat er gesagt? Mia calma?"
Ein mulmiges Gefühl nagt sich in meinem Magen fest. Hoffentlich stehe ich nicht ganz oben auf seiner Abschussliste, warum auch immer. "Was bedeutet es?"
Ren schüttelt den Kopf, lässt das Thema fallen. "Egal. Handle mehr Zeit aus." 
"Du hast selbst gesagt, dass mein Bruder diesen Tag nicht überleben wird!", entgegne ich entrüstet und blicke hilfesuchend zu Lennox, der nur wieder taktlos auf den Tisch trommelt. 

"Gib mir zwei Tage. Sag ihm, dass du mich nicht finden konntest. Ich suche Torin in der Zwischenzeit auf. Wir finden eine Lösung." 
Ehe ich meiner Fassungslosigkeit Raum verschaffen kann, ist sein Platz leer. Ich springe auf, spüre die Wut in mir brodeln und danke den Handschuhen, dass sie das Feuer bremsen. 

"Aber..." Ich beiße mir auf Unterlippe, um das verzweifelte Wimmern zu unterdrücken. Er hat Luan gerade zum Tode verurteilt, wissentlich. Ren ist nicht so selbstlos wie er vorgibt zu sein - hatte Ash etwa recht? Oder wollte er nur Zweifel säen, um sich einen weiteren Vorteil zu erspielen?

"Ich bleibe bei meiner Meinung: du hast die Wahrheit verdient." Lennox kreist die Schultern, als stimme er sich auf eine längere Unterhaltung ein, dann schnappt er sich ein Schokohörnchen und bietet mir ein weiteres an. "Wo soll ich anfangen?"

"Am besten bei den Handschuhen, die mich verraten haben."
"Ich habe sie angefasst. Das war mein Fehler." Ich runzele die Stirn. Der Zusammenhang zwischen der Berührung und Ash ist mir nicht bewusst. Kann er etwa sehen, was ein anderer Magier berührte? "Ash nimmt mehr wahr. Dank seiner Magie hat er geschärfte Sinne. Permanent. Er kann es nicht einfach bremsen, so wie wir unsere Kräfte zurückhalten können."
"Willst du damit sagen, dass er deine Berührung riecht?"
Das würde zumindest erklären, warum ich duschen sollte, nachdem Ren mich mehrfach angefasst hatte. 

"Genau. Er riecht mehr, sieht, hört und schmeckt mehr. Das hat ihm, nein, uns schon ein paar Mal das Leben gerettet. Bessere Sinne sind wie ein Frühwarnsystem. Er weiß, von woher sich jemand anschleicht, bevor du ahnst, dass Gefahr droht."
"Genial." Vor allem, wenn er nicht unser Feind wäre.
"Mehr oder weniger." Lennox verzieht das Gesicht. "Unsere Synapsen sind nicht für die tägliche Reizflut ausgelegt. Früher konnte er damit nicht umgehen, hatte ständig Schmerzen und musste sich abschotten. Mittlerweile weiß er, wie er seinen Sinnen Erholung gibt. Ruhige Orte, wenig Licht." 

"Verständlich." Ich mag mir nicht ausmalen, wie es sein muss, dieser Qual unentwegt ausgesetzt zu sein. Kein Ende zu finden. In meiner Erinnerung denke ich an den Mann zurück, der mit einer solchen Souveränität den Gestaltwandler beseitigte, dass ich ihn als unbesiegbares Monster ansah. "Ist es möglich, dass er auch schneller ist? Stärker? Das alles, was unser Körper uns so gibt, einfach gesteigert ist?"
"Ja." Mein Gegenüber wischt sich einen Krümel vom Kinn. "Das ist seine Kernmagie, so wie es bei dir die Heilung ist. Stärker und schneller. Die Sinne kommen noch als kleiner Bonus oben drauf."
Wenigstens weiß ich nun, dass der Sturz nicht so heftig war, dass meine Wahrnehmung komplett verzerrt wurde.
"Ein perfekter Krieger." Oder wohl in meinem Fall: ein fleischgewordener Albtraum.

"Das wäre es, in der Tat." Lennox seufzt. "Wären da nicht noch die Gefühle."
Das Brötchen pausiert auf halbem Weg zu meinem Mund. "Moment, er fühlt auch mehr?"
"Leider. Es rechtfertigt nicht ganz, warum er Ren den Dienst aufzwingen möchte, aber es macht seine Rachegelüste nachvollziehbarer."

Ich denke an die vielen Momente zurück, in denen ich mir sehnsüchtig gewünscht hatte, nichts fühlen zu können. Taub für jegliche Emotion zu sein. Unnahbar. Einfach nur herzlos. Umso unvorstellbarer, mehr empfinden zu müssen. Mehr Leid. Mehr Wut. Und auch mehr Liebe. 
"Wozu diese Rachegelüste?" Wozu dieser tiefe Hass auf Ren?

Lennox schlingt den letzten Bissen in sich, dann macht er eine Kopfbewegung zur Treppe.
"Ich erkläre es dir, aber ich brauche Bewegung."
Eilig stibitze ich mir ein weiteres Hörnchen und folge ihm in den Trainingsraum, wo er sich ein Schwert von der Wand nimmt, während ich auf den Tisch rutsche und meine Beine in der Luft baumeln lasse. 
"Ash macht Ren für Kayas Verschwinden verantwortlich." 

Aus der Luft formt sich die leuchtende Silhouette eines Mannes, ebenfalls mit einem Schwert bewaffnet. Lennox kreist das Schwert in seiner Hand als wäre es ein Fliegengewicht, dann setzt er zu einem ersten Hieb an. Die Silhouette windet sich, lässt ihn ins Leere steuern. Augenblicklich fängt er sich wieder, wirbelt herum und setzt zu einem erfolgreicheren Angriff an.
"Wer ist Kaya?"
Ihr Name fiel schon mehrmals, doch bislang konnte ich mit ihr nichts weiter verbinden als die Klamotten, die ich gestern trug. Und der Vermutung, dass Ren tiefere Gefühle für sie hegte. 

Lennox pariert geschickt einen Schlag in den Rücken, dreht sich und visiert die Oberschenkel seines Gegners an. Die Tatsache, dass Ash noch begnadeter mit seinem Schwert hantieren kann, lässt meine Chancen, Luan zu retten, in den Keller sinken. 
"Sie ist Ashs Schwester, Zwilling um genau zu sein. Die Beiden waren unzertrennlich, eine Geschwisterliebe wie aus dem Buch." Ein gezielter Stich in den Brustkorb, schon bricht das warme Licht der Silhouette und hinterlässt uns in der einsetzenden Morgendämmerung, die durch die Schlitze in den Raum dringt. "Ash hat es nie gutgeheißen, dass Kaya und Ren sich nahestanden. Akzeptiert ja, mehr aber nicht. Mir hat er immer gesagt, dass Ren ihr eines Tages das Herz brechen würde. Welcher Bruder will da schon zuschauen?"

Die Antwort braucht Lennox nicht selbst zu formulieren. Stattdessen zuckt er mit seinen Fingern und beschwört dadurch eine weitere Illusion herauf. Dieses Mal ist sein Gegner größer, muskulöser, herausfordernder. Faszinierend, wie schnell er das Sichtbare verändern kann.
"Was hat er getan?"
"Die Frage ist eher: was hat Ren getan?" Dieses Mal wartet er, bis die Silhouette den ersten Schritt wagt. "Nur er und Kaya kennen die Wahrheit. Keiner sonst war Zeuge. Anscheinend saßen sie in der Falle. Ren meint, er hätte keine Wahl gehabt als sie bei den dienenden Magiern zurückzulassen. Ash kam zu spät, um zu helfen, aber er ist sich sicher, dass Ren nur seine eigene Haut retten wollte, selbst wenn es einen anderen Weg gegeben hätte. Insbesondere, da die zwei Turteltäubchen vorher einen heftigen Streit hatten."

Ich nicke, der Appetit ist mir komplett vergangen. Würde Ren tatsächlich seine Freundin im Stich lassen, nur weil es eine Meinungsverschiedenheit gab? Selbst, wenn sie dadurch dem Dienst verpflichtet ist? 
"Also hat sich Ash selbst dem Dienst verschrieben, um Kaya zu finden und zugleich Ren jagen zu können?"
"Richtig." Lennox schnauft nach mehreren Schwüngen durch, streicht sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und deckt die Narbe auf der Stirn frei. "Bis jetzt hat er keines seiner Ziele erreicht, sonst wäre er nicht so versessen darauf, uns das Leben zur Hölle zu machen."
"Aber warum dir? Oder Torin?"

"Torin hat sich auf Rens Seite gestellt, das genügt Ash." Ein Hieb gegen seine Rippen bringt ihn aus dem Gleichgewicht, doch Lennox fängt sich, bevor er zur Seite umknicken kann. Kurz entschlossen greift er nach einem Dolch, schleudert ihn durch die Luft und durchbohrt die Silhouette mitten im Herzen. Ich muss die Augen zusammenkneifen, so grell sprießen die Lichtstrahlen hervor als wäre es Blut. "Wir waren wie Brüder, Ash und ich. Auch wenn er mich am liebsten kopflos sehen würde, hasse ich es, wie Ren über ihn spricht. Aber solange ich nicht weiß, wer die Wahrheit spricht, kann ich mich auf keine Seite stellen. Ash fühlt sich verraten. Und du weißt, wenn er etwas fühlt, ..."
"...dann fühlt er es intensiver", murmele ich und beiße mir auf die Unterlippe, um meine Gedanken zu sortieren. Der Schmerz lässt es mich sofort wieder unterlassen. "Und wenn wir Kaya finden würden?"

Er hängt das Schwert an der Wand ab und steuert auf mich zu. "Warum habe ich das Gefühl, dass du imstande bist, etwas total Absurdes einzugehen, um deinen Bruder zu retten?"
"Weil Luan alles ist, was ich noch habe."
Lennox hebt das Shirt an, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen und entblößt seinen durchtrainierten Oberkörper. Ich lenke den Blick meiner Konzentration zuliebe auf die Seite. "Kaya wird tot sein. Sie ist spurlos verschwunden. Wäre sie im Dienst, wäre Ash ihr in den letzten beiden Jahren sicherlich über den Weg gelaufen."
"Hast du ihre Leiche gesehen?"

Er seufzt. "Nein."
"Dann erkläre ich sie nicht für tot. Sie zu finden, ist unsere Chance."
Lennox rutscht neben mich und starrt auf die Wand gegenüber. "Ich sollte dich vermutlich davon abhalten."
"Vermutlich. Oder du hilfst."

Seine Augen weiten sich wissend, kaum scheint er zu verstehen, was ich ihm dadurch mitteilen möchte. "Nur über meine Leiche."
"Das lässt sich einrichten, wenn es nicht funktioniert." Er versucht ein Grinsen zu unterdrücken, da fahre ich schon fort. "Lennox, bitte. Sollte er mir heute alles nehmen, weil es ihm nicht ausreicht, bin ich nicht mehr interessant für ihn. Aber ihr habt noch lange keine Ruhe. Wollt ihr wirklich euer ganzes Leben vor ihm fliehen, obwohl es einen anderen Weg gibt?"

Nervös drehe ich die Perlen an meinem Armband. Wenn ich Lennox damit nicht überzeugen kann, steht es katastrophal um Luan. Sein Zögern ist eine bittere Enttäuschung. Ich warte mehrere Atemzüge lang, bevor ich mich abwende und mir schmerzlich bewusst werde, dass sowohl Ren als auch er mich hängen lassen.

"Talia, warte." Lennox greift nach meinem Handgelenk und bemerkt seinen Fehler im selben Moment. Sofort lässt er mich wieder los. "Mia calma bedeutet meine Ruhe. Auf Estelisch, dort, wo er herkommt."
Ich schlucke schwer. Braucht Ash mich lebend oder tot, um seine Ruhe zu bekommen? Genießt er deswegen sein verfluchtes Spiel mit mir?
"Danke." Eines weiß ich mit Sicherheit: ich werde sicherlich keine Ruhe verkörpern, wenn er heute Abend in Phantasia auftaucht. Ich deute auf meinen Arm. "Ich wasche es ab, keine Sorge."
Und danach wälze ich mich solange in Gülle, dass ihm nur schlecht davon werden kann. 

Ich mache auf dem Absatz kehrt, als mich Lennox' Stimme einholt.
"Wo willst du denn hin, Feuerhexe?"
"Nach Hause und mir überlegen, wie ich Kaya finden soll."
"Lass uns das zusammen überlegen, ja?" Erstaunt drehe ich mich zu ihm um. Er stößt sich vom Tisch ab und schenkt mir ein aufrichtiges Lächeln. "Wenn es mir meinen besten Freund zurückbringt, bin ich dabei."

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