~49~
Jisung P.O.V.
"Und ihr müsst wirklich schon gehen?" wiederholte ich mich zum bestimmt fünften Mal an diesem Abend. Ich konnte und wollte einfach nicht meine Eltern gehen lassen. Wir hatten uns doch gerade erst wieder! Meine Mutter wickelte noch schnell ihren Schal um den schlanken Hals, als sie mit einigen kleinen Schritten auf mich zukommt. Sie bleibt vor mir stehen, und sieht mich mitleidig an. "Versteh doch, Junge." versuchte mein Vater mir schonend beizubringen.
"Das Hotel lässt nach Mitternacht keine Gäste mehr hinein, und wir müssen bestimmt noch 10 Minuten mit dem Auto fahren." Ich seufzte einmal traurig, nickte dann aber schließlich. Es war schon nach halb zwölf. "Du hast ja Recht... Dann macht euch Mal lieber auf den Weg, ja?" Meine Mutter lächelt liebevoll, und öffnet einladend ihre Arme mir gegenüber. Ohne lange zu zögern drückte ich sie in eine feste Umarmung, und spürte auch wie mein Vater sich uns anschloss.
Ja, ich war siebzehn Jahre alt. Ja, ich würde bald erwachsen sein, meinen eigenen Regeln folgen, und für mich allein verantwortlich gemacht werden. Doch im Moment fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, hilflos, ausgeliefert und schwach gegen die Welt da draußen. Ich war noch nicht bereit meine Eltern zurück zu lassen. Darum drückte ich beide nur umso fester an meine Brust, darauf hoffend sie nicht loslassen zu müssen. Ich hatte in den letzten Monaten so wenig Kontakt zu ihnen, dass ich gar nicht bemerkt hatte wie sehr ich sie doch vermisste. Warum mussten sie nur schon wieder gehen?
"Ach mein Schatz... Wir kommen morgen doch noch Mal vorbei und sagen dir 'Auf Wiedersehen', okay? Es ist doch kein Abschied für immer." Ich löste mich traurig von ihnen und nickte meiner Mutter zu. Der Frau, die mich großgezogen hatte, die mir alles ermöglichte. Ich liebte sie wirklich, ebenso wie meinen Papa. Es machte mich traurig sie bald wieder für eine lange Zeit nicht sehen zu können, aber der Gedanke daran sie morgen noch einmal wiederzusehen ließ mich dann doch noch Lächeln.
Ich winkte beiden noch zu, als sie langsam das Treppenhaus hinab stiegen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Schluckend lehnte ich mich an den Türrahmen, und spürte bereits jetzt wie das Heimweh nach den Eltern anschlug. Wann würde ich wohl endlich wieder die Möglichkeit haben sie etwas länger zu sehen? Im Moment waren Ferien, aber sie waren vielbeschäftigte Personen, und es war schwierig einen passenden Zeitpunkt zu finden.
Wieder ein Seufzen entkam mir und ich beschloss mich nicht wie ein Baby aufzuführen, immerhin war ich dann doch nicht so eine Heulsuse. Als Felix dann nach bestimmt fünf Minuten aus dem Wohnzimmer nach mir rief, wischte ich mir kurz wieder über mein Gesicht, um zur Besinnung zu kommen. Ich gab keine Antwort. Stattdessen schloss ich nur die Wohnungstür, setzte mich langsam in Bewegung. Mit jedem Schritt wurde mir leichter ums Herz, ich erinnerte mich zwanghaft daran positiv zu denken. Das konnte ja nicht so schwer sein.
Wir hatten die Schule endlich hinter uns gebracht, unser Leben würde nicht mehr durch öde Lehrer und Hausaufgaben gequält werden. Alles in Butter soweit. Mit einem Lächeln betrat ich das Wohnzimmer, hüpfte grinsend über den Teppich und ließ mich neben Minho auf's Sofa fallen. Felix' Eltern waren schon vor einigen Minuten gegangen, sie müssten noch einmal kurz zur Tankstelle.
Ihm fiel der Abschied natürlich noch schwerer als mir, denn seine Familie lebte eigentlich ja auf einem anderen Kontinent. Die Angst sie eine lange, lange Zeit nicht wieder zu sehen war bei dem Australier bestimmt größer. "Warum bist du denn so übermotiviert?" grinste mein Hyung mich an. Ich schlenkerte mit den Beinen, da beide Füße gerade so nicht den Boden berühren konnten. "Darf ich nicht?" lächelte ich ihn belustigt an. Hyunjin antwortete zuerst.
"Naja, angesichts der aktuellen Tatsache, dass du deine Familie eine verhältnismäßig lange Zeit nicht zu Gesicht bekamst und sie nun wieder gehen lassen musstest, bist du überraschend positiv eingestellt. Aber das ist nur meine Meinung." Ich schnaubte etwas, und hielt daraufhin meine Beine still. Vielleicht nervte ich die anderen ja damit. Obwohl Felix normalerweise nichts gegen meine Hyperaktivität hatte, und Hyunjin hier anderweitig beschäftigt schien. Jeongin saß nämlich auf seinem Schoß und platzierte immer wieder leichte, gespielte Küsse auf Hyunjins mit Stoff bedeckter Schulter.
Fragend zog ich die Augenbrauen hoch, Hyunjin verdrehte daraufhin die Augen. "Er hat sich daran erinnert, dass ich ihm damals versprach er dürfe einmal vom Glühwein probieren. Ich vergaß dies, und als Entschädigung durfte er jetzt etwas von meinem Tequila erhalten." Minho neben mir richtete sich plötzlich auf. "Du hast ihm Tequila gegeben? Bist du des Wahnsinns?! Er ist doch erst 16, und hat er überhaupt schon mal Alkohol getrunken?!" "Ja, ja und ja. Könnten wir eventuell nun auf das Wesentliche zurück kehren? Jisung, warum bist du so überdurchschnittlich guter Laune?"
Da ich die ganze Zeit die Diskussion der besten Freunde beobachtet hatte, war ich dementsprechend auch überrascht wieder angesprochen zu werden. Ich holte Luft um zu antworten. Um zu sagen, dass ich es nicht wusste, und es einfach gutes Wetter war oder so. Aber heraus kam schließlich doch nur ein großer Gähner. Und noch einer. "Komisch... Ich bin nicht Mal müde..." murmelte ich. Ein Kichern von Rechts neben mir. "Aber unglaublich süß."
Schlagartig spürte ich wie das Blut in meinem Körper langsam in meinen Kopf floss, weshalb ich rot anlief. "Ach komm, hab dich nicht so. Ich weiß, dass du es liebst wenn ich dir Komplimente gebe." Minho legte beide Arme um meine Taille und zog mich langsam an sich ran. Seinen Kopf legte er auf meine Schulter. "Du hast Recht." Ich lachte leise. "Mach's nochmal." "Ich liebe es, dass deine Hände so klein sind. Ich liebe es, wenn du kitschig bist. Ich liebe es wenn du rot wirst."
Ich konnte gar nicht aufhören mit dem Grinsen. Bei ihm konnte ich mich einfach wohl fühlen. Es war so toll wenn er mir Komplimente gab, ich hätte heulen können. Oder weiterhin grinsen, und glücklicherweise entschied ich mich für das zweite. "Ich finde es lustig wenn du leise singst während du wartest. Es ist niedlich wenn du beim schlafen Zeug vor dich her murmelst. Deine Haare nach dem Aufstehen sind immer unordentlich, und das ist echt süß."
Ich verdrehte mit einem Lächeln auf den Lippen die Augen. "Nicht solche Komplimente. Die sind unromantisch." Aber Minho ließ sich nicht aufhalten. Immer weiter erzählte er was ihm an mir gefiel, so lange, bis wir dann zu den wirklich peinlichen Dingen kamen. "Ich finde es echt heiß wenn du meinen Namen flüsterst. Ich liebe es, wenn du beim küssen an meinen Haaren ziehst. Wenn dei-"
"Okay! Das reicht!" kicherte ich, und hielt ihm mit beiden Händen den Mund zu. Es müsste nicht jeder wissen, was bei und beiden lief. "Oh nein, bitte. Minho mach weiter, grade wird es erst richtig interessant." meinte mein bester Freund mies grinsend, weshalb ich ihn böse anstarrte. Empört stemmte ich beide Hände in die Hüften, darüber, dass er soetwas sagen konnte. Dann murmelte ich etwas vor mich hin was in etwa wie 'Dumpfbacke' oder so klang.
"Ich liebe es, wenn du versuchst böse auszusehen, oder böse Sachen zu sagen. Ich fühle mich dann immer so, als ob mich ein Marshmallow bedroht." flüsterte Minho plötzlich in mein Ohr. Direkt wurde mir wieder warm um die Nase, und ich war unfähig etwas dagegen zu tun. Also beschloss ich Rache zu nehmen. "Du findest es also lustig mich zu ärgern, ja? Gut! Dann bin ich jetzt eben Mal der Böse!" Mal sehen, wie er das fand! Schneller als er sehen konnte setzte ich mich auf seinen Schoß. Breitbeinig versteht sich.
Er blickte mich überrascht an, legte seine Hände an meine Brust als ich ihm ziemlich schnell ziemlich nahe komme. Ich vergrub meine Hände in seinen Haaren, begann leicht daran zu ziehen und mich zu seinem Ohr hin zu beugen. Ich beschloss ihm jetzt zu zeigen wie nervig solche Dinge waren. Auch wenn er vorher gesagt hatte, dass er sie liebte, würde ich ihn jetzt dazu bringen das Gegenteil zu denken. "Minho~ du bist echt scheiße heute, weißt du das?" hauchte ich. Ich spürte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten. Ich machte weiter irgendwelche Beleidigungen zu Flüstern und ihm dabei immer fester an den Haaren zu ziehen.
"Du bist ein richtiger Idiot!" zischte ich ihm so böse wir möglich ins Ohr. Vielleicht steigerte ich mich etwas zu sehr rein, vielleicht stachelte ich mich selbst auf. "Aber ein heißer Idiot." fiel er mir ins Wort. Direkt ließ ich von ihm ab. "W-was...?" Er wiederholte sich noch einmal, weshalb ich verwirrt meinen Kopf schief legte. "Ach vergiss es. Mach einfach weiter." Ungläubig schüttelte ich den Kopf und sah noch einmal prüfend in sein Gesicht. "Dich stört das echt nicht?" Er lachte einmal trocken, schüttelte den Kopf. "Meine Fresse, Jisung. Ich kenne Minho vielleicht nicht so gut wie du oder Hyunjin es tun, aber ich kann dir sagen;" Ich blickte neugierig, doch noch ein wenig misstrauisch zu Changbin.
"Wenn du nicht langsam, oder am besten sofort damit aufhörst, dann hast du gleich ein riesiges Problem." raunte er. Aber ich verstand nicht was er meinte. Noch immer verpeilt blickte ich im Zimmer umher, bemerkte, dass sich Hyunjin und Jeongin anscheinend weggeschlichen hatten (ebenso wie Seungmin) und Felix auf Changbin's Schulter fast eingeschlafen war. Immer wieder fielen seine Augen zu, so lange, bis er sie nicht wieder öffnete. Noch einmal wollte ich nachfragen, doch Minho schnitt mir direkt das Wort ab. "Naja, ich glaube wenn du weitermachst..." Ich sah wie er sich einmal über die Unterlippe leckte, während er mich von unten nach oben ansah. "Wenn du weitermachst kriege ich wahrscheinlich bald ein Problem."
Und Hallelujah-
ich verstand was er meinte. Schnell stand ich von ihm auf, darauf achtend mich nicht zu intensiv zu bewegen. Ich wollte nicht, dass er wegen mir in eine unangenehme Situation kam. "Oh... E-entschuldigung ich... Äh..." Beschämt schlug ich mir die Hände vor mein Gesicht, denn es war mir so unfassbar unangenehm. Es war nicht so, dass ich nicht daran Schuld sein wollte wenn er einen Ständer wegen mir bekam, aber ich wollte, dass es nicht wegen irgendwie so eines doofen Provokationsspiels entstand.
"H-hyungs...? Habe ich was verpasst?" ertönte plötzlich von meinem besten Freund. Felix hob gegen das Licht zwinkernd seinen Kopf von der Schulter seines Ex Freundes und schien erst nach ein Paar Sekunden zu sich zu kommen. Changbin sprach ihn direkt an. "Nein, alles gut Lix. Wieso gehst du nicht schonmal mit Jisung in die Zimmer? Ich komme auch gleich nach, okay?" Felix rieb sich mit den kleinen Händen die Augen, und stand von den Sessel auf, auf welchem er mit Changbin saß.
"Komm mit Lixi, lassen wir diese Perversen in Ruhe." meinte ich zu ihm, während ich eine Hand nach ihm ausstreckte. "What the hell, Mate. Wieso sind die jetzt pervers?" fragte er mich, während er mit mir durch die Küche in den Flur ging. "Glaub mir Lix, das willst du nicht wissen. Geh schon Mal in dein Zimmer, Changbin will bestimmt gleich kuscheln kommen."
Felix sagte dagegen nichts, ich ging davon aus, dass er einfach zu müde war. "Aber wieso macht denn keiner mehr Party...? Wir haben unseren Abschluss!" fragte der einen Tag Jüngere verwirrt nach, nun deutlich wacher. Ich zuckte mit den Schultern. "Du bist eingeschlafen, Lix. Seungmin ist dann anscheinend auch gegangen, von den beiden anderen weiß ich's nicht. Und da hatte halt niemand mehr Lust." Wir liefen nun an meiner Zimmertür vorbei, ich musste abbiegen. "Yo, aber wir feiern doch bestimmt noch nach, oder?"
Ich zuckte erneut mit den Schultern, aber wenn ich daran dachte wie die letzte Party geendet hatte, wurde mir sofort warm. "Wieso sagst du nichts Ji?" Felix fasste mir an die Schulter, aber als ich nicht reagierte, nahm er mich kurzerhand in den Arm. Ich brauchte das. "Ich habe keine Lust mehr, Felix. Ich vermisse Mama und Papa jetzt schon so dolle... Überall nur Trennung und Schmerz. Ich will nicht, dass das jetzt immer so abläuft." murmelte ich in sein Oberteil.
Verdammt, und schon wieder kamen diese Verlustängste in mir hoch.
Er trug schon andere Sachen, nicht so wie ich. Wir hatten uns nach der Schulfeier alle nur die Jacken ausgezogen, dementsprechend würde ich es später auch genießen endlich diese unbequeme Hose und Hemd ausziehen zu können. "Dich hat das mit deinen Eltern wohl ziemlich mitgenommen, mh? Aber hey, ich sage dir jetzt Mal was:" Er schob mich von sich weg, und da er deutlich (wenn auch nur ein paar Zentimeter) größer war als ich, musste ich ein bisschen nach oben schauen um ihm in seine Augen sehen zu können.
"Wir sind verdammt jung, Jisung. Wir leben und wir haben noch mehr als die Hälfte unseres Lebens vor uns. Und egal wie lange es noch braucht bis wir wirklich erwachsen sind, wir haben Zeit, okay? Wir haben unsere Schule beendet. Wir werden nächstes Jahr endlich 18. Jisung, du schaffst das, und selbst wenn du noch hundert Mal verletzt wirst. Es wird immer jemanden geben der dich aufbaut. Und ich hoffe, dass ich das auch sein kann, okay? Wir leben nur ein Mal, und das ist mehr als genug! Lass uns endlich beginnen das Leben zu leben, Mate!"
Stumm sahen wir uns in die Augen, ich den Tränen näher als er. Dann nickte ich fast unscheinbar. "Awkward-Geschwister-Umarmung?" fragte er mich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Ich grinste schniefend. "Awkward-Geschwister-Umarmung..." Mitten auf dem Flur kuschelte ich mich in sein T-Shirt hinein, glücklich darüber, dass es auch mein restliches Leben einen Menschen geben wird, da immer an meiner Seite bleiben würde. Doch dann fiel mir etwas auf. Felix roch nicht nach Felix.
Ich schnupperte noch einmal an dem Shirt, und war mir plötzlich ganz sicher. Es roch nicht wie sonst nach Kuschelweich-Weichspüler, sondern nach Kokos und etwas anderem, chemischen. Er roch nach Changbin. "Lix? Dein Shirt..." Er schob mich hastig von sich weg, und begann einige nervöse Schritte rückwärts zu stolpern. "Es ist nicht so wie du denkst! Ich kann alles erklären!" Ich lachte herzhaft auf, als er stolperte und gegen den Türrahmen des Bades lief.
"Lass gut sein." kicherte ich. "Erklär's mir morgen." Ich öffnete meine Zimmertür, betrat es leise.
Erst als ich hörte wie auch Felix' Zimmertür zu ging schloss ich die meine hinter mir. Geschafft lief ich zu dem Schrank welcher mittlerweile so aufgeräumt wie mein Zimmer war- nämlich gar nicht. Dort begann ich die Krawatte an meinem Kragen erst einmal aufzubinden, und kurz darauf auch den obersten Knopf meines Hemdes zu öffnen. Ich hörte wie hinter mir die Tür aufging, jemand das Zimmer betrat und danach stehen blieb. Wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde. Ein glückliches Grinsen lag auf meinem Gesicht, als ich mich in Minho's Richtung drehte. Auch er lockerte lässig seine Krawatte die er heute getragen hatte. "Ich kann dir auch gerne behilflich sein~
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