~44~

Minho P.O.V.

Ein sanftes Lächeln lag auf meinen Lippen, sobald ich mich von dem Jungen löste. Jisung war einfach etwas Besonderes, und Niemand würde mich je von dem Gegenteil überzeugen können. Ich spürte das Blut in meinen Ohren rauschen und gleichzeitig jedes Pumpen meines Herzens in meiner Brust. Der Schwarzhaarige trieb mich vollkommen in den Wahnsinn, ohne, dass ich etwas tun konnte.

Noch immer verweilte das Kribbeln in meinem Bauch, als Jisung nun widerwillig etwas von mir weg trat um in meine Augen zu sehen. Und unter all dem Wind, welcher an seiner Kleidung zerrte, seine Haare in die verschiedensten Richtungen warf und seine Wangen mit der eisigen Kälte zum leuchten brachte, lächelte er. Ich sah wie sein Atem an der Luft ein wenig kondensierte bevor er weg getragen wurde, und griff vorsichtig nach seinen Händen, um sie zu wärmen.

"Du bist unglaublich." schwärmte ich ihm vor. Errötet wandte der Jüngere seinen Blick von mir ab in die Ferne, weshalb ich ihn einfach in den Arm nahm. Er sollte bei mir Sicherheit verspüren. Sich geborgen und geliebt fühlen. "Nicht halb so unglaublich wie dieses Date." murmelte er verlegen, noch immer ohne mir in die Augen zu schauen. "Oder wie du." warf er noch schnell hinterher.

Geschmeichelt biss ich mir auf die Unterlippe. Er hatte mich sowas von in der Hand. Seufzend hob ich meinen rechten Arm an, um ihm eine ins Gesicht wehende Strähne zu entfernen. Meine Finger fanden Platz in seinen weichen Haaren, bevor ich diese geübt nach hinten strich. Meine Hand blieb locker auf seiner Schulter liegen, und ich konnte genau sehen, wie sehr er es genoss.

"Du bist aber das Beste an diesem Date, Honey. Ohne dich macht das hier alles keinen Sinn. Ohne dich, macht meine Welt keinen Sinn mehr." griff ich unser vergangenes Gespräch wieder auf. "Das kann ich nur zurückgeben, Hyung." Ich sah ihn tief durchatmen. Erwartend sah ich in sein Gesicht, und zog ihn direkt etwas näher an mich heran als ich bemerkte wie leise er dann doch sprach. "Du bist alles was mich noch hier hält. Minho, du bist nicht nur meine Stütze oder ein Freund für mich. Du bist so viel mehr...

Jeden Tag habe ich das verlangen mich in meinem Haus einzuschließen, die Menschen und die Zivilisation zu meiden. Aber dann denke ich an dich, und mein Tag ist gerettet. Nur durch dich habe ich genug Kraft. Kraft um mit großen und fremden Menschenmassen umzugehen. Kraft auf hohe Gebäude zu steigen oder mich selber zu lieben. Du bist meine Ausgewogenheit, meine Beruhigung und Motivation.

Ohne dich, habe ich das Gefühl, geht gar nichts mehr. Minho, du bist mir verdammt viel wert, ich würde so viel für dich tun, dass kannst du dir gar nicht vorstellen. Weißt du, dass du die erste Person bist, die mich immer rot werden lässt? Der erste, den ich küssen durfte. Du bist mein erster Kuss, Minho und ich bin unendlich froh, dass niemand anderes an deiner Stelle war.

Mein erstes Date, der erste Mensch dem ich blind mein Vertrauen schenke, obwohl wir uns erst so kurz kennen. Du bist mein Licht, Hyung. Du genießt mein vollstes Vertrauen, du hältst mein Herz in deinen Händen. Du bist und bleibst der Schlüssel zu meinem Inneren, zu meiner Seele. Und kein anderer soll jemals so tief blicken können und dürfen wie du."

In Jisungs Augen schimmerte die Aufrichtigkeit, als er meine Hand los ließ, um aus der Hosentasche ein kleines Päckchen heraus zu holen. Es war unfassbar, was der Junge vor mir da von sich gab. Noch kein anderer hatte soetwas je zuvor zu mir gesagt, niemand hatte es bisher geschafft mich so zu berühren. Und Jisung ging es anscheinend ebenso. Seine Hände zitterten, vor Angst oder Kälte wusste ich nicht, als er mir das kleine Geschenk übergab. Ebenso aufgeregt nahm ich es entgegen, ich hatte meinen Atem angehalten.

Hauptsache Jisung fühlte sich nicht gestört. Mit beiden Händen begann ich vorsichtig das Päckchen zu öffnen, und das Geschenkpapier abzuwickeln. Ich brauchte das Muster nur für einen kurzen Augenblick anzuschauen, damit mein Herz eskalieren konnte. Andere Menschen würden diese Farbe als Rosa beschreiben.

Ich sah darin nur die unfassbare Mühe und den Aufwand welchen Jisung sich gemacht hatte, dieses vermutlich ebenso schöne Geschenk in ein pastellrosanes, mit weißen Herzchen verziertes Papier eingewickeln. Auf der Rückseite hatte er es ganz provisorisch mit etwas Klebeband zusammen gehalten, doch dies ließ mich nur belustigt und irgendwie gerührt schmunzeln. Gerade wollte ich die Hülle vorsichtig abreißen, als ich noch eine mit Silberstift geschriebene Nachricht erkennen konnte. Ich legte meinen Kopf schief um die geschwungene, edel aussehende Handschrift lesen zu können.

'Für den weltbesten Hyung'

Sofort zeichnete sich ein kleines Lächeln auf meinen Lippen ab, welches wahrscheinlich nicht so schnell erscheinen würde. Doch im selben Moment als ich ebendies dachte, verschwand mein Grinsen auf ein Mal. Meine Mundwinkel fielen hinab, nachdem mich eines wie ein Schlag traf. Ich war nicht der weltbeste Hyung. Ich hatte soeben Jisungs Vertrauen missbraucht. Ich hatte ihn und seine Naivität ausgenutzt.

Ich hatte es ausgenutzt, dass der Jüngere mit dem Rücken zu mir stand, und mich nicht kommen sah. Er hatte nicht gemerkt, was meine Absicht war, was ich mit ihm tun wollte. Und ich hätte es getan. Meine Hände waren schon erhoben, um ihn endlich von mir stoßen zu können. Aus meinem Leben, aus meinem Kopf das Haus hinunter. Es wäre so einfach gewesen. Warum tat ich es nicht? Jisung... Er lenkte mich ab.

Dieser Kuss, die dabei aufkommenden Gefühle und seine Zuneigung zu spüren ließen mich in diesem Moment erstarren. Ich brachte es als er mich küsste, so liebevoll und naiv wie er war, nicht übers Herz ihm den Todesstoß zu versetzen. Wie könnte ich auch? Wie sollte jemand wie ich, eine gefühlskalte und seelenlose Killermaschine, auch so jemandem wiederstehen?

Jisungs Küsse waren das Erste in meinem Leben, was sich wirklich als romantische Zuneigung beschreiben ließ. Meine Opfer zählten nicht. Schon früher hatte ich freundschaftliche Liebe, aber auch familiäre erfahren dürfen. Doch endlich jemanden an meiner Seite zu haben, wenn auch nur für eine kurze Zeit, welcher mich anscheinend aufrichtig gern hatte, ließ mein Herz gleichzeitig vor Freude auf und ab springen, aber auch klangvoll zerbrechen.

Jisungs Lächeln, dieses liebliche Gesicht und sein wundervoller Charakter waren es wert von noch so vielen Menschen gesehen zu werden. Und der Fakt, dass ich eben diesen perfekten Jungen gerade beinahe umgebracht hatte, ließ mein Herz entgültig in miliardenste, mikroskopisch kleine Teilchen zerschmettern, welche sich hoffentlich ebenso tief in die Augen JYP's bohren würden.

Nur er war an allem Schuld. Ohne ihn, müsste ich nicht monatlich Menschen das Leben nehmen. Ohne ihn-... Ohne ihn, hätte ich Jisung überhaupt erst nie kennengelernt. Schluckend strich ich mit dem Daumen über die Schrift auf dem Geschenk, und senkte nun reuevoll meinen Kopf. "Alles in Ordnung? Gefällt es dir nicht?" meinte der Schwarzhaarige nun schüchtern, und spielte nervös mit beiden Händen.

Ich konnte sehen, wie er seine Finger immer wieder kneten wollte, es dann aber unterließ und sie schließlich hinter seinem Rücken versteckte. Beruhigend lächelte ich ihn an. "Doch, natürlich. Mir geht es gut, und wie sollte es mir nicht gefallen? Ich liebe dein... Äh..." Verwirrt zog ich nun den Rest des Geschenkpapieres ab, um eine kleine, schwarze Box ansehen zu können. Sie schien ziemlich teuer gewesen zu sein, und aus irgendeinem Grund störte mich das. Jisung sollte nicht so viel Geld für mich ausgeben.

Besonders, da er bei seinem Nebenjob nicht sonderlich gut verdiente. Obwohl er natürlich jetzt in den Wochen der Prüfungen gar nicht mehr dort arbeitete, um sich besser vorbereiten zu können. Lieber sollte er das Geld sparen um- achja. Er würde es ja gar nicht mehr verwenden können, wenn er sowieso bald starb. Die Betonung lag auf 'wenn'. Nicht 'falls' oder 'vielleicht'. Wenn. Ich hatte es nun endlich entschieden. Und mein Brustkorb schmerzte dabei merklich. Jisung würde wirklich sterben müssen, früher oder halt später.

Ich spürte eine warme Hand an meinem Kinn, welches daraufhin von dem Jüngeren unsicher nach oben gedrückt wurde. Mein Blick traf auf ein dunkles, mit den Lichtern der Stadt gefülltes Augenpaar. Es schien, als würde er das gesamte Universum in seinen Augen festhalten, und es verschlug mir die Sprache. Es würde wohl später werden.

"Minho, du musst sagen wenn du es nicht schön findest, okay? Ich... ich habe mir zwar Mühe bei der Auswahl gegeben, aber wenn du willst könnten wir es auch noch umtauschen gehen und-" Ich unterbrach ihn, indem ich meinen Finger sanft auf seine weichen, plappernden Lippen legte. Jisung verstummte sofort, und blickte mich dann nur noch aus großen, unschuldigen Augen an. "Egal was, ich bin mir sicher, dass es toll ist."

Und das dachte ich wirklich. Jisung könnte mir ein Gänseblümchen schenken, und ich würde mich freuen wie ein kleines Kind. Seufzend wandte ich mich wieder der Schachtel zu, genau wissend, dass dort etwas wesentlich wertvolleres, als ein Unkraut drin sein würde. Zusammengefasst machte es mir ziemlich zu schaffen, dass Jisung so viel Geld ausgab, andererseits...

Gleichzeitig war es auch eines der schönsten Dinge die ich je in meinem gesamten Leben gesehen habe. Tief durchatmend öffnete ich vorsichtig den Deckel der Box, und sah sofort eine Art weißes Tuch. Dies sollte anscheinend die Polsterung sein, für das richtige Geschenk. Dieses lag nämlich genau in der Mitte des gesamten Stoff-Chaos und gewann meine Aufmerksamkeit.

Zwei wunderschöne, silberne Ketten lagen darin, nicht verknotet, sondern perfekt gerade nebeneinander. Die glänzenden, dünnen Fäden schienen im Halbdunkel der Stadt wie kleine Diamanten zu glimmen, und zu funkeln. Doch nicht halb so hell wie die Augen des Schwarzhaarigen mir gegenüber. Erwartungsvoll und irgendwie hibbelig hüpfte der Jüngere von einem Bein aufs andere und durchbohrte mich mit seinen neugierigen Blicken.

Doch all das nahm ich nur am Rande meines Bewusstseins wahr, denn ich schenkte meine volle Aufmerksamkeit den beiden Schmuckstücken. Staunend, ein wenig misstrauisch fischte ich eines der beiden silbrigen Kettchen aus der edlen Schachtel, um es näher zu inspizieren. In der Mitte, so, dass ich es fast nicht gesehen hätte, hing ein kleines Anhängsel, welches einen ebenso schönen Silberton hatte wie der Rest des Stückes.

Es war ein winziges, filigran gearbeitetes Schloss. Im schwachen Licht und Wind baumelte er umher und reflektierte die bestehenden Lichter in den schönsten Arten. "Das hier ist meine Kette, Hyung. Deine ist die andere." versuchte Jisung leise zu erklären, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Fasziniert starrte ich noch einige Sekunden das Schmuckstück an, bis ich endlich meinen Blick losreißen konnte und mit der selben Hand die zweite Kette heraus nahm. Diese hatte einen etwas dunkleren Silberton, so tief, dass es fast in eine Art Schwarz überging.

Genau wie Jisungs, war der 'Faden' zu einer sehr dünnen, fast zierlichen Form geknüpft wurden. Der größte Unterschied war jedoch, dass am Ende kein kleines Schloss daran hing, sondern ein Schlüssel. Ein kleiner, silberschwarzer und mit vielen Mustern verzierter Schlüssel, kaum größer als eine Zwanzig Cent Münze. Eher erinnerte mich dieser Anhänger an einen von diesen klitzekleinen Tagebuch Schlüsseln, welche man immer so schnell verlor, egal wie ordentlich man war.

"Das meinte ich damit... Du bist mein Schlüssel, mein Anfang und Ende. Du bist mein Lebenssinn..." Ich wusste eine Sache. Nie im Leben, würde ich dieses Geschenk verlieren. Keine Beziehung oder sonst irgendetwas würde mich dazu bringen können dieses von Herzen kommende Geschenk zu vergessen. Dafür bedeutete es mir einfach zu viel.

Mit Tränen in den Augen, auch wenn ich diese mit sofortiger Wirkung wieder wegblinzelte, sah ich auf, zu dem schüchternen, auf mein Urteil wartenden Jungen. Jisungs Blick war hoffnungsvoll, aber gleichzeitig auch gefüllt mit purer Angst. Hatte er Panik, dass es mir nicht gefiel? Sofort musste ich diesen vielleicht bestehenden Gedankengang beenden. Jisung musste wissen, wie toll ich sein Geschenk fand.

"Jisungie... Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Das ist das schönste Geschenk, was mir je jemand gemacht hat. Danke, danke, danke!" Gerührt legte ich mir sogleich meine dunkle Kette um den Hals, mit dem festen Vorsatz sie nie wieder abzunehmen. Ich wollte, und könnte dieses Schmuckstück nicht mehr von mir trennen, wenn es nicht lebensbedrohlich war.

Und niemand anderes würde diese Kette je berühren, geschweige denn tragen dürfen. Jisung hatte sie mir geschenkt, und es war das Ehrlichste, dass ich in meinem ganzen Leben erhalten durfte. "Du musst nichts sagen, Hyung. Ich bin froh, dass es dir gefällt." murmelte er rot werdend. Schluckend verharrte ich einen Moment so, in meiner komischen Position versuchend nicht die Schachtel fallen zu lassen, als ich mich überwand und dem Schwarzhaarigen ergeben in die Arme fiel.

"Gefallen? Soll das ein Scherz sein? Es ist perfekt! Du bist perfekt! Ich könnte dich jetzt küssen, so glücklich bin ich gerade!" Realisierend was ich gerade eben von mir gegeben hatte, riss ich die Augen auf. Natürlich war dieser Satz ernst gemeint, aber genau der Fakt machte mir ja Angst. Ich meinte es wirklich ernst, auch mit ihm.

Kopfschüttelnd überzeugte ich mich selbst von dem Gegenteil um nicht noch mehr Gedanken an solches Negative Zeug zu verschwenden. Stattdessen genoss ich die feste Umarmung, welche Jisung zuerst zögernd, dann aber beherzt erwiederte. Seinen Brustkorb fest gegen meinen drückend lauschte ich seinem schnellen rasenden Herzschlag, welcher so arbeitete, als wäre er einen Marathon gerannt.

Nun ja, vielleicht war er das auch. Jisung war immer für Überraschungen gut, wie man hier sehen konnte. Diese Ketten, es war so verdammt niedlich von ihm. Nicht nur der alleinige Fakt, dass er im Gegensatz zu mir an ein Geschenk gedacht hatte, sondern einfach weil es so passend war. Passend zu ihm, zu mir, und zu seiner Rede. Noch nie in meinem Leben hatte ich je zuvor so eine tiefe Zuneigung und Glücklichkeit verspüren können.

Und es war eines der schönsten Dinge, nein- das schönste Geschenk dass er mir hätte machen können. Mir seine Zuneigung, Liebe und sein Vertrauen schenken. "Und warum tust du es dann nicht?" flüsterte Jisung während er die noch immer haltende Umarmung erwiederte. Zu gerne kam ich diesem Angebot nach.

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