Die Single
Es gab keine Verschnaufpause. Endlich ging es in den Endspurt! Ich hatte diesen Zeitpunkt aufgeregt entgegengefiebert und nun war er da: Die Arbeit im A.I.M. Studio begann.
Hier war ich in meinem Element, hier kannte ich die Abläufe, die Leute, die Technik und endlich war der Moment gekommen, da ich die Jungs an die Hand nahm.
Pix war so überwältigt von den Geräten, die uns nun zur Verfügung standen, dass er den ganzen ersten Vormittag kaum ein Wort herausgebracht hatte und als wir uns auf den Heimweg machten, sprach er von nichts anderem mehr. Alexander, Pix und ich feilten die letzten Kanten und Unebenheiten aus unseren Songs heraus. Es dauerte einige Tage, bis wir alle drei gleichermaßen zufrieden waren, und ich musste hinterher zugeben, dass die Songs allesamt sehr stimmig geworden waren. Ich war begeistert von dem Album und zu meiner Freude waren es Alex und Pix ebenfalls.
Als dieses Grundgerüst endgültig stand, begannen wir mit den Aufnahmen der Instrumente. Es entpuppte sich als ziemlich schwierig, alle Jungs unter einen Hut zu bekommen – zeittechnisch natürlich – und erst nach einer Woche hatten wir einen einigermaßen klaren Rhythmus gefunden.
Wir trafen uns für gewöhnlich gegen sechs Uhr abends, verbrachten vier bis fünf Stunden im Studio und spurteten dann nach Hause. Für Dominik, Jürgen und Achim waren dies die anstrengendsten Wochen, denn die Aufnahmen fanden parallel zu ihrer Arbeit statt und es war nicht immer einfach für die drei, dies zu managen.
Pix, Alex und ich nutzten die Zeit nach und währenddessen, um die Bühnenshow zu erarbeiten und die Abläufe zu planen. Die subtilen Dinge, wie Bühnenbild und Ähnliches, befanden sich längst in der Mache und ich war froh darüber, dass die Jungs zugelassen hatten, dass wir diese Arbeit an Leute von A.I.M weitergaben.
Trotz des ganzen Stresses war Jennyfer allgegenwärtig, wenn auch nicht körperlich. Wir telefonierten täglich, schrieben einander zwischendurch, so dass meine Freundin immer auf den neuesten Stand war. Sie hielt mich auf dem Laufenden, was in der Community vor sich ging, und informierte mich auch über von Zuhause.
Natürlich würde ich Jen bald wiedersehen, sie hatte versprochen für die Premiere zu unserem Clip von 5 März hinunterzukommen, und der Tag stand unmittelbar bevor.
Das Licht ging aus, die Anspannung stieg. Auf der großen Leinwand lief ein Countdown ab, um die Spannung noch ein wenig zu schüren. Alexander und ich tauschten stumme Blicke aus. Ich zog betont die Augenbrauen nach oben und er grinste verstehend.
Offensichtlich war er wie ich der Meinung, dass die ganze Aufmachung für A.I.M. ziemlich theatralisch war.
Das Intro unseres Songs zog jedoch meine Aufmerksamkeit wieder auf den Clip. Von einem schwarzen Bild wurde grau in grau eine Landschaft gezeigt. Die Kamera flog über sie hinweg, bis sie den Rand einer großen Stadt erreichte. Sie war grau und trist und die Schwarz-Weiß-Aufnahme vermittelte eine melancholische Stimmung, die von der bittersüßen Melodie unterstrichen wurde. Die Kamera flog weiter über die Häuser hinweg über Straßen, verlangsamte dann ihre Geschwindigkeit und zoomte in ein Fenster von einem der unzähligen Häuser hinein.
Das Zimmer lag im Dunkeln. Es war ein Schlafzimmer. Im Bett regte sich jemand und die Kamera fuhr auf die gegenüberliegende Seite des Bettes, sodass die Bewegung im Hintergrund ablief und unscharf und verschwommen war. Das Bild kam näher heran. Dort, am Rand des Bettes, lag eine junge Frau: ich.
Ihre Augen waren geschlossen und sie schien, zu schlafen.
Schnitt.
Der Schatten im Hintergrund war ihr Mann gewesen. Er saß nun aufrecht auf dem Bett, beide Füße auf dem Boden und schien einen Augenblick innezuhalten.
Schnitt.
Großaufnahme seines Gesichtes.
Siehst du mich? Hörst du mich? Was hab' ich dir getan, warum zerstörst du mich?
Es war Alex. Er sah nachdenklich aus, traurig und vielleicht sogar eine Spur trotzig.
Mir war nicht mehr nach Lachen zumute. Ich kannte diese Art von Blicken. Ich hatte sie zu oft schon selbst gesehen.
Schnitt.
Der Mann erhob sich. Ging auf die Kamera zu. Er war nicht mehr als ein Schatten. Ein bedrohlicher Schatten, der kurz darauf das Bild verdunkelte.
Schnitt.
Die Kamera zeigt nun wieder die Frau. Es ist eine Großaufnahme ihres Gesichtes. Sie schlägt die Augen auf.
Wenn du mich nicht mehr liebst, warum berührst du mich?
Ihr Kopf dreht sich kaum merklich über die Schultern. Ihre Mundwinkel ziehen sich schmerzlich in die Höhe. Sie scheint unglücklich zu sein und traurig.
Sie steht auf. Geht mit zittrigen Schritten zum Fenster und schiebt die blütenweißen Vorhänge nur wenige Zentimeter zur Seite.
Die Kamera zeigt ihren Blick hinab in den Hof. Dort erscheint er. Steigt ins Auto ein und fährt fort.
Schnitt.
Das Bild auf dem Projektor präsentiert abermals die Frau. Sie steht im Badezimmer und hat beide Hände auf das Waschbecken gestützt. Tränen tropfen in das trockene Becken. Die Kamera steht hinter ihr, schaut über ihre Schulter. Sie hebt schwerfällig den Kopf. Schaut mit verweinten, geröteten Augen ihrem Spiegelbild entgegen.
Sie wirkt verzweifelt.
Erkennst du mich? Verstehst du nicht?
Die Kamera zoomt durch den Spiegel auf die kleine Uhr auf der Anrichte hinter ihr.
Wie sich der Zeiger dreht, unentwegt, er steht nie still.
Der Minutenzeiger springt auf die Zwölf.
Schnitt.
Eine Limousine fährt die Straße hinab.
Schnitt.
Er sitzt in seinem Auto. Die Landschaft rast auf der Fahrerseite an ihm vorüber. Seine Kiefer sind fest aufeinandergepresst. Er ist wütend, verärgert und verletzt. Seine Hände umklammern das Lenkrad, der Fuß tritt auf das Gaspedal.
Was willst du noch von mir?
Schnitt.
Das silberne Fahrzeug rast über die Landstraße und verschwindet hinter einer Kurve.
Schnitt.
Er sitzt am Tresen einer Bar und trinkt. Eine fremde Frau beobachtet ihn aus dem Hintergrund. Sie steht auf, kommt herüber. Sie ist hübsch und attraktiv, schmiegt sich an ihm, flüstert ihm ins Ohr.
Sein Blick bleibt kalt. Sein Gesicht reglos. Sie legt ihm eine Hand auf den Oberschenkel, doch er streift sie ab.
Ganz tief in meinem Herz ist noch ein Platz für dich.
Er legt einen Geldschein auf den Tresen, erhebt sich und geht – alleine.
Schnitt.
Das Bild zeigt ein Wohnzimmer.
Die Kamera blickt über seine Schulter. Er sitzt im Wohnzimmer, ein Bier in der Hand, im Fernsehen die Sportschau.
Ein Schatten erscheint in der hinter ihm liegenden Tür rechts.
Ich suche dich, ich sehne mich-
Das Bild stellt sich scharf. Der Schatten ist die Frau. Sie schaut ihn an, gleichgültig, routiniert. Sie sprechen nicht.
Nach dem, doch ich find' es nicht.
Dann wendet sie sich um und geht.
Schnitt.
Sie geht alleine eine einsame Straße entlang. Die Kamera zeigt ihren Rücken. Sie schlägt den Kragen ihres Mantels höher.
Du weißt nicht, was dich treibt-
Streicht eine Strähne ihres Haares hinter das Ohr. Auf einer Brücke bleibt sie stehen.
- was am Ende für dich bleibt. Warum bist du so blass, so kalt, so herzlos?
Sie legt die Hände auf das Geländer und sieht hinab auf die Gleise.
Schnitt.
Das Bild zeigt einen Koffer. Er füllt sich nach und nach mit Kleidern.
Schnitt.
Sie steht am Fenster. Die Arme verschränkt. Ihr Blick ist kühl und hart. Er erscheint hinter ihr. Seine Hand erhebt sich. Will sie berühren, doch er hält in der Bewegung inne und lässt sie wieder sinken.
Sag mir wozu und ob du mich noch brauchst. Wenn's einfach nicht mehr passt, wenn du mich wirklich nur noch hasst. Warum bist du noch hier? Wofür? Was willst du noch von mir?
Schnitt.
Nahaufnahme Koffer. Der Deckel klappt zu. Er wird aus dem Bild gehoben.
Schnitt.
Der Mann hat den Koffer in der Hand. Geht auf die Kamera zu und bleibt kurz stehen.
Er dreht sich um.
Schnitt.
Nahaufnahme von ihrem Gesicht. Sie weint stumm. Presst die Augen fest aufeinander.
Was willst du noch von mir?
Tränen drücken sich zwischen ihren Lidern hindurch.
Schnitt.
Er zögert. Doch dann geht er.
Eine Tür fällt ins Schloss.
Er steigt ins Auto ein. Sie wendet sich vom Fenster ab. Das Auto verlässt die Einfahrt, fährt in die Straße ein und ist bald darauf außer Sichtweite.
Was willst du noch von mir?
Das Bild blendet aus, bis es schwarz ist. Die Melodie verklingt leise.
Darauf folgt Stille.
Meine Nackenhaare hatten sich aufgestellt, meine Haut kribbelte unheilvoll. Erst nach einigen Sekunden wurde mir bewusst, dass ich nicht alleine war. Ich fühlte mich noch betrübt, fast schon ein bisschen benommen. Dieser Clip hatte in mir so viele Emotionen aufgewühlt. Aber er war fantastisch geworden.
Ich hatte gehofft, dass er gut werden würde, hatte angesichts der Drehtage auch ein gutes Gefühl, doch die Wirklichkeit hatte all jegliche Erwartungen übertroffen. Das Video war genial geworden.
Das Licht im Raum ging an und die Anwesenden begannen, zu klatschen. Mein Herz raste unkontrollierbar in meiner Brust.
„Was hab' ich dir gesagt?", Jen lehnte sich kaum merklich zu mir herüber und stimmte in den Beifall ein.
Ich suchte nach Alex' Blick. Er strahlte über das ganze Gesicht und zwinkerte mir zu.
„Fulminant!", sprach Herr Pignon schließlich und der Beifall erstarb. „Hervorragende Arbeit, ich bin wirklich angenehm überrascht, was sie aus diesem Song gemacht haben! Ich bin sicher, sie haben damit die optimale Auswahl für die Singleauskopplung getroffen!"
Die unzähligen Köpfe am Tisch nickten zustimmend. Es waren Manager, Produzenten, es waren Stellvertreter diverser Sender und auch Abgesandte von Musikmagazinen, denen ein erster Einblick in unser Album gewährt wurde.
Bevor wir feiern gehen konnten, lag noch etwas Arbeit vor uns: Es würde Interviews geben, ein kurzes Shooting und währenddessen würde A.I.M mit den Sendern verhandeln. Es war jedoch eine Arbeit, die keinem von uns auf dem Gemüt lastete – nicht nach diesem Erfolgserlebnis.
Am Abend saßen wir beisammen in der Stammkneipe der Jungs und waren am Feiern. Es war das erste Mal, dass wir wirklich alle zusammen waren: inklusive Jennyfer und Dodo. Pix hatte den Wirt dazu überredet, eine ihrer CDs in den Player zu legen, und so dröhnte die Musik über unsere Köpfe hinweg, während die Jungs ein Bier nach dem anderen vernichteten.
An diesem Abend wurde mir auch „Mutter Theresa" vorgestellt. Sie war eine herzliche Frau mit rundem Gesicht und zweifellos einer Engelsgeduld. Sie war fest für die kommende Tour eingeplant, um Dodo und Jen zu unterstützen und den verrückten Haufen, den wir bildeten, zusammenzuhalten und zu managen.
In wenigen Wochen würde es losgehen. Doch zuvor stand noch eine Menge Arbeit im Raum. Unser Terminplan war voll mit Interviews, Autogrammstunden und Release-Partys in diversen Städten und so ganz nebenbei, mussten wir auch mit den Proben beginnen.
Und das war das Zuckerstück: Endlich konnten die Vorbereitungen für die Tour starten, auf die ich mich schon so sehr freute. Mein Blick fiel auf den Frontmann, der gerade mit seinem Schlagzeuger herumalberte. Meine Vorfreude auf die Tour war schier unendlich, doch sie war mit Sicherheit nichts im Vergleich zu Alexanders.
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