🔱Fünfzig🔱

Jungkook

Ich bin gerade dabei, das frisch gewaschene Geschirr in die Schränke einzuräumen, als das sanfte Klingeln der Glocke oberhalb der Tür des Cafés einen neuen Kunden ankündigt. Ich stelle die zwei Kaffeetassen, die ich gerade in den Händen halte verkehrt herum ins Regal und sehe währenddessen über meine Schulter, um den Neuankömmling zu sehen und ihn wie jeden anderen mit einem freundlichen Lächeln zu begrüssen.

Ich halte inne, als ich die knalligen, roten Haare erkenne, die hochgewachsene Gestalt Taehyungs näherkommen sehe. Der Ältere trägt eine schwarze Skinny-Jeans und ein ebenso schwarzes Oberteil. Das einzig farbenfrohe an dem Outfit ist die ausgewaschene, blaue Farbe der Jeansjacke, welche er angezogen hat. Seine Hände hat er in den Jeanstaschen vergraben und ich sehe ein kleines, schiefes Lächeln, als unsere Blicke sich treffen. Ich lasse die restlichen Taschen auf der Anrichte hinter dem Tresen stehen, drehe mich um und stelle mich dann dicht an die Auswahltheke. "Hey", begrüsse ich Taehyung, mit einem breiten Lächeln, doch im Gegensatz zu den anderen, die ich den Kunden schenke, wenn sie hier sind, ist das für ihn nicht das kleinste Bisschen aufgesetzt. Ich freue mich, ihn zu sehen und wie von selbst füllen wieder Erinnerungen von letzter Nacht meine Gedanken, das Kribbeln in meinem Körper kehrt leicht zurück und ich wische mir automatisch meine schwitzigen Handflächen an meiner schwarzen Schürze ab. 

Ihn zu sehen, macht mich automatisch nervös und ich frage mich instinktiv, wie viel Bedeutung der dem Kuss beimisst? Denkt er überhaupt noch daran? Taehyung erwidert meine Begrüssung immer noch mit dem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und nicht viel lauter als ich. "Ich hätte gern 'nen Kaffee zum hier trinken", meint er dann, "Schwarz."

Ich nicke seine Bestellung ab. "So schwarz wie deine Seele?", meine ich, als ich mich abwende und grinse breit. Die Worte erinnern mich an einen Moment, wo er auch hier war und auch einen Kaffee genau gleich wie jetzt bestellt hat. Es war das erste Mal, dass er mir gegenüber nicht feindselig gesinnt war, nein, er war sogar nett und hat mich dazu aufgefordert, wieder mit ihm zu sprayen. Hätte ich ihn wohl je wieder gesehen, wenn er das Café damals nicht betreten hätte, an dem Tag? Ich weiss es nicht. Seine Antwort auf meine Worte allerdings heute ist auch genau dieselbe, wie damals; "So ein starker Kaffee muss erst erfunden werden."

Ich quittiere die Konter mit einem kleinen Lachen und mache mich daran, seiner Bestellung nachzukommen. Ich stelle eine Tasse unter die Kaffeemaschine und wähle das normale Kaffeesymbol auf dem Screen der Maschine und während diese sich daran macht, das Getränk auszuspucken, wende ich mich wieder dem Rothaarigen zu. "Sonst noch etwas?"

Taehyung schüttelt nur den Kopf auf meine Frage hin und ich stelle die Tasse mit dem Kaffee auf einen Unterteller und ein Tablett, lege Zucker, sowie einen Löffel dazu, bevor ich dem Älteren den Preis nenne, woraufhin er mir ein paar Scheine aushändigt. "Den Rest kannst du behalten", weist er mich leise an, nimmt das Tablett mit seinem Kaffee in die Hände und mit einem letzten Blick in meine Richtung, dreht er sich um und steuert einen der leeren Tische im Raum an. Ich sehe ihm nach, bis der Rothaarige sich hingesetzt hat und fahre dann mit meiner Arbeit fort, versuche mich, so gut ich kann nur auf diese zu konzentrieren und die ständigen Gedanken an Tae und den Kuss wegzuschieben. Dabei versuche ich auch gar nicht erst in Taehyungs Richtung zu sehen, denn ich weiss ganz genau, dass ich nur wieder anfangen würde zu starren und ich spüre seinen Blick gut aus mir. Das würde mich nur noch mehr aus dem Konzept bringen. 

 So arbeite ich bis zum Ende meiner Schicht, als mich meine Kollegin um 14:30 Uhr ablöst. Ich verabschiede mich von ihr und mache mich auf zum Mitarbeiterraum, wobei ich dann erstmals, seit der Ältere bestellt hat, einen Blick in Taes Richtung werfe. Der Rothaarige sitzt noch immer an seinem Tisch, doch er hat inzwischen vermutlich ausgetrunken. Unsere Blicke treffen sich, als ich den Kopf drehe und ich schenke ihm instinktiv ein Lächeln, selbst wenn es vielleicht etwas verlegen wirkt, bevor ich nach hinten im Personalraum verschwinde, mich umziehe und dann das Café wie gewohnt durch den Hintereingang verlasse. 

Vorne am Eingang der Gasse, erkenne ich eine schlanke Gestalt, die sich gegen die Hauswand lehnt und zu mir blickt. Er hat also tatsächlich im Café gewartet, dass ich meine Schicht beende? Der Gedanke daran, dass Taehyung das wirklich gemacht hat, lässt mein Herz schneller schlagen und mir vor Freude warm werden. Warum sonst sollte er jetzt hier warten, wo ich meine Schicht beendet habe und er zuvor, als ich gearbeitet habe, im Café gewesen ist? 

"Ist das nicht scheisse anstrengend?", fragt er mich aus dem Nichts heraus, kaum stehe ich bei dem Rothaarigen. Fragend sehe ich ihn an, denn ich verstehe nicht so genau, worauf er hinaus will. Tae stösst sich lässig von der Betonwand ab und setzt sich im Bewegung, was ich ihm gleichtue und so dann neben ihm herlaufe, die Strasse entlang. "Ständig so nett zu sein, selbst wenn die Kunden scheisse zu dir sind", meint er. Ich zucke mit den Schultern. "Doch", gebe ich zu und lächle dann grimmig, "Aber ich brauche das Geld. Und ausserdem sind nicht alle Kunden so, bloss ganz wenige."

"Die würden mich trotzdem ziemlich ankotzen."

Ich lache leicht und zucke abermals mit den Schultern. Was will man dagegen machen? Sich beschweren? Das bringt nichts. Der Kunde ist König und daran halte ich mich. 

Eine Weile laufen wir bloss schweigend nebeneinander durch die Stadt, hängen beide unseren Gedanken nach und geniessen die Anwesenheit des Anderen. Ich grüble daran herum, ob ich endlich mit meiner Frage herausrücken soll; einerseits macht es mich noch verrückt, wenn ich nicht bald eine Antwort von ihm kriege, was das nun alles zu bedeuten hat, andererseits traue ich mich nicht. Was, wenn es für Taehyung bedeutungslos ist? Das würde wirklich verdammt wehtun. 

Doch schliesslich überwiegt der Drang nach einer Antwort. Ich drehe durch, wenn ich noch länger darüber nachgrübeln muss. "Tae, ich hab noch eine Frage zugute", erinnere ich den Älteren also leise und befeuchte nervös meine Lippen mit der Zungenspitze. "Du willst sie einlösen, nehme ich an?", erwidert er gelassen und ich nicke und bleibe dann einfach stehen. Taehyung bemerkt es nur einen Augenblick später und tut es mir gleich und dreht sich zu mir um, sodass er mich direkt anschauen kann. "Schiess los", fordert er mich auf und ich beisse mir unsicher auf der Unterlippe herum. 

Mein Herz klopft und mir ist warm, im ersten Moment bringe ich keinen Laut hervor, doch schliesslich hole ich tief Luft und gebe mir einen Ruck. "Liebst du mich?", will ich von ihm wissen, meine Stimme nicht lauter als ein hilflos klingendes Wispern.

Taehyungs Augen weiten sich im ersten Moment, nachdem ich die Frage gestellt habe, doch dann wird seine Miene wieder praktisch emotionslos und er neigt langsam den Kopf. "Definiere den Begriff Liebe", erwidert er schlussendlich leise und ich schlucke leer. "Toll, das hat mir nicht geholfen", murmle ich resigniert, woraufhin sich ein kleines Lachen über seine roten Lippen bahnt. Tae kommt auf mich zu, sodass uns kurz darauf kaum noch eine Handfläche trennt und er legt seinen Zeigefinger sachte unter mein Kinn, ehe er meinen Kopf vorsichtig etwas hochdrückt und unsere Lippen zu einem sanften Kuss verbindet.

Zwar bin ich nicht mehr vorbereitet, als beim ersten Kuss, doch diesmal bin ich nicht so extrem überrascht. Meine Augen fallen automatisch zu und ich kralle meine Finger in den Stoff seiner Jeansjacke, während ich auf den sanften Druck erwidere. Lange währt der Kuss nicht, nur wenige Sekunden später, löst der Rothaarige sich bereits von mir und sein heisser Atem streicht über mein Gesicht, was mich erschaudern lässt. Ich öffne meine Augen wieder und unterdrücke das kleine Schmollen, dass sich aufgrund der kurzen Zeit, die der Kuss gewährt hat, auf mein Gesicht schleichen will, während ich Taehyung direkt anblicke. 

"Ich kann dir soviel zu meiner Definition des Begriffes Liebe sagen, wie du ihn vermutlich meinst", murmelt er und ist mir immer noch so nahe, dass seine Lippen immer wieder meine streifen, während er spricht, was meinen Körper praktisch in Flammen aufgehen lässt, so heiss ist mir durch seine Nähe. 

"Jemanden, den ich nicht liebe, auf diese Art und Weise, den würde ich niemals küssen."

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