🔱Fünfundfünfzig🔱
Taehyung
Ich grinse schief, als die Frage fällt und sehe Jungkook aufmerksam an. "Möchtest du es sehen?", hake ich nach und der Jüngere nickt eifrig, ehe er plötzlich innehält. "Wenn du es mir erlaubst", fügt er dann schüchtern hinzu. Ich lache leise und lasse Jungkook los, damit ich mir das Tanktop, welches ich trage, kurzerhand ausziehen kann, sodass kein Stück Stoff den Blick auf die ganze Tinte unter meiner Haut verdeckt. Ich bemerke, wie der Jüngere die Augen weitet, während ich das Oberteil achtlos neben den Sessel fallen lasse und dafür dann sein Handgelenk umfasse, was für noch vielmehr Verwunderung seinerseits sorgt. Doch ich sage nichts, sondern führe seine Hand still zu meiner Brust, sodass seine Handfläche schliesslich direkt über meinem Herzen liegt, dessen schnellen Herzschlag er damit bestimmt spüren kann. Jungkook schnappt leise nach Luft und ich beobachte nur stumm seine Reaktion, als er seine Augen über meinen gesamten Oberkörper wandern lässt, bevor sein Blick schliesslich dort kleben bleibt, wo sich auch seine Hand mittlerweile befindet.
Einen Moment lang herrst Stille zwischen uns, doch dann macht er den Mund auf und fragt fast schon ehrfürchtig: "Das hier?"
Ich nicke und sehe hinunter zu seiner Hand, die ein wenig des ganz in schwarz gestochenen Tribal-Tattoo verdeckt. Das Motiv erstreckt sich von meiner Brust über meine Schulter, zu meinem Oberarm und auch zu meinem Schulterblatt. Es hat einige Zeit gedauert, bis der Tätowierer damit fertig war und es hat auch seinen Preis gekostet, aber damals hat Geld für mich noch keine Rolle gespielt. "Es ist toll", flüstert Jungkook und einmal mehr spüre ich, wie er beginnt mit seinen Fingerkuppen über meine Haut zu streichen, erneut fährt er die Linien meines Tattoos nach und ich erschaudere bei der zarten Berührung seiner Fingerspitzen, die wie Federn über meine Haut zu tanzen scheinen, nur um dort, wo sie dann nicht mehr sind ein heisses Feuer auszulösen.
"Was bedeutet es?", will er leise wissen, woraufhin ich mit den Schultern zucke. "Es hat keine Bedeutung", meine ich mit einem schiefen Grinsen, "Ich hab es mir stechen lassen, um meine Eltern wütend zu machen..." Ich erinnere mich noch gut an den Tag; ich bin Abends mit Soomin nach Hause gekommen und als meine Eltern gesehen haben, was für eine - in ihren Augen - Schandtat ich begangen habe, sind sie komplett ausgerastet. Vielleicht war es unüberlegt von mir, doch ich würde es jederzeit wiedertun. Ich bereue es auf keinen Fall.
Jungkook lacht leicht auf meine Aussage hin, erwidert jedoch nichts weiteres und nach kurzem Zögern füge ich schliesslich mit heiserer Stimme hinzu: "Es... es war einfach meine Schwester, die es mir ausgesucht hat..."
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir so ein Motiv stechen zu lassen, aber ich wollte, dass Soomin mein erstes Tattoo auswählt und da sie sich für ein Tribal entschieden hat, habe ich es mir dann schlussendlich auch stechen lassen. So erinnert mich das Tattoo immer an sie und selbst wenn das auch schmerzlich wehtut, der Gedanke an sie dafür sorgt, dass mein Herz sich schmerzlich und schuldbewusst zusammenzieht, so würde ich auch das nicht anders machen.
Nachdem ich gesprochen habe, hält Jungkook diesmal inne und ich sehe von seinen Fingern, die noch immer auf meiner Brust liegen, auf in sein Gesicht, nur um mit dem Blick seiner dunkeln Augen konfrontiert zu werden. Mit grossen Augen mustert er mich und er wiederholt ungläubig: "Du hast eine Schwester?"
Ich nicke langsam und schlucke leer. Auf einmal fühlt sich das Schlagen meines Herzens so schwer und fast schon schmerzhaft an. "Erinnerst du dich an das Bild, dessen Rahmen du zerstört hast?", frage ich, woraufhin er langsam nickt und dann seine Augen weitet. "Da-das Mädchen neben dir... das ist sie?", stellt er fest und ich bestätige seine Worte mit einem kleinen Nicken. "Ihr Name ist Soomin."
Einen Moment lang legt sich wieder Schweigen über uns und ich schliesse meine Augen, hole einige Male tief Luft und versuche die Erinnerungen zu verdrängen, die sich nun alle an die Oberfläche meines Bewusstseins drängeln, auf dass sie mich quälen können mit den Bildern, Geräuschen, die sie enthalten. Soomins bezauberndes Lachen, das Lächeln, dass meinem so ähnlich sieht, wie sie mich immer umarmt hat, wie sie wann immer sie konnte ihre glückliche Art zur Schau gestellt hat und alle damit angesteckt hat.
"Sie muss dir viel bedeutet haben, dass du ihr so eine Entscheidung überlassen hast", meint Jungkook dann auf einmal leise und ich nehme wahr, wie er wieder anfängt, über mein Tattoo zu streichen, auf welches er wohl auch anspielt. Ich nicke zustimmend. "Sie war alles, was mir damals wirklich am Herzen lag."
Und trotzdem habe ich sie im Stich gelassen. Trotzdem bin ich ohne sie abgehauen, weil ich in diesem einzigen Moment einmal nicht an sie gedacht hatte, wo es wohl am allerwichtigsten gewesen wäre. Mein Schmerz und mein Frust, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit haben damals in mir einen Punkt erreicht, dass sie wie Turmhohe Wellen über mich hereingebrochen sind und mich mitgerissen haben unter Wasser. Ich wollte weg, ich wollte einfach nur verschwinden und ich habe in der Nacht keine Sekunde an sie gedacht, weil ich so auf mein eigenes Leid fixiert war.
"Was ist mit ihr geschehen?", will der Dunkelhaarige dann mit leiser Stimme wissen und sieht wieder zu mir auf. Ich schlucke auf die Frage hin leer und mustere einen Moment lang nur die warm glänzenden, dunklen Augen seinerseits, ehe ich den Blick abwende und zur Seite sehe, damit ich ihm nicht ins Gesicht sagen muss, was ich getan habe. Ich schäme mich dafür, ich verabscheue mich dafür. Ich kann mir nicht einmal selbst in die Augen sehen, wenn ich daran denke. Wie wird Jungkook wohl darauf reagieren? Was wird er von mir halten, wenn er das erfährt?
"Ich habe sie zurückgelassen, als ich von Zuhause abgehauen bin", gebe ich es schliesslich mit belegter Stimme zu, "Ich habe sie im Stich gelassen, Jungkook..."
Daraufhin herrscht kurz Ruhe und ich erwarte bereits, dass Jungkook mir gleich sagt, dass er enttäuscht von mir ist, für diese Aktion, doch stattdessen spüre ich überraschenderweise, wie er seine andere Hand, die nicht auf meiner Brust liegt, an meine Wange legt und meinen Kopf so wieder zu sich dreht. Ich lasse es zu, doch seinen Augen weiche ich immer noch, stattdessen starre ich konzentriert den Knutschfleck an seinem Hals an, den ich vor nur wenigen Minuten dort hinterlassen habe. "Willst du mir davon erzählen?", fragt er leise und beinahe hätte ich aufgelacht; er klingt so sanft und einfühlsam - findet er es denn nicht widerwärtig, dass ich meine Schwester einfach im Stich gelassen habe, weil ich so ein egoistischer Mensch gewesen bin? Nimmt er das etwa einfach so hin? Ist es ihm egal?!
"Was soll ich dir darüber erzählen?", gebe ich beinahe frustriert zurück, mit rauer, leiser Stimme und da ich noch immer nicht auf in seine Augen sehe, erledigt Jungkook das für mich, als er seine Hand von meiner Wange unter mein Kinn wandern lässt und meinen Kopf dann sachte hochdrückt, sodass ich quasi gezwungen werde, in die dunkelbraunen Augen des Jüngeren zu schauen. Hilflos blicke ich ihn an und nehme das zarte Lächeln wahr, welches seine roten Lippen zieht. Er sagt einen Augenblick lang gar nichts, wir sehen uns nur still an, bis er sich wieder vorlehnt und mich sanft küsst. Ich erwidere auf den kurzen, zarten Druck, den seine Lippen auf meinen auslösen, bevor er sich auch schon wieder von mir löst und dafür seine Stirn behutsam gegen meine lehnt. "Alles, was du loswerden willst", erwidert er leise, "Sag mir das, wozu du dich bereit fühlst und was du mir erzählen willst - und wenn nicht, dann nicht."
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