09
Es fühlt sich wie das erste Mal an, dass Jeongguk die Wohnung betritt. Als wären da auf einmal wieder Plastiktüten in seiner Hand und als würde er nicht mehr wissen, wie er sich an diesem fremden Ort bewegen soll.
Sugar kommt in den Flur, um ihn zu begrüßen, schleicht um seine Beine herum und verschwindet wieder. Jeongguk fühlt sich, als hätte ihn jemand mit einem stupor verzaubert, wieder so, als wäre er gleichzeitig zu groß und zu klein. Mit geschlossenen Augen und ohne eine Pille unter der Zunge und den unerkennbaren Gesichtszügen einer fremden Person, die ihn hoch und höher zieht.
Er hat dieses Level an Intimität nüchtern niemals erreicht. Deswegen hat er gedacht, sich vorgestellt, dass er jetzt an Yoongi hängen würde, ihm die Kleidung vom Leib reißen würde, hungrig und verzweifelt, nach der langen Zeit des Wartens, und Knöpfe würden fliegen, Kleidung reißen, aber –
Es sind immer noch sie. So normal, dass es beinahe wehtut.
Und dann küsst Yoongi Jeongguk erneut, noch während sie im Flur stehen. Jeongguk bemerkt Jiyoons Puppe, die sie heute auf dem Weg zu Eunji vergessen haben und für die sie von Jiyoon ausgeschimpft worden. Er sieht sie auf dem Schuhregal liegen, bevor er seine Augen schließt und sich auf Yoongi einlässt. Yoongi küsst ihn tief und delikat, seine Hände ruhen sanft auf Jeongguks Kiefer. Jeongguk steckt alles von sich in diesen Kuss, die Augenbrauen verzogen, entschlossen dazu, es zum besten Kuss zu machen, den Yoongi jemals bekommen hat. Damit er vergisst, dass es überhaupt jemals jemand anderen als Jeongguk gab.
„Gut?", fragt Yoongi. Er drückt seine Stirn gegen Jeongguks, atmet schwer.
„Ich – ja", atmet Jeongguk ebenso schwer. Er spürt Yoongis Grinsen an seinem Mund und fängt seine Lippen erneut, küsst das Lächeln von seinem Gesicht.
„Willst du zuerst ins Bad gehen? Oder ich?"
„Hyung kann zuerst."
Jeongguk trinkt währenddessen ein Glas Wasser. Erst sitzt er im Esszimmer am Tisch, dann legt er sich auf die Couch im Wohnzimmer und schließlich traut er sich doch, in Yoongis Schlafzimmer zu gehen. Bisher war er hier noch nicht. Es riecht anders als in der restlichen Wohnung. Jeongguk setzt sich auf die äußerste Kante des Bettes. Er sitzt dort immer noch, als Yoongi aus dem Badezimmer kommt. Er sieht unverändert aus – die gleichen Klamotten, nur die feuchten Spitzen seiner Haare deuten an, dass er duschen war.
„Bad ist frei", sagt er.
Jeongguk nickt, steht auf. Fühlt sich nicht wie er selbst, während er das Zimmer durchquert und das Badezimmer betritt. Yoongi hält ihn auf, am Handgelenkt fest, während er sagt: „Es sind nur wir" und Jeongguk erneut küsst, als würde er nicht genug davon bekommen und Jeongguk öffnet sich ihm wieder und wieder, blüht, blüht, erblüht.
Er wäscht sich, schnell und ein wenig überstürzt, aber die Dusche bewirkt zumindest, dass er im Kopf wieder etwas klarer wird. Die Realität kommt bei ihm an und – zum ersten Mal seit einer langen Zeit – bricht sie nicht auf ihm zusammen, sondern setzt sich langsam, vorsichtig.
„Nur wir?", fragt Jeongguk, während er auf Yoongi zugeht. Seine Finger spielen mit dem Saum seines T-Shirts.
„Nur wir", versichert ihm Yoongi. „Darf ich dich küssen?"
„Natürlich", haucht Jeongguk. „Bitte."
Yoongi zieht ihn zu sich, solange, bis sich Jeongguk sanft neben ihn auf das Bett legt. Jeongguk glaubt, dass ihn noch nie jemand in seinem Leben so vorsichtig behandelt hat. Jeongguk glaubt, dass ihn noch nie jemand so vorsichtig geführt hat. Es war immer er – er war derjenige, der seine Eltern solange genervt hat, bis sie ihm eine Gitarre gekauft haben. Er war derjenige, der die Führung übernommen hat, als er mit fünfzehn Jahren eine Band gründen wollte. Derjenige, der selbst dem Entertainment monatelang gefolgt ist, bis sie ihn unter Vertrag genommen haben.
Es fühlt sich so gut an, die Führung jetzt abzugeben. Es fühlt sich so gut an, unter Yoongi aufzutauen.
Yoongis Hände streichen an seinen Rippen entlang, wandern langsam tiefer, über seinen Bauch, liebkosen die Haut dort. Jeongguks Finger verstärken ihren Griff um Yoongis Schultern, überprüfen, ob das wirklich passiert. Yoongis Haut unter seinen Berührungen, die Muskeln...
„Wirst du dich jetzt um mich kümmern?", scherzt Jeongguk.
„Wie ich es versprochen habe", antwortet Yoongi, überraschend ernst. „Hast du Vorlieben?"
Jeongguk schnappt nach Yoongis Unterlippe, küsst ihn erneut, diesmal aus Verlegenheit. „Nein, ist egal", plappert er. „Ist wirklich egal, ich hab' keine Vorlieben, ich will nur dich, will nur dich –" und er rollt sie herum, sodass er auf Yoongi liegt. Drückt sich gegen ihn. Seine Hände, sie umschließen Yoongis Gesicht, halten es an Ort und Stelle und fühlen sich richtig an. Er küsst ihn tief, vielleicht müssen sie heute Abend gar nicht so weit gehen, vielleicht brauchen sie dafür einen nüchternen Kopf und offene Augen. „Ich habe dich vermisst", gesteht Jeongguk in Yoongis Mund, „Hyung, ich habe dich so vermisst."
Yoongi denkt vermutlich, Jeongguk meint die letzten Wochen. Weil er zuletzt beschäftigter war und weniger Zeit hatte.
Was Jeongguk aber wirklich meint, sind die letzten neun Jahre. Von dem Moment an, an dem Jeongguk Yoongi zuletzt gesehen hat, als er sagte: herzlichen glückwunsch jeongguk-ah, wir haben ein tolles album erschaffen und die Tür direkt vor Jeongguks verwirrtem Gesichtsausdruck geschlossen hat. Bis zu dem Moment, an dem ein fremdes Kind auf ihn gezeigt hat, mitten im Supermarkt und Yoongi sagte: Min Jiyoon, bitte hör damit auf, fremde Menschen im Supermarkt zu belästigen.
Aber dann legt sich Yoongis Hand auf seinen unteren Rücken, geöffnet, und presst sie gegeneinander, als würde er wirklich wollen, dass ihre zerbrochenen Teile miteinander verschmelzen – dass sie gemeinsam ein Ganzes ergeben. Als würde er wollen, dass sie sich nie wieder trennen und – Jeongguk könnte sich irren, natürlich, vielleicht hat Jeongguk etwas missverstanden, so leise wie Yoongi spricht, aber – er flüstert: „Es tut mir leid. Es tut mir so leid, Jeongguk-ah." Als würde er sich dafür entschuldigen, dass er zugelassen hat, dass Jeongguk ihn vermisst hat.
Ich habe dich mein ganzes Leben lang geliebt – wäre es so falsch, es Yoongi jetzt zu sagen?
„Min Yoongi", flüstert Jeongguk, „ich glaube, ich will – "
Min Jiyoon,
ich weiß, dass du immer noch am lesen bist : - )
Aber um ernst zu bleiben: ich habe ihm an diesem Tag nicht gesagt, dass ich ihn liebe. Und ich habe es ihm auch nicht am nächsten Tag gesagt. Es hat Monate gedauert, bis ich mich deinem Vater so verletzlich zeigen konnte. Mich so öffnen konnte: Ich habe dich mein ganzes Leben lang geliebt. Ich verdanke dir alles. Ich habe dich so vermisst.
Er hat mich nicht angelogen. Er hat mir nicht gesagt, dass er mich auch sein gesamtes Leben lang geliebt hat.
Aber er hat mir gesagt, dass er mich sein restliches Leben lang lieben wird. Und ich glaube ihm. Natürlich tue ich das.
Yoongi blinzelt. „Wo gehst du hin?" Seine Stimme ist noch verschlafen. Er liegt auf dem Bauch, ein Arm ist unter dem Kissen vergraben. „Ist etwas passiert?"
Jeongguk hält inne, die Jeans gerade mal auf der Höhe seiner Oberschenkel. „Öhm. Nach Hause?"
Yoongi richtet sich mühsam auf. „Du bleibst nicht?"
Eine Pause. „Sollte ich?" Willst du, dass ich bleibe?
„Okay. Ich möchte keine Missverständnisse und gerade reden wir nicht unbedingt Klartext miteinander." Yoongi setzt sich auf den Rand seines Bettes. Jeongguk beobachtet seine hellen Beine, wandert höher, bleibt an dem Fleck hängen, an dem seine elastischen Boxershorts einen roten Abdruck auf seiner Hüfte hinterlassen. „Ich will dich zu nichts drängen. Wenn du einfach nur einen One-Night-Stand wolltest, ist das in Ordnung."
Das Problem mit der Formulierung ‚in Ordnung' ist, dass sie ziemlich vage ist. Jeongguks Hände lassen von seiner Jeans ab und er bleibt stillstehen, wagt nicht mehr, sich zu bewegen.
„Aber", und Yoongi leckt sich dabei über die Lippen, „ich dachte... es würde etwas bedeuten, weißt du? Nicht nur bedeutungslos sein? Ich würde mich wirklich, wirklich freuen, wenn du bleibst. Du solltest bleiben. Aber nur, wenn es das ist, was du auch willst."
Wie soll Jeongguk ihm sagen, dass bei Yoongi zu bleiben, alles ist, was er jemals wollte?
Er nickt. „Ich würde auch gerne bleiben."
„Gut", lächelt Yoongi. Er streckt seine Hände aus, bis er Jeongguks Hüfte umfassen kann. „Komm wieder her."
Jeongguk geht zu ihm. Yoongis Hände wandern, bis sie auf seinen Hüftknochen zum Erliegen kommen. Seine Daumen ziehen beruhigende Kreise über seine Haut. Er blickt zu Jeongguk auf und Jeongguk blickt zu ihm herab und zum ersten Mal fühlt er sie.
Yoongis Liebe für ihn. Die Art von Liebe, die er immer gewollt hat.
„Ich kann nicht glauben, dass ich dich jetzt wieder ausziehen muss", beschwert sich Yoongi spielerisch, ruiniert trotzdem die Stimmung damit und zieht halbherzig an Jeongguks Jeans. Jeongguk lacht und fühlt sich federleicht, stolpert über seine eigenen Füße, während er umständlich aus der Hose steigt, hält sich an Yoongis Schultern fest. Yoongi hilft ihm dabei, sich von der Jeans zu befreien und wirft sie in die hinterste Ecke des Raumes, nachdem Jeongguk sie wieder losgeworden ist.
Als er sich auf der Matratze zurücklehnt, zieht er Jeongguk mit sich.
„Hyung", flüstert Jeongguk. Seine Ellenbogen sind neben Yoongis Kopf abgestützt, sodass er über ihm ist, ihm ins Gesicht blicken kann. Yoongis Finger tanzen seinen Nacken entlang. „Ja?"
Ich liebe dich. Ich liebe Min Jiyoon. Ich will bei euch sein.
„Was hat sich verändert?", fragt Jeongguk stattdessen.
Yoongi lacht. Seine Augen formen sich dabei zu Halbmonden. Jeongguk will ihn für den Rest seines Lebens küssen. „Taehyung hat mir gesagt, ich sehe aus wie ein liebeskranker Idiot."
„Du siehst nicht – ", widerspricht Jeongguk.
„Du hast es vielleicht nie bemerkt, aber ich muss Taehyung Recht geben." Yoongi streicht eine Haarsträhne hinter Jeongguks Ohr. Er bewegt sich unter ihm, sodass sie ihre Positionen tauschen, behutsam, vorsichtig. Ihre Beine verschränken sich miteinander, das Bettlacken raschelt leise. „Jeon Jeongguk, warum hast du nie meine Liebe für dich bemerkt?" Yoongi presst seine Lippen gegen Jeongguks Stirn. „Ich koche für dich, ich fahre dich und Jiyoon wohin auch immer ihr wollt, selbst wenn ich am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen will. Ich treffe deine Freunde und ich kaufe immer deine Lieblingssnacks im Supermarkt..."
„Kein Vorwurf", sagt Jeongguk und lächelt Yoongi an, „aber das ist ein schlechter Weg, um jemanden deine romantische Liebe zu zeigen. Wie soll ich da irgendwas bemerken?"
„Okay", stimmt Yoongi ihm zu. Er küsst Jeongguks Kiefer entlang, tiefer, mit geöffnetem Mund, nicht mehr und nicht weniger. „Ich werfe dir Blicke zu, als würde ich dich aufessen wollen."
Jeongguk verschluckt sich. „Das ist lächerlich."
„Naja, es ist das, was Taehyung zu mir gesagt hat", protestiert Yoongi.
„Du solltest ihm nicht bei allem zuhören, was er zu sagen hat."
„Okay, dann - wie wäre es damit? Du bist mein liebster Mensch auf dieser gesamten Welt", flüstert Yoongi und küsst ihn auf den Mund, bis Jeongguk die süßesten Geräusche von sich gibt. Seine Handinnenfläche presst sich gegen Jeongguks Brust, genau auf die Stelle, unter der sein Herz gegen seine Rippen schlägt. Yoongi bricht den Kuss und bahnt sich eine neue Spur an seinem Hals entlang, tief, tiefer. „Das warst du schon immer. Ich hätte niemals zugestimmt, ein ganzes Album zu produzieren, wenn es nicht für deine Bambi-Augen und dein verrücktes Talent gewesen wäre."
Jeongguk vergräbt seine Hände in Yoongis Haaren. „Hyung..."
„Ja? Was möchtest du sagen?"
Das Telefon klingelt.
Yoongi und Jeongguk lösen sich augenblicklich voneinander. Jeongguk findet das Telefon zuerst, registriert nebenbei kaum, dass es bereits drei Uhr in der Früh ist, und nimmt den Anruf entgegen.
„Jeon Jeongguk am Apparat?"
„Oppa!", weint Jiyoon, „hol mich ab. Ich kann hier nicht schlafen. Ich will nach Hause."
Verdammte Scheiße.
Min Jiyoon,
ich glaube, du kennst den Rest.
Dein Vater stöhnt und wir kommen dich abholen, so, wie wir es versprochen haben. Von diesem Tag an hasst du es, irgendwo anders zu übernachten und selbst als Teenager verbringst du die Nächte nie bei deinen Freunden.
Naja, es ist gut für meine mentale Gesundheit, schätze ich. Auf diese Weise mache ich mir weniger Sorgen um dich. Auch, wenn ich dafür deine Pyjama-Partys in unserer Wohnung ertragen muss.
Die Halle ist größer, als Jeongguk erwartet hat, und umfasst mehr Journalisten, als Jeongguk sich vorgestellt hat, hier zu sein. Vielleicht muss es so sein, wenn der frühere Leader der berühmtesten Band der Welt beschließt, eine Pressekonferenz abzuhalten.
Die ersten Fragen sind etwas bedeutungslos – sie fragen ihn, ob er weiterhin mit den anderen Membern in Kontakt steht (ja), ob er noch Musik macht (ja) und ob er plant, diese bald zu veröffentlichen (nein). Danach fragen sie ihn etwas persönlichere Fragen, ob es Taehyungs Kindern gut geht (ja, er und Jeongguks Familie haben kürzlich Jeju zusammen besucht), fragen ihn nach den Gerüchten um Jimins Hochzeit (aber Jimin hat Jeongguk darum gebeten nichts zu verraten, nicht einmal, dass er ihn gefragt hat, ob er sein Trauzeuge sein will, also sagt Jeongguk den Journalisten, dass er nicht mehr so eng mit Jimin befreundet ist, wie sie es sich vermutlich vorstellen).
Und dann – endlich – stellen sie Fragen zum Buch. Der Grund, warum sie überhaupt hier zusammengekommen sind.
„Hallo. Ich bin Park Seohoon, Starlight Magazine."
„Ja", summt Jeongguk ins Mikrofon. Er verbeugt sich kurz. „Hallo."
„Ich fasse das Buch ganz kurz zusammen. Es geht um eine Frau, die sich in einen Mann verliebt – "
„Einspruch!", mischt sich jemand anderes aus dem Publikum ein. Es wird gelacht. „Entschuldigung, aber ich glaube, dass die Frau diesen Mann ihr ganzes Leben lang geliebt hat."
„Einspruch stattgegeben", lacht Jeongguk mit ihnen. Er spielt ein bisschen mit dem Mikrofon in seine Hand. „Aber lassen Sie Park Seohoon-ssi ausreden."
„Ja, Entschuldigung. Also es geht um diese Frau, die einen Mann liebt, und dann lernt, ebenfalls die Tochter zu lieben, die in der ersten Ehe entstanden ist."
„Ja", sagt Jeongguk.
„Auch wenn das Buch aus der Perspektive einer dritten Person geschrieben wurde, fand ich, waren die Briefe ein interessanter Weg, die wahren Gefühle der Frau gegenüber dem Kind zum Ausdruck zu bringen."
„Warum?", erkundigt sich Jeongguk. Er lächelt weiterhin. „Vielen Dank."
„Ich bin mir sicher, dass nicht alle Frauen das tun könnten."
„Einspruch!", wieder die gleiche Stimme. Wieder Gelächter in der Halle. Es ist definitiv die Stimme einer Frau, aber Jeongguk kann sie nicht eindeutig erkennen – sie sitzt im hinteren Bereich der Halle, versteckt hinter ihrem Laptopbildschirm.
„Ich denke, es geht hier nicht um Geschlechter. Es geht um Menschen. Im Generellen. Nicht jeder Mensch ist bereit dazu, sich jeden Tag sein Herz brechen zu lassen. Eine konstante Erinnerung daran, dass es im Leben des wichtigsten Menschen in deinem Leben, noch jemand anderes gab. Dass diese andere Person wichtig genug war, um ein gemeinsames Kind zu bekommen."
„Das ist ein interessanter Gedanke", wendet Jeongguk ein. „Vielen Dank. Park Seohoon-ssi?"
Der Journalist räuspert sich. Er verlagert sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Er blickt auf die vorbereiteten Notizen in seinen Händen. „Außerdem... ist diese Frau... unfruchtbar."
„Ja", stimmt Jeongguk zu. Er weiß nicht, wohin diese Aussage führen soll, aber er mag das Gefühl nicht, dass sie ihm gibt.
„Was denken Sie, gibt Ihnen das Recht über solch ein Thema zu sprechen?", fragt Park Seohoon.
Jeongguk öffnet seinen Mund, aber ein tiefes Seufzen aus dem hinteren Teil der Halle erreicht die Zuhörer:innen zuerst.
„Das ist unprofessionell, Park Seohoon-ssi", sagt die Stimme. „Sie hätten zumindest Wikipedia zu diesem Thema befragen können, bevor Sie hergekommen sind, oder? Offensichtlich spricht Jeon Jeongguk-ssi über sein eigenes Leben. Über seine familiäre Geschichte. Sogar der Beginn des Buches sagt: für dich, Jeongguks Mum, die den Namen immer stolz getragen hat, trotz der Strapazen, die damit verbunden waren."
„Keine Sorge, junge Frau, mir ist absolut bewusst, dass diese Frau den Vater von Jeon Jeongguk einer anderen – "
„Sie waren nicht einmal mehr verheiratet, als Jeongguks Mutter ihn kennengelernt hat!"
Jeongguk blinzelt. Die beiden Reporter kennen sich besser im Liebesleben seiner Eltern aus, als er selbst es tut. Er sieht dabei zu, wie die Sicherheitskräfte die beiden Journalisten aus der Halle führen. Sie diskutieren immer noch miteinander, selbst, nachdem die Türen hinter ihnen geschlossen werden.
„Öhm", räuspert sich Jeongguk unangenehm. „Sollen wir weitermachen?"
Von da an sind die Fragen beantwortbar und Jeongguk geht sie alle rasch hintereinander durch. Manche bringen ihm Blumen mit. Manche fragen ihn nach dem Interview nach einem Autogramm. Viele der Frauen sagen ihm, dass sie sein Fan waren, als sie jünger waren, und Jeongguk fühlt eine Welle der Nostalgie über sich hinweg schwappen.
Nichtsdestotrotz ist er froh darüber, als die Pressekonferenz zu Ende ist. Er war seit Jahren nicht mehr im Scheinwerferlicht und es fühlt sich danach an, als hätte das Publikum an seiner Seele gezogen und gezerrt. Hinter der Bühne warten bereits Jiyoon und Yoongi auf ihn.
„Hey", Yoongi greift nach seinen Fingern, „bist du okay?"
„Ein bisschen erschöpft", gibt Jeongguk zu. Er drückt Yoongis Finger zurück, nur eine Sekunde lang, dann lässt er los.
„Wir sollten nach Hause gehen", befiehlt Jiyoon befehlerisch wie immer. Sie lässt ihren Handybildschirm kurz aufleuchten. „Oma schreibt mir andauernd, dass das Essen schon kalt wird."
Jeongguk lächelt sie an. Er streckt seine Hand aus, damit er ihre Haare durcheinanderbringen kann – in den letzten Jahren hat sie gelernt, wie sie sie selber stylen kann, wie sich Makeup aufträgt und alles andere, was danach gekommen ist. Sie schnippt seine Hand weg, ohne mit der Wimper zu zucken und mit ernstem Gesichtsausdruck, dann gibt sie nach und tritt stattdessen einen Schritt näher, um sich an ihn zu kuscheln.
Teenager sind seltsam.
Jeongguk hat Jiyoon trotzdem in all den Jahren geliebt, die er sie aufwachsen gesehen hat.
Sie verschränkt ihren Arm mit seinem, zieht ihn aus der Halle hinaus auf die Straße. Jeongguk blickt über die Schulter um sicherzugehen, dass Yoongi ihnen folgt. Yoongi geht gemütlich, seine Hände in den Jackentaschen vergraben, und er hat so ein massives, verzücktes Lächeln im Gesicht, dass Jeongguk denkt, dass es das Jahr wert war. Das Jahr, das er gebrauch hat, um sein Buch zu schreiben, sich selbst und seine Familiengeschichte detailliert darzulegen, es war es wert. Natürlich war es das wert.
Jeongguk hält kurz an, greift mit seiner Hand nach Yoongis, um sie zu halten. Jiyoon seufzt, präsentiert damit einen neuen Charakterzug, den sie neu gelernt hat: von jeder noch so kleinen, liebevollen Geste genervt zu sein, die er und Yoongi austauschen. Ihr Arm löst sich von Jeongguks. „Kannst du mir schon mal die Autoschlüssel geben? Ich will es schon mal aufmachen, während du noch mit Dad kuschelst..."
„Sicher. Kann ich sie werfen...?"
„Na klar. Ich werde sie fangen."
Also wirft er die Schlüssel und sie fängt sie auf und macht sich augenblicklich auf den Weg zum Parkplatz, wo sie ihr Auto früher am Abend abgestellt haben. Yoongi drückt Jeongguks Hand, verschränkt ihre Finger miteinander. Es ist Spätsommer, schon Abend, und die Sonne beginnt bereits unterzugehen. Jeongguk passt seine Geschwindigkeit der von Yoongi an und jetzt schlendern sie beide gemütlich hinter Jiyoon her.
„Ich bin stolz auf dich", sagt Yoongi. „Ich bin so, so, so stolz auf dich."
„Danke", sagt Jeongguk. Er möchte Yoongi wirklich, wirklich, wirklich gerne küssen, um ein bisschen Komfort zu finden, direkt hier, aber – nicht hier. Natürlich nicht hier.
Außerdem hat sich Jiyoon heute schon genug über sie lustig gemacht.
Es ist nicht so, dass sie die Idee von ihnen beiden als Paar nicht mag. Jeongguk vermutet, dass wenn sie sich zwischen ihm und Jisoos neuem Ehemann entscheiden müsste, ihn wählen würde. Es war nur seltsam zu verstehen, dass der beste Freund deines Vaters, sowas wie dein älterer Bruder, dein Oppa, scheinbar etwas mehr als das ist. Sie hat es für eine Weile vermutet, aber ehrlich und offen zu ihr zu sein, war für sie alle drei etwas kompliziert.
Sie lernen immer noch, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Jeongguk hofft, dass sie eines Tages – dass sie ihn eines Tages akzeptieren wird. Auf die gleiche Weise, wie seine Mutter ganz schnell zu ihrer Großmutter geworden ist. Er träumt davon, Jiyoon auch auf diese Art nah zu sein. Aber selbst, wenn es nie so wird, wenn er immer nur Jeongguk-Oppa bleibt, das fünfte Rad am Wagen sozusagen, dann wird er damit zurechtkommen. Ein bisschen Liebe ist immer noch besser als gar keine.
„Papa!", beschwert sich Jiyoon. Sie ist schon beim SUV angekommen, eine kleine Person neben dem großen Familien-SUV, und sie wirkt aufgeregt und nervös.
Yoongis Kopf schwingt in ihre Richtung. „Ja, mein Schatz?"
Jiyoon wischt seine Antwort unwirsch zur Seite. „Nicht du!" Sie sagt es mit einem empörten Unterton. Das nächste Mal, als sie zum Sprechen ansetzt, ist es sanfter und noch aufgeregter. „Papa! Papa, guck mal her!"
Jeongguk guckt Yoongi geschockt an. Er deutet auf sich selbst. „Meint sie... mich?"
„Paapaaaaa", ruft Jiyoon erneut, „ich werde nicht jünger hier. Jetzt guck her!"
Sie wiederholt die Worte so oft, unnötig oft. Als würde sie wirklich wollen, dass Jeongguk endlich zu ihr hinsieht, während sie ihn ruft.
„Schau zu ihr, Jeongguk-ah", flüstert Yoongi.
Also sieht Jeongguk hin.
Und sie strahlt ihn an, mit dem Zahnfleischlächeln, und es ist wunderschön, sie ist das schönste Mädchen, das Jeongguk jemals angesehen hat. Sie winkt ihm zu. „Ich konnte es vorher nicht zu dir sagen, aber – " Sie atmet so tief ein, wie sie nur kann. Dann ruft sie: „Ich liebe dich! Ich bin stolz auf dich! Du bist der Beste! FIGHTING, Papa!"
Für die Person, die er ist. Dafür, dass er endlich am richtigen Ort ist, zur richtigen Zeit. Dafür, dass sie ihm gute Dinge sagt,
Min Jiyoon,
ich danke dir.
- Ende -
Ihr Lieben,
ich war schon so lange weg, aber ich werde noch länger weg sein. Ich hoffe, ich komme nächstes Jahr wieder. Ein paar Geschichten warten noch auf meinen Computer, in meinem Kopf, in meinen Fingern. Ich möchte sie schreiben, aber ich weiß nicht wann.
Ich drücke euch. Ich freue mich darauf, euch (wieder) zu lesen. <3
Vikki
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