Tempel
Ohne hinzublicken, merkt Lucifer die entgeisterten Blicke der anderen beiden auf die Treppe. Leuchtend rote Torbögen sind am Anfang platziert und immer wieder in regelmäßigen Abständen folgt ein neuer die Treppe hinauf, bis zum Ende des Hügels, auf dem der Tempel vom umliegenden Wald umschlossen ist.
Er erwischt sich selber dabei, wie er mit den Fingern vorsichtig über die genähte Wunde an seiner Wange streicht. Den Faden und die Nadel dafür hat Yuna in einem Dorf besorgt, in dessen Nähe sie eine Pause gemacht haben. Lucifer selber konnte wegen seiner Wunde und der Möglichkeit auf Wachen zu treffen, die von den Geschehnissen von Stecro wissen, das Dorf nicht betreten.
Ohne weiter Zeit zu verschwenden schreitet Lucifer auf die Treppe zu. „Du willst da wirklich jetzt hoch gehen?" kommt es von Yuna, die nicht wirklich begeistert ist Treppen zu steigen. „Entweder das oder du pennst in deinem Truck mit einem leeren Magen. Ich komme nicht herab und bringe dir was zu Essen." Lucifer hört hinter sich die sachten Schritte von Ashura. Ein kleines Lächeln breite sich auf seinem Gesicht aus, als er auch die hungrigen Schritte der Mechanikerin hinter sich hört, seine Aufmerksamkeit bekommt jedoch eine flinke Bewegung am oberen Ende der Treppe.
„Denkst du wirklich, die werden uns für die Nacht hier ein Zimmer geben, geschweige dem etwas zu Essen?" „Werden sie." beschwichtigt Lucifer die Frage von Ashura. „Wie kannst du dir da so sicher sein?" ist Yuna verwundert. „Owari." gibt er nur als Antwort.
Sichtbar verkneift sich Yuna weitere Fragen, bis sie am Ende der Treppe angekommen sind.
Drei längliche Gebäude umschließen in einer U-Form eine grüne Wiese, die mit ein paar wenigen Schotterpfaden durchzogen sind. Genau in der Mitte der Wiese steht ein einzelner Kirschbaum, dessen leuchtend rosane Blüten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die karminroten Gebäude haben hölzerne Wege vor sich gebaut, welche zu Schiebetüren führen, in einer Färbung, die Papier ähnelt.
„Scheinbar ist der Tempel verlassen." kommt es verwundert von Yuna. Lucifer hingegen Schüttelt den Kopf, während er nach jemanden ruft. „Wir warten hier kurz." Er blickt zu Ashura, die mit weiten Augen den Kirschbaum bewundert.
„Ich habe noch nie so einen Baum gesehen." Eine der Blütenblätter gleitet vor ihren Augen zu Boden. „Das ist eine Japanische Blütenkirsche. Sie wachsen hier eigentlich nicht Natürlich, weshalb man sie angepflanzt haben muss. Wir hatten bei uns in Rifa auch eine am westlichen Ortsrand."
Lucifer dreht schon instinktiv seinen Kopf in Richtung der fremden Schritte. „Man muss jedoch eine Blütenkirsche gut pflegen, damit sie auch im Frühling gut aussieht." meint der junge Mann, der aus eine der Türen von dem rechten Gebäude gekommen ist.
Ein schwarzes Hemd sitzt glatt über einem weißen unterteil. Passend dazu trägt der Mann eine dunkle Anzugshose und Lederschuhe. Die dunklen Haare wurden zur Seite gekämmt, wodurch er einem Beamten sehr ähnelt.
„Willkommen in unserem Tempel." grüßt er die drei. „Mein Name ist Haru. Wie kann ich euch helfen?" Ein freundliches Lächeln ziert sein schmales Gesicht, wobei er jedoch die Gäste deutlich mustert. „Guten Abend." übernimmt Lucifer freundlich das Wort. „Wir sind lediglich auf der Durchreise und haben zufällig die Treppe hier hoch zu eurem Tempel gefunden. Da dachten wir uns, ob wir nicht eventuell hier die Nacht verbringen und etwas Essen können?"
„Ich versteh ihre Situation. Natürlich dürfen sie hier eine Nacht verbringen, jedoch würde ich sie direkt bitten, ruhig zu sein und die Zimmer möglichst nicht zu verlassen, da wir hier auch Waisenkinder haben, die bereits schlafen. Zu ihrem Glück haben wir für solche Fälle immer Gästezimmer vorbereitet."
„Endlich wieder eine Warme Mahlzeit." freut sich Yuna schon. Diese Freude wird von dem Gastgeber jedoch schnell zerstört. „Es tut mir leid, jedoch haben wir derzeit nur etwas Brot, Wurst und Käse hier, sowie Wasser. Wir besorgen erst in zwei Tagen wieder neue Nahrungsmittel. Würden sie mir dann bitte zu den Zimmern für sie folgen." Niedergeschlagen folgt Yuna ihm.
Ashura nagt ein wenig an der Brotkruste herum, während sie es sich auf der Bodenmatt, auf denen sie schlafen sollen gemütlich gemacht hat. Bis auf die Matten, Kissen und Decken ist das Zimmer komplett leer.
„Er hätte wenigstens dir ein eigenes Zimmer geben können." ist Yuna ein wenig beschämt, das sie mit Lucifer und Ashura in einem Zimmer schlafen soll. „Recht machen kann man es dir aber auch nicht." lacht Lucifer vorsichtig. „Eigentlich sollte es für dich doch eine Ehre sein mit zwei Ghosts in einem Zimmer schlafen zu können." „Warte!? Sie ist auch ein Ghost!" bricht es überrascht aus Yuna heraus und ihr Blick springt sofort zu Ashura, die sich von ihr weg dreht. „Ihr habt scheinbar nicht wirklich miteinander im Truck geredet." belächelt Lucifer die beiden und spielt bewusst ein wenig mit seinem Nebel herum, wobei er ihn viele unterschiedliche Formen und Farben annehmen lässt. Still staunend beobachtet Yuna seine Kunst. „Wie ... Wie machst du das?" interessiert sie sich dafür.
Wieder gibt Lucifer die selbe Antwort: „Owari." „Owari gibt ihren Ghosts jedes Wissen über Kampf, Kriege, den Fähigkeiten und vieles weiteres, wobei die Ghosts es nicht mal bemerken, das sie es verwenden." kommt es zögernd von Ashura, die ihr Brot beiseite legt und zwischen zwei ihrer Fingern ein perfektes Spinnennetzgewebe aus Eis entstehen lässt. „Also wisst ihr sogut wie alles, was es gibt und was möglich ist?" möchte die Mechanikerin noch einmal bestätigt haben. „Nein. Das, was wir wissen hilft uns nur im Krieg. Für Krieg wurden wir wiedergeboren, für nichts anderes." wendet Lucifer ein und rutscht zu Ashura rüber, wobei er ihr mal wieder die Kapuze vom Kopf zerrt, worauf Ashuras Schutzreaktion wieder folgt. „Über Tiermenschen müssen wir uns alles selber beibringen." belächelt Lucifer den unbezahlbaren verwunderten Blick von Yuna.
Zeitgleich entsteht an der Schiebetür eine Menge von Lucifers Nebel, mit dem er die Tür komplett aufreißt. Geschockt von der Plötzlichkeit Lucifers blicken die beiden Mädchen zur Tür, hinter der ein Junge steht, der Höchstens zehn sein könnte. Seinen Körper zieren ein paar alte Kleider, die jedoch noch in gutem Zustand sind. Die Aufmerksamkeit bekommen jedoch die beiden schlappen Hundeohren auf seinem Kopf.
Eilige Schritte nähern sich aus dem Flur, in dem der Junge steht, während Lucifer zu ihm eine freundliche Lektion gibt: „Man sollte keine Gäste belauschen, kleiner. Man könnte Sachen erfahren, die man ihm Nachhinein bereut, gehört zu haben." Lucifer schenkt dem geschocktem Gesicht des Jungen ein Lächeln, als eine Miko zu ihm gestürmt kommt.
„Adrian!" ruft sie wütend, als sie vor der geöffneten Tür erscheint.
Ihre Socken glänzen strahlend Weiß auf dem dunklen Holzboden, den man nicht mit Schuhen betreten soll. Dennoch werden sie größtenteils von ihrem scharlachroten Hakama verdeckt, der durch ihre Eile etwas aufgeflattert ist. Genau so sind die weiten weißen Ärmel mit den roten Bändern am Ende aufgeflattert. Diese sind jedoch nicht mit dem Kimono von ihr verbunden, weshalb ihre blasse Haut an den Schultern bis zur Hälfte ihres Oberarms frei ist. Dadurch erkennt man auch, wie ihre schwarzen, enganliegende Handschuhe bis zum Oberarm gehen. Ihre Fingernägel, die von den Handschuhen nicht verdeckt werden, sind wie die von Ashura, krallenartig. Mit ihren tiefroten Augen blickt sie überrascht zu den Gästen ins Zimmer und verharrt ein paar Sekunden in ihrer Position, bis sie beginnt zu Realisieren.
„Du musst jetzt nicht panisch weg rennen mit dem Jungen, nur weil du eine Vulpo bist." lächelt Lucifer, wobei er genau auf ihre weißen, spitzen Ohren auf ihrem Kopf mit den kurzen Haaren und ihrem weißen flauschigen Schwanz, der hinter ihrem Körper nicht versteckt ist, abspielt.
Verwirrt blickt die Miko zu Lucifer und beginnt leicht Rot zu werden. „Ashura." reicht der Name von Lucifer gesagt, so das sie ihre Kapuze erneut absetzt. Zeitgleich beginnt der Junge auf Lucifer zu Zeigen und stammelt. „E... Er ist ein Ghost." Die Miko dreht sich mit einem schmalen Lächeln zu dem Jungen und lacht: „Jetzt sei doch nicht lächerlich. Owari meint doch in unseren Träumen, sie würden erst in..." kleiner aber dichter Faden aus Nebel zieht vor ihren Augen vorbei. Mit weiten Augen verfolgt sie den Faden bis hin zu Lucifers Fingern, um denen sich der Faden wie eine Schlage wickelt.
„Der Kleine hat uns beobachtet, wie wir Yuna unserer Fähigkeiten demonstriert haben." nuschelt Ashura und setzt ihre Kapuze wieder auf, trotz der Anwesenheit von anderen wie sie. Lucifer hingegen lächelt schelmisch: „Wenn ich wetten darf," wendet er sich an die Miko, „Owari hat mit euch letzte Nacht gesprochen und meinte irgendetwas von: ‚Bald werden zwei meiner Ghosts bei euch erscheinen und sich euch preisgeben.' So würde ich sie zumindest einschätzen." Hinter ihm gibt Ashura ein zustimmendes Nicken.
Noch immer verwirrt, verneigt sich die Miko kurz vor den Dreien, wobei ihre Ohren leicht Zucken. „Bitte entschuldigt, das wir euch nicht würdig empfangen haben. Ich werde sofort mit unserem Verwalter Haru reden." lächelnd richtet sie sich wieder auf und packt den Jungen am Arm. „Und du kommst jetzt mit. Schon schlimm genug, das du dich zur Gebetszeit einfach entfernt hast." „Aber Frau..." „Kein aber!" faucht sie den Jungen an und zerrt ihn weg.
Als Lucifer sich zu Yuna umdreht, bemerkt er, wie sie schon wieder vor sich anfängt zu Murmeln und dabei auf den Boden vor sich starrt. Kopfschüttelnd steht er langsam auf und wendet sich an Ashura, die den Rest des Brotes schnell verschlingt, bevor es noch eine Störung gibt.
„Ich gehe raus eine Rauchen. Kannst du ihr Helfen wieder zur Besinnung zu kommen, Ashura. Ansonsten befürchte ich, das wir sie irgendwann noch verlieren könnten." „Muss ich wirklich?" murrt sie, als Lucifer schon im Flur steht, die Tür in einer Hand haltend. „Musst du entscheiden. Mir ist es relativ egal, da es nicht mein Schaden ist." gibt er als Antwort und schiebt die Tür wieder zu.
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