Weichen

Ich weiche aus. Weiche zurück. Entweiche mir. Stehe auf Gleisen, auf Eis, auf einem Seil. Der Zug sich nähernd, das Eis brechend, das Seil schwingend. Die Tiefe nah. Zu nah.

All die Probleme hätte ich vielleicht nicht bekämpfen können, aber ich hätte sie angehen können. Sie schrumpfen lassen. Doch anstatt zu versuchen, sie aus dem Weg zu räumen, stellte ich sie bloß in die Abstellkammer und schloss die Tür.

Und es geht mir gut. Solange ich genug zu tun habe, sodass mir keine Zeit bleibt, mich daran zu erinnern, was sich hinter dieser Tür befindet, ist alles okay. Und deshalb weiche ich aus. Weil ich mir den Tag vollstopfe mit Pflichten, Aktivitäten, Ablenkung, und weil mich das zwar fertig macht, aber ich keine Zeit habe, es zu bemerken oder zu ändern. Weil ich das auch gar nicht will.

Ich will ignorieren, vergessen, und weiter machen, von vorne anfangen, so tun als wäre nichts. Weil es dann auch nichts gibt, das mich belasten oder herunterziehen kann. Weil es sich dann so anfühlt, als wäre die Abstellkammer leer.

Dabei ist der Zug direkt vor mir, die Kälte direkt unter mir, und der Abgrund nur Sekunden entfernt. Und deshalb weiche ich zurück. In der Hoffnung, mich retten zu können und alles wieder in Ordnung zu bringen. Aber das bringt rein gar nichts, außer noch mehr Probleme, die sich schon bis zur Decke stapeln und bald über die Türschwelle hinauswachsen. Während ich nur noch schrumpfe, unter den Problemen zusammenbrechend, bis das Eis unter mir das Selbe tut.

Ich bin weder am Anfang, noch am Ende. Ich bin mittendrin und war gleichzeitig nie dabei. Ich warte auf die Hoffnung eines Neuanfangs oder auf die Akzeptanz einer Veränderung, aber nichts passiert. Habe es verpasst, die Weichen zu stellen, an Land zu gehen, mich davon abzuhalten, mich in Gefahr zu begeben. Bin einfach weiter gelaufen, ohne zu wissen warum, oder wie lange, oder wohin. Und deshalb entweiche ich mir. Weil ich mir nicht erklären kann, wie ich hier hin gekommen bin. Weil das nicht ich bin, die gleich mit dem Zug, mit der Kälte, mit dem Abgrund, kollidieren wird.

Es fühlt sich falsch an, obwohl ich nicht sagen könnte, ob es überhaupt etwas gäbe, das sich richtig anfühlt. Doch immerhin ist das Ende nah. Weil ich nicht mehr ausweichen, zurückweichen, entweichen kann. Weil es für eine Rettung zu spät zu sein scheint. Aber dann kann der Anfang wenigstens nicht weit sein.

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