Freunde.

Armut. Hunger. Not. Drei von vier Sachen, die auf der Straße alltäglich sind. Drei Sachen die, die junge Edith gut genug kennt. Sie lebt schon lange auf der Straße und hat ihre ganz eigenen Methoden zu überleben. Doch seit sie Devran kennt, den Sohn des viert reichsten Mannes in Palan, der größten Stadt am Meer, geht es ihr um Welten besser.

Nachts, wenn sie sich heimlich an einem alten verlassenen Haus treffen, bringt er ihr manchmal irgendwelche Dinge mit, die ihr in irgendeiner Weise nützen könnten. Sie hat schon sehr viel von ihm bekommen, wie Geld oder wertvollen Schmuck, den sie am nächsten Tag irgendwo verkauft hat, manchmal brachte er ihr auch Essen mit, so wie das ein oder andere Taschenmesser. An manchen Tagen hat sie ein ziemlich schlechtes Gewissen, schließlich kann sie ihm all das niemals zurückzahlen. Oder etwa doch? Sie sitzt schon seit einer Viertelstunde auf der Mauer und grübelt über irgendeine Möglichkeit sich zu revanchieren. Doch ihr will einfach nichts einfallen. Als aus ihrem Kopf immer noch keine Ideen kommen wollen, muss sie einen genervten Aufschrei unterdrücken. Das kann doch nun wirklich nicht sein! Warum fällt ihr in so einer Sache nie irgendetwas ein?

In ihren Gedanken vertieft bemerkt die Dreiundzwanzigjährige gar nicht, wie sich ihr ein Junge von hinten nähert und schnell die Augen zu hält. Er muss nicht einmal irgendetwas sagen, denn sie weiß sofort wer er ist.

"Devran. Komm lass das.", flüstert sie leise und zieht seine Hände von ihren Augen runter.
"Was denn? Freust du dich nicht mich zu sehen?", frägt er gespielt beleidigt.
"Doch schon.", entgegnet sie schnell und entlockt ihm ein zartes Lächeln, "Aber ich hab' dich nicht kommen sehen und du weißt schon..."
"Ja, ich weiß. Die Erlebnisse auf der Straße.", vervollständigt er ihren Satz und fährt ihr mit seinen großen Händen durch die dunkelbraunen Haare, die weder gekämmt noch gewaschen sind, und das seit längerer Zeit, "Da musst du vorsichtig sein. Das erzählst du in letzter Zeit bei beinahe jedem Treffen", als sie seine Hand wieder weg stößt, und dieses Mal heftiger, runzelt er nachdenklich die Stirn.

Irgendetwas ist heute total anders, sonst ist sie doch nicht so ernst. Normalerweise macht Edith jeden Spaß mit und das schon seit sie sich kennen, aber diese Veränderung macht sich nun schon seit vielen Wochen bemerkbar. Früher oder später würde sich das hoffentlich wieder ändern, denn die neue Edith war ihm längst nicht so sympathisch wie die Alte. Der sonst so aufmerksame und neugierige Blick der jungen Frau ist längst verschwunden. Ihre eisblauen Augen wirken müde und desinteressiert. Allgemein ist sie ziemlich anders geworden, wenn er nur daran denkt, dass sie früher einmal so stark und selbstbewusst war, und jetzt zeigt sie Emotionen, sieht oft verweint aus und selbstbewusst ist sie auch nicht mehr so wie früher. Sie hat vor einiger Zeit noch jeden Spaß mit gemacht, war offen und ehrlich zu jeder Person, die sie getroffen hat. Und damals war es ihr noch egal, dass er zu den reichsten Familien dieser Stadt gehört. Aber in letzter Zeit erwähnt sie immer und immer wieder die Unterschiede, die verhindern, dass die zwei sich näher kommen könnten. Ständig erzählt sie von ihrer Welt und der von Devran. Die Welt der Armen und die der Reichen. Sätze wie »Vielleicht wäre es besser, wenn jeder von uns seinen Weg geht« fallen immer häufiger und auch kleine und große Streitigkeiten kommen öfter vor. Irgendetwas hat sich bei Edith verändert und egal was es ist, er möchte es noch heute heraus finden. Fragt sich nur wie er das anstellen könnte.

"Wollen wir...ähm...zum Springerfelsen?", unterbricht sie plötzlich die Stille zwischen ihr und ihm.
"Klar", meint Devran nur, "Da waren wir schließlich lange nicht mehr"
Und es ist tatsächlich die Wahrheit, schon seit einigen Monaten haben sie den Felsen am östlichen Strand nicht mehr gesehen. Dieses Gestein ist von einem großen Wald umgeben, und wenn man die kleine Kletterpartie bis nach oben geschafft hat, schaut man dreizehn Meter in die Tiefe zum Meer, die Wellen peitschen unaufhörlich gegen den Fels.

Devran ist bisher nur zweimal mit Ediths Hilfe dort hinauf geklettert, und doch erinnert er sich wie es dort oben ist, wie als wäre er täglich auf dem Springerfels. Ein einziges Mal haben sie sich sogar am Tag getroffen, das war das erste Treffen an diesem Fels, um die Klippenspringer bei ihren waghalsigen Sprüngen zu beobachten. Nach etwa fünf Minuten erreichen die beiden den Wald. Edith, die schon viel öfter auf dem Springerfelsen war, führt Devran zielstrebig den richtigen Weg entlang. Mittlerweile ist sie aufgetaut und sie unterhält sich mit dem Zwanzigjährigen über belanglose Dinge, die seit dem letzten Treffen passiert sind. Eigentlich ist alles so wie immer. Doch Edith weiß, dass es nur so wirkt als ob, denn sie kennt die Pläne, von denen er leider nicht einmal ansatzweise etwas mitbekommen hat.

"Da vorne ist er schon!", ruft Devran begeistert aus.
"Echt? Den hätt' ich jetzt nicht selbst gesehen", antwortet Edith mit einem sarkastischen Unterton. Er kennt sie sowieso nicht anders und irgendwie freut er sich über diese Antwort, denn trotz der Veränderungen hat sie wenigstens ihren Sarkasmus beibehalten.

"Es ist schön Mal wieder hier draußen, anstatt nur bei dem verlassenen Haus, zu sein", flüstert er leise und folgt ihr weiter. Der Fels kommt immer näher und auch die salzige Brise des Meeres wird immer intensiver, die junge Frau geht immer schneller den Trampelpfad, der in einer Schlangenlinie zum Springerfels führt, entlang. Aber Devran schließt daraus nur, dass sie so schnell wie möglich dort sein möchte da sie weiß, dass das Klettern seine Zeit in Anspruch nehmen wird, vor allem mit ihm als Begleitung. Seit ein paar Minuten schweigen die beiden wieder und das einzige was sie tun ist zügig zum Felsen zu laufen.

Jetzt oder nie, denkt sich Devran nur und nimmt allen Mut zusammen um sich kurz zu räuspern, Edith wirft ihm zuerst kurz einen Schulterblick zu, ehe sie etwas langsamer geht.

"Ist eigentlich in letzter Zeit irgendwas passiert?", frägt er vorsichtig und streicht sich gerade eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Die junge Frau bleibt sofort stehen als hätte er irgendetwas gesagt, dass sie erzürnt oder erschreckt hätte.
"Nein, wieso?", fragt sie vorsichtig während sie ihrem Begleiter tief in seine dunkelbraunen Augen sieht.
"Nun ja...", Devran zögert einige Sekunden was sie zu bemerken scheint, dennoch reagiert sie nicht. "Du bist anders geworden", antwortet er schließlich.
"Und?", entgegnet sie bissig, "Was ist daran besonders, Devran?"
"Na ja...du bist wie ein anderer Mensch in kürzester Zeit geworden", versucht er sich zu begründen doch sie scheint ihm nicht glauben zu wollen.
"Hör zu, Freundchen", weist sie ihn an, "Menschen verändern sich. Vielleicht dauert das in der Welt der Reichen länger, aber bei uns auf der Straße geht alles schneller"

"Das ist doch Blödsinn, Edith!", protestiert er und weicht ihrem Blick keine Sekunde lang aus, "Deine Welt. Meine Welt. Das macht doch alles gar keinen Sinn! Wir wohnen in einer Stadt, auf ein und dem selben Planeten", ergänzt er etwas ruhiger, "Früher warst du doch nie so. Mir macht es nichts aus, dass du nicht so viel Geld hast. Dir hat das auch nie etwas ausgemacht, dass ich so viel habe...aber jetzt?"
"Wie ich bereits sagte, Freundchen", wiederholt sie so langsam, als würde sie ihn für blöd halten, "In meiner Welt ändern sich Menschen schneller als in Deiner"
"Edith, bitte lass uns darüber reden", bettelt er und hält sie am Arm fest, als sie sich gerade umgedreht hat und weiterlaufen wollte.
"Ich hab keinen Bock mit dir darüber zu reden", schnauzt sie ihn an und windet ihr Handgelenk frei, "Aber die vielleicht!", ruft sie plötzlich aus. Erschrocken tritt Devran ein paar Schritte zurück. So wütend ist sie sonst selten. Aber wen meint sie mit...die? Als Edith plötzlich ihr Taschenmesser zieht weicht er erschrocken ein paar Schritte zurück. "Bitte...wir können über alles reden, Edith!", er hebt schützend seine Hände nach vorne als sie immer mehr auf ihn zu geht. Er behält die junge Frau immer noch im Auge und läuft rückwärts, deswegen merkt er viel zu spät, dass eine Person hinter ihm steht, die kräftig seine Arme packt.

Scheiße...

Von Panik ergriffen versucht sich der Blondschopf umzudrehen, doch die Person hinter ihm lässt es nicht zu.
"Lass mich los!", schreit er und strampelt wild mit seinen Beinen in der Hoffnung losgelassen zu werden.

"Das geht nicht, aber du verstehst das nicht, Freundchen", zischt Edith als weitere Personen aus dem Gestrüpp treten.
"Du wirst es nie verstehen", fügt eine gehässig lachende Frau hinzu, die der junge Mann nicht gut genug erkennen kann.

"Lasst mich sofort gehen sonst...", droht er gerade doch er wird von Edith unterbrochen.
"Sonst was, Devran?", Edith grinst breit und offenbart ihre leicht vergilbten Zähne.
"Mein Vater ist der Viertreichste Mann der Stadt. Er wird euch alle umbringen lassen, wenn ihr mich nicht gehen lasst!", verspricht er und versucht mit aller Mühe seine Tränen zurückzuhalten. Doch Edith hat längst erkannt, dass er Angst hat und kurz davor ist zu weinen. Wem würde es nicht so gehen?

"Dafür muss er uns erst einmal kriegen", schmunzelt der kräftig gebaute Mann, der noch immer seine Arme festhält. Und obwohl Devran immer noch versucht sich zu befreien, kostet es den kräftigen Mann keinerlei Anstrengung. Edith hat diese Szenerie schon zu oft miterlebt so, dass sie schon aufgehört hat mit zu zählen. Mal hat sie eine reiche Person gespielt um Kontakt mit ihren Opfern aufzubauen, ein anderes Mal ist sie das Mädchen der Mittelschicht oder, wie in diesem Fall, die Obdachlose ohne irgendein Hab und Gut.

Doch obwohl sie mit dieser Gruppe schon Viele entführt hat, und sie alle dem Boss ausliefern konnte, ist ihr nie jemand so wichtig geworden wie Devran. Die Streitereien, die krasse Veränderung ihres Charakters. All das war nur gespielt. Aufgesetzt, dass er sie vielleicht aufgeben und dann gehen würde. In diesem Fall hätten sie ihn nicht gefangen, er wäre heute gar nicht hier gewesen. Nein, er wäre sicher Zuhause in seinem Bett in der riesigen Villa und Edith und ihre Gruppe hätten ihn nicht in die Finger bekommen. Jedenfalls dieses Mal nicht, und ganz sicher ist, dass sie dann nicht diejenige gewesen wäre, die ihn in die Falle gelockt hätte.

Devran hat vor wenigen Minuten noch geheult, doch jetzt schluchzt er nur noch leise vor sich hin. Sein Leben, wie er es bis her geführt hat, ist vorbei. Alles wird sich ändern und er wird ganz sicher nicht mehr zurückkommen und seine Familie sehen können. Seine Eltern, die ihm den Kontakt mit dem Fußvolk schon immer verboten haben, könnte er nie mehr in den Arm nehmen. Schrecklich würden sie weinen und das ist ihm mehr denn je bewusst. Sie werden alles versuchen um ihn zurück zu bekommen, doch zu einer Freilassung gegen Geld wird es nicht kommen. Das weiß er alleine und Edith, die betreten zur Seite sieht. Sie steckt da mitten drin, trennt ihn von seinen Geschwistern, seinen Großeltern und Eltern. Diese Frau nimmt ihm in gewisser Weise sein Leben, und er hat ihr vertraut.

Warum verdammt nochmal habe ich ihr vertraut? frägt er sich selbst im Stillen. Warum habe ich sie blind geliebt und ihr all die Zeit vertraut?

Doch Devran bringt kein einziges Wort über die Lippen, alles was er sagen möchte bleibt ihm im Hals stecken. Anders als Edith, die nicht die Fassung verloren hat und gerade ein paar Blicke mit den anderen der Gruppe wechselt. Als einige nicken wendet sie sich ihm wieder zu.

"Sieh mich an Devran", flüstert sie und hebt sein Kinn mit ihrer rechten Hand nach oben. Der Blick, den er ihr schenkt, sagt mehr als tausend Worte. Edith kann die Vorwürfe und Beschimpfungen förmlich hören, doch sie versteckt ihre Gefühle gekonnt unter einer Maske. Schließlich hatte er die Chance sie alleine zu lassen und zu gehen.
Es ist nicht meine Schuld, redet sie sich selbst ein und setzt ein unbekümmertes Gesicht auf.
"Ich habe dir immer gesagt, dass es vier Sachen gibt, die auf der Straße alltäglich sind. Doch das Vierte habe ich dir immer verschwiegen", sie sieht ihm direkt in die Augen und es ist, als ob sie sich da drinnen verlieren könnte. Dieser Moment könnte unendlich sein... Sie muss sich bemühen nichts zu zeigen, es kostet ihr Mühe doch gelingt. Auf die anderen wirkt sie kalt und gefühlslos. Schließlich hat sie schon sehr oft irgendwas für ihre Opfer vorgetäuscht.

Das ist wie auch bei allen anderen. Er ist nichts Besonderes, beruhigt sie sich selbst, du empfindest nichts für ihn. versucht sie sich weiter zu überzeugen. Es klappt erstaunlich gut und ihre Maske der gefühlskalten Edith fällt nicht.

"Armut. Hunger. Not. Falsche Freunde. Vier von vier Sachen, die auf der Straße alltäglich sind.", murmelt sie und dreht sich zu den Anderen. "Hab ich recht, Leute?", fragt sie klar und deutlich in die Runde. Überall Zustimmung.
"Man darf niemandem vertrauen", erklärt Edith ihm. Und zwingt sich selbst zu einem neutralen Lächeln, als sie von einem Gruppenmitglied eine kleine Pistole entgegen nimmt. Sofort ist ihm klar, was gleich kommen wird. Und erneut wird er von Panik ergriffen, doch dieses Mal ist es intensiver. Es ist Todesangst, die er verspürt, denn den nächsten Tag würde er nicht mehr erleben...

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top